Den Anderen nach-denken hilft

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Wie finden wir den Weg zum Anderen, gerade auch zu dem, der uns wie ein Feind gegenüber steht? Nur wenn uns das gelingt, kann der Krieg zwischen den Menschen, das Einander-Vernichten-Wollen zu einem Ende kommen. Ein Versuch.

Denkwege

Wer denkt, geht dabei Wege – von einem Gedanken zum anderen, um Gedanken herum, auf sie zu, je nachdem. Was er dabei durchmacht, sind Veränderungen seiner selbst, durch Willensimpulse, Zu- und Abneigungen, Unklarheiten, kurz: Qualitäten, die er selber mit den Gedanken verbindet.

Die Gedankeninhalte bleiben zunächst gleich, egal, was der einzelne dabei erlebt. So wie ein Baum, an dem ich vorübergehe, ein mathematisches Problem, das mich reizt, es zu lösen, oder ein Gefühl, das mich befällt, oder ein Ziel, das ich anstrebe, sich ja zunächst nicht ändert durch meine Art, mich dazu zu stellen. Aber all dies wird zu einer Art „Weggefährten“, indem sich mein Umgang damitändert. Und mein Umgang mit all diesen „Weggefährten“ prägt mein Erleben auf dem Weg, ist das, was mich auf dem Weg verändert.

„Mein Weg“ ist also nur äußerlich – gewissermaßen – durch die (Denk-)Welt beschrieben, die ich dabei durchlaufe. Innerlich ist damit auf die Veränderungen gedeutet, die ich selber dabei durchmache: meine Entwicklung also.

Ich und Welt

Der „äußerliche“ Weg ist also zu beschreiben als die innere oder äußere Weltgegend, die ich durchlaufe; der „innerliche“ Weg findet an mir selber statt, dem Gehenden, Erlebenden. Während ich einen Weg gehe, bin ich tätig (gehen) und aufnehmend. Auf die Inhalte dieses Tuns und Aufnehmens, auf die „Weggefährten“ also, richtet sich zunächst meine Aufmerksamkeit: auf meine Taten und Wahrnehmungen. Was ich in der Regel nicht mit meiner Aufmerksamkeit umfasse – auch zunächst gar nicht umfassen kann – bin ich selber, der Tätige, Wahrnehmende, einschließlich der Veränderungen, die ich durchlaufe.

Es ist und bleibt eben so: was ich wahrnehmen will, muss schon da sein. Bezogen auf meine eben durchlebte Veränderung heißt das: wenn ich sie wahrnehme, ist sie schon eine gewesene, vergangene, schon „Weggefährte“, und gerade jetzt findet wieder etwas Neues mit mir statt. Das kann ich dann gleich wahrnehmen, in Zukunft, dann, wenn es schon – ist.

Es besteht also ein grundlegender Unterschied zwischen mir und der Welt. Ich tue, lebe, wese. Sobald ich sagen kann: ich bin, rede ich schon von etwas Gewordenem, nicht mehr Tätigen, nicht mehr aus sich selber lebenden. Dann bin ich mir Welt geworden.

Der Andere

Innerhalb dieser vielen unterschiedlichen inneren und äußeren „Weggefährten“ gibt es aber eine Art Ausnahmeerscheinung: den anderen Menschen. Bei ihm kann ich nämlich wissen: es geht ihm im Prinzip genauso wie mir. Auch er lebt mit seinen „Weggefährten“, verändert sich durch die Begegnungen, und kann seine eigene Veränderung erst kennen, wenn sie schon geschehen ist. Er ist also im Grundsatz dasselbe wie ich, nur ein bisschen anders, vor allem durch die anderen „Weggefährten“, und von mir eben als „außen“ erlebt, und nicht von „innen“. Aber auch das ist ja gleich: ihm geht es mit mir genauso wie mir mit ihm.

Dennoch haben wir ein untrügliches Wissen: der Andere, das ist ein Mensch, einer, der ebenso wie ich „ich“ zu sich selber sagt (in welcher Sprache denn auch immer, das tut hier nichts zur Sache). Und das können wir beide jeder erstmal nur zu uns selber sagen, zu dem Tätigen, Wesenden, Erlebenden also, und dann auch zu dem, was sich aus diesem Tun, Wesen, Erleben in der Vorstellung von uns selber als neuer da-seiender „Weggefährte“ ergibt.

Fremdeln

Es ist ja ein Grundphänomen unserer Zeit, dass wir einander – und uns selber – so fremd sind. Wir haben nur immer das im Bewusstsein, was schon ist, also einen bestimmten Zustand schon erreicht hat, in dem es uns gegenübertreten kann. Das gilt für uns selber genauso wie für den anderen Menschen.

Uns selber gegenüber haben wir aber einen entscheidenden Vorteil: dadurch, dass wir die Veränderungen durchlaufen haben, die der Weg bis hierhin provozierte, haben wir uns mit diesen Veränderungen, mit dem darin waltenden Leben verbunden, denn es ist ja unser eigenes. Es waren unsere eigenen Wahrnehmungen, Taten, Willensimpulse, Gefühle, die uns veränderten.

Dadurch werden wir zwar einerseits, wenn wir die gewordene Vorstellung von uns selber betrachten, uns selber etwas fremd (jedenfalls dann, wenn wir uns nicht derartig in uns selber verlieben, dass wir uns sofort durch unsere Gefühle, Willensimpulse und dergleichen wieder innigst mit dieser Vorstellung von uns selber verbinden, also uns eigentlich gar nicht um die Vorstellung von uns selber kümmern, sondern nur um das Schaffen eines Verhältnisses dazu). Andererseits wissen wir aber durch das, was wir durchlebt haben, wie es zu diesem Zustand unserer Selbst gekommen ist; da sind wir uns selber nah.

Das ist bei dem Anderen nicht gegeben. Dieses „Wie“ kennt er nur selber, ebenso wie ich es bei mir selber weiß. Dies ist der Grund für jeden Streit, der zwischen Menschen entstehen kann. Sehe ich nur die Äußerung, die Tat des Anderen, und weiß nicht, wie er dazu gekommen ist, so zu handeln, sich zu äußern, kann die Fremdheit nicht weichen. Ich kann mich – also den lebenden, tätigen, wesenden in mir – nicht mit dem anderen verbinden. Wir bleiben einander gegenüber, und können bestenfalls Kompromisse miteinander machen, schlimmstenfalls, wenn unsere „Weggefährten“ zu unterschiedlich sind, uns streiten, bekämpfen, bis hin zu dem Wunsch, den Anderen vernichten zu wollen, da er uns stört auf unseren Wegen.

Den Anderen nach-denken

Der einzige Weg, einander wirklich zu verstehen, wäre es also, wenn wir in der Begegnung uns weniger für die „Weggefährten“ des anderen – seine gewordenen Haltungen, Standpunkte, Meinungen also – interessierten als für seine Art, zu leben, zu denken, zu wollen. Denn nur in dem aktuell Werdenden, in der Art zu sprechen, (Denk-)Wege zu gehen, zeigt sich, wie der Andere wirklich im Leben ist. Das andere sind eben nur die „Weggefährten“, und welche diesem oder jenem Menschen auf seinem Weg begegnen und zu eigen werden, bestimmt er nicht immer nur selber. Aber so leben, tun, sprechen wie dieser eine, individuelle Mensch, kann eben nur dieser eine individuelle Mensch selber.

Gehen wir seine Wege mit, so gut es geht, so durchleben wir mindestens ansatzweise dasjenige, was er selber auch durchlebt. Wir gehen also seinen Weg ein Stück weit mit. Und dann können wir den Vorteil nutzen, den wir haben, wenn wir selber Wege gehen: wir können wissen, wie das gegangen ist. Wir denken ihn sozusagen nach. Nicht nur seinen Weg – das wären die „Gefährten“ – sondern wirklich ihn selbst.

Dasjenige, was der Kern des Anderen ist, sein lebendiger Kern, sein Leben, wird ein wenig zum Teil unserer selbst. Wir nehmen ihn sozusagen auf in uns selber. Dann erst lernen wir ihn wirklich verstehen. Dazu gehört aber das wirkliche Mitgehen, das Zuhören, in den Anderen „Hineinkriechen-Wollen“. Und natürlich, jeder kann sich so verhalten, dass eben dies „Hineinkriechen“ schwer wird. Aber auch dadurch verrät er etwas … und stellt uns damit besonders anspruchsvolle Aufgaben.

Wer bin ich?

Aber hoppla: wenn ich das zu viel mache, werde ich ja nach und nach der andere. Und wo bleibe ich, ich selber? Genau dieses „Hoppla“ ist der Grund, warum wir das so wenig tun: den anderen nach-denken. Wir fürchten, uns selber zu verlieren, und wenden uns schnell vom Anderen ab zu uns selber, um uns unserer selbst wieder zu versichern.

Man kann das vergleichen mit Schlafen und Wachen. Wach bin ich dann, wenn ich eine Welt mir gegenüber habe, von der ich mich innerlich abstoßen kann, die ich als etwas erlebe, was ich nicht selber bin. Wenn ich schlafe, versinkt diese Welt der Wachheit, des Gegenübers in die Unbewusstheit. Wachsein und bei mir selber sein gehören also zusammen, ebenso wie Schlafen und – beim Anderen sein.

Nun kann ich aber wissen, dass doch diese Wachwelt, in der ich mir auch meiner selbst bewusst werden kann, die ich geradezu brauche, um mir meiner selbst bewusst zu werden, eben meine individuelle ist. Niemand kann sie zunächst erleben so wie ich. Und innerhalb dieser individuellen Welt kommt eben der Andere vor. Er lebt also sowieso schon in mir – nur unerkannt, noch fremd.

Durch ihn habe ich aber eine unermessliche Chance: Wege zu mir selber zu finden. Denn bei dem anderen Menschen weiß ich eines: ihm geht es im Prinzip wie mir. Bei einem Löwen, einem Gewitter, einer Ringelblume kann ich das zunächst nicht wissen. Die sagen nämlich alle nicht „ich“ zu sich selber. Will ich aber finden, wie es zu meinem Schicksal gekommen ist – wie also meine „Weggefährten“ dazu gekommen sind, mir über den Weg zu laufen – reichen die gewordenen Tatsachen nicht. Ich muss ihre Lebenswege kennen lernen. Und genau das kann ich am Anderen lernen: Lebenswege nach zu gehen – an jedem Anderen, gerade auch an denjenigen, die mir nicht so einfach gefallen wollen. Denn ich habe mit jedeem Menschen etwas gemeinsam: den Kern des „Ich“.

Dann finde ich den Weg zu mir selber, dem wirklich Lebenden, durch den Anderen. Jeder ist mir dann eine Chance, zu mir selber zu finden, gerade dadurch, dass ich mich auf ihn einlasse, die Furcht überwinde, mich selber zu verlieren. Denn ich verliere mich, meine Lebendigkeit, mein Leben also, gerade dadurch, dass ich nur auf meinem schon Gewordenen, meiner Vorstellung von mir, meinem „Weggefährten“ beharre, und den Lebendigen in mir darum nicht zu Geltung kommen lasse.

© Stefan Carl em Huisken 2020

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