Menschenbegegnung, geschriebenes Wort, Ton- und Bildaufzeichnungen

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Was kann auf diesen Wegen zwischen Menschen geschehen? Wo ist welcher Weg sinnvoll? Ein Versuch zur vorläufigen Klärung.

Das Ursprüngliche: Menschen begegnen sich

Vor allen dazwischengeschalteten „Vermittlern“ rangiert die unmittelbare Begegnung von Menschen. Sie ist das Ursprüngliche, um im Spracherleben einander näher zu kommen. Was genau geschieht eigentlich, wenn Menschen sich begegnen und dabei gesprochen wird – ganz gleich, ob Vortrag, Wechselrede/Gespräch oder „Small-Talk“/Durcheinanderreden? Ich versuche, einmal nicht vom Einzelteilnehmer einer solchen Begegnung aus zu denken, sondern das Geschehen als Ganzes in den Blick zu nehmen.

Es kommen Menschen zusammen. In ihren Seelen geschieht etwas dadurch, dass sie an einem gemeinsamen Ort und mit der Möglichkeit gegenseitiger Wahrnehmung zusammenkommen. Für eine Zeitlang ist der äußere Rahmen ihrer Weltwahrnehmung fast gleich, und sie treten füreinander ins Bewusstsein.

Außerdem gibt es einen Grund für ihr Zusammenkommen: etwas gemeinsam zu erarbeiten, einander besser verstehen zu lernen, gemeinsam zu genießen, oder was sonst Anlass sein kann.

a) Gemeinsames Erarbeiten

Was geistig in den Einzelnen lebt, wird durch Konzentration auf den gemeinsamen Gegenstand fokussiert. Was dabei an Gedanken entsteht, muss so ausgesprochen werden, dass die gemeinsame verstehende Verbindung mit dem Gegenstand für jeden Teilnehmer möglichst nachvollziehbar ins Bewusstsein gehoben wird.

Es wird daher vor allem derjenige sprechen, der die besten Möglichkeiten zum sprachlichen Formulieren und Hervorheben desjenigen hat, was aus den Anwesenden heraus dem Thema zuwächst. Das muss nicht notwendigerweise derjenige sein, der am meisten darüber weiß; viel wichtiger ist es, einen für alle gangbaren Weg zu formulieren, der dann zu einer gemeinsamen Denk-Grundlage werden kann, auf der zum gemeinsamen Erleben der Wahrheit des „Themas“ vorgeschritten wird. Der gemeinsam durch das Wort erlebte Weg zur Wahrheit ist also das Entscheidende.

Solches gemeinsames Erleben ist nur in der direkten Begegnung möglich; diese ist durch nichts ersetzbar. Denn der Erkenntnis-Wille der Beteiligten fließt in der Konzentration auf den gemeinsamen Gegenstand zusammen, in gegenseitiger Verstärkung des Wollens. Dies ist nur möglich im direkten Zusammenleben mit der vollständigen physisch-seelisch-geistigen Wesenheit der anderen Beteiligten, auch wenn dieses mindestens zum Teil unbewusst bleibt. Die verfügbare Kraft vermehrt sich dadurch, weit über die einfache Summe hinaus. Auf einem solchen Weg kann daher – konzentrierten Willen aller Beteiligten vorausgesetzt – größtmögliche Vertiefung in einen Gegenstand erreicht werden.

b) Das Gespräch

Hier ist nicht das Zusammenfließen des Erkenntnis-Willens zum Eindringen in einen gemeinsamen Gegenstand das Entscheidende, sondern das Wahrnehmen und Austauschen der unterschiedlichen Gesichtspunkte, die die Beteiligten einnehmen. Steht ein gemeinsamer Inhalt im Mittelpunkt, so wird jeder seine Ansicht davon den anderen nachvollziehbar zu machen suchen. Daraus kann dann möglicherweise – bei offenem Aufeinander-Hören – ein Gesamtbild der besprochenen Sache entstehen, das alle Beteiligten gleichermaßen in sich tragen können.

Daneben kann es aber im Gespräch gerade auch darum gehen, das Verlassen des eigenen Gesichtspunktes zugunsten des „Hineinschlüpfens“ in den des Anderen zu üben, zu realisieren. Darum wird hier jeder das Seine sprechend beizutragen haben, denn niemand anders kann zunächst die An-Sicht so gültig formulieren wie der Sehende selber.

Schließlich kommt für alle Beteiligten hinzu, die „Sprache des Objektes“, der gemeinsamen Sache hören und verstehen zu lernen (wobei wiederum die verschiedenen Erlebnisse davon zusammengetragen werden können), so dass aus dem Gesamtklang der Ansichten dann ein Zusammenklingen mit der Sache selbst entstehen kann.

c) „Small-Talk“ und Ähnliches

Hier ist das Sprechen eher eine Art „Begleit-Musik“ des gemeinsamen Genießens einer bestimmten Stimmung im Zusammenkommen; was gesprochen wird, dient daher vor allem diesem Gemeinschafts-Erlebnis. Gegenstände, die konzentriertes Eindringen in eine Sache oder das unvoreingenommene Hinhören auf andere, vielleicht gegensätzliche Sichtweisen verlangen, kommen darum in solchen Situationen eher selten vor und sind zumeist unbeliebt. Es geht ja darum, entspannt redend sich selber die – angenommene oder wirkliche – Gemeinsamkeit zu bestätigen. Es ist das eben ein „kleines Sprechen“, das keine großen Ansprüche stellt.

Die Dinge können fließend ineinander übergehen: aus einem intensiv erlebten, konzentrierten Vortrag kann ein tiefgehendes Gespräch entstehen, in dem die Teilnehmer ihre unterschiedlichen Erlebenswege mit dem Dargestellten kennenlernen, und die Zusammenkunft läuft anschließend in einen zwanglosen Austausch auf der Grundlage des Erübten und Erlebten aus. Oder in einem Gespräch wird der gemeinsame Fokus einvernehmlich auf die Vertiefung eines bestimmten Teilthemas gelegt, was zu einem spontanen Vortrag des am besten dafür Geeigneten führt. Oder – oder – oder …

Entscheidend ist immer das gemeinsame Durchleben einer wirklichen Lebenssituation, im Hören und Sprechen. Was dort geschieht, ist so vielfältig, dass es sich einer irgendwie anders gearteten Beschreibung entzieht.

Das tote Wort – neu belebt

Wo die unmittelbare Begegnung und damit die bewusste Mitteilung „von Mund zu Ohr“ nicht möglich ist – und dazu gehören alle Mitteilungen an eine anonyme Öffentlichkeit – da kann der Weg über die geschriebene Sprache in Frage kommen. Hier sind aber an jede einzelne Formulierung andere Anforderungen zu stellen als beim gesprochenen Wort in der direkten menschlichen Begegnung.

Das Geschriebene wird ja aus der geistigen Betätigung eines Autors heraus festgelegt1, ohne dass dabei eine lebendige Begegnung mit dem Leser erfolgt: das Lesen geschieht in der Regel an einem anderen Ort und zu einer anderen Zeit als das Schreiben. Es kann daher der Formulierung nicht das gemeinsame Durchschreiten eines Denkweges zugrundeliegen. Sie muss darum so erfolgen, dass möglichst jeder entsprechend interessierte Mensch im Prinzip dem Gang der Darstellung selbständig nachverfolgen kann.

Das wirft aber vielfältige Probleme auf. Denn das Lesen fordert dann vom Leser die eigenständige Neu-Belebung des in die dann ja festgeschriebenen Formulierungen erstorbenen Wortes.

Im Vortrag oder im Gespräch lebt der jeweilige Sprecher seine Darstellung gleichsam vor, und der Hörende kann bei gutem Willen und konzentriertem Lauschen unmittelbar mitgehen. Auch kann ein Sprecher reagieren auf jeden vielleicht sogar unausgesprochenen, von ihm aber erspürten Beitrag; der Gesamtverlauf ergibt sich dann aus dem lebendigen Miteinander.

In die Schrift muss der Schreiber sein inneres Durchleben der Darstellung so in die feststehenden, abgestorbenen Worte „hineingeheimnissen“, dass ein angemessenes Neu-Beleben und Nacherleben des Denkweges für den Leser im Grundsatz jederzeit möglich ist. Für den Leser muss dann deutlich werden, dass er dem Text das ursprüngliche Leben aus eigenem Bemühen wiederum zurückzugeben hat, wenn er das Gesagte wirklich verstehen will.

Für beide – Leser wie Schreiber – sind die Hürden des Verständnisses also höher gelegt als beim unmittelbar gesprochenen Wort. Manche Inhalte werden darum gar nicht oder nur eingeschränkt, andere wiederum besonders gut für die schriftliche Form geeignet sein. Sie bietet ja insbesondere für den Leser die Möglichkeit, den Gang der Darstellung wiederholt anhand desselben Wortlautes zu durchlaufen und sich auf diese Weise damit intensiver zu verbinden.

Auf eine weitere Differenzierung nach unterschiedlichen Arten geschriebener Texte – sogenannte „Sachtexte“, Geschichten, Lyrik und dergleichen – kann hier einstweilen verzichtet werden; es geht ja um das Grundlegende, Allgemeine, das für alle geschriebenen Texte gleich ist.

Und das ist eben die Tatsache, dass die Verschriftlichung einen Durchgang des lebendigen Denkweges durch das Abstrakte, Absterbende bedeutet, der nur dann im Leser zu einer sinnvollen, der ursprünglichen Intention des Schreibers entsprechenden Neu-Belebung führen kann, wenn vom Schreiber sein inneres Erleben in geeigneter Weise in den Text „hineingeheimnisst“ wurde und der Leser die notwendige Anstrengung auf sich nimmt. Dabei bleibt immer der Vorrang des Schreibers vor dem Leser: eine Art unaufhebbarer Hierarchie in allem Geschriebenen.

Ton- und Bildaufzeichnungen

Für Ton- und Bildaufzeichnungen2 gilt ja zunächst das für die schriftliche Darstellungen Gesagte sinngemäß: die Darstellung wird durch das Fehlen der unmittelbaren räumlich-zeitlichen Begegnung zu einem vorab Feststehenden, Toten und dadurch notwendig Abstrakten. Das wird bei der Herstellung der Aufzeichnung berücksichtigt werden müssen.

Allerdings wird der Zuhörer oder Zuschauer zugleich mit der (feststehenden, toten!) Illusion einer direkten Begegnung konfrontiert, indem ihm eine Zeitgestalt zum passiven Nachvollzug dargeboten wird. Natürlich weiß in der Regel derjenige, der sich einer solchen Aufzeichnung zuwendet, dass es eine solche ist. Das ändert aber nichts an der Wirkungsart solcher Aufzeichnungen als feststehende, abgestorbene Zeitgestalten.

Ist der Teilnehmer einer unmittelbaren menschlichen Begegnung gemeinsam mit allen anderen in einen gemeinsamen Strom in Raum und Zeit einbezogen, den jeder Teilnehmer mitgestaltet durch seine Anwesenheit, so ist bei schriftlichen Darstellungen der Zeitstrom (alles Lebens geht in der Zeit vor sich!) in das tote, feststehende Wort erstorben, aus dem der Leser seinen eigenen Lebensstrom im Nachvollzug des Geschriebenen mit demjenigen des Schreibers zu koordinieren sucht. In beiden Fällen – direkter Begegnung und Schrift – bleiben während des Vollzuges alle Beteiligten im Grundsatz frei.

Diese Freiheit ist bei Ton- und Bildaufzeichnungen für den Konsumenten mindestens teilweise aufgehoben. Er kann nicht so einfach wie beim Lesen sein eigenes Verständnistempo zugrundelegen oder den Blick zwischen Worten und Sätzen frei hin und her schweifen lassen, wie zum Beispiel beim sogenannten „globalen Lesen“ oder „schräg“ lesen. Der Konsument einer Aufzeichnung kann nicht wie in einer direkten Begegnung um Innehalten oder Wiederholung bitten bzw. aus dem unmittelbaren Mitleben im gemeinsamen Gedankengang aufgrund der vertieften Verständniskraft der Gemeinschaft die Orientierung behalten. Der Zeitstrom der Aufzeichnung läuft unerbittlich, maschinell, ohne Berücksichtigung des Konsumenten.

Hinzu kommen allerlei geistige, seelische, ja selbst unmittelbar physiologisch-körperliche Wirkungen der Bild- und Tonmedien als solche (also ganz unabhängig von den Inhalten), deren Darstellung hier den Rahmen vollkommen sprengen würde3. Diese Wirkungen kann man zusammenfassend und verkürzend als bewusstseins- und aufmerksamkeitsdämpfend bezeichnen, bis hin zu trance- und hypnoseartigen Zuständen. Sie gehören leider in der Medienwissenschaft zu den „unterdrückten Informationen“, die viel zu wenig Verbreitung gefunden haben.

Zusammen mit dem aufgezwungenen Zeitstrom und der inhaltlichen Illusion einer direkten Begegnung ergeben die in den Medien selbst liegenden Einflüsse die Begründung für vielfältige manipulierende Wirkungen medialer Darstellungen4. Man kann daher ohne Weiteres sagen, dass solche Aufzeichnungen nicht geeignet sind, ein wirklich freies, eingehendes Verständnis des Dargebotenen zu fördern; eher haben sie verwirrende und zu Oberflächlichkeit verleitende Eigenschaften.

Fazit

Zusammenfassend kann man sagen:

  • Die direkte Menschenbegegnung bietet allen Beteiligten die größtmögliche Freiheit, zugleich aber auch die intensivsten Möglichkeiten des Verständnisses im gemeinsamen, lebendigen Vollzug des gesprochenen Wortes.
  • Das geschriebene Wort stellt einerseits höhere Anforderungen an Schreiber und Leser, wenn ein lebendiger Vollzug des im Geschriebenen intendierten Denkweges ermöglicht werden soll. Geschriebenes ist eben notwendig feststehend, tot, und damit vom konkreten Leben abstrahiert. Andererseits installiert es eine Art Vorrang des Schreibers vor dem Leser.
  • Für Ton- und Bildaufzeichnungen von sprachlichen Mitteilungen gilt das für das geschriebene Wort Gesagte sinngemäß. Hinzu kommen die Tatsache der (Teil-)Illusion einer direkten Begegnung sowie die bewusstseinsdämpfenden „Nebenwirkungen“ der Medien selbst, unabhängig vom Inhalt. Das erweitert den schon beim Geschriebenen gegebenen Vorrang des Autors vor dem Rezipienten zu einer Art manipulativer, teilweise unter der Bewusstseinsschwelle liegenden Macht des Medienerstellers5 über den Konsumenten. Solange sich alle Seiten dieser Tatsache ausreichend bewusst sind, kann sie teilweise neutralisiert werden. Gleichzeitig eröffnen sich aber weitreichende Möglichkeiten der Massenmanipulation.

Schlussendlich bleibt daher die direkte Begegnung von Mensch zu Mensch die erste Wahl für das sprachorientierte Miteinander. Sollen größere, anonyme Menschengruppen erreicht werden, ist die Verschriftlichung bei verantwortungsvoller Nutzung ein guter Weg, mit teilweise sogar die Freiheit fördernden Eigenschaften.

Bild- und Tonaufzeichnungen haben dagegen immer eine freiheitseinschränkende Wirkung auf den Rezipienten. Angesichts ihrer heutigen Verbreitung und der in rasantem Tempo sich ausweitenden Aufenthaltsdauer von Menschen in solchen virtuellen, unfreien Wirklichkeiten können solche Aufzeichnungen aber dennoch genutzt werden: für einfache, kurze Hinweise auf lesbare Informationen oder mögliche Menschenbegegnungen zum Beispiel. Wenn bei der Nutzung die freiheitsfeindliche Eigenschaft der verwendeten Medien im Bewusstsein gehalten wird, können die erzielten positiven Nutzeffekte die negativen Wirkungen möglicherweise überwiegen.

© Stefan Carl em Huisken 2021

1Manchmal gibt es auch Autorenteams, die gemeinsam für das gesamte Geschriebene einstehen; auch dann wird aber in den allerseltensten Fällen jedes einzelne Wort, jede Formulierung als Gemeinschaftsprodukt anzusehen sein.

2Im hiesigen Zusammenhang von Wortbeiträgen; Musik, Theater und dergleichen müssen erweitert betrachtet werden im Hinblick auf ihre seelischen Wirkungen, wobei allerdings die hier dargestellten allgemeinen Gesichtspunkte ebenfalls gelten.

3vgl. dazu vor allem Heinz Buddemeier: Illusion und Manipulation. Stuttgart: Urachhaus, 1987. – ders.: Leben in künstlichen Welten. Stuttgart: Urachhaus, 1993. – ders.: Die unhörbare Suggestion. Stuttgart: Urachhaus, 1989.

4So sind z.B. Beschallungen öffentlicher Räume eine Erfindung aus dem Propagandabaukasten des sogenannten „3. Reiches“.

5Es sei hier angemerkt, dass heutzutage aufgrund schlechter Ausbildung der Medienschaffenden oder aus anderen Gründen viele von ihnen kaum etwas von diesen Wirkungen wissen, und daher teilweise ohne bewusste Absicht verwirrende, chaotisierende Wirkungen erzielen.


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