Geisteswissenschaft, Krise – und Katharsis?

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Krise „mit Ansage“

Die gegenwärtige globale Krise – eine Krise der Menschheit als Ganzes also – ist eine „mit Ansage“. Abgesehen davon, dass diverse einflussreiche Gruppen aus geheimen Zusammenschlüssen, aber auch der weithin sichtbaren Großfinanz, seit Jahrhunderten ihre eigenen Interessen weltweit zur Geltung zu bringen suchen – die meisten davon sprechen sogar öffentlich von ihren Zielen, sorgen allerdings dann für die diskrete Handhabung ihrer Stellungnahmen in der Öffentlichkeit –, abgesehen also von diesen Interessensgruppen, die solche Krisen entweder produzieren oder für ihre Zwecke nutzen, gibt es noch weitere „Akteure“ auf diesem Feld, die vergleichsweise schwieriger aufzufinden sind. Diese Akteure sind zugleich wichtige Inspiratoren der jeweils machthabenden Interessensgruppen; sie regieren sozusagen „von höherer Warte“.

Sie hatte Rudolf Steiner im Auge, als er zu Beginn des 20. Jahrhunderts vor vielfachen und sich steigernden Katastrophen warnte1 für den Fall, dass nicht in Bezug auf die Berücksichtigung des Menschengeistes im gesamten Kulturleben ein grundsätzliches Umdenken stattfinde. Dieses Umdenken hat ganz offensichtlich nicht im weiteren Kreis stattgefunden. Die Folgen sehen wir jetzt. Insofern – legt man Rudolf Steiners Warnungen zugrunde – haben wir eine Art Dauerkrise „mit Ansage”.

Umdenken

Welches Umdenken meinte Rudolf Steiner? Immer wieder verwies er darauf, dass die wissenschaftliche Betätigung des Menschen spätestens seit dem 19. Jahrhundert es darauf anlegt, den individuellen Menschen aus der Urteilsbildung über dasjenige, was als Wahrheit gelten soll, heraus zu befördern, mit der Begründung, der einzelne Mensch könne eben nur subjektiv urteilen und daher über die Wahrheit nichts wissen. Diese Auffassung ist ja eindrucksvoll von Immanuel Kant im menschlichen Denken über die Erkenntnis zur Geltung gebracht worden2.

Was alle diese Auffassungen unberücksichtigt lassen: sie sind alle von individuellen Menschen erdacht und damit subjektiv, über die Wahrheit letztlich nichts sagend –jedenfalls in ihrem eigenen Urteil, wenn man es konsequent anwendet. Alles Erkennen der Welt hat aber zwei polare Ausgangspunkte: Wahrnehmung und Denken. Von diesen beiden ist das Denken primär, denn auch die verstehende Einsicht über das Erkennen kann nur mittels des Denkens erreicht werden. Alle Theorien über die Welt, auch diejenigen, die die materielle Welt zur allein wirklichen machen und das Denken selbst aus dieser materiellen Welt erklären wollen sind – gedacht, und setzen damit das Denken voraus. Daran lässt sich einfach nichts ändern. Es ist dies eine universelle Eigenschaft des heutigen Menschen schlechthin, dass er eine Erklärung der Welt und seiner selbst nur durch Denken finden kann.3

Genau darauf bezog sich Steiners Reden vom Umdenken. Wenn schon die weltweite wissenschaftliche Betätigung sich darin ergeht, den konkreten, denkenden individuellen Menschen aus ihrer Betrachtung auszuschließen – als Untersuchungs-SUBJEKT, versteht sich, als OBJEKT verwendet man den Menschen dagegen gerne –, dann kann es auch nicht verwundern, dass die Ergebnisse solcher Wissenschaft, wie sie sich vor allem in der rasant wachsenden und immer mehr Bedeutung gewinnenden Technologie der Weltgestaltung zuwenden, den konkreten Menschen, wie er sich selbst erlebt, gänzlich unberücksichtigt lassen. Der Mensch ist und bleibt in solcher Betrachtung Objekt, mit dem man dieses oder jenes machen kann, experimentell, versteht sich, denn alle Wissenschaft dieser Art besteht in Theorie, Hypothese und Experiment. Anders glaubt man nicht zu irgendwelchen Einsichten kommen zu können.

Wenn man aber über den konkreten, individuell denkenden und derartige Wissenschaft betreibenden Menschen nichts weiß, weil man ihn aus der Betrachtung ausschließt: WER REGIERT DANN DAS DENKEN?

Geheime Regenten

Davon sprach Rudolf Steiner: von diesen, für das gewöhnliche Denken seiner Zeit (und noch viel mehr unserer Zeit) unsichtbaren Akteuren, die eben immer wieder durch diesen oder jenen individuellen Menschen die Menschheitsgeschichte inspirieren und auf diesem Wege auch „lenken“, wenn man es einmal so ausdrücken will. Diese Akteure kann im Prinzip jeder Mensch anerkennen und im Detail kennen lernen, der sich dazu durchringen kann, das weltbeherrschende Dogma von der Irrelevanz der Illusion eines individuell denkenden Subjektes aufzugeben und SICH SELBER ALS EINE VOLLE GEISTIGE REALITÄT anzuerkennen.

Dann nämlich wird klar, dass es ebenso wie den einzelnen individuellen, denkenden Menschen als Geistwesen gibt – Denken ist eine Tätigkeit, die durchaus nur im Geistigen wahrgenommen und ausgeübt werden kann –, auch Geistwesen geben kann, die keinen äußeren Leib haben und uns daher auf der Ebene der gewöhnlichen Sinneswahrnehmung nicht unmittelbar begegnen können. Solche Wesen leben dann nur auf der Ebene des geistig-seelischen Erlebens – also IM MENSCHEN.

Gegenüber einem solchen Gedanken kommt verständlicherweise große „Reserviertheit“ auf: wie nun, sollte ich etwa in mir selber nicht richtig „Herr im Hause“ sein, sondern mindestens teilweise Instrument anderer, mir unbekannter Wesen? Den Gedanken, das eigenen Innenleben sei auch von feststellbaren Gesetzmäßigkeiten des Seelischen bestimmt, die einem selber unbewusst bleiben, das Handeln aber doch leiten, kann man ja noch gerade akzeptieren: er ist abstrakt genug, und die leitenden Gesetze auch eindeutig definierbar, damit kann man ja rechnen. Aber direkt in mir wirkende WESEN, mit womöglich eigenen Willensimpulsen, die mich durch das Unterbewusste unerkannt steuern? Dieser konkrete, gegenüber der abstrakten Vorstellung mehr oder weniger berechenbarer, also toter Gesetze viel realere, lebensvollere Gedanke lässt Furcht aufkommen – und bleibt darum zumeist unberücksichtigt.

Wirkende Geistwesen

Rudolf Steiner wurde nicht müde an immer neuen symptomatischen Beispielen aufzuzeigen, wie das Menschenleben und die Menschheitsgeschichte das Werk wirkender, sich offenbarender Geistwesen ist. Und diese Geistwesen können ebensogut in einzelnen menschlichen Individuen auftreten, wie sie durch Gruppen und einzelne Menschen hindurch, „im Geheimen“ sozusagen zu wirken vermögen. Rechnen die Menschen mit ihnen und ihren Intentionen, weil sie sie kennen und erkennen, so vermögen die Menschen ihr Leben wirklichkeits- und tatsachengemäß einzurichten und sich selber im Gesamtverlauf zur Geltung zu bringen. Rechnen die Menschen nicht damit, so bringen sich die die Menschheit begleitenden Wesen anderweitig zur Geltung.

Das ist dann die Frage der Katastrophen und des Umdenkens, von der Steiner sprach. Die Menschheit, derzeit gefangen in einem Dogma scheinbar objektiver (aber immer „subjektiv“ gedachter) Wissenschaft, wird dann eben von den Tatsachen auf anderen Wegen in Kenntnis gesetzt, wenn sie sich nicht selber durch eigene Anstrengung um ein Erkennen ihrer selbst und den Aufbau einer neuen Wissenschaft bemüht – einer Geisteswissenschaft, die dann ihren Namen verdient, weil sie von etwas Realem spricht. Ohne diese Wissenschaft wirken die „Akteure“ der geistigen Welt aus dem „Geheimen“, Unterbewussten, durch Natur- und Menschheitskatastrophen.

Katastrophen

Wie kommt es zu diesen Katastrophen? Indem die Ereignisse in Natur- und Menschengeschichte zu einer Entscheidung drängen4, die dann aber nicht oder nicht angemessen durch den Menschen erfolgt und damit die „Katastrophe“5 auslöst. In unserer Zeit also lässt sich sagen: denken die Menschen nicht um und berücksichtigen sich selber als geistige Realitäten nicht, sondern schreiben alles Geschehen weiterhin sogenannten „objektiven Gesetzen“ zu, so entscheiden sie eben gegen sich selber als Welten-Mitlenker, und für diejenigen Wesen, die sich durch tote Gesetze und die daraus folgende Technologie geltend machen.

Die transhumanistischen Ideen von der Verschmelzung von Mensch und Maschine (unter „Optimierungsgesichtspunkten“), wie sie von Klaus Schwab oder Elon Musk und anderen als erstrebenswert hingestellt werden, sind ja nur eine logische Konsequenz daraus. Wenn die Menschen sich nicht dazu aufraffen können, sich selber als geistig wirksame Akteure des Weltenwerdens geltend zu machen, in vollem Umfang auch Verantwortung zu übernehmen für das, was geschieht, dann geschieht eben, was andere wollen, die geheimen Akteure und die von ihnen inspirierten Machthaber, und die Menschen bleiben weiterhin unselbständige Objekte. Das mag für den Einzelnen zunächst einfacher erscheinen, aus Furcht vor der Realität des – eigenen und fremden – Geistes. Die Katastrophen werden aber folgen. Nichts anderes sagte Rudolf Steiner voraus.

Nun dient – in der griechischen Tragödie6 jedenfalls – die Katastrophe aber einem höheren Zweck: der Reinigung der Seele von Affekten, durch Mitleid und Furcht. Der Begriff hatte umfangreiche medizinische, religiöse und kultische Aspekte. Die „Katastrophe“ war in diesem Sinne also eine Art Erziehungsmittel, indem der Zuschauer der Tragödie durch die Krise in die Katastrophe geführt wurde mit dem Ziel der Katharsis7, der Reinigung der Seele.

Krise heute

Die Krise unserer Zeit ist aber gerade eine solche, die den Zuschauer – den alltäglichen Menschen also, der sich von seinen Affekten ebenso wie von heutiger Wissenschaft oder vom Glauben an die Versprechungen kirchlicher oder anderer Heilspropheten leiten lässt – gerade zur Entscheidung zu sich selbst als Mitwirkendem der Weltgeschichte drängen will. Ohne den einzelnen, individuellen Menschen und seinen selbstgewollten Beitrag geschieht eben immer nur dasselbe: Krise, Katastrophe, Krise, Katastrophe, und so weiter, bis sich die Menschen aufschwingen – oder eben an der eigenen Entscheidungslosigkeit zugrunde gehen. Die Katharsis könnte hier das mutige Ergreifen der eigenen Mitwirkung in der Weltentragödie8 erwirken, mit dem Ziel, das (ja auch sehr bequeme) Zuschauerdasein des Menschen zu beenden und ihn selbstbewusst in seine Verantwortung für die Zukunft eintreten zu lassen.

Das dauert viel zu lange, höre ich schon die Einwände, bis alle oder genügend viele Menschen davon überzeugt sind, ist die Erde schon x Mal am Ende. Das mag ja sein. Aber müssen den überhaupt erst alle, überhaupt sehr viele Menschen davon überzeugt sein? Reichen – im Hinblick auf das Geistwesen Mensch – nicht auch wenige Entschlossene? Haben wir es denn überhaupt einmal ernsthaft versucht? Oder haben wir immer darauf verzichtet – weil es ja zu lange dauert, und wir dann einfach immer so weitergemacht haben wie bisher? Aber: folgt die nächste Krise, die nächste Katastrophe dann nicht auf dem Fuß? Wann werden wir uns entschließen zu verstehen, und die Katastrophe zur Katharsis zu nutzen? Und dann aus uns, aus unserem Denken eine Geisteswissenschaft aufzubauen, die uns ein Zusammenleben mit den Entwicklungsfragen von Erde, Mensch und Menschheit ermöglicht?

© Stefan Carl em Huisken 2021

1Die Hinweise Steiners sind derartig viele, dass sich eine irgendwie verantwortbare Auswahl hier verbietet; man suche bei Steiner nach, und man wird fündig werden.

2vgl. z.B. Kant, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft. – In: Kants Werke, Bd. IV, Berlin, 1968

3Genaueres lese man nach z.B. in Steiner, Rudolf: Die Philosophie der Freiheit, – Dornach, 1973. Einen Versuch der Darlegung für unsere Zeit habe ich gemacht in: em Huisken, Stefan Carl: Wahnsinn und Denken. Der Kampf um den Menschen. – Borchen, 2021, erhältlich z.B. über www.emhuisken.de/shop

4das griechische Wort „Krisís“ bedeutete etwa „Urteil“ oder „Entscheidung“

5aus griechisch „Katastrophé“ – „Umwendung“, „Niedergang“)

6„Im Kontext der Tragödie bedeutet „tragisch“ im Gegensatz zur Alltagssprache aber nicht, dass etwas sehr traurig ist, sondern dass jemand aus einer hohen Stellung „schuldlos schuldig“ wird und damit den Sturz über eine große „Fallhöhe“ … erlebt …“ (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Tragödie)

7griechisch „Kátharsis“ – „Reinigung“

8Lessing sah in der göttlichen Offenbarung ein Mittel zur Erziehung des Menschengeschlechts, vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Erziehung_des_Menschengeschlechts

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