Der Mensch im sozialen Organismus

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Was ist der Mensch im Verhältnis zur ihn umgebenden Welt, insbesondere im Hinblick auf das Zusammenwirken mit anderen Menschen, also dasjenige, was man das „Soziale“ zu nennen gewohnt ist, und das in der Gesamtheit seiner Glieder einen Organismus bildet? Der einzelne Mensch wirkt in diesen sozialen Organismus hinein, und zugleich prägt dieser die Handlungsmöglichkeiten des Einzelnen. Welche Bedeutung hat der Einzelne im Ganzen? Solche Fragen mögen heute Manchem „unter den Nägeln brennen“. Ein Versuch, mit solchen Fragen umzugehen.

Der Mensch

Der Mensch ist ja ein vielfältiges Wesen: man kann einen nur geistig fassbaren inneren Teil, einen leiblich-äußerlichen und einen mittleren, seelischen Teil unterscheiden, in welchem letzteren die beiden anderen vorkommen, und der insofern das Menschen-Ganze zusammenhält und erfahrbar macht.

Geist

Den nur geistig fassbaren inneren Teil nennen wir gewöhnlich ICH; eine merkwürdige Benennung, die jeder Mensch gleichermaßen für sich selber verwendet, so dass dasjenige, worauf mit diesem Wort gewiesen ist, in jedem Menschen anders erscheint. Alle verwenden denselben Namen, aber jeder für ein Anderes, und darin sind die Menschen doch alle wiederum gleich. Wie kann das sein, dass alle Menschen sich gleich benennen1, aber doch jeder etwas Verschiedenes damit meint?

Was wir in dieser Weise alle in uns tragen, kann niemals in einer abschließenden „Definition“ festgezurrt werden, denn es ist in ständiger Veränderung von Augenblick zu Augenblick, von Mensch zu Mensch, und doch in dieser Veränderlichkeit seiner Grundform nach ewig gleich. Es zu fassen, kann nur jeder bei sich selber, ganz im Innern beginnen. Dennoch prägt es sich in der Welt aus in jedem für sich einzigartigen, individuellen menschlichen Lebenslauf.

Seele

Der Ort, wo dieses allen Menschen eigene, aber doch als Ganzes unbekannte, unwahrnehmbare Wesen ICH erscheint, ist die Seele. Nehmen wir an dieser Stelle – unter Hintanstellung philologischer Gebräuche – das Wort einmal nach seinem Laut: dann ist die Seele dasjenige Feld, wo „das Sehen lebt“, wo ein wahrnehmendes Tun sich in das Leben stellt. In dieser Seele tritt also das ICH auf, indem es sich einer „Welt“ genannten Gesamtheit von Wahrnehmungen gegenüber erlebt.

Von sich selber weiß das ICH eigentlich nur, dass es existiert, der Welt gegenüber. Einen wirklichen Wahrnehmungsinhalt von sich hat es nicht, denn es ist ja gerade das durch die Seele wahrnehmende Wesen.

Die Seele lebt also zwischen dem ICH und der Welt, fühlt Missklänge oder Harmonie zwischen beiden, Antipathie und Sympathie. Sie wirkt hinein in alles, was zu ihr gehört, indem sie ein Wollen zur Geltung bringt. Sie kommt zu einem Bewusstsein von Ich, Welt und sich selber durch das Denken. Diese Drei – Denken, Fühlen und Wollen – sind also die Grundtätigkeiten der Seele.

Keine dieser Grundtätigkeiten steht jedoch für sich, gleichsam „autark“ und unabhängig von den anderen. Jedem Tatimpuls, dem ein Mensch folgt, sind in ihm gewordene Erkenntnisse und Erfahrungen ebenso zu eigen wie persönliche Zu- und Abneigungen. Dennoch kann man feststellen, dass jeweils im Denken, Fühlen und Wollen unterschiedliche Prinzipien im Vordergrund stehen:

  • Im Denken stehen Schlüssigkeit, Logik, Angemessenheit, ja eigentlich Fragen von Wahrheit oder Unwahrheit im Umgang mit dem vorliegenden Gewordenen der Welt – der individuellen Welt-Anschauung also – im Vordergrund. Soll der Wahrheit einer Sache nahe gekommen werden, dürfen Fragen des Fühlens wie Sympathie oder Antipathie ebensowenig bestimmend werden wie persönliche Willensimpulse des Einzelnen.
  • Das Fühlen zeigt nur dann das Verhältnis zwischen dem Inneren und Äußeren des Menschen ungehindert an, wenn es gleichsam frei schwingend zwischen den Polen von Zu- oder Abneigung in rhythmischer Bewegung bleiben kann. Nüchternes, „kaltes“ Vorstellen der Welt, wie es zur Gewinnung von Wahrheit nötig ist, hat immer ganz notwendig und berechtigt etwas Antipathisches; wollende, gestaltende Zuwendung ist dagegen unweigerlich sympathisch durchtönt. Soll der Mensch im Fühlen also seine Mitte – das „Herz“ – nicht verlieren, darf es weder von Denken noch vom Wollen einseitig vereinnahmt werden. Nur frei schwingend kann es den Werdeprozeß des Menschen sinnvoll regulieren.
  • Das Wollen richtet sich ganz auf das Ziel, den zu erreichenden Zweck. Dieser ist nun etwas, von dem man wohl Vorstellungen hat, wenn man sich einem Willensimpuls hingibt. Inwieweit dieser aber wie vorgestellt Realität haben wird, ist im Tun noch nicht bekannt; nicht einmal die Art, wie der Übergang von der Vorstellung des Gewollten in die konkrete Tat genau zustande kommt, kennt der tätige Mensch im Einzelnen.
    Bindet man nun seine Taten an die eigene Gefühlswelt mit ihren Sympathien und Antipathien, so wird das Wollen egoistisch, denn es wird dann durch das ganz persönliche, fühlende Verhältnis zur Welt gelenkt, und der ursprüngliche Zweck gerät aus dem Blick (es sei denn, der angestrebte Zweck ist von vornherein ein egoistischer).
    Bindet man seine Taten an die eigenen, gewordenen Erkenntnisse, die eigene Anschauung von der Welt, so entsteht nichts wirklich Neues, denn es wird letztlich nur reproduziert, was aus dem schon Gewordenen hervorgeht. Wer zu viel zweifelt an seinem eigenen zukunftsgerichteten Streben, wird immer den Erfolg am schon Erreichten messen; die größten Fortschritte und neuen Einschläge im Fortkommen der Menschheit sind aber meist erreicht worden, wo das heiße Streben, die Liebe zur Tat, auch in aussichtslosester Lage, ganz unabhängig vom Gefallen oder Nichtgefallen der Situation, das Ziel weiterverfolgt hat und so oftmals das scheinbar Unmögliche doch erreichen konnte.
    Das Wollen, wenn es wirklich der Sache wegen ins Leben tritt, ist daher eigentlich die Liebe zur selbstgewollten Tat.

Leib

Von der Außenwelt Kenntnis erlangt die Seele – und durch sie das Ich – vermittels des Leibes, den sie an sich trägt. Er ist das äußerlichste Glied des Menschen, über das ja die heutigen Menschen glauben, schon recht gut Bescheid zu wissen. Was die äußerlich wahrnehmbaren Tatsachen (Anatomie, Chemie, Mechanik etc.) angeht, trifft dieser Glaube auch zu. Aber bis heute weiß noch kaum jemand wirklich genau, worin und wodurch das diesem Leib eigene Leben besteht, warum er genau so ist, wie er ist bei jedem individuellen Menschen, und vor allem, wie dieser Leib mit dem Seelischen und dem Geistigen des Menschen zusammenwirkt. Darüber gibt es allenfalls Theorien, die aber von ehrlichen Wissenschaftlern immer als begrenzt gültig und sehr vorläufig angesehen werden.

Was beobachtet werden kann, ist, dass der Leib das Mittel des Menschen ist, durch das er der Außenwelt gegenübertreten kann; der Leib ist Teil dieser Außenwelt und ebenso Teil seines menschlichen Besitzers. Durch die leibliche Existenz des Menschen wird vermittels der Seele aus der allgemeinen Form des ICH-Seinsdie lebendige Anwesenheit eines individuellen erlebenden Menschen in der Welt.

So angeschaut, erscheint der Mensch als ein dreigliedriges Wesen aus Geist, Seele und Leib. Jedes dieser Glieder ist weiter in sich differenziert; für die hier durchgeführte Betrachtung ist zunächst vor allem die Gliederung der Seelentätigkeiten in Denken, Fühlen und Wollen von Bedeutung, warum auch auf diese näher hingewiesen wurde, und Weiteres über Gliederungen von Leib und Geist weggelassen wurde.

Organismus

Im Sinne des griechischen Wortes organon =„Mittel, Hilfsmittel, Werkzeug“ liegt es, einen lebendigen Zusammenhang sinnvoll ineinander wirkender Organe, die zusammen wiederum ein in sich abgeschlossenes Ganzes bilden, als „Organismus“ zu bezeichnen. Jedes Organ dient diesem Ganzen gleichsam als spezialisiertes „Werkzeug“ für einen besonderen Zweck.

Jedes Organ kann aber eine relative Selbständigkeit bewahren, indem seine Wirkens- und Lebensprinzipien sich von denjenigen der anderen Organe unterscheiden. Diese Organe wirken ineinander im Rahmen des Gesamtorganismus, durchdringen sich in ihrer Wirkung, eben so, wie es in allen lebendigen, aus sich heraus sich entwickelnden Prozessen geschieht. Die Gesetzmäßigkeiten, die zum Beispiel der Verdauung im menschlichen Organismus zugrundeliegen, haben einen gänzlich anderen Charakter als diejenigen, nach denen die seelischen Prozesse im Denken, Fühlen und Wollen vonstatten gehen. Dennoch wirken beide Bereiche im ganzen Menschen zusammen.

Dagegen folgt in einem Mechanismus, einer Maschine jeder Teil denselben zugrundeliegenden, physisch-mechanischen Naturgesetzen. Entsprechend wirken die einzelnen Teile auch wie äußerlich getrennte Gegenstände aufeinander, nur zusammengefügt durch das Konstruktionsprinzip des Gesamtmechanismus.

Nun kann ein lebendiger Organismus durch seine aus sich heraus erfolgende Entwicklung in Gegensatz zu den Tatsachen, Ereignissen und Wesen seiner Umgebung kommen; er trägt sein Bildeprinzip in sich, ebenso wie jeder ihm begegnende fremde Organismus. Sind beide zu unterschiedlich konfiguriert, passen sie also nicht zueinander, so werden sie einander zu „Störenfrieden“. Da wirkt dann das Leben, das Polaritäten immer wieder in Prozesse überführt – die Organismen werden in einen Klärungsprozess eintreten müssen, jeder nach seinen Prinzipien (siehe besonders den letzten Abschnitt dieses Artikels).

Mechanismen sind aber immer von Außen her gestaltet; für alle Mechanismen gelten die gleichen physikalisch-mechanischen Bildegesetze. Bei ihnen kann also lediglich von einem Konstruktionsmangel gesprochen werden, wenn sie einander stören; bei der Konstruktion wurde das Zusammenwirken nicht genügend berücksichtigt. So etwas ist dann immer nach den einheitlichen zugrundeliegenden Gesetzen „reparierbar“.

Dieser Unterschied zwischen Maschinen, die grundsätzlich nach den einheitlichen Naturgesetzen des Maschinenwesens funktionieren, und Organismen, die jeweils ihr eigenes Bildprinzip in sich tragen und bis in die Bildung der einzelnen Organe hinein sehr unterschiedlich sein können, ist im heutigen Bewusstsein vielfach verwischt. Man betrachtet auch Menschen, Tiere, Pflanzen, die ganze Natur nach dem Modell von Maschinen, und meint, dass man eben gewisse Einzelheiten lebendiger Wesen bloß noch nicht physikalisch-mechanistisch erklären kann, wie zum Beispiel dasjenige, was alle diese Wesen zu selbständiger Entwicklung aus sich heraus veranlasst: das Leben selbst. Wenn man nicht weiß, was das Leben ist, wie will man dann wissen, dass es sich überhaupt physikalisch-mechanistisch erklären lässt?

Die wesentlichste, grundlegende Eigenschaft von Organismen – im Unterschied zu Maschinen oder Mechanismen – ist eben die Tatsache, dass sie selbständiges Leben in sich tragen.

Sozialer Organismus

In diesem Sinne wird hier von einem „sozialen Organismus“ und nicht einem „Mechanismus“ oder einem „System“ gesprochen, wiewohl man zugeben muss, dass manche Organe im Sozialen (z.B. der Verwaltungsbürokratie) eher nach mechanisch-maschinellen als nach lebendig-organischen Gesichtspunkten gestaltet sind2. Das soziale Feld wird insofern als ein in sich selbständiges betrachtet, das seine eigenen Bildgesetze in sich trägt und dadurch auch ein eigenes, selbständiges Leben entwickelt.

Dass dies so sein muss, ergibt sich aus dem Wort sozius = „Teilhaber, Gefährte, Genosse“, was bedeutet, dass die „Genossen“ alle Teil haben an einem gemeinsamen Besitz. Wohlgemerkt: nicht jeder hat seinen Teil für sich ganz allein, sondern alle haben das Ganze gemeinsam. Dem entspricht die Eigenschaft von Organismen, dass ihre Glieder ineinander und nicht bloß äußerlich aufeinander wirken (s.o.)

Eine solche Umschreibung des sozialen Organismus trifft ohne Zweifel auf die Gesamtheit der auf der Erde lebenden Menschen der Erde gegenüber zu, kann in diesem Rahmen eingeschränkt aber auch für Teile des Ganzen, also zum Beispiel eine regionale Bevölkerung im Hinblick auf die Naturverhältnisse der von ihnen bewohnten Region geltend gemacht werden. Solche regionalen Glieder3 können dann als für die örtlichen Bedingungen angepasste Organe des großen sozialen Organismus der Gesamtmenschheit und ihrer Welt aufgefasst werden.

Dieser soziale Organismus insgesamt wird von denjenigen gebildet, die in ihm „Genossen“ sind; dies sind – mit der Möglichkeit des Bewusstwerdens der eigenen Situation im Ganzen ausgestattet – zunächst die beteiligten Menschen4. Es liegt nun auf der Hand, dass in einem von Menschen gebildeten und in seinen Organen gestalteten Organismus immer dann die größtmögliche Übereinstimmung des Einzelnen mit dem Ganzen gegeben ist, wenn die Bildung der Organe, ja des ganzen Organismus die grundlegenden Charakteristika der beteiligten Menschen abbildet, und darum jeder Einzelne im Ganzen den ihm entsprechenden Mitwirkungsort finden kann.

Wir haben oben auf drei wesentliche Tätigkeitsformen der menschlichen Seele geschaut: Denken, Fühlen und Wollen. So mag hier die Frage weiterführen, wie diese drei Tätigkeiten jedes einzelnen, seelisch erlebenden Menschen im sozialen Organismus ineinander wirkend tätig sind.

Geistesleben

Alles dasjenige, was im Einzelnen mit dem Denken und der individuellen Weltauffassung zu tun hat und insofern alles Erkennen der Tatsachen und ihrer Wahrheit betrifft, wird auf das Gesamt-Menschheitliche orientiert dadurch, dass jede einzelne, individuelle Weltsicht einschließlich ihres Ausdrucks im gemeinsamen Leben, die ja immer nur dieser eine Mensch haben kann so wie er sie hat, sich mit allen anderen Welt-Anschauungen zu einem menschheitlichen Geistesleben zusammenschließt, das dann erst dasjenige hervorbringen kann, was man „Wahrheit“ zu nennen pflegt.

Jeder Ausschluss auch nur einer einzigen individuellen Weltsicht in Bezug auf das jeweils in Frage Stehende, zum Beispiel aus rechtlichen oder wirtschaftlichen Gründen, führt zu einer Abweichung von der einheitlichen Gesamt-Wahrheit, also zu Illusion, oder anders gesagt Unwahrheit und Lüge. Für das gesunde Entwickeln dieser Gesamt-Wahrheit im geistigen Leben der Menschheit besteht daher die Bedingung der Freiheit jeder geistigen Betätigung und gleichzeitig der Anerkennung jeder, auch der gegensätzlichsten Sichtweise als im Rahmen des Ganzen zunächst gültig. Erst die freie Konkurrenz der Ansichten kann entscheiden, was der gesamtheitlichen Wahrheit förderlich ist und sich darum durchsetzen kann. Nur durch verstehende Wahrnehmung des Fremden und seine Zusammenfügung mit dem Eigenen in jedem Menschen kann nach und nach die Gesamt-Wahrheit im Menschen entwickelt werden.

Wirtschaftsleben

Im Wirtschaftsleben lassen die Menschen ihre Willensimpulse in der Nutzung der vorhandenen Weltgegenstände zum Zwecke Erhalts und der Pflege der irdisch-leiblichen Existenzgrundlage zusammenfließen. Dies ergibt sich schon allein daraus, dass die Menschen einander eben alle „Genossen“ sind, Teilhaber am Ganzen der Welt im Sinne eines gemeinsamen Besitzes. So lapidar der Satz klingt, so vertrackt sind allerdings die praktischen Probleme, die dadurch aufgeworfen werden.

Der für uns Heutige zumindest abstrakt selbstverständliche Blick auf die Begrenztheit der global vorhandenen Ressourcen ist nämlich eine durchaus neue Sache; in der Vergangenheit galt Besitz und Eigentum als etwas, was dem Einzelnen zukommt gemäß seinem Schicksal, seiner Herkunft aus einer bestimmten sozialen Gruppe, seiner Macht über Andere (d.h. auch der Macht, andere zu berauben). Persönliche Tüchtigkeit spielte dabei eine geringere Rolle, es sei denn, sie lebte sich in Eroberungen oder anderen Formen der Besitzergreifung aus. Dies war so lange möglich, wie die Größe der Ressourcen die Möglichkeiten der danach greifenden Menschen deutlich überwog. Diese Zeit hat aber nun schon länger geendet. Die dessen ungeachtet immer noch vorhandene, gewohnheitsmäßige Fortsetzung der gewordenen Verhältnisse der Vergangenheit entspricht nicht den Notwendigkeiten; dies führt zu Konflikten.

Aus begrenzten Ressourcen das für Alle mögliche Beste zu erzielen, kann nur im vertrauensvollen Zusammenwirken der Beteiligten gelingen; ohne Vertrauen entsteht unnötiger Verbrauch, unnötige Tätigkeit, also letztlich Verschwendung. Das Wirtschaftsleben braucht daher freieAssoziation im vertrauensvollen Zusammenschluss der Kräfte für alle Aktivitäten. Jeder Beteiligte bringt dabei dasjenige ein, was ihm zu eigen ist: das sind auf der einen Seite Fähigkeiten, Talente, persönliche Eignung und Tüchtigkeit für eine bestimmte Tätigkeit, auf der anderen Seite die Lebensbedürfnisse, die sich für ihn und die mit ihm verbundenen Menschen ergeben. Beides sind Vorgaben für sinnvolles gemeinsames Wirtschaften. Die assoziative Tätigkeit der zusammenarbeitenden Menschen besteht dann darinnen, die vorhandenen Tätigkeitsmöglichkeiten und natürlichen Ressourcen mit den gegebenen Bedürfnissen im praktischen Wirtschaften in einen Ausgleich zu bringen. Dieser Ausgleich geht aus dem Wollen der Beteiligten hervor.

Rechtsleben

Aus dem Vorstehenden ergibt sich einerseits die Notwendigkeit für die zusammenlebenden Menschen, die Freiheit des Geisteslebens sicherzustellen, damit die Erkenntnis-Entwicklung hin zu einer menschheitlichen Wahrheit ungehindert stattfinden kann. Denn aus diesem Erkenntnisbemühen können sich erst die Gesichtspunkte ergeben, die bei der Gestaltung auch der anderen Glieder des sozialen Organismus leitend sein können, zum Beispiel konkret die Bestimmung der Eignung von Menschen für diese oder jene Tätigkeit im Wirtschaftsleben, einschließlich der Zuteilung der Verfügungsmacht über Produktionsmittel, oder als Richter im Rechtsleben. Die praktische Regelung der Übertragung dieser Verfügungsgewalt an den oder die dafür am besten geeigneten Menschen ist dann wieder eine Rechtsangelegenheit.

Auf diesem mittleren, dem Rechtsgebiet, findet also der Ausgleich zwischen der denkenden Welt-Anschauung und dem wollenden Hineinwirtschaften in die Zukunft statt. Dieser Ausgleich ist ein fühlender, denn er muss in jedem Einzelnen zugleich mit seinem Darinnenstehen im Ganzen als Erleben seiner Menschenwürde erreicht werden. Im Zusammenfließen des Fühlens des Einzelnen mit demjenigen aller beteiligten Anderen ergibt sich dasjenige, was das „Recht“ in einer solchen Gemeinschaft bestimmen kann.

Viel mehr als in der Pflege eines umfangreichen Satzes bestehender Gesetze, Regeln und erfolgter Urteile in konkreten Fällen – einer Pflege, die zu einem ständig wachsenden, für den Einzelnen immer unüberschaubareren, automatenhaften Bürokratismus des Rechts führen muss – bildet also die Orientierung am lebendigen Rechtsgefühl die Leitschnur. Solche Handhabung des Rechtes in jeweils der Zeit entsprechender Form gab es in manchen mittelalterlichen Gesellschaften; besonders im Hinblick auf die individuelle Freiheit verfasst zum Beispiel bei den Friesen5 zur Zeit der sogenannten „Friesischen Freiheit“6.

Diese mittelalterlichen Rechtsverfassungen waren getragen von der Ablehnung zentralistischer, gleichsam „von oben herab“ geformter Systeme, die vor allem den sie formulierenden und lenkenden Mächten den Erhalt ihrer überkommenen Vorrechte sichern sollten; sie sind insofern historische Vorbilder lebendiger, reale Demokratie (im Rahmen der Zeitverhältnisse) fördernder Handhabung des Rechtes. Aus ihnen erwuchsen zugleich Blütezeiten der Wirtschaft und der Kultur.

Abirrungen

Die heutige gesellschaftliche Handhabung missachtet, ja ignoriert in weiten Teilen die Notwendigkeiten des sozialen Organismus. Das bedeutet nicht, dass diese Notwendigkeiten nicht bestehen. Es kann aber als Krankheitssymptom des sozialen Organismus aufgefasst werden.

Exkurs: „gesund“ und „krank“

Nun kommt man mit der Verwendung eines solchen Begriffes wie „Krankheit“ sofort in eine Kalamität: es existiert nämlich bis heute keine einhellig akzeptierte Definition davon7. Insofern ist es notwendig klarzustellen, was hier darunter verstanden werden soll und warum.

Das Fehlen einer allseits anerkannten Beschreibung von dem, was man „Krankheit“ nennen will, mag einerseits die Sache verkomplizieren; andererseits nötigt sie dazu, sich selber einen lebendigen Begriff davon zu entwickeln, der in sich beweglich genug ist, um überall mit den Tatsachen in Übereinstimmung gebracht zu werden.

Gemäß einem fast scherzhaft gemeinten Aphorismus kann man das einzelne menschliche Leben als eine Krankheit auffassen, die immer zum Tode führt. Ihre Ursache liegt dann in der Tatsache des Geborenseins. Und ihr Verlauf ist davon geprägt, wie aufbauende Kräfte aus der Geburt ins Verhältnis treten zu den abbauenden Kräften des Todes.

So betrachtet, kann wohl auch jede gesonderte Krankheitserscheinung als Ergebnis des Verhältnisses von auf- und abbauenden Kräften betrachtet werden; die eigentliche Ursache für das Auftreten dieser besonderen Krankheit ist dann in sehr vielen, fast allen Fällen vor dem Beginn des Auftretens von Krankheitserscheinungen zu suchen – ebenso wie die Geburt vor dem irdischen Leben steht.

Im „normalen“ Leben werden Aufbau und Abbau im Rahmen der Lebensführung in einem ausgeglichenen Verhältnis gehalten. Wir „verbrauchen“ sozusagen unseren Leibesorganismus – der uns das Leben im Irdischen ermöglicht – während unserer aktiven Tageszeit; zu einem Teil wird das im zeitweisen „Aussetzen“ des „Verbrauchers“ im Schlaf durch die natürlichen Lebensprozesse ausgeglichen. Was aus der Geburt an Lebenskraft mitgebracht wurde, endet aber zu irgendeinem Zeitpunkt, und der „Verbrauch“ beginnt zu überwiegen. Schließlich tritt der Tod ein.

Das Überwiegen der Aufbaukräfte in Kindheit und Jugend führt unter anderem zu leidvollen und schmerzhaften Erfahrungen in der Auseinandersetzung mit den gewordenen, fest in sich gefügten Verhältnissen der Außenwelt8; an dieser Auseinandersetzung wächst der Mensch und lernt, in sich immer neue Kräfte für das Leben im Irdischen zu entwickeln. Das Überwiegen des leiblichen Abbaus im Alter fordert die Entwicklung geistiger Kräfte, die für den Gang in den Tod gebraucht werden; auch dies kann sehr schmerzhaft und belastend werden. Dabei fordert der immer unbeweglicher werdende Leib eine neue, unabhängige Beweglichkeit im Geistigen.

Überall, wo im Gesamtorganismus das angemessene Gleichgewicht von Auf- und Abbau gestört ist, tritt dies ins Bewusstsein als leid- und schmerzvolle Erfahrung. Als eine besondere, für sich stehende Krankheit gilt es, wenn nur in einem Teil des Gesamtorganismus das für diesen Teil – das jeweilige Organ – optimale Gleichgewicht nicht gegeben ist. Ein Prozess, der an einem Ort im Organismus seine Berechtigung hat, gleichsam als „gesund“ gilt, kann daher an einem anderen Ort hinderlich, also als „krank“ auftreten9.

Die einzelnen Prozesse im Organismus sind also für sich genommen niemals „krank“ oder „gesund“, vielmehr bestimmen Ort und Zeit ihres Auftretens, ob von einer „Krankheit“ gesprochen werden kann. „Gesundheit“ liegt in der Regel vor, wenn alle Organe ihre Aufgaben in lebendigem Schwingen um eine Gleichgewichtslage erfüllen; dann bemerkt der Mensch in der Regel nichts davon und fühlt sich „gesund“. „Krankheit“ dagegen drängt sich zu irgendeinem Zeitpunkt ins Bewusstsein durch die Beschwerden, die mit der eingeschränkten Funktion der Organe verbunden sind.

Was geht nun aus einer solchen Betrachtungsweise von „Gesundheit“ und „Krankheit“ für den sozialen Organismus hervor? Sie liefert zusammen mit der Unterscheidung der grundsätzlichen drei Glieder dieses Organismus einen Maßstab, durch den seine gestörte oder ungestörte Funktion, also seine „Krankheit“ oder „Gesundheit“ bestimmt werden kann.

Eine Vielzahl von Prozessen fallen ins Auge, die sich am falschen Ort etabliert haben oder als überfällige Vermächtnisse der Vergangenheit die gesunde Funktion beeinträchtigen. Ein paar Beispiele:

  • Die geistige Fortentwicklung der Menschheit steht und fällt mit dem Hereinkommen neuer Talente, Fähigkeiten und Entwicklungsimpulse durch die in diese Menschheit eintretenden Kinder. Wie für eine wirkliche Erkenntnissuche Unvoreingenommenheit notwendig ist, brauchen die Kinder vor allem Entwicklungshilfe für ihre eigene Individualität, also Unvoreingenommenheit in der Erziehung, und nicht Einpassung in bestehende Verhältnisse. Das Bildungswesen als Glied des Geisteslebens hat die Aufgabe, den Kindern diese Entwicklungshilfe zukommen zu lassen. Das kann nur gelingen, indem ihnen Lehrer und Erzieher gegenüber gestellt werden, die ihre erkennende und gestaltende Individualität im Dienst an den konkret vorhandenen Kindern selber frei entfalten können, gemäß der Forderung der Freiheit der geistigen Betätigung (s.o.). Die heutigen Schulsysteme sind dagegen als Untergliederungen des Staates Institute, die treue Staatsbürger oder – wo das Wirtschaftsleben den Staat zu beeinflussen versteht – brauchbare Arbeitskräfte für die bestehende Wirtschaft produzieren soll. Entsprechend stehen den Kindern nicht freie Individualitäten, sondern weisungsgebundene Staatsbeamte gegenüber, denen in vielen Fällen die für sie selbst möglichst bequeme Handhabung der Erziehung wichtiger ist als die individuelle Entwicklung der jungen Menschen. Hier spielen Rechtsregelungen, persönliche Zu- und Abneigungen sowie Anforderungen des Wirtschaftslebens in einen Bereich hinein, der zugunsten der Zukunft ausschließlich der Erkenntnis und Förderung der werdenden Menschen gewidmet sein soll.
  • Will das staatliche Leben wirklich einen Ausgleich zwischen den Erfordernissen sachgerechten Wirtschaftens und der Freiheit im Geistigen leisten, so muss es einerseits diese Freiheit schützen und auf der anderen Seite dafür sorgen, dass im Wirtschaften wirkliches Vertrauen ineinander wirken kann. Es kann daher nicht angehen, dass auf rechtlichem Wege Anforderungen und Einflüsse des Wirtschaftslebens zu einer Regulierung im Geistesleben führen (z.B. Finanzierung interessengeleiteter Forschung, Vorgaben für die Ausbildung von Kindern), eine Situation, die heute das Normale ist. Das staatliche Leben hat lediglich das Recht auf freie Entfaltung des Menschen zu schützen, seine inhaltliche Ausgestaltung ist Sache des Geisteslebens. Für das Wirtschaftsleben hingegen sind rechtliche Vorgaben erforderlich zur Bestimmung der konkreten Wirtschaftsaufgaben aufgrund freier Erforschung der vorhandenen Bedürfnisse (Geistesleben) sowie einer Zuteilung der Verfügungsgewalt über Produktionsmittel (auch Land) nach persönlicher Eignung und Tüchtigkeit für eine bestimmte Aufgabe im Sinne eines begrenzten Mandats, und schließlich einer vorab erfolgten rechtlichen Regelung von Art und Zeit der von jedem Menschen für das Ganze zu erbringenden Arbeit. Auf dieser Grundlage kann sinnvoll gearbeitet werden. Den derzeitigen, verschwenderischen und menschenunwürdigen Verhältnissen einer produktionsorientierten Wirtschaft („Freiheit im Wirtschaften“) mit ihrem Marketingaufwand für unnötige Produkte und der immer weiter wuchernden Anhäufung des Vermögens an Produktionsmitteln bei einigen wenigen, oftmals in der Sache nicht kompetenten Menschen, verbunden mit dem sklavereiähnlichen System der Lohnarbeit (wer nur seine Arbeit verkaufen kann, muss sich selber gleich mit verkaufen) kann so der Boden entzogen werden.
  • Innerhalb der Grenzen, die durch das Recht auf der einen Seite und die natürlichen Ressourcen auf der anderen Seite bestimmt werden, muss die freie Assoziation der Kräfte in vertrauensvoller Zusammenarbeit das bestmögliche Wirtschaften ermöglichen. Dafür muss der Einzelne frei wählen können, was und in welchem Zusammenhang er zum Ganzen beitragen will. Hier geht es um den Willen zur Tat für die Gemeinschaft, den jeder in seiner eigenen Weise fasst und realisiert. Brüderlichkeit, das heißt arbeiten für den Anderen ist das Kennzeichen allen Wirtschaftens. Wie oben geschildert, ist dies in der heutigen Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung praktisch nicht veranlagt. Der Mensch ist aber, wenn es unter menschenwürdigen Bedingungen geschieht, von sich aus darauf orientiert, tätig in der Welt zu stehen und seinen Beitrag zu leisten. Wer arbeitet, weil er es will, wird bessere Ergebnisse erzielen als derjenigen, der es nur muss, um zu existieren10. Dann kann sich auch das nötige Vertrauen entwickeln.

Dies können nur Andeutungen sein, müssen es auch. Andernfalls ergäbe sich aus solchen Darlegungen eine Art „Utopie“, wie sie eben mit dem Gedanken der „Dreigliederung des sozialen Organismus“11, wie er hier dargestellt ist, niemals gemeint war und ist12.

Die Dreigliederung des sozialen Organismus ist vorhanden. Nur leider beachten die Menschen sie nicht, und verursachen dadurch vielfache Krankheitserscheinungen dieses Organismus und damit auch unendliches Leid in Mensch und Natur. Was aber können wir da tun?

Heilkräfte

Fassen wir zusammen, was nun als Grundsätze für die Glieder des sozialen Organismus gelten kann, entsprechend dem seelischen Erleben der einzelnen Angehörigen dieses Organismus:

  • Ebenso wie für eine wahre denkende Erkenntnis Unvoreingenommenheit notwendig ist (persönliche Vorlieben und Abneigungen ebenso wie Willensimpulse dürfen für die Wahrheitsfindung keine Rolle spielen), ist im Sozialen Freiheit des Geisteslebens (von Einflüssen aus dem Rechts- und Wirtschaftsleben) erforderlich, denn nur dann kann sich im Entwicklungsprozess des Sozialen nach und nach die notwendige Orientierung an der wachsenden gemeinsamen Wahrheit einfinden.
  • Wie das Fühlen zwischen de Polen von Antipathie und Sympathie frei schwingen können muss, wenn der Mensch seine Mitte, das Herz nicht verlieren will, so muss das Rechtsleben das richtige Verhältnis zwischen Geistes- und Wirtschaftsleben im sozialen Organismus gewährleisten. Das Geistesleben braucht den Schutz seiner Freiheit, das Wirtschaftsleben die richtige Formung seiner Aktivitäten, damit es nicht alle anderen Bereiche überwuchert.
  • Im Wollen richtet sich die menschliche Tätigkeit sympathisch auf das zu erreichende Ziel. Wie Abhängigkeit des Wollens von persönlichen Zu- und Abneigungen Egoismus hervorbringt, ein Überwuchern der eigenen Wünsche, so ist in unserer arbeitsteiligen Gesellschaft nur die Orientierung auf den Anderen, also Brüderlichkeit im Wirtschaften förderlich, und nicht die heute herrschende Profit- und Produktionsorientierung. Wirtschaft als Waffe im Kampf der Weltanschauungen überträgt die im Geistesleben notwendige freie Konkurrenz – ein durch und durch antipathisches Element, das im Geiste entwicklungsfördernd ist – auf den Kampf gegen die Existenzgrundlagen der Natur und des Mitmenschen. Die zerstörerischen Wirkungen liegen auf der Hand.

Wie können also Heilkräfte erwachen in der Gegenwart, in der der soziale Organismus infolge mangelnden Bewusstseins von den in ihm wirkenden Kräften vielfältige Missgestaltungen aufweist, die ihn von innen heraus zerstören, also als „Krankheiten“ betrachtet werden können? Es ist ja offensichtlich, dass am Anfang aller Bemühungen die Verstärkung des Bewusstseins für die Krankheiten im Verhältnis zu den gesunden Notwendigkeiten des sozialen Organismus stehen muss.

Dies kann aber nicht geschehen durch Aufstellung eines Plans zur Einführung des „Richtigen“ und nachfolgend dessen Durchsetzung auf der Grundlage von Macht. Jeder Versuch einer entsprechenden Wirksamkeit im Rahmen des bestehenden Parteien- und Machtsystems könnte ja nur auf so etwas abzielen, oder es müsste eine Art „Revolution“ angestrebt werden, die dieses bestehende System hinwegfegt. Dann käme dieses vorab geplante „Richtige“ schnell in die Lage Entwicklung behindernder Tradition. Was aber dann?

Auch eine Art ideologischer Propaganda für die „Idee der Dreigliederung“ setzt nur das Festgefahrensein in intellektuellen Phrasen fort. Wie gezeigt wurde, ist die „Idee der Dreigliederung“ kein theoretisches Konzept, sondern etwas, das sich bei unvoreingenommener Betrachtung von den Lebensrealitäten eines jeden Menschen und der Menschheit aktuell und immer neu ablesen lässt.

Es kann daher nur darum gehen, eine an den Tatsachen des gegenwärtigen menschlichen Erlebens orientierte Denkweise zur Geltung zu bringen, deren gemeinsame Anwendung durch die Menschen dann im lebendigen Austausch zu immer neuen, sich mit dem Leben entwickelnden Regelungen im Geistigen, Rechtlichen und Wirtschaftlichen führen müsste. Solche Regelungen können sich sehr unterscheiden von denjenigen, die Einzelne oder Gruppen aus ihrer Anschauung heraus vorab als die „richtigen“ angesehen haben. So entsteht lebendige Entwicklung.

Je mehr Menschen daher ihr eigenes Verhalten im Einklang mit den Grundprinzipien des dreigegliederten Sozialen Organismus bringen, desto mehr können sich daraus auch im Kleinen gesunde Untergliederungen bilden, die in das Ganze hineinwirken. Jeder Einzelne kann dann dort beginnen, wo er ist: sein eigenes erkennendes und übendes Sich-Hineinarbeiten in eine tatsachengerechte Denkweise im Sozialen kann auf diesem Wege zur Gesundung beitragen. Es braucht keine Revolution, keinen Umsturz, es kann sofort begonnen werden. Wer auf derartige Ereignisse warten will, bevor er selber beginnt umzudenken, mag das tun; allein, diese Ereignisse werden keine durchgreifende Veränderung bringen, wenn sie nicht mit der alten Denkweise brechen, nach der alle gesellschaftlichen Bereiche durch einen einheitlichen Staat auf der Grundlage jahrhunderte- ja jahrtausendealter Traditionen gleichsam zentral geregelt werden sollen.

Die Zuständigkeit des Staates beschränkt sich eben auf dasjenige Gebiet der rechtmäßig zwischen den Menschen zu regelnden Angelegenheiten, in denen von einer Gleichheit der Menschen überhaupt gesprochen werden kann. In diesem Sinne hat er Vorgaben zu machen, die die Freiheit im Geistesleben und das assoziativ-vertrauensvolle Zusammenarbeiten im Wirtschaftlichen sichern und pflegen.

Der Weg dorthin kann nur aus den einzelnen Menschen kommen, die sich ihre geistige Freiheit im unvoreingenommenen Nachdenken über das Soziale zurückerobern, da heraus handeln und so nach und nach gesunde Keime an die Stelle abgelebter, gewohnheitsmäßig fortgesetzter Handhabungen der Vergangenheit setzen. Die Umwandlung kann nur in der Befreiung des Geisteslebens beginnen, und damit in der Selbstbefreiung jedes Einzelnen13.

© Stefan Carl em Huisken 2021

1Natürlich unterscheiden sich die Benennungen in der verschiedenen Sprachen der Erde. Hier geht es jedoch um das Grundsätzliche, das unabhängig von der Sprache besteht.

2Vielleicht hat mit diesem Gegensatz auch die Tatsache zu tun, dass bürokratische Gebilde sehr schnell lebensfern erscheinen, bis hin zur Bildung einer illusionären, „virtuellen“ Bürokratiewirklichkeit, die mit dem tatsächlichen Leben kaum oder gar nicht übereinstimmt. Maschinen leben eben nicht.

3Ich nehme die Worte in ihrer ursprünglichen Bedeutung: Glied, von germanisch *li-, indogermanisch *lei-: „beweglich sein, biegen“, also auch: sich anpassen.

4In gewissem Sinne können auch alle anderen in der Welt vorkommenden Wesen als „Genossen“ betrachtet werden. Ihnen ist jedoch die Möglichkeit der Bewusstwerdung nicht eigen. Die genaue Differenzierung auszuführen, würde hier den Rahmen sprengen und bleibt daher, da für den Gedankengang nicht unbedingt erforderlich, hier unberücksichtigt.

5vgl. dazu https://emhuisken.de/wordpress/2019/07/friesische-kultur-heute/

6siehe z.B. https://de.wikipedia.org/wiki/Friesische_Freiheit

7siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Krankheit

8Man denke zum Beispiel an so etwas „Einfaches“ wie das Gehen lernen: hinfallen, aufstehen, hinfallen, aufstehen …

9Organische Abbauprozesse haben beispielsweise im Bereich der Verdauung ihre Aufgabe und Berechtigung, unter einer Zahnwurzel können sie aber schmerzhaft zerstörerisch wirken.

10Hier gibt es immer die gleichen Einwände: das sei illusorisch, da würde jeder nur noch faulenzen und nichts würde mehr funktionieren. Ich verweise immer gerne auf ein Lied von Bodo Wartke: https://youtu.be/T1IDSzs1Ai8

11Dieser Ausdruck ist inzwischen eine Art schlagwortartige Phrase geworden, indem immer wieder davon gesprochen wird, man müsse diese Dreigliederung „einführen“. Der hier vorliegende Artikel will demgegenüber deutlich machen, dass und warum eine solche Vorstellung ganz unsinnig ist, weil die Dreigliederung des sozialen Organismus eine vorliegende Tatsache ist, die im zeitgenössischen Bewusstsein leider nicht genügend bekannt und beachtet ist, wodurch krankheitsartige gesellschaftliche Probleme entstehen.

12Man lese dazu die Darstellungen von Rudolf Steiner, der als erster ausführlich von dieser „Dreigliederung“ sprach, z.B. Steiner, Rudolf: Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft. GA 23. Dornach, 1976

13Es ist bemerkenswert, wie sich aus ganz anderen erkenntnismäßigen Grundlagen ein ähnlicher Gedanke ergeben kann. So spricht die von einer russischen Gruppierung vertretene „Hinreichend Allgemeine Theorie der Steuerung von Supersystemen“ davon, dass jeder Einzelne durch sein Studium dieser Theorie und ihrer Ergebnisse in die Lage kommen kann, sich und seine Familie besser zu schützen, einfach weil er dann besser verstehen kann, was in der Welt vorgeht. In fast jedem Beitrag auf seiner Website weist der „Fonds konzeptueller Technologien“ auf diesen Gedanken hin (vgl. dazu zum Beispiel https://fktdeutsch.files.wordpress.com/2021/04/fuenf-arten-der-sozialen-idiotie1.pdf)


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