Was können wir in der gegenwärtigen Krise tun?

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Was muss vorab bedacht werden?

Derartige Fragen wie die im Titel dieser Darstellung formulierte stellen sich derzeit wohl viele Menschen. Sehr häufig erwächst aus solchen Fragen die niederschmetternde Einsicht in die weitreichende Ohnmacht des Einzelnen gegenüber den Ereignissen der äußeren Welt. Lässt man diese Einsicht für sich stehen, so kann leicht die Auffassung Platz greifen, der Niedergang und die endgültige Zerstörung von Natur und Mensch seien sowieso unabwendbar, und das einzig mögliche Tun sei darauf auszurichten, diesen Niedergang für den Einzelnen möglichst erträglich zu gestalten.

So berechtigt eine solche Auffassung angesichts der äußeren Ohnmacht erscheinen mag, so einseitig ist sie doch zu gleicher Zeit, indem sie geistige Urgründe und Ziele des Welt- und Menschenwerdens außer Acht lässt.

Der Einzelne, der eine solche Auffassung geltend macht, übersieht dabei, dass er einer heutzutage weit verbreiteten, aber nichtsdestoweniger falschen und irreführenden Methode folgt: das Ganze nämlich nur aus dem isoliert betrachteten Einzelnen erklären zu wollen1. So erfolgreich diese Methode bei der Lösung technologischer Einzelfragen auch sein mag, für das erkennende Durchdringen der großen Fragen des Menschenlebens führt sie nicht weiter. Dafür wird der Ausgangspunkt in den großen Perspektiven gesucht werden müssen, durch die aus dem Betrachten des vorliegenden Ganzen die Bedeutung des Kleinen, Einzelnen erst ihre rechte Bestimmung wird finden können.

Daher wird in dieser Darstellung scheinbar weit ausgeholt; inwieweit solches Ausgehen von geistig fassbaren Urtatsachen für das Einzelne hilfreich sein kann, mag sich dann zeigen.

Die wesentlichen Gesichtspunkte, die die Art der hier gepflogenen Darstellung prägen, insbesondere das charakterisierende Beschreiben von Wegen anstelle definierenden Feststellens, habe ich ausführlicher dargelegt in meinem Buch „Wahnsinn und Denken – der Kampf um den Menschen“2. Grundlegendes findet sich auch in meinem im Internet veröffentlichten Artikel „Der individuelle Mensch als Ausdruck und Bedingung einer geistigen Welt”3. Wer es also zunächst schwer hat mit der folgenden Ausarbeitung, sei auf diese Veröffentlichungen verwiesen.

Wie erlebte der „Urmensch“ seine Einheit mit der Welt?

Der Schein der Welt, der durch die Sinne in die Seele dringt, war wesentlich unschärfer, unklarer und zeigte unmittelbar seinen Schein-Charakter, da das zugrundeliegende Geistige, das ja im Menschen und in der Welt ein Einheitliches ist, noch unmittelbar erlebt werden konnte. Je weiter die Zeit zurückverfolgt wird, desto klarer stand dieses Geistige fest im Bewusstsein des sich entwickelnden Menschen. Innen und Außen waren nicht geschieden wie im heutigen Menschen; er erlebte klar in der Seele die Wahrheit des Geistigen, das dem noch viel weniger mächtigen Sinnenschein zugrunde lag. Der Schein der Sinne war nur der Anlass dafür, dass der Mensch nach und nach seine eigene individuelle Person vom allgemeinen Weltensein zu unterscheiden lernte.

Je stärker der Sinnenschein sich geltend machte im Fortschreiten der Entwickelung, desto mehr verglomm das Erleben der einheitlichen, innerlichen und äußerlichen Geisteswelt. Die umgebende Welt, der der Mensch ursprünglich angehört, wurde immer mehr zum persönlich-individuellen Erleben eines bestimmten Ausschnittes der Scheinwelt, also zu einer ganz persönlichen Welt-Anschauung. Aber der Mensch wusste und weiß noch davon, dass dieser Welt eine universelle Weisheit zugrundeliegt. Die Sehnsucht danach, diese aus dem unmittelbaren Erleben herausgefallene Weisheitswelt wieder zu finden, ließ den Menschen nach Wegen zu dieser Weisheit suchen. Diese Suche hat er bis heute beibehalten, im Betreiben aller Wissenschaft.

Da das Welt-Erleben keine sichere Erlebnisgrundlage mehr bot wie in der Urzeit, in der die Wahrheit noch unmittelbares einheitliches Erleben war, blieb dem Menschen nur der Weg, im Entfalten eigener, seinem Ich innewohnender Kräfte einen neuen Ausgangspunkt für das Wiedererlangen der alten Weisheit zu suchen. Dies geschah in der schrittweisen Entwicklung des Denkens. War dies zunächst das unmittelbare innere Erleben des geistigen Weltzusammenhanges und damit Quell der Empfindung der höheren geistigen Einheit, so wurde es später bildhaft-mythologisches Beschreiben dieser einheitlichen Welt, dann Anschauung gegebener Gedanken, die aufzunehmen Aufgabe des Menschen war (noch im alten Griechenland wurde so empfunden), und schließlich das menschengemachte, von aller unmittelbar erlebten Wirklichkeit abgezogene („abstrakte“), als völlig subjektiv-innerlich erlebte Denkprodukt.

Es ist wichtig sich klar zu machen, dass dieses Abstrakte ein unschätzbarer Gewinn im Rahmen der gesamten Entwicklung von Mensch und Welt ist – wenngleich auch ein Gewinn, der mit einem hohen Risiko verbunden ist. War das Innenleben des „Urmenschen“ ein völlig vom gegebenen Werden der Welt bestimmtes, da unmittelbar an die geistigen Urgründe gebunden und aus ihnen hervorgehend, so wurde es nun frei, in die innere Betätigung des sich zunehmend von seinem Weltensein emanzipierenden Menschen eingeliedert und von diesem bestimmt. Das aus der Welt gegebene Sein des Menschen wird heute durch den Leib und seine Sinne vermittelt; das ihm eigene Innensein ist eines, das nur rein geistig erlebt werden kann. In diesem Innensein wird der Mensch und seine Betätigung im Verlauf der angedeuteten Entwicklung also mehr und mehr selbständiges Geistwesen, das sich vom leibgebundenen Erleben frei machen kann.

Versteht und vollzieht der Mensch diese Loslösung vom gegebenen, einst geistig unmittelbar und heute nur durch den Sinnenschein erlebbaren Weltensein nicht, bindet er also sein eigenes Leben weiterhin an das ihm durch die Welt Gegebene, so kann er nur zum experimentierenden und theoretisierenden Anhängsel einer sich ansonsten entwicklungslos durch den Menschen reproduzierenden abstrakten Scheinwelt werden. Sein abstrakter Verstand kann die gestaltenden geistigen Kräfte der Welt nicht erfassen und muss sich darum auf das Interpretieren der äußeren Sinneswelt verlegen; diese ist aber nur ein solcher Teil des Weltganzen, der lebendige Kräfte und geistig-seelischen Entwicklungsanstöße nicht offenbart, also ins Physische hinein fest wird, abstirbt, genau wie das abstrakte, feststellende Denken, das der innere Spiegel dieser absterbenden Welt ist. Ohne das Loslösen von der gegebenen Welt, das in einem ersten Schritt gerade im abstrakten und daher vollständig dematerialisierten, rein geistigen Denken gegeben ist, kann also nur zunehmende Herrschaft des Toten erwartet werden.

Darin liegt das Risiko der Selbständigkeit des Menschen im Denken. Es führt aber nur dann in den allgemeinen Tod im Physisch-Automatischen, wenn der Mensch sich nicht aufschwingen kann zum Anerkennen seiner eigenen, im Geiste selbständigen Existenz, die einerseits sich dem Gegenüberstehen der physisch-sinnlichen Welt verdankt, seinen eigenen Urgrund also in ihr sehen muss, andererseits aber dadurch vor der Aufgabe steht, aus seiner eigenen inneren Tätigkeit die Welt seiner eigenen Entstehung – und damit sich selbst – neu hervorgehen zu lassen. Was er selbst aus der ursprünglich erlebten Geisteswelt heraus einst geworden ist, war nicht frei. Aus seiner Freiheit geht aber nun wiederum eine neue Welt hervor, die Welt der Zukunft. Diese ist davon abhängig, wie der Mensch sie erschafft: als automatisches Anhängsel einer absterbenden Sinneswelt, oder als freies Geistesprodukt des aus sich selber schaffenden Menschenwesens.

Was bedeutet dies für uns heute?

Unser heutiger Wissenschaftsbetrieb hat sich in weiten Teilen bereits von aller exakten Beobachtung sinnlich gegebener Tatsachen – und damit den Resten der uralten Weisheit – abgekoppelt. Man geht verstärkt dazu über, sich durch automatisierte Denkmodelle (in Form von Computer-Simulationen) ausrechnen zu lassen, was aufgrund der vorher ausgewählten und in das Modell eingeführten Voraussetzungen geschehen wird, und richtet sein Handeln dann aufgrund dieser Berechnungen ein, indem man sie als vorausgesagte Wirklichkeit behandelt. Was also gerade die Naturwissenschaft groß gemacht hat, nämlich die genaue Wahrnehmung des sinnlich Gegebenen (auch als Korrektiv für eventuelle eigene Denkfehler!), wird zunehmend als eine Art „unbequemes Dazwischenreden der Natur (oder der Wirklichkeit allgemein)“ unberücksichtigt gelassen in dem Glauben, alle aufkommenden Probleme auf technologischem Wege lösen zu können

Wer aber den Geist der Natur ebenso wie den Menschengeist unberücksichtigt lässt, welche beide doch der Einheit des Welt- und Menschenwerdens zugrundeliegen, kann die aufkommenden Probleme gar nicht lösen. Denn sie entstammen gerade den unerkannten, unverstandenen Vorgängen des Lebens in der Geist- und Seelenwelt.

Derzeit erleben wir, wie sich die Verleugnung des Geistes (durch den Menschengeist!) immer machtvoller darin versucht, alle Äußerungen eigenständigen Lebens zu unterdrücken und dem technologischen Zwang unterzuordnen. Was für den Urmenschen unmittelbar lebensvoll selbstverständlich war – das Gelenktwerden von den in der Welt erscheinenden Geistwesen – soll nun durch umfassende technische Lenkung fortgesetzt werden, obwohl der Menschengeist sich längst zu größerer Freiheit entwickelt hat. Aber man will nicht auf diesen selbständigen Menschengeist vertrauen und seine Weiterentwicklung zu immer größerer Freiheit betreiben. Stattdessen machen sich die Menschen daran, das Leben in das immerwährende maschinell-technologische Überführen allen Seins in das Tote zu verwandeln.

Wie der Entwickelungsanfang es für diejenige Welt war, aus der wir hervorgegangen sind und die uns so werden ließ, wie wir jetzt sind, so ist nunmehr unser Wollen bestimmend für dasjenige, was in die Zukunft hinein entstehen kann. Die Freiheit wurde uns geschenkt. Wie wir sie verwenden, ist unsere Sache.

Was können wir daraus erwirken?

Es ist also nun deutlich: wie die Mannigfaltigkeit in der Natur und in den menschlichen Individualitäten aus einer geistigen Ur-Einheit sich heraus entwickelte, so muss die eine, für alle gültige Zukunft entstehen durch das Wirken einer Vielheit von Individualitäten, die sich heute im Irdischen darleben. Wie die Menschenentwicklung allmählich die Einzelnen in die Freiheit entlassen hat, indem sie ihnen das unmittelbare Bewusstsein des einheitlichen Urgrundes ihres ganzen, heute in Welt- und Ich-Erleben zerfallenen Wesens nahm, so werden die Einzelnen nach Maßgabe ihrer Freiheit sich aufgerufen sehen, ihr Eigenes in die Entstehung eines neuen Ganzen einzufügen.

Dies kann nur gelingen, wenn aus dem vereinzelten, zwischen Sinnenschein und abstraktem Denken sich darlebenden Erdenmenschen eine neue Art des Geist-Erkennens entsteht. Diese Erkenntnisart muss ebenso auf der individuellen Freiheit fußen, wie die alte Erkenntnis des einheitlichen Urgrundes dem Menschen ohne sein Zutun gleichsam gottgegeben zufiel. Erkenntnis wird sich also von der Hinwendung zum Gegebenen fort und zum frei gewollten Streben hin entwickeln müssen. Kam früher aus der Erkenntnis – damals gleichsam „instinktiv“ – der Antrieb zur Tat, so folgt die zukünftige Erkenntnis erst der Realisierung des freien Erkennen-Wollens durch die Tat. Dies ist notwendige Folge der Geistverlassenheit des Menschen im Äußeren, und damit seines Freiwerdens.

Wer nicht realisiert, dass damit die Zukunft immer mehr vom konkreten Wollen jedes Einzelnen – also auch von seinem eigenen – abhängt, und immer weniger von einem wahrnehmenden Konstatieren einer vorgegebenen Wahrheit, der wird sein Seelenleben weiterhin von den Folgen äußerer Gegebenheiten abhängig machen, und diese Gegebenheiten immer weiter im technologischen Sinne zu beherrschen suchen. Diese Gegebenheiten sind aber für jeden Menschen verschieden – sein Welten-Sinnes-Schein und sein daran geknüpftes abstraktes Denken sind eben notwendig anders als bei jedem anderen Menschen. Eine gemeinsame, neue geistige Wahrheit kann so nicht entstehen, allenfalls eine Art Verabredung gemeinsamen Dafürhaltens in Bezug auf Dieses und Jenes.

Aus dem Vertrauen auf das Wirken des freien Menschengeistes in jedem Menschen geht erst ein Weg hervor, der zu einem gemeinsamen Neuen führen kann. Denn dieser Menschengeist ist doch – ungeachtet aller Entwicklungsunterschiede der einzelnen Erdenmenschen – in jedem Menschen im Grundsatz derselbe. Wo also frei wollend aus diesem Geist heraus die Menschen zusammenwirken, entsteht dieses Neue, ganz im Sinne des Worten „wirken“: wie ein Teppich aus sich verschlingenden Fäden und Fasern gewirkt wird, verbinden sich Willensimpulse und Tatenstränge der Einzelnen zu etwas Ganzem.

Es wäre nun ein Irrtum anzunehmen, dass dieses gemeinsame Wirken erst dann beginnen kann, wenn schon gänzlich frei gewordene Menschen zusammenarbeiten. Gänzlich frei wird noch lange niemand werden können, denn in der Welt jedes Einzelnen kommen ja unmittelbar oder mittelbar alle anderen vor, und solange deren Freiheit nicht erreicht ist, wird der Einzelne selber nur insoweit aus Freiheit handeln können, wie er selber diese Freiheit zu erringen in der Lage ist; die in den Anderen wirkende Freiheit oder Unfreiheit wird ihm darum Anlass genug sein, das Ringen um Freiheit in der gemeinsamen Welt nicht auf sich und seine persönlichen Angelegenheiten zu beschränken. Gänzliche Freiheit gibt es nur im Ganzen, also für Alle, mit Allen. Meine Freiheit ergibt sich erst aus der Freiheit der Anderen im gemeinsamen Vertrauen auf den gemeinsamen Geistkern.

Aber beginnen kann jeder Einzelne an dem Ort, an dem er steht. Dafür ist allerdings notwendig, dass der Einzelne sich ein zutreffendes Bild macht von der Art und den Feldern des Zusammenwirkens mit Anderen. Wie anders muss eine Zusammenarbeit gestaltet werden je nach ihren Zwecken und Zielen? In Bezug darauf sprach Rudolf Steiner von drei Gliedern des sozialen Organismus, der sich durch die an ihm mitwirkenden Menschen darlebt.4

Über diese Glieder, die im Einzelnen zu beschreiben hier zunächst nicht erforderlich ist5, da es um ganz grundsätzliche Fragen des Verständnisses geht, schrieb Rudolf Steiner 1920 in der Vorrede zum 41-80. Tausend seines Grundlagenwerkes „Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft“:

„Ebenso wahr, wie es ist, daß moderne Technik und moderner Kapitalismus unserm gesellschaftlichen Leben eigentlich in der neueren Zeit das Gepräge gegeben haben, ebenso notwendig ist es, daß diejenigen Wunden, die von dieser Seite her notwendig der menschlichen Gesellschaft geschlagen worden sind, dadurch geheilt werden, daß man den Menschen und das menschliche Gemeinschaftsleben in ein richtiges Verhältnis bringt zu den drei Gliedern dieses sozialen Organismus. Das Wirtschaftsleben hat einfach durch sich selbst in der neueren Zeit ganz bestimmte Formen angenommen. Es hat durch eine einseitige Wirksamkeit in das menschliche Leben sich besonders machtvoll hereingestellt. Die andern beiden Glieder6 des sozialen Lebens sind bisher nicht in der Lage gewesen, mit derselben Selbstverständlichkeit sich in der richtigen Weise nach ihren eigenen Gesetzen in den sozialen Organismus einzugliedern. Für sie ist es notwendig, daß der Mensch aus den oben angedeuteten Empfindungen heraus die soziale Gliederung vornimmt, jeder an seinem Orte; an dem Orte, an dem er gerade steht. Denn im Sinne derjenigen Lösungsversuche der sozialen Fragen, die hier gemeint sind, hat jeder einzelne Mensch seine soziale Aufgabe in der Gegenwart und in der nächsten Zukunft.“7

Der Einzelne, der sich in seinem Denken und äußeren Handeln an den von Steiner dargelegten Gesetzmäßigkeiten des sozialen Organismus orientiert, wirkt also bereits für deren Realisierung im allgemeinen sozialen Leben. Es ist wie mit der Freiheit: meine eigene äußere Freiheit wird nur so weit reichen, wie ich aus innerer Freiheit für diejenige Anderer zu wirken verstehe. Ebenso kann eine Gesundung des äußeren sozialen Organismus nur so weit eintreten, wie die in ihm zusammenwirkenden Einzelnen Gesetzmäßigkeiten des gesunden sozialen Organismus in ihrem Denken und Handeln realisieren.

Was kann also der Einzelne beitragen?

Aus dem Vorstehenden kann entnommen werden, dass eine lebensvolle Zukunft von Menschheit und Erde von unserer Zeit entscheidende Anstrengungen fordert, den durch und durch kranken sozialen Organismus einer Heilung zuzuführen. Ein solches Ziel an sich wird wohl weit verbreitete Zustimmung finden. Nur beginnt sofort nach dieser Zustimmung der Streit der Meinungen über den „richtigen“ Weg dorthin, und in der Folge auch über die Art der Erkrankung und über die Auffassungen davon, was überhaupt Krankheit und Gesundheit für den sozialen Organismus bedeuten.

Welche Betrachtungsweise der hier vorliegenden Darstellung zugrundeliegt, ist wohl ausreichend deutlich gemacht worden: der heutige Mensch, der in seiner Weltbetrachtung ebenso wie in seinem Seelenleben die gemeinsamen geistigen Urgründe aus dem Bewusstsein verloren hat, kann nur aus sich selbst, dem Ergreifen und Entwickeln individueller Freiheit, neue Ansatzpunkte für ein soziales Leben der Zukunft finden. Damit fügt er aber dem geistigen Gesamtleben – wenn er denn anstrebt, seine individuelle Freiheitsentwicklung auch im sozialen Leben fruchtbar zu machen – eine wesentliche Strebensrichtung ein, die Rudolf Steiner für das Geistesleben im sozialen Organismus für unverzichtbar hielt: die so genannte „Befreiung des Geisteslebens“, die Anfang und Voraussetzung für alle weitere, heilsame Neugestaltung des sozialen Organismus sein soll. Die „Befreiung des Geisteslebens“ geschieht also unmittelbar, in jeder freien Betrachtung oder Tat im alltäglichen sozialen Leben.

Hier kann man sehen, wie die Auffassung von der „Dreigliederung des sozialen Organismus“ als eines fertig ausgearbeiteten Grundsystems, das sich in einer Gesellschaft „einführen“ ließe, direkt hinderlich ist für dasjenige, worum es geht. Es fördert das notwendige Verständnis immer wieder neu, wenn man auf die ersten Worte der Vorrede Steiners zu seinen „Kernpunkten“ von 1920 hinblickt:

„Die Aufgaben, welche das soziale Leben der Gegenwart stellt, muß derjenige verkennen, der an sie mit dem Gedanken an irgendeine Utopie herantritt. Man kann aus gewissen Anschauungen und Empfindungen den Glauben haben, diese oder jene Einrichtungen, die man sich in seinen Ideen zurechtgelegt hat, müsse die Menschen beglücken; dieser Glaube kann überwältigende Überzeugungskraft annehmen; an dem, was gegenwärtig die «soziale Frage» bedeutet, kann man doch völlig vorbeireden, wenn man einen solchen Glauben geltend machen will.

Man kann heute diese Behauptung in der folgenden Art bis in das scheinbar Unsinnige treiben, und man wird doch das Richtige treffen. Man kann annehmen, irgend jemand wäre im Besitze einer vollkommenen theoretischen «Lösung» der sozialen Frage, und er könnte dennoch etwas ganz Unpraktisches glauben, wenn er der Menschheit diese von ihm ausgedachte «Lösung» anbieten wollte. Denn wir leben nicht mehr in der Zeit, in welcher man glauben soll, auf diese Art im öffentlichen Leben wirken zu können. Die Seelenverfassung der Menschen ist nicht so, daß sie für das öffentliche Leben etwa einmal sagen könnten: Da seht einen, der versteht, welche sozialen Einrichtungen nötig sind; wie er es meint, so wollen wir es machen.

In dieser Art wollen die Menschen Ideen über das soziale Leben gar nicht an sich herankommen lassen.“8

Ganz im Sinne dieser Worte Rudolf Steiners will die in diesem Aufsatz verfolgte Betrachtungsweise darauf aufmerksam machen, dass der soziale Organismus ja gerade aus demjenigen besteht und sich entwickelt, was die Einzelnen aus ihren Erlebnismöglichkeiten heraus in ihn hineintragen. Im Seelenleben des Einzelnen wird sich die Freiheit gerade so weit geltend machen können, wie er sie aus dem Verständnis seiner Situation im Ganzen der Entwicklung von Mensch und Welt heraus erringen kann und will.

Es gibt also gar nicht die „endgültige Lösung“, die dann – einmal installiert – das Menschenleben auf der Erde zu einem dauerhaft glücklichen machen kann. Vielmehr lebt im sozialen Organismus so viel Gesundes, wie die Einzelnen an unvoreingenommener Anschauung dieses Gesunden und an Verständnis für die vorhandenen krankhaften Abweichungen davon in das soziale Leben hineintragen. Damit ist jeder Einzelne aufgerufen, sich von den „ehernen Banden dunkler Vergangenheit“9 zu lösen und die Anschauung des freien Menschen zur Richtschnur des eigenen Sinnens und Handelns zu machen.

So kann jeder sofort beginnen, an dem Orte, an dem er steht. Notwendig ist nur, sich zunächst eine unvoreingenommene Anschauung der sozialen Tatsachen zu verschaffen, in Achtung vor dem freien Menschengeist, unabhängig von bestimmten ideologischen Eingrenzungen und ängstlicher „Torschlusspanik“, die das einzig mögliche Heil in sofortigen technologischen Maßnahmen aufgrund dieser oder jener ideologischen Richtung sehen muss. Ein solcher Weg hat uns an einen Abgrund geführt, vor dem wir nun stehen, die ganze Menschheit in einem Boot. Diesen Abgrund können wir nur überwinden im Vertrauen in den geistig gesunden Kern des Menschen, den jeder Einzelne in sich – frei – finden kann.

© Stefan Carl em Huisken 2021

1Diese Methode feiert ja gerade in unserer Zeit einen Sieg nach dem anderen. Man erklärt zum Beispiel die zur Zeit global gehäuft auftretende Atemwegserkrankung fast ausschließlich aus der Untersuchung von Kleinstlebewesen und den von ihnen ausgehenden Wirkungen. Der Mitbegründer der heutigen Mikrobiologie und entscheidende Förderer des Impfwesens Louis Pasteur hing lange Zeit der Auffassung an, das Entscheidende bei solchen Erkrankungen seien eben die „Erreger“ genannten Kleinstlebewesen. Erst auf dem Sterbebett erkannte er an, dass für die Wirkungsmöglichkeiten solcher Mikroorganismen das „Milieu“, also die Gesamtverfassung des erkrankenden Organismus’ entscheidend sei, mithin also die eigentlichen Krankheitsursachen im gesamten Umfeld gesucht werden müssen, und nicht in den dann auch auftretenden Mikroorganismen.

2Stefan Carl em Huisken: Wahnsinn und Denken – Der Kampf um den Menschen. – Borchen: Ch. Möllmann, 2021. ISBN 978-3-89979-335-2. Bestellbar im Buchhandel und über www.emhuisken.de/shop

3vgl. https://emhuisken.de/der-individuelle-mensch-als-ausdruck-und-bedingung-einer-geistigen-welt/

4Insbesondere legte Rudolf Steiner seine diesbezüglichen Hinweise in seinem Buch „Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft” dar, das seit der Erstveröffentlichung im Jahre 1919 zahlreiche Neuauflagen erlebt hat. Dieses Buch ist vielfach so verstanden worden, als konzipiere Rudolf Steiner damit eine Gesellschaftsorganisation der Zukunft, die man dann – auf welchen Wegen auch immer – „einführen“ könne als Ersatz für die derzeitigen, mangelhaften gesellschaftlichen Systeme. Wer das Buch genau liest, wird feststellen können, dass von einer solchen Vorstellung bei Steiner keine Rede ist. Steiner beschreibt, was ist, aber durch das Unverständnis der Zeitgenossen schwer krank, und er weist mögliche Wege zur Gesundung.

5In späteren Artikeln soll auf Einzelheiten eingegangen werden.

6Rudolf Steiner nennt sie Geistesleben und Rechtsleben.

7Rudolf Steiner: Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft. GA 23. – Dornach, 1976. S. 63f

8a.a.O., S. 7

9ein Ausdruck, der Goethe zugeschrieben wird, vgl. www.emhuisken.de/geisteswissenschaft

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