Warum ich (kein) plattdeutscher Liedermacher bin

Ich muss mir hier mal etwas von der Seele schreiben, über die Sprache Ostfrieslands und was sie mir bedeutet:

Plattdeutsch ist doch etwas von gestern! Wer interessiert sich denn heute noch dafür? Rückständiges Volk, etwas bornierte Menschen, grobe Sprache, nur für den Alltag tauglich, Kultivierteres kann man damit gar nicht sagen! Für Komödien und Schwänke geeignet: also für Erzählungen aus der Welt von gestern! Kann man prächtig drüber lachen! Sag ich doch! Und die Lieder erst! „Dat du mien Leevsten büst“, „Wo ik herkam“, und so weiter und so fort – alles Gesäusel aus einer Zeit, die es nicht mehr gibt! Und wenns denn neue Texte sind, bleibt der Inhhalt – platte Schlager eben, für die Generation 60+!

Schlimme, einseitige Darstellung das, oder? Ja, aber – leider entspricht das meiste der Lebenswirklichkeit. Noch immer hört man das „Platt musst du mit de Modermelk insogen hebben, anners kannst du dat neet!“ (Oder etwas verträglicher: „Wi frein uns düchtig wenn daar een Platt lernen will, man wenn’t denn richtig worden sall mutt he of se uns, de echte Ostfresen fragen, sük korrigeren laten.“) Also noch immer: die „richtige“ Sprache gedeiht nur auf dem „richtigen“ Blut und Boden. So wahr es ist, dass ein Neu-Lerner Hilfe braucht und suchen sollte, so wahr bleibt es auch, dass alles Binden des Neuen in den Rahmen des Alten jede Veränderung tötet. Nicht verhindert, aber tötet. Die Veränderung ihrer selbst beraubt, nämlich des Lebens, der Möglichkeit, sich zu entwickeln. Entwicklung lebt aus dem Experiment, aus dem Unerlaubten, aus der Grenzüberschreitung und dem offenen Suchen, und jede auch noch so gut gemeinte Schulmeisterei verhilft da nur zum Misserfolg.

Damit ist allerdings das sogenannte „Plattdeutsch“ (wer hat eigentlich diesen unseligen Kampfausdruck gegen das Niederdeutsche „eingemeindet“, zur Selbstbezeichnung dieser Sprache gemacht – „Plattdütsk“?) leider nicht allein. Die allgemeine Neigung der Menschen unserer Zeit, sich in der Freizeit, zur Erholung lieber dem Verherrlichen überschaubarerer Zusammenhänge als unserer heutigen Lebenswelt zu widmen, gibt es ja überall. Allerdings: dass eine ganze Sprache dadurch in diese Vergangenheitsträumerei gezogen wird, gibt es nicht ganz so oft.

„Aber das wollen wir doch gerade ändern!“, werden die Aktivisten für die niederdeutsche Sprache ausrufen. „Wir wollen doch Plattdeutsch alltagstauglich machen und halten! Platt in Kindergärten, in der Schule, überall!“ Ja, das stimmt, und ich bin der letzte, der den teilweise sehr undankbaren Job und den hohen Einsatz dieser Menschen nicht zu würdigen wüßte. Aber es bleibt eben dabei (siehe oben): für den Alltag tauglich. Welche Sprache man auch ansieht, gerade die schon einmal vom Aussterben bedrohten: keine hat sich hier nachhaltig behauptet, die nicht eigenständige, neue Kulturleistungen und neue, mythisch wirkende Inhalte geschaffen hat. Das konnte durch begeisternde Dichter geschehen (ndl. Friesland), die Pflege einer unterscheidbaren, selbständigen Volksüberlieferung (Bretagne) oder andere Dinge, die schon allein wegen der Inhalte die Menschen faszinierten. Das in jeder Hinsicht verdienstvolle Wirken der Sprachpfleger hat auf die Dauer nur auf dieser Basis eine Chance. Das Kleben an saturierter Bürgerlichkeit gehört aus meiner Sicht nicht zu diesen notwendigen Inhalten.

Damit wäre dann eine Sprache auch in der unmittelbaren Zeitgenossenschaft angekommen. Neue Mythen, neue, begeisternde Bilder vom menschlichen Sein fehlen doch überall. Die Schulen – so wie sie nun einmal sind zur Zeit – können doch gar nichts anderes als das Wissen und Denken der Vergangenheit zu überliefern, und – auch das ganz offenbar abnehmend. Die Revolte der Jugend – offen ausgetragen oder im inneren Rückzug, in Verzerrungen, Verführtheiten, Haltlosigkeiten – ist doch allgegenwärtig. Wer also hier die niederdeutsche Sprache verankern will, muss Wege zu den inneren Beweggründen der heutigen Lebensunsicherheiten, Lebenslügen und Suchbewegungen finden. So wie überall, wo die Strukturen bröckeln. In der ganzen Gesellschaft also. Und da ist dann der freiwillige Rückzug auf Alltag, und alltägliche Freizeit-Träumerei nicht unbedingt hilfreich.

Da wäre doch das Lied, oder die kultivierte Theatersprache, oder das Gedicht etc. das passende Betätigungsfeld. Ganz wenige, einsame Leuchtfeuer gibt es da, die niemals faule Kompromisse gemacht haben: ich persönlich zähle Greta Schoon dazu, teilweise Oswald Andrae, aber auch Helmut Debus und Wolfgang Rieck. Nicht, dass all die anderen schlecht wären, oder unfähig. Von so einem Urteil bin ich weit entfernt. Aber sie haben eben Themen, die teilweise rückwärtgewadt sind, wenn auch manchmal schwer erkennbar, aber doch. Dass es hier und da anderes gibt, was ich einfach nicht kenne, glaube ich ganz bestimmt, und hoffe ich sehr. Denn was für eine Chance hätte diese wunderbare Sprache sonst noch?

Und da haben wir es denn: ich bin plattdeutscher Liedermacher, ich bin dazu einfach ungeeignet. Weder in Ostfriesland geboren, noch von einem „echten“ Ostfriesen zur „richtigen“ plattdeutschen Sprache gebracht worden. Was ich im Niederdeutschen kann, habe ich mir gänzlich selbst erarbeitet. Was ich mache, kommt einfach aus mir selbst. Dann bleibe ich eben ich selbst, und werde kein plattdeutscher Liedermacher. Weil ich immer ein bisschen direkt bin, sind meine Lieder leider auch keine kommodigen Säuseleien. Und – leider, leider – sind sie natürlich (und das meine ich gänzlich ernst) qualitativ weit entfernt von wirklich relevanter Lyrik (wie z.B. bei Greta Schoon). Aber dennoch bleibe ich dabei: diese Sprache taugt zu allerlei „Ernsthaftigkeiten“ (ein Ausdruck von Wolfgang Rieck in dieser Sache), die sich im Hochdeutschen gar nicht adäquat sagen lassen. Und es wäre schade, wenn ich es sein ließe, einfach weil es nicht genügend gefällig ist. Eine niederdeutsche Sprache ohne Ecken und Kanten wäre nicht sie selbst, finde ich.

Darum sind meine Texte zunehmend in ostfriesischem Niederdeutsch verfaßt. Gesungen werden sie auch. Leider musikalisch auch nicht im Rahmen des gemütlichen plattdeutschen Liedgutes aus dem bürgerlichen Leben des 19. und 20. Jahrhunderts. Sorry, nehmts mir nicht übel, aber wir haben jetzt das 21. Jahrhundert. Und da werden wir ganz viel ganz neu erfinden müssen. Auch im Niederdeutschen, wenn es denn auf die Dauer ein Rolle spielen soll. Den derzeitigen musikalischen Moden hinterher zu rennen (Metal, Rap, Hiphop) hilft hier auch nicht; das ist dann nämlich nichts wirklich Eigenes, neu Erfundenes, also nicht das, was wirklich fehlt. Da und nur da mache ich mit, mit Einsatz und Überzeugung: bei dem Neu-Erfinden, Probieren, Experimentieren.

P.S.: Dazu gehört auch, dass ich mit meinen Liedern ohne zu Zögern auch in Hessen, in der Eifel oder sonstwo auftrete, meinetwegen auch in Honolulu. Einem Schotten rechnet man es doch auch hoch an, wenn er schottisches Gälisch singt, oder einem Iren sein Irisch. Auch wenn man kein Wort versteht. Sehr viele englische Texte versteht kaum einer, wenn sie gesungen werden. Sonst könnten sie nicht so oft beim Nachsingen völlig entstellt werden (auch öffentlich, auf Bühnen). Aber das merkt ja sowieso keiner, wenn keiner die Texte versteht. Na also. Noch Fragen?

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*