Wettkampf der Illusionisten I

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Der derzeitige Wahlkampf kann nicht anders bezeichnet werden: es kämpfen die Illusionisten der unterschiedlichen Couleurs um die besten Erfolge beim staunenden Publikum. Ob das aber der eigentliche, wirkliche Sinn dieser Veranstaltung ist, fragt kaum jemand. Es sind eben alles Illusionisten; da interessiert die Wirklichkeit eher weniger, vorsichtig ausgedrückt.

Wer sie sind

Egalweg wer auch immer, sie sind Menschen, die meinen, man müsse durch Propagierung der einen oder anderen Utopie die Menschen veranlassen, die jeweiligen Propagandisten in die weitgehend einflusslose Schwatzanstalt namens „Parlament“ zu befördern, mittels Stimmabgabe (wenn man die Stimme abgibt, hat man anschließend keine mehr …) im behördlich vorgesehenen Wahllokal oder per Briefwahl. Es ist natürlich die Rede von den sogenannten „Parteien“ und ihren „Kandidaten“.

So eine Aussage ist für manchen vielleicht harter Tobak, aber ich will versuchen zu begründen, warum ich das so formuliert habe.

Utopien und Parteien

Unser politisches System ist so angelegt, dass nicht bestimmten Menschen auf demokratischem Wege gezielte Mandate erteilt werden, sondern so, dass diese Mandate Ideologien oder Utopien erteilt werden, die jeweils durch eine Partei formuliert und vertreten werden. Als Utopien bezeichne ich hier alle Pläne, die einen bestimmten gesellschaftlichen Zustand als wünschenswert hinstellen und manchmal auch angeben, auf welchem Wege sie dort hin kommen wollen. Je umfassender der Plan, desto vollständiger auch die Utopie – also die Darstellung des angestrebten zukünftigen Zustandes. Eine Utopie ist also – so betrachtet – eine Art virtueller Realität, das notwendig erst einmal illusionäre Bild einer aufgrund bestimmter ideologischer Vorstellungen konstruierten Schein-Wirklichkeit, die zu einer Tatsache zu machen angestrebt wird (jedenfalls sagt man, dass man das wolle). Solche „Programme“ werden in der Regel von wenigen Menschen erarbeitet und „aufgestellt“, und anschließend von den anderen nur „abgesegnet“.

Parteien im Sinne des heutigen politischen Systemes können gar nicht anders, als zu allem und jedem auch irgendetwas zu sagen. Sie sollen ja den vorhandenen Staat regieren, und der ist eben so angelegt, dass er im Prinzip alles und jedes regeln können soll: Bildung, Wissenschaft, Gesundheit, Wirtschaft, etc. pp., eben alles. Und wenn eine Partei dann das Sagen hat, muss sie eben auch zu allem was sagen können. Das liegt ja auf der Hand. Und dazu braucht sie dann eben ihre Utopie. Nicht Fachkompetenz auf diesem oder jenem Gebiet, das ist etwas Anderes, Individuelles. Das könnten dann ja eigentlich auch nur Fachleute beurteilen. Darum geht es lieber um Utopien, Geschichten von Übermorgen, die versteht jeder. Und deswegen sind die Parteien und ihre Vertreter dann auch so wie sie sind: jeder malt das Rosarot dahin, wo er seine „Wähler“ vermutet, also deren spezielle Wünsche und Vorlieben.

Parteien und Kandidaten

Die Kandidaten der einzelnen Parteien werden (idealtypisch gedacht, was aber möglicherweise auch so eine Utopie sein kann) durch die Mitglieder der Parteien gewählt. Und die sind eben Mitglieder der Parteien, weil sie die jeweilige Utopie oder Ideologie unterstützen wollen. Und so werden also in der Regel diejenigen Kandidaten für die Wahl ins Parlament aufgestellt, die am meisten Aussicht auf Erfolg zu haben scheinen, wenn es um die Realisierung der jeweiligen Partei-Utopie geht. Die Kandidaten stellt man sich also als eine Art Ausführungsapparat für die jeweilige Utopie vor: möglichst ohne zu viel eigene Vorstellungen, die eventuell von der Parteilinie abweichen könnten. Also im Prinzip möglichst unindividuelle Menschen, sondern Gruppenfunktionäre.

Und die schließen sich dann wiederum zu bestimmten Gruppen zusammen, in deren Rahmen sie meinen, ihrer Utopie näher kommen zu können. Und stimmen im Parlament ab, was dann für alle gelten soll.

Das Ganze ist eine einzige Illusion

Was dabei nicht beachtet wird, ist die Wirklichkeit, in der die Menschen heute und schon eine ziemlich lange Zeit leben. Da tut nämlich im Prinzip nach Möglichkeit jeder, was er selber will und woran er Interesse hat. Und das kann wechseln, je nachdem, in welcher Lebenssituation man sich befindet. Wenn man zum Beispiel ins Parlament möchte, versucht man wie dargestellt Utopien zu „verkaufen“, den Leuten nahe zu bringen, damit sie einen wählen. Wenn man dann gewählt worden ist, braucht man ja die Leute nicht mehr, denn sie haben ja schon getan, was sie sollten, nämlich wählen. Jetzt kann man andere Interessen entwickeln oder verwirklichen wollen.

Das muss man gar nicht verurteilen. Es ist einfach die Realität: jeder tut nur noch das, was er selber will. Und die Utopien und die Propaganda dafür sind eigentlich nur Mittel, die bestimmte Menschen verwenden, um ihre Ziele zu realisieren. Das erleben wir doch derzeit ganz ausführlich: Politik wird als eine Sache des richtigen Marketing verstanden. Auch dagegen ist ja gar nichts einzuwenden, solange man ehrlich sagt, was es ist. Und wenn dann eine Mehrheit eben die besten Marketingleute über sich bestimmen lassen will, bitte. Das kann man dann nicht ändern.

Nur: vielleicht wäre es besser, auf die Menschen zu sehen, die man da wählt, und nicht auf die Utopien. Denn die Utopien können wechseln mit der jeweiligen Lebenssituation; oftmals ist das auch richtig so und notwendig. Manche Menschen wechseln Weltanschauungen wie die Hemden. Schon Adenauer sagte: „Was kümmert mich mein dummes Geschwätz von gestern“. Wenn man so jemanden wählt, dann wollte man das eben so. Man muss sie schon so sein lassen, wie sie eben sind. Wenn man die Gewählten nicht frei lässt, dann hat man sich selber Menschen als Vertreter gewählt, die unfrei sind, denn sie sind ja einer Ideologie und/oder Utopie verpflichtet, also sollen eigentlich nur Wirkapparat der Wähler ihrer Utopien sein.

Wollen wir denn wirklich, dass Gesetze und die Regelung aller staatlichen Angelegenheiten von schwachen, unfreien Menschen beraten und ausgeführt werden? Warum lassen wir uns immer über die Menschen täuschen? Und wenn nicht, dann versuchen wir sie zu zwingen, dass sie doch tun, was wir wollen. Selber tun ist uns nämlich oft zu anstrengend. Aber da müssen wir uns nicht wundern, was die Gewählten dann tun.

Es ist ja nicht anders zu erwarten, als dass diese Leute dann, wenn sie erstmal nahe an den „Futtertöpfen“ der Macht, des Einflusses und der üppigen Selbstversorgung angekommen sind, mehr und mehr auf ihre eigene Bequemlichkeit achten, und Ideologie eben Ideologie sein lassen, und Utopie Utopie – und natürlich: Wähler eben Wähler? Sie können sich mächtig fühlen, groß und bedeutend. Da bräuchte man eigentlich Menschen, die wirkliche selbständige Persönlichkeiten sind, als solche erkennbar, die solchen Anreiz nicht brauchen, weil sie sich selber schon genug sind – und könnte denen dann durch ein Mandat das Vertrauen aussprechen. Aber den Menschen, nicht den Ideologien.

Die Wirklichkeit

Dann wären wir nämlich bei der Wirklichkeit. Das sind zusammenwirkende selbständige Menschen, die für einander und mit einander arbeiten und dies unter anderem dadurch tun, dass begrenzte und widerrufliche Mandate erteilt werden. Freie Menschen wählen einen bestimmten freien Menschen aus, dem sie für einen bestimmten, umrissenen Zusammenhang das Vertrauen aussprechen, etwas für alle zu regeln. Und der muss dann frei handeln können, als freier Mensch, denn nur dann kann er auch all seine Qualitäten entfalten. Das ist eigentlich, was auch jetzt schon getan wird, nur eben ohne die Freiheit darin, bei vielen der Gewählten.

Diese Wirklichkeit wird nämlich durch eine Illusion verdeckt: indem den Menschen Utopien versprochen werden, Ideologien und Pläne propagiert, wird ihnen vorgegaukelt, sie hätten selber irgendeine Macht, indem sie zwischen den vorgegebenen „Parteiprogrammen“ auswählen können. Die werden aber dann sowieso nicht realisiert, weil die „Mehrheit“ in der Abstimmungsmaschine nicht erreicht wird und was derartige Ausreden mehr sind, oder ganz schlicht weil die Gewählten dann eben lieber etwas Anderes als versprochen machen wollen, aufgrund ihrer eigenen Einsichten und Wünsche.

Ja, die Menschen haben Macht. Aber es ist immer nur die Macht, die jeder einzelne hat, indem er seine Willensimpulse in das Ganze einfließen lässt. Und wer eben als Willensimpuls hat, dass er Utopien und Ideologien nachlaufen möchte, der wählt dann solche Schimären. Allerdings wundert er sich oftmals, wenn hinterher etwas ganz Anderes geschieht, weil eben Menschen handeln und nicht Ideologien.

Das kann nicht passieren, wenn einem Menschen im Vertrauen in ihn selbst ein Mandat erteilt wird. Dann weiß man vorher, dass der Mensch tun wird, was er für richtig hält. Man hat sich vorher mit ihm verständigt, so, dass man eben das Vertrauen in ihn fassen konnte. Und dann muss man ihn machen lassen, das weiß man vorher. Man hat lediglich die Möglichkeit, ihm das Mandat wieder zu entziehen, weil er sich nicht in der Lage oder willens zeigt, dem Mandat entsprechend zu handeln – diese Möglichkeit ist allerdings zwingend notwendig, fehlt aber heute fast überall. Und das weiß dann auch derjenige, der ein solches Mandat bekommt – so schnell kann man es ihm heutzutage nicht wieder nehmen …

Theater

Man findet Theaterspielen eben bequemer, auf beiden Seiten: als Schauspieler (man braucht da ja nicht zu zeigen, wer man wirklich ist) und als Zuschauer (da hat man zum Glück für nichts Verantwortung und darum immer einen Sündenbock parat). Nur dass dieses Theater dazu führt, dass sich der Club der Darsteller leicht absprechen kann, und darauf achten, dass auch wirklich nur Schauspieler dazu gehören – bessere oder schlechtere, je nachdem. Wodurch es dann für die Zuschauer immer schwieriger wird, die von ihnen selber erlebte tatsächliche Wirklichkeit im Tun dieser Darsteller wieder zu finden. Die haben ja auch gar keine Ahnung von dieser erlebten Zuschauer-Wirklichkeit. Sie erleben sie ja nicht, sondern gestalten sie, das ist ihr „Job“. Sie sind ja die Schauspieler, nicht die Zuschauer.

Und so laufen wieder alle hin in die Wahllokale, wählen ein Programm, von dem hinterher kaum etwas oder nichts umgesetzt wird – „es kam leider die Wirklichkeit dazwischen“ (also die Wirklichkeit der Interessen der Schauspielerclique) – und dann wählt man eben beim nächsten Mal eine andere Utopie, die dann das bessere Marketing hatte. Oder man lässt es sein, außer man kann Menschen erkennen, denen man Vertrauen schenken will. Nur leider ist solche Wahl im derzeit geltenden System eher nicht vorgesehen und daher kaum möglich ….

Was fehlt ist nur das Bewusstsein

Das Wichtigste, was in dem Ganzen fehlt, ist das allgemein verbreitete Bewusstsein davon, dass es so ist, wie es ist. Diese „Demokratie“ genannte Abstimmungsmaschinerie ist schon lange etwas Anderes, als wofür sie uns verkauft wird1. Je mehr Menschen dies begreifen, desto mehr Menschen können sich entsprechend verhalten. Was bedeutet, auf den Menschen zu sehen, den einzelnen Menschen. Also auch auf sich selber, sich selber ernst zu nehmen und sich nicht irgendwelche Scheinlösungen von irgendwem aufschwatzen zu lassen. Dann muss man sich allerdings entscheiden, selber zu denken, selber sich intensiv mit den Fragen und Problemen von Menschheit und Welt zu befassen, und diesem Befassen einen Platz im eigenen Leben einräumen, der seiner Bedeutung für das Ganze entspricht.

Das klingt jetzt sehr heroisch, ist es aber nicht. Es ist eigentlich nur der Aufruf, dem eigenen gesunden Menschenverstand zuzutrauen, dass er bei wirklicher Bemühung auch in der Lage ist, auftretende Probleme zu lösen. Dazu muss man sie nur erst ansehen, sich nichts vormachen, und dann immer nach den „Machern“ schreien, sondern vielleicht lieber selber das Risiko des Scheiterns eingehen, sich auf den ganz bestimmt langen, aber ganz sicher nicht langweiligen Lernweg machen. Da trifft man dann auch andere, die es genauso versuchen, und gemeinsam kann man vieles bewegen. Aber eben nur, wenn man will. Was Anderes tut nämlich sowieso keiner mehr.

© Stefan Carl em Huisken 2021

P.S.: In ganz anderer Art mit dem gleichen Thema befasst sich der Artikel „Wettkampf der Illusionisten II“

1vgl. dazu Rudolf Steiner über die „Demokratie“ in: Steiner, Rudolf: Die spirituellen Hintergründe der äußeren Welt. Der Sturz der Geister der Finsternis. GA 177. Dornach, 1999. S. 264 ff; ausführlich zitiert und eingeführt in Stefan Carl em Huisken: Wahnsinn und Denken. Der Kampf um den Menschen. – Borchen, 2021, Kapitel II. Das Buch ist erhältlich über www.emhuisken.de/shop. Vgl. auch Delaisi, Francis: La Democtratie et les Financiers. – Paris: La Guerre Sociale, 1910

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