Mein Dämon und ich – Poetisch-aphoristische Miszellen

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Mein Dämon und ich

Poetisch-aphoristische Miszellen1

I

Aus dem Wörterbuch der Brüder Grimm:

dämon, m. genius. der griechische δαίμων bezeichnet einen bösen sowol als einen guten geist, einen schutzgeist: dem christenthum gegenüber trat er in die dunkelheit und treibt die menschen, über die er macht hat, zum bösen. doch nehmen ihn einzelne wieder im sinne der alten, besonders Göthe. (…)

unselige gespenster! so behandelt ihr
das menschliche geschlecht zu tausend malen:
gleichgültige tage selbst verwandelt ihr
in garstigen wirrwarr netzumstrickter qualen.
dämonen, weisz ich, wird man schwerlich los,
das geistig strenge band ist nicht zu trennen.“2

Versuchen wir einmal, Goethe ein wenig nachzueifern.

II

Einst waren wir eins, mein Dämon und ich.
Doch lebte er in mir, der Teiler, der Teufel,
Der mich von mir verbannte ins DA!
Nicht hier in mir allein zu leben
War mir vergönnt nun fürderhin.

Wir waren nun zwei, das HIER, das DA,
Und beide blind für das Ganze.
Denn jedes blickt nur auf sich, wenn es sucht,
Was vor Urzeiten das Eine war.

ICH kam aus der Welt, der Einen,
Aus der erst die Tat mich fallen ließ,
Die Tat, aus dem Ganzen die Zwei,
Aus dem Gott die Not und den Tod,
Das ICH und den Dämon werden zu lassen.

Der es gibt, der es nimmt, der es trägt sind drei
Doch nur zwei sind bemerkt: das ICH und die Welt.

ICH lebe, und lebe durch die Welt,
Sie gibt, was der Dämon mir schuf:
Mein Weg durch das Leben und ICH sind eins,
Und doch zwei im Gang der Tage.

Nehme ich hin, was der Dämon mir gibt,
So verlang ich von ihm, dass das Meine er trage.
Gelingt es? Kann ich das Ganze erneuern
Mit jedem Schritt, der dem Leben entstammt?
Oder reißt er mich mit, der Dämon, ins Dunkel,
Des Abgrunds, in dem sich das ICH verliert?
Oder stoße ich ihn, den Dämon, im Tod
Seiner Welt der ewigen Leere geweiht,
Von mir, der doch einstmals mein Eigen war?

Wohlan, die Not und der Tod sind Eins,
In MIR kann der Gott aufs Neue erstehen.
Wenn ICH nur will, beide nehme und trage,
Wird ihnen der Gott aufs Neue erscheinen.

Wer ist’s dann, der gab die Not und den Tod,
Wer ist’s, der aus Dreien das Eine formt,
Der es gab, der es trug, der es nahm?

Der im Ganzen aufs Neue sich selbst erschafft,
Und im Schaffen mich und den Dämon vereint.

III

Was den Dämon bewegt, kenne ich nicht.
Ich kann nur erleben, was er mir tut.
Er spricht durch mein Schicksal, die Welt zu mir.
Was ich tue, wird Seins mit dem Ende der Tat.
Er muss es tragen, so schwer es ihm fällt:
Er kann es nicht weigern.

Verfalle ich ihm, vergesse mich selbst,
So nimmt er es hin – bis in seinen Tod.
Der Herr des Todes wird es mir danken.

Verachte ich ihn, wird dasselbe geschehen:
Der Tod wird ihn greifen, ihn quälen, verzehren,
Und mit ihm auch mich, denn der Dämon ist mein.

Der einzige Weg, dem Tod zu entringen
Das ewige Leben – bin ICH, wenn in mir
In Freiheit die Liebe zum Dämon ersteht.

IV

Von Zeit zu Zeit, manchmal auch nur teilweise, bin ich besessen. Mein Dämon macht dann mit mir, was er will. Meine einzige Möglichkeit, ihm Einhalt zu gebieten, besteht in der geistesgegenwärtigen Einsicht, dass ich dann nicht Herr meiner Selbst bin.

Das ist zum Beispiel immer dann der Fall, wenn ich ohne weitere Überlegung einem eingeübten Vorurteil folge, oder einem Gefühl, das mir die Richtung meines Handelns vorgibt, oder aus eingeübter Routine handele. Immer dann regiert mich also mein Dämon, wenn ich nicht ganz wach und klar entscheide, was ich tun will, und dies mit dem Wissen, dass sonst mein Dämon für mich handeln wird. Alles also, was ich nicht ganz wach tue, nur deswegen, weil ICH es so und nicht anders will, aus Gründen, die ich überschaue und selber geprüft habe – all das tut eigentlich mein Dämon, der Geist, von dem ich dann besessen bin.

Wenn ich ehrlich bin, muss ich sogar zugeben, dass mein Dämon bei mir weitaus öfter „am Drücker“ ist als ich selber. Wie viele Dinge tue ich ohne weiteres Nachdenken, einfach, weil ich mich daran gewöhnt habe, sie so und nicht anders zu tun? Die tut nämlich eigentlich mein Dämon. Ob ich bei genauer Prüfung mit seinem Handeln einverstanden sein kann, entscheidet sich an der Frage seiner „Erziehung“: habe ich ihn, diesen Gewohnheitskerl, der sich auch mal gerne etwas einreden lässt – die Schulzeit lang ist ihm ja unendlich viel andressiert worden, von Anderen, nicht von mir, und danach ging es das ganze Leben so weiter – habe ich ihn also genügend dazu bewegt, meinen Wünschen und nicht den Einredungen aus der Welt zu folgen, verlässlich und sicher?

Das ist schon wieder so eine Ehrlichkeitsfrage: habe ich ihn wirklich gut genug „erzogen“, kann ich mich also auf ihn – auf meinen Dämon in mir – verlassen? Wenn nicht, dann tut er also öfter mal Anderes, als es eigentlich von mir gewollt wäre.

Für die Anderen um mich herum ist das selbstverständlich gar nicht auseinander zu halten. Für die Anderen ist es so, dass immer ICH verantwortlich bin für das, was durch mich geschieht. Da haben sie ja auch recht, im Prinzip. Wenn ich mich nämlich nicht auf mich – also meinen Dämon – verlassen könnte, läge es ja auch an mir, meiner schlechten „Dämonen-Erziehung“ sozusagen.

Wie dem auch sei, für mich halte ich mich an die Ehrlichkeit. Und die besagt, dass ich tagtäglich unendlich viele Dinge wie „instinktiv“ tue, ohne sie aktiv jetzt gerade aus mir heraus genau so zu wollen. Ich kann mir zwar für all diese Dinge im Nachhinein plausible Erklärungen zurechtlegen – aber ob die dann immer stimmen?

Wie kommt es eigentlich dazu, dass ich partiell „besessen“ bin? Bin nur ich es, oder geht es auch Anderen so, dass sie von Zeit zu Zeit gar nicht genau erklären können, wie und warum sie eine bestimmte Handlung jetzt gerade und genau so ausführen, wie sie es tun?

Kennen wir das nicht? – Ein Gespräch findet statt. Ein Mensch kommentiert mit Anwendung von gesundem Menschenverstand dieses oder jenes und beurteilt es sachkundig. Allerdings ist er in einer Lage, in der er durch Vorgaben von anderer Stelle anders handeln muss, als es sein eigenes gesundes Urteil eigentlich fordern würde. Solange das Gespräch im Allgemeinen bleibt, scheint alles zu einander zu passen. Sobald aber die Vorgaben in Frage gestellt werden, also eigenverantwortliches Handeln aufgrund gesunden Menschenverstandes zur Diskussion gestellt wird, läuft wie automatisch das Rechtfertigungsprogramm für das fremdbestimmte Handeln ab, und der gesunde Meschenverstand verschwindet. Wer handelt da eigentlich? Der Mensch selber, oder sein Dämon?

Mit den Dämonen ist es ja auch so eine Sache. Gewiss, jeder „erzieht“ seinen Dämon so gut es geht. Aber es gibt ja auch Einflüsse von außen, die darauf angelegt sind, unter Umgehung der Aufsicht des ICH dem Dämon etwas anzugewöhnen. Hypnose ist ein extremes Beispiel dafür; aber hypnoseähnliche Zustände und Wirkungen lassen sich vielfältig erzielen.

Wer zum Beispiel wochen- und monatelang bestimmte Aussagen im immer gleichen Wortlaut von allen Seiten vorerzählt bekommt, dabei zugleich durch Unklarheiten verunsichert und zusätzlich durch den Hinweis auf eine große Bedrohung in Angst und Schrecken versetzt wird, kommt in einen tranceartigen Zustand. Eine der wirkungsvollsten Methoden zur Hypnoseeinleitung ist die Herstellung von Konfusion, Desorientierung3. In einen solchen Zustand hinein „gehämmerte“ Aussagen werden vielleicht zwar vom Ich wahrgenommen, möglicherweise sogar kritisch beurteilt, kommen aber in der passenden Situation, durch einen Auslöser, wie eine alles eigene Denken hinwegspülende Woge aus dem Dämon heraus, bringen sich zur Geltung und handeln durch mich. Wer dann im Nachhinein wieder zur Besinnung kommt, wird nicht immer die Kraft und Möglichkeit haben, die Sache gerade zu rücken. Auch innerlich meldet sich ja der Dämon und streitet mit dem souveränen Ich4.

Vom Dämon, als einem „bösen“ Geist, wird gesagt: „Den Teufel spürt das Völkchen nie, und wenn er es am Kragen hätte“5. Was also unerkannt dem Dämon anerzogen wurde, tritt ja nicht in der Form auf: „Hallo, hier ist dein Dämon, ich regiere dich jetzt!”, sondern auch mir selber ebenso wie der Außenwelt gegenüber spielt er sich auf als – ICH.

Das kann er allerdings nur so lange, bis ich ihm auf die Schliche komme, da, wo er mich „am Kragen hat“. Das wird mir aber nur gelingen, wenn ich mir erst einmal eingestehe, dass ich eventuell – vielleicht auch nur temporär oder partiell – gar nicht zurechnungsfähig bin, nicht die Gewalt über mich habe, sondern eben „besessen“ bin.

Natürlich kommt dann wie zwanghaft – aus mir? aus meinem Dämon? – der Wunsch, den Kerl sofort und möglichst nachhaltig los zu werden. Nur: kann ich das? Wieviele Taten jeden Tag kann ich nur ausführen, weil er mir hilft? Alle Gewohnheiten mir – ihm – ganz neu anzuerziehen, ausgehend von „tabula rasa“, das geht doch gar nicht! Das Baby braucht doch erstmal den Dämon in der Welt um sich her, um überhaupt auf den Weg zu sich selber zu kommen! Und auch weiter, wenn ich ehrlich bin, wieviele gute und schlechte „Routinen“ hat mir mein Leben – mein Dämon in der Welt – einst anerzogen, und was wäre ich heute ohne all die Menschen, die mich, manchmal ohne es genau so zu wollen oder zu wissen, gefördert haben – direkt, oder indem sie mir Knüppel zwischen die Beine warfen, so dass ich daran wachsen konnte? All das gehört doch auch zu meinem „Dämon“! Nein, das geht nicht, den Dämon „abzuschaffen“.

Mein Dämon liegt zwar öfter überquer mit mir, aber ohne ihn kann ich wenig bis nichts. Ich brauche ihn einfach.

Also geht es nur anders. Ich kann versuchen, wacher und wacher zu werden dafür, wo und wann mein Dämon durch mich handelt und wo und wann etwas ganz allein aus mir, aus meinem Herzen kommt. Und überall, wo es dann Differenzen gibt zwischen ihm und mir – meinem Herzen also – kann ich suchen ihn zu verstehen. Nicht zu verstehen, warum er so ist wie er ist, sondern ihn selber zu verstehen, seine Sprache, durch die er mir und der Welt etwas sagen will. Dann können wir ins Gespräch kommen, und ich kann versuchen, ihn zu überzeugen. Nicht zu zwingen, mit Gewalt oder „Zuckerbrot und Peitsche“. Darüber lacht er nur, das kann er besser als ich.

Nein, ich meine wirkliches Verstehen. Möglicherweise hat er ja sogar recht, und ich muss mich ändern. Aber so haben wir doch beide eine Chance, sinnvoll unsere Aufgaben im Leben zu erfüllen. Und je mehr wir uns einig werden, desto mehr werde ich „zurechnungsfähig“, verantwortungsfähig für das, was ich tue. Nicht bloß vor der Welt, im Außen – da bin ich ja sowieso verantwortlich, auch für ihn und was er tut – sondern vor mir selber, selbst gewollt.

Frisch ans Werk?

V

Fürchte einzig des Dämons Lächeln,
Des Verfälschers tröstliche Glätte,
Des Lügners einleuchtende Wahrheiten,
Des Mörders Lebensklugheit,
Des Verräters daseinsbezwingende List,
Des Verleumders exakte Wissenschaft.

Fürchte nur des Dämons
Uralt unerkannte Gottähnlichkeit,
Die strahlende Maske,
Vielen tödlich.

Und fürchte ihn nicht!
Blick ihm ruhig ins trauernde Antlitz:
Von kalten Blitzen entzündet,
Gefurcht von Verachtung der Feigen,
Von Haß zerstört gegen
Einen ihm schweigenden Gott –
Blick ihm ruhig ins versteinerte Aug,
Immer steht er neben Dir.

Nicht schenkte ein Gott Dir sein Blut,
Daß in Furcht du erstarrst,
Leuchte dem Dämon zu späterer Erlösung,
Da er trug auch Dich,
Als Du ihm ähnlich warst.
Nun hilf ihm.

(Helmut Siegfried Unbehoven)

© für den Gesamtbeitrag Stefan Carl em Huisken 2021

1„Eine Miszelle (von lat. miscella ‚Gemischtes‘) ist generell ein Kurztext beliebigen Inhalts.“ Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Miszelle, abgerufen am 18.11.2021.

2„dämon“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/d%C3%A4mon>, abgerufen am 17.11.2021. Das enthaltene Zitat von Goethe stammt aus dem Faust II, 5. Akt.

3vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Konfusionstechnik

4vgl. über subliminale Botschaften z.B. Buddemeier, Heinz; Strube, Jörg: Die unhörbare Suggestion. Stuttgart: Urachhaus, 1989

5vgl. Goethe, Faust I, Mephistopheles in „Auerbachs Keller“


Denkerische Grundlagen für meine Darstellungen zur Situation der Gegenwart habe ich veröffentlicht in meinem Buch „Wahnsinn und Denken. Der Kampf um den Menschen“, das Sie hier oder im Buchhandel bestellen können.

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