Janko van’t Holt – Leseprobe

Janko van't Holt - UmschlagLangsam nur fand sich Janko hinein in die helle Welt um ihn her, als er aus diesem Schlaf erwachte. Zu lange hatten seine Augen das Licht vermissen müssen, das ihnen doch ganz allein ihren Sinn geben konnte. Eine ganze Weile brauchte Janko auch, um sich selber ins rechte Gleichgewicht zu bringen zwischen dem hellen Tag um ihn her und dem tief dunklen Abgrund der Nacht in sich. Freilich, schon immer hatte er sie in sich getragen, die Nacht. Aber er hatte es nicht gewusst. Darum hatte er auch selber nichts dazu tun müssen um den hellen Tag draußen und die schwarze Nacht drinnen ins rechte Verhältnis zu setzen. Jetzt wusste er davon, und das war ganz etwas anderes. Schließlich gelang es ihm doch. Und was er schon immer gekonnt hatte, nämlich mit allen Wesen der Welt zu sprechen, das lebte nun noch tiefer in ihm, denn nun wusste er auch, wie ein jedes Wesen sich ausnahm im dunkel-hellen Bereich der Nacht.

Nach und nach fiel ihm alles wieder ein, was er erlebt hatte. Die ganze Fülle stieg in ihm auf, alles, was er getan hatte, um seine Frage zu beantworten: Wie kann den Wesen der Welt in ihrem Leid geholfen werden? Er hatte gemeint, einer Antwort immer näher zu kommen, und doch war seine Frage nur immer größer und mächtiger geworden. Aber jetzt hatte er einen Gefährten bei seiner Suche, mit dem er sich ganz Eines wusste: Die Nacht in sich mit allem Leben, das sie in sich trug.

Was haben wir gelacht, liebe Nacht!“ sprach er in sich hinein, „Und ich weiß doch immer noch nicht warum! Kannst du mir nicht wenigstens einen ganz kleinen Hinweis geben?“

Nun,“ sprach die Nacht, „das Lachen hat dich endlich wieder in die Welt gebracht, dahin, wo du nun einmal deinen Weg erobern musst. Und in der Welt: wer macht dort aus den Dreien Eins? Wer trägt den Löwen und den Adler und die Kuh in sich?“

Na, das bist du, die Nacht!“ antwortete Janko, mit dem Erfolg, dass die Nacht schon wieder begann zu kichern.

Aber ich,“ kicherte die Nacht, „ich bin doch nicht in der hellen Welt!“

Wie Schuppen fiel es da Janko von den Augen: Ja natürlich, er selbst war es, der aus den Dreien erst ein Ganzes macht, denn er war durch die Nacht mit ihnen Eins geworden.

Ihr Wesen der Nacht habt aber auch Rätsel auf Lager!“ lachte er der Nacht entgegen, „es ist manchmal gänzlich zum Verzweifeln!“.

Rüstig schritt Janko nun vom Fuß des Berges fort, um den Führer noch einmal auf zu suchen, der ihm nun schon zweimal den Weg gewiesen hatte. Bald erreichte er das Dorf am Fuße des Gebirges und fand richtig auch den Führer dort vor seiner Hütte vor.

Da bist du ja!“ sprach dieser, als habe er Janko schon erwartet. „Weißt du denn nun, wohin dein Weg dich führen wird?“

Ich weiß wohl, dass ich bald nach Haus und zu Marie und meiner Mutter reise.“ antwortete Janko. „Doch ganz scheint mir mein Plan noch nicht gereift. Die Drei – der Mut, die Weisheit und die Lebensruhe, sie werden nur ein Ganzes dort, wo ich auch bin. Doch wie kann ich nun Sorge tragen, dass die drei und alle andern Wesen mit dem Wissen von dem Ganzen auch die dunklen Zeiten überdauern? Die Zeiten, in denen niemand sie noch kennen will?“

Nun,“ sprach der Führer, „so will ich noch ein drittes Mal den Weg dir weisen. Doch sage erst mir noch, wie es geschehen konnte, dass wir uns begegnen?“

Das ist leicht!“ lachte Janko. „Ich trug die Nacht schon immer unerkannt in mir, und sie ist jedem Wesen eins, das irgendwo nur leben kann. So warst auch du in ihr – in mir – und führtest meinen Schritt zu deiner Hütte.“

Bravo!“ rief der Führer. „Dann wirst du ganz gewiss auch selbst schon wissen, auf welchen Weg ich dich nun weisen werde!“

Und da war es wieder, das Gefühl in Janko, dass er eigentlich schon wusste, was zu tun sei, aber – es nicht fassen konnte. Genau so wie zuvor, als dann das große Gelächter ausgebrochen war, das ihn der hellen Welt zurück gegeben hatte. Fast wollte der Mut ihm sinken – fast! Aber schon sprach der Führer:

Doch damit du deinen Weg auch fassen kannst, will ich dir helfen! Wer fasst denn alle Wesen in ein Ganzes, und weiß auch noch davon?“

Das bin ja ich!“ rief Janko, und ergänzte: „Ob es noch einen andern gibt, kann ich nicht wissen.“

Nun denn, wovon die Menschen gar nichts wissen, das können sie auch schwerlich ganz zerstören. Und wenn der eine, den es gibt, mit allem Leben sich fort macht in die Nacht, die jeder Mensch schon in sich trägt und doch nichts weiß davon, so bleibt das Ganze und das Wissen doch am Leben.“

Doch wie soll dann die Welt einmal erneut davon erfahren?“

Dazu braucht es nur einen kleinen Ort, den finden kann, wer es aus seinem Herzen wirklich will. Auch du hast schließlich mich gefunden durch den Ruf in deinem Herzen. Bis dahin brauchst du alle drei: den Mut, die Weisheit, und zum Schluss vor allem Lebensruhe. Doch die sind nun schon unzertrennlich deine Freunde. Grüß deinen Wald, von mir, in dir! Wir werden uns zur rechten Zeit erneut begegnen.“

Und mit diesen Worten trat der Führer in seine Hütte, die sich im nächsten Augenblick auflöste, als hätte es sie nie gegeben. Aber jetzt brauchte Janko auch keinen Führer mehr. Sein Plan war klar.

 

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