Der individuelle Mensch als Ausdruck und Bedingung einer geistigen Welt

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Ausgehen vom Kleinsten

Es liegt im Charakter unserer Zeit, alles, was ist, auch das Größte, Umfassendste aus dem Kleinsten, Isoliertesten erklären zu wollen. Wie der unendliche Kosmus verständlich werden soll durch die Betrachtung kleinster Teile der Materie, der Atome, Quarks, Quanten, oder wie diese Grundelemente allen Seins auch sonst genannt werden mögen, so müht man sich, ein Verständnis für die menschliche Gesellschaft als Ganzes einschließlich ihrer Entwicklungsproesse aus der Untersuchung des einzelnen Menschen zu gewinnen, seiner Bestandteile und Erfordernisse.

Darin liegt ein berechtigter Impuls; steht uns doch sowohl für den Kosmos als auch für das Menschenwerden zunächst kein großer, umfassender Zusammenhang vor Augen, der uns das Einzelne, Kleine erklärlich machen würde. Und wo der Versuch gemacht wird, ein solches Allumfassendes zu erkennen, muss eingestanden werden, dass solche Versuche erst einmal unvollkommenes Menschenwerk sind, mehr oder weniger nachvollziehbar begründete Spekulation, oder – wie man es etwas freundlicher zu nennen pflegt – Theorien1.

Wer sich heutzutage zu einem Urteil aufschwingen will über den Wahrheits-Gehalt von Theorien über den Kosmos, die Erde und den Menschen, wird daher nach einem festen Punkt suchen müssen, an dem er sein Urteil ausrichten will. Die gängigen Theorien selbst werden ihm dabei wenig helfen können, denn gerade sie sind es ja, die geprüft werden sollen.

Maßstab zur Prüfung

Man kann leicht einsehen, dass ein solches Unterfangen, der Versuch also, ein Maß für die Wahrheit schlechthin ausfindig zu machen, erst einmal ziemlich hoffnungslos erscheinen muss. Denn ein solches Maß müsste eben nicht theoretisch – also vom Menschen durch Kombination einzelner Elemente zusammengestellt – sondern im Gegebenen auffindbar sein, wenn es gültig sein sollte. Gleichzeitig müsste es aber Gedankencharakter haben, wenn die theoretischen Gedankengebäude heutiger Welterklärungen daran gemessen werden sollen. Es müsste dies also etwas sein, was zugleich menschengemachter Gedanke und Wahrnehmung einer gegebenen Tatsache wäre.

Das menschliche Denken kann sich aber aufschwingen zu solcher gleichsam göttlichen Erkenntnis. Es kann in sich selbst, dem tätigen Schaffen von Gedankengebilden also, eine Tatsache bemerken, die ihm als Gegebenes vorliegt: seine eigene tätige Anwesenheit. Diese ist aber nur insoweit und solange vorhanden, wie sie sich selbst erschafft durch den denkenden Menschen. Nur solange das Denken also sich selbst als Gedanken im Menschen erschafft, insofern es also menschengemachter Gedanke wird, ist es als Tatsache gegeben.

Das Individuellste des Menschen, sein eigenes Denken, ist dadurch zugleich der universellste göttliche Funke, der sich im menschlichen Seelenleben zeigen kann. Nur durch sich selbst kann es erkannt werden; nichts außer ihm selbst ist zu seiner Erkenntnis nötig. Im Denken können wir darum das Maß erkennen, das seine Wahrheit durch sich selbst erweisen kann. Was in derselben Weise wie das Denken selbst seinen Urgrund in sich trägt, kann darum auch von jedem Menschen in gleicher Art als wahr erkannt werden.

Welterkenntnis

Was kann diese Einsicht nun für das Erkennen der Welt leisten, das doch in unserer Zeit kaum über das Aufstellen von erspekulierten komplizierten Theorien hinauskommen will? – Die Antwort liegt auf der Hand: sie gibt uns das Handwerkszeug für die Beurteilung des Wahrheitsgehaltes solcher Theorien. Dort, wo eine Theorie sich selbst als Tatsache einschließt, zeigt sie ihre Wahrheit auf. Sie muss ihre eigene Erklärung bereits in ihrem Entstehungsmoment hervorbringen, dann ist sie wahr.

Dies können die in der heutigen Öffentlichkeit vorherrschenden Welterklärungen nicht. Eine Erklärung zum Beispiel, die von der Annahme ausgeht, das Universum sei durch eine Art „Urknall“ aus einem irgendwie vorhandenen materiellen oder energetischen Weltentstehungspunkt auseinandergetrieben worden, kann weder das Vorhandensein dieses Entstehungspunktes noch ihr eigenes Auftreten im Rahmen des Gesamt-Entwicklungsprozesses erklären, schließt also sich selbst und ihren Entstehungsgrund nicht ein. Die Frage, warum eine nach dieser Theorie funktionierende Welt gerade zu dieser Theorie über sich selbst kommen sollte, bleibt unbeantwortet. Im Sinne des oben aufgezeigten, im Denken auffindbaren Maßstabes ist eine von dieser Annahme eines „Urknalles“ ausgehende Welterklärung also nicht wahr; sie trägt sich nicht selbst.

Ein anderes ist es mit dem Gedanken, ein allumfassendes Geistig-Göttliches habe die Weltentwicklung hervorgerufen, um durch diese sich selbst als Tatsache erst hervorzubringen. Ein solcher geistig-göttlicher Urgrund wäre dann genötigt, innerhalb dieser Weltentwicklung ein Wesen hervorzubringen, das in sich selbst, ohne weitere Hilfe des in ihm schaffenden Göttlichen selbst und in der Verleugnung dieses Göttlichen, in der Lage wäre, das Wesen des schaffenden Gottes hervor und zur Wirkung zu bringen.

Menschenerkenntnis

Wie oben gezeigt, kann der Mensch im Denken sich selbst als eben dieses, durch die Weltentwicklung geschaffene Wesen erkennen. Der Gang der Weltentwicklung hätte dann in sich seinen eigenen Ausgangspunkt in der Erkenntnis hervorgebracht, ebenso wie seine Gegenwart und Zukunft. Die Aufgabe des MENSCHEN läge dann darin, aus sich selbst eine Zukunft hervorzubringen, die die Vergangenheit erst ergründen kann.

Auf diesen Charakter von Kosmos, Erde und Mensch, gleichsam in einer Art „Hohlform“ gedacht, weist auch die Goethe zugeschriebene Formulierung hin:

Doch was soll’s? – Das offenbar Geheimnis ist’s,
in dem ein jeder schon, kindlichen Gemüts;
sein Leben lang sich selbst benennt.
Der von Ewigkeit zu Ewigkeit sich selbst Produzierende ist’s,
der noch keinen Namen hat, – es sei denn einmal unsern eigenen.“

Damit ist aber auch ein Ausgangspunkt gefunden, von dem aus wahre Erklärungen für die Vorgänge gesucht werden können, die die Welt und die Menschheit in unserer Zeit in Anspruch nehmen. Es ist im Aller-allerkleinsten, im selbstbewussten Denken, im Geiste also, das überhaupt keine feststellbare „Größe“ hat, noch weniger als Null sozusagen, diejenige Tatsache gefunden, die aus dem Größten heraus – dem Kosmos – den Träger dieses Kleinsten erst hervorgebracht hat: den seines denkenden Ich bewusst werdenden Menschen.

Eine Wissenschaft, die dort wurzelt, von wo aus sie sich selbst erklären kann – im Geiste nämlich, im Denken – eine wahre Geisteswissenschaft und eine Wissenschaft vom Denken also – wird auch in der Lage sein, wahre Welterklärungen zu geben, die dann jede aus individueller Willkür geborene Meinung zu entkräften in der Lage sind.

Menschheitsfrage

Von dem so gewonnenen Gesichtspunkt aus: welche Bedeutung und Aufgabe kann dann in der augenblicklichen Situation der Menschheit gesehen werden? Mit allen Mitteln äußerer Macht werden die Menschen weltweit in eine zunehmende Vereinzelung gezwungen, das äußerliche, materiell messbare „Funktionieren“ des menschlichen Leibes zum Maß aller Dinge erklärt, und auf diesem Wege letztlich darauf hin gearbeitet, die in sich unwahren Theorien über den rein materiellen Ursprung von Kosmos, Erde und Mensch („Urknall-Theorie“) zum alleinigen Maßstab des Denkens und Handelns zu machen.

Von solch einem Gesichtspunkt aus ist der Mensch sein Leib, und alle anderen Aspekte des Lebens sind daher dem Aufrechterhalten der äußerlich messbaren Funktion des Leibes unterzuordnen. Ohne Leib – so ergibt sich aus dieser Denkweise – kann der Mensch gar nicht mehr erleben, ist gar nicht vorhanden, darum ist die Erhaltung des leiblichen Daseins Grundvoraussetzung für alles, und dieses leibliche Dasein muss mit allen Mitteln so lange wie möglich aufrecht erhalten werden, zur Not auch durch Auferlegung von Leid. Denn dadurch ist dann immer noch ein Erleben von Irgendetwas möglich, vielleicht irgendwann dann auch wieder von Lust. Ohne den Leib kann aber gar nichts mehr erlebt werden nach dieser Denkweise, und die Chance auf lustvolle Erlebnisse ist auch nicht mehr gegeben. Darum ist dann jede Lebensverlängerung „gut“.

Man sieht, worauf das zielt: die mit äußeren Mitteln erzwungene Unsterblichkeit des menschlichen Daseins im Leib. Ist ein solches Wesen denn aber noch im vollen Umfang als Mensch anzusehen? Ist es nicht gerade durch die übermächtigen äußeren Maßnahmen seiner Menschlichkeit beraubt? Denn die Denkweise, aus der solche Zielsetzungen und Strebensrichtungen hervorgehen, ist eine durch und durch unwahre, wie gezeigt wurde, eine solche Denkweise also, die sich selber nicht erklären kann.

Vor welcher Frage steht die Menschheit, wenn auf diese Weise, durch das Erzwingen leiblichen Daseins ohne Berücksichtigung des wahren Menschen, der sich selber als Glied der kosmischen Entwicklung erkennen kann, wenn also durch dieses Erzwingen äußeren Daseins dem Menschen die wahre Menschlichkeit ausgetrieben werden soll?

Raum und Geist

Rudolf Steiner hat zur Genüge darauf hingewiesen, dass kommen wird, was dem Weltenwerden nötig ist. Wie es kommen wird, hängt allerdings davon ab, wie sich die Menschheit dazu stellen kann. Wo aus eigenem Wollen Wege zur Wahrheit eingeschlagen werden und die Menschen sich frei als verantwortliche Mitschöpfer in den Weltprozess stellen, da wird es möglich sein, durch inneres, freies Überwinden die äußere Not zu wenden, auf diese Weise also das Not-Wendige zu leisten. Wo das eigene Wollen aber weiterhin am Sein im einzelnen Leib hängt, dadurch seine Gesichtspunkte auf die Bedingungen des Seinserhaltes für diesen vereinzelten Menschen im Leib begrenzt, dort wird die äußere Not die Einordnung in die dann von Außen vorgegebene, allgemein-menschliche und damit übergeordnete Entwicklungsrichtung erzwingen.

Im Außen gilt das Gesetz des Raumes: wo eines ist, kann das andere nicht sein. Was sich also erhalten will, muss Macht ausüben über das Fremde, um sich selber zu erhalten. Aller Streit, alle Kriege, alle Spaltung und Zerstörung hat dort ihren Ursprung: in der unwahren Auffassung, die äußere, lichterhellte Sinnes-Welt sei die einzige Wirklichkeit.

Im Innern gilt das andere Gesetz: das der Durchdringung, wo der eine Gedanke den anderen aus sich hervorgehen lassen kann, weil der dessen Keim bereits in sich trug. Das im Denken fassbare Wahrheitskriterium ist ein zutiefst innerliches; auf seiner Grundlage kann im Prinzip jeder Vorgang der inneren und äußeren Entwicklung erfasst werden. Denn die Weltentwicklung als ganze ist bereits im Entstehungspunkt des Denkens als universelle Tatsache enthalten. Sie kann daher durch fortgesetztes forschendes Denken in der Wahrheit auch bis in alle Einzelheiten dort gefunden und erklärt werden.

Zersplitterung und Ganzheit

Wo also der Mensch durch übermächtigen äußeren Zwang in die Vereinzelung im äußeren leiblichen Dasein getrieben werden soll, ist ihm gerade die Pflege der Gemeinsamkeit im Geiste der Wahrheit die wichtigste Not-Wendigkeit. Wer das ewige Leben sucht, kann es finden: im ewigen Geistkern des Menschen, den jeder in seinem denkenden Ich in sich trägt. Dieser Kern ist ewig, und einig mit allen anderen; der Leib dagegen endlich, dem Werden und Vergehen ausgeliefert.

Ohne die Not der Vereinzelung aber kann der Mensch, der noch immer am Gewordenen hängt, der meint, sein eigenes möglichst angenehmes Sein zu sichern sei Aufgabe der Welt um ihn herum, also der Anderen, – ohne diese Not der Vereinzelung zu erleben, kann er nicht darauf kommen, dass diese sich entwickelnde Welt, die ihn erst schuf und nun zwingt, eben nicht sein persönliches Eigentum zur willkürlichen Verfügung ist, gemacht, um ihn zu unterhalten, sondern Entstehungsgrund und Ziel der Menschheit insgesamt.

Aus der Welt heraus entstand der Mensch, wurde in die Vereinzelung geworfen. Diese „Schöpferwelt“ um- und neu zu schaffen als allen gemeinsame, neue „Menschenwelt“ ist die Aufgabe des individuellen Menschen. Ohne den sie erkennenden Menschen existiert keine geistige Welt, überhaupt keine wie auch immer geartete „Welt“, auch nicht diejenige, die ihn hervorbrachte. Ohne den Menschen ist überhaupt niemand vorhanden, der Existenz oder Nichtexistenz von irgendetwas feststellen könnte. Die von jedem persönlichen Menschen erlebte Welt, einschließlich der darin vorkommenden anderen Menschen, fordert darum auch eine angemessene Behandlung, nämlich aus dem Geiste der Wahrheit heraus.

Es klingt dies ein bisschen nach der Redeweise des Goetheschen „Erlkönigs“: „Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt“. Aber das ist dann nur die gespiegelte Gewalt, die der einzelne anzuwenden bereit ist, um für sich persönlich daraus etwas zu gewinnen und die Welt seinen Gesetzen dienstbar zu machen. Wo das veräußerlichte Leben im Glauben an die Alleingültigkeit des sinnlich-physischen Daseins seine eigene Begrenztheit nicht sehen will, lebt es in einer Illusion, also einer Unwahrheit, und versucht, das endliche irdische Leben zur Ewigkeit zu machen. Die gesuchte Ewigkeit findet sich aber erst dort, wo dieses begrenzte Sein beginnt, sich selbst als ein solches ewig zu erkennen.

© Stefan Carl em Huisken 2021
auch veröffentlich in „DIE LAHNUNG – Mitteilungen für individuelle Entwicklung und Lebenskunde”, Nr. 4, Januar 2021

1Die ursprüngliche Bedeutung des griechischen Wortes ,Theoria’ = ,das Beschaute’ zeigt, dass der heute wie selbstverständlich als selbsterdacht, also menschengemachte Charakter theoretischer Welterklärungen für die alten Griechen nicht gleichermaßen angenommen werden kann. Man erschaute in den theoretischen Gedankengebilden die Erklärungen der vorgefundenen Welterscheinungen. Die Erklärung erlebte man also gleichermaßen als gegeben wie die Erscheinung selbst.

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