Rungards Rose – Leseprobe

eine zauberhafte Geschichte von Carl em Huisken

Weit entfernt von allen Ländern, die wir gewöhnlich zu unserer Welt zu zählen gewohnt sind, vor Urzeiten und doch so vertraut, dass man meinen könnte, es sei vorgestern gewesen, an einem Ort, von dem nie­mand wusste, und an dem jedermann doch schon einmal gewesen zu sein schien, kurzum: an einem unbekannten Ort mitten unter uns wuchs Rungard auf, vielleicht eine Königstochter, jedenfalls in einem Schloss, umgeben von herrlichen Gärten, deren schönster der Rosengarten war, den Rungard besonders liebte. In der Mitte dieses Gartens wuchs eine Rose, größer und schöner als alle anderen umher, eine Rose, deren An­blick niemand je vergessen konnte, der sie einmal besucht hatte. Die Nähe dieser Rose liebte Rungard besonders, und jeden Tag sah man sie entwe­der verträumt in den Anblick versunken oder geschäftig hier und da etwas herrichten, damit es der Rose auch gut ergehe.

Frei und ungebunden verlebte Rungard hier ihre Kinderzeit, umge­ben von den zahlreichen überaus freundlichen Bedienten ihrer Eltern, unter deren aufmerksamer Obhut sie schön und kräftig heran­wuchs. Eine einzige Regel hatte sie zu beherzigen: einen einsamen Bergpfad durfte sie nicht betreten. Dort sei oft ein einsamer Wanderer anzutreffen, hatte man ihr erklärt, und der habe ein besonderes Buch. Wenn Rungard ihm begeg­nete und in sein Buch schaute, sollte ihr wunderbares Leben im Schloss vorbei sein. „Darum warte, bis es Zeit ist!“ hatten ihre Eltern sie ermahnt. Nun, warum sollte sie dies Gebot missachten? Es gab gar keinen Grund, so viele wunderbare Erlebnisse warteten auf Rungard in Schloss und Garten, dass sie gar nicht auf die Idee kam, den Weg zu betreten. Leicht fiel ihr die Beachtung dieser Regel, wenn sie überhaupt hin und wieder daran dachte. Der Bergpfad war für Rungard eigentlich gar nicht vorhan­den, so schien es.

Eines Tages ging Rungard ganz nach ihrer Gewohnheit in den herr­lichen Ländereien spazieren, und als sie an der Einmündung des verbotenen Weges vorbeikam, mied sie ihn folgsam. Rund um den Fuß des Berges lief sie, folgte Bienen, Schmetterlingen und kleinen Vögeln und vergnügte sich mit ihnen. Ein besonders großer, rotbunter Schmetterling hatte es ihr am meisten angetan, und sie folgte ihm hierhin und dorthin, konnte sich gar nicht satt sehen an den Ornamenten seiner Flügel­zeich­nung und vergaß dabei alles andere um sich her. Immer weiter und weiter lockte der Schmetterling sie, und unversehens fand sie sich auf einem steinigen Pfad am Berg wieder, den sie noch nie gesehen hatte. Sie erschrak so sehr, dass ihre gerade noch vor Begeisterung geröteten Wangen plötz­lich ganz blass wurden. Sie kehrte sofort um und suchte den Weg zurück, dorthin, wo sie hergekommen war.

Nur wenige Schritte war sie gegangen, da erblickte sie vor sich einen gebeugten Mann auf einem Felsblock sitzen, Rungard den Rücken zu­kehrend, der versunken vor sich hin schaute und Rungard nicht zu bemer­ken schien. Leise trat sie an den Mann heran. Als sie über seine Schulter blickte, sah sie das aufgeschlagene Buch in seinen Händen. Bilder waren in diesem Buch, von atemberaubender Schönheit, wie Rungard sie noch nie erlebt hatte; als der Mann umblätterte, Blatt für Blatt, erschienen grausige Häßlichkeiten im Wechsel mit erhabener Schönheit, so das Rungard meinte, es müsse ihr das Herz zerreißen. Auch wenn ihr fast die Kraft ver­ging, sie konnte sich nicht losreißen von diesen Bildern. Erst als der Mann das Buch zuschlug, kehrte sie in ihre Welt zurück. Sie hatte sich unbe­merkt geglaubt, der Mann stand jedoch auf, sah sie mit weise leuch­tenden Augen an und sagte: „Du hast fürs Erste genug gesehen. Achte, dass du das Rechte tust!“ Damit drehte er sich um und schritt den steilen, steini­gen Pfad hinab, und ehe Rungard so recht wieder zu sich gekommen war, verlor sie ihn aus den Augen. Vielleicht war er um eine Ecke des Berges gebogen, vielleicht im Wald verschwunden, der seinen Rand bis in die Nähe des Bergpfades geschoben hatte. So konnte Rungard den Fremden nichts mehr fragen und ihm auch nicht folgen. Verwirrt und erschüttert eilte sie den Berg hinab, und fand sich bald auch in bekann­teren Gefilden wieder.

Zu Hause angekommen, konnte sie sich kein Herz fassen, von ihren Erlebnissen zu erzählen. Aber sie war stiller geworden, nachdenklicher, manchmal grüblerisch. Immer suchte sie zu verstehen, was ihr da gesche­hen war. Nicht lang dauerte es, bis ihre Eltern die Veränderung ihrer Tochter bemerkten. Milde wie immer, aber nachdrücklich und ein wenig sorgenvoll drangen sie auf Rungard ein, bis sie ihr Herz ausschüttete und alles erzählte, was ihr widerfahren war. „So früh? Aber es muss sein!“ sprachen die Eltern, und für den nächsten Tag wurde ihr eine große Veränderung in ihrem Leben angekündigt.

Am nächsten Morgen, nach einer durchwachten Nacht, fand sie vor dem Schloss einen gepackten Wagen vor, mit allem, was ihr nötig sein könnte. Ihre Eltern erklärten ihr, dass sie von nun an aus dem Land, dem Schloß und den schönen Gärten verbannt sei und mit dem Wagen in ein fernes, fremdes Land ziehen müsse. Nur der liebe, aber strenge alte Hof­marschall sollte sie begleiten, um ihr mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Bitterliche Tränen weinte Rungard, aber es half nichts: die Eltern blieben bei ihrem Entschluss.

Bevor die Reise nun losging, überreichte ihr der Vater die wunderbare Rose aus der Mitte des Gartens, die sorgsam ausgegraben und in einen großen Kübel verpflanzt worden war. „Pflege sie gut, so wird sie dir helfen zu ihrer Zeit!“ ermahnte er die Tochter. Und die Mutter ergänzte: „Wo du auch bist, vergiss die Rose nie, und berichte überall von ihrer Schönheit, und verzage nie dabei. Sieh, dass du bei Zeiten den Garten richtest, damit die Rose ihren Ort hat und auch den anderen Menschen zu sehen sein kann!“ – „Das will ich alles beher­zigen!“ versprach Rungard, und ergab sich in ihr Schicksal. Die Reise konnte beginnen.

 

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