Vom Sterben der Gesellschaft

Die Gesellschaft ist todsterbenskrank

Immer wieder drängt sich der Gedanke auf: unsere Gesellschaft ist krank, todsterbenskrank. Mancher findet vielleicht: dann soll sie doch sterben. An diesem Gedanken mag etwas Berechtigtes sein aber er greift zu kurz. Denn WIE soll sie sterben, WIE soll sie tot sein? Dass es da verschiedene Möglichkeiten geben könnte, diese Idee ist sicher nicht gerade verbreitet. Dennoch ist es so. Ich will mich erläutern.

Was ist Sterben?

Wenn ein Wesen stirbt, ist es ja nicht einfach weg. Für unser alltagspersönliches Ich-Erleben nehmen wir an, dass es einfach weg wäre, so ähnlich wie im Schlaf, nur etwas effektiver und endgültig. Allerdings kann daran Zweifel aufkommen, angesichts der vielen sauber dokumentierten Nahtoderfahrungen, die von ganz anderem berichten.

Für das „Weltbewusstsein“ – wenn ich das einmal so nennen will – ist ein gestorbenes Wesen niemals einfach „weg“. Denn die Spuren, sein Woher und Wohin bleiben auf immer Teil des sich entwickelnden Weltganzen. Das ist der „ewige Wesenskern“ eines gestorbenen Wesens.

Zwei Denkrichtungen

Beim Menschen ist das ganz besonders deutlich. Gibt es doch für jeden einzelnen Menschen sein ganz individuelles Herkommen, sein ganz individuelles Wirken in der Welt, in die Zukunft hinein. Die meisten bisher vorliegenden Erklärungen für diese Tatsache überleben sich zur Zeit mehr und mehr. Die Annahme zum Beispiel, jeder individuelle Mensch sei eine durch einen wie auch immer umschriebenen Gott ausgeführte „Neuerfindung“, eine „Schöpfung aus dem Nichts“ des Gottes sozusagen, ist jedenfalls dann, wenn man einen irgendwie außermenschlichen Gott annimmt (einen Gott also, der dem Menschen gegenüber steht, nicht ihm selbst innewohnt) eine Sache des Glaubens oder Nichtglaubens. Und das Glauben steht in unserer Weltenzeit der Lügen, Manipulation und Scheinerweckungen jedenfalls immer weniger hoch im Kurs.

Die zweite gängige Annahme, die sagt, dass die Wesen der Welt einschließlich des Menschen mehr oder weniger gesetzmäßige Produkte einer als allein existierend gedachten Weltenmaterie seien, die sich eben gemäß den ihr innewohnenden Gesetzen entwickelt, kann eigentlich nur bei inkonsequentem Denken gehalten werden. Denn woher kommen die „innewohnenden Gesetze“? Warum überhaupt Entwicklung? Sind Gesetze materiell?

„Entweder man ist Kreationist oder Darwinist!“ sagte mal ein Bekannter, „mehr Möglichkeiten gibt es nicht!“. Ja und nein, möchte ich da antworten. Wer den in all diesen Betrachtungen aktiven Menschengeist leugnet oder als mehr oder weniger zufällige „Ausschwitzung der Materie“ ansieht, kann kaum andere Möglichkeiten denken. Wer aber den menschlichen Geist als eigenständigen, die Welt mit seinem Denken umfassenden, sich selbst aus sich selbst entwickelnden Akteur im Geschehen ansehen will, der wird das Berechtigte BEIDER Denkweisen anerkennen und sich zu eigen machen können – aber den Verlockungen beider, den Menschen nur als GEMACHTEN und seiner selbst nicht mächtigen anzusehen, nicht erliegen.

Ewiger Tod, ewiges Leben

Und dann – um zum Anfang zurückzukehren – ist ein Unterschied auszumachen zwischen einem Tod, der in ewig unveränderlichem, nach ehernen Gesetzen ablaufenden Maschinendasein von Mensch und Welt besteht, und dem anderen Tod, der vom Ganzen aus gesehen nur einen Übergang von einer Seinsform in eine andere darstellt. Dann wäre der Mensch nämlich, wenn er hier im Irdischen lebt und die ganze Welt – die ihm ja sein individuelles Schicksal spricht – als fremd und rätselvoll ansehen muss, wenn er also als individueller Mensch gerade aus Nicht-Wissen heraus immer neue Schritte tut, – ja, dann wäre der Mensch nämlich gerade da, im Irdischen, gewissermaßen Gott-gleich. Denn er kann nur da, ungezwungen durch gleichsam über ihn verhängte Gesetze, ganz aus eigener Schöpfer-Macht: NEUES schaffen.

Und wenn er dann aus dem irdischen Sein entschlüpft – „stirbt“, sagen wir gewöhnlich – bliebe von ihm doch seine Welt, die jetzt durch die Spuren seines Tuns Veränderung erfahren hat. DARIN lebte er jetzt, aber nicht mehr in Fremdem, Rätselvollem, sondern als Glied des Ganzen, untrennbar mit allem verwoben, um eine neue Aufgabe zu entwickeln für einen nächsten „Ausflug ins Blaue“, für ein nächstes Dasein als irdische Persönlichkeit. Dafür stürbe er dann erneut, aus der einigen Geistwelt heraus ins Irdische, in der er sich getrennt erleben muss von SEINER Welt.

Ja, mindestens diese zwei Arten des Sterbens gibt es: die ewig gleichförmige, eigentlich IMMER tote (und doch gleichzeitig auch „untote“) maschinenmäßige Fortsetzung des Immergleichen, in der ein freier Mensch nicht vorkommt, der Mensch nur eines unter vielen Maschinenprodukten ist; und als „Alternative“ gleichsam das Sterben und der Tod, der in der anderen Seite des Seins eine Geburt ist, der Tod, der das ewige LEBEN in sich trägt.

Für unser gesellschaftliches Dasein gilt dasselbe: welche Art von Sterben wir für das ohne Zweifel über kurz oder lang todgeweihte derzeitige Gesellschaftssystem nämlich annehmen und anstreben wollen. Der Untergang, in Katastrophen und in ein Nichts hinein, weil niemand eine Idee für das „Danach“ entwickelt, oder den Übergang der einseitig materialistisch-eigennützig geprägten heutige Gesellschafts-(un-)ordnung in eine, die aus der eigenmächtigen Erkenntnis der Entwicklungsnotwendigkeiten von Mensch und Leben selber frei mitschafft an einer neuen, besseren Welt, in der jeder Einzelne im anderen, fremden einen unverzichtbaren Teil SEINER individuellen Welt – seiner selbst also – anerkennen kann.

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