Begriffskunst – ein Versuch

Ein seltsames Wort: Begriffskunst. Was soll es eigentlich bedeuten? Ist „Begriff“ der Stoff, dem sich der Künstler widmet? Oder das Ziel, dem die Kunst zustrebt? Dem sie dienen will? Oder: ist diese Kunst eine, die letztlich des Begriffes Ausfluss ist, „des Begriffes Kunst“: der Begriff als Künstler sozusagen? Oder ist der Begriff gerade die Methode, oder besser Erscheinungsform, die sich die Kunst sucht, so wie die Malkunst eben durch das Malen lebt, oder die Bewegungskunst in der Bewegung, oder die Schauspielkunst im Schauspiel? Oder etwa gar – all dies und noch mehr in Einem?
Da geht es schon los: all diese unterschiedlichen Charakterisierungen einer (etwas ungewöhnlichen) Wortzusammenstellung stiften nichts als Verwirrung. Nicht mehr zu begreifen, oder? Gerade doch: begreifen heißt ja nicht nur „durch schlicht linear-kausales Denken einen Sachverhalt unabänderlich feststellen“, sondern auch: begreifen im wörtlichen Sinn, zum Beispiel im Greifen betasten, berühren. Und erst dann, wenn das Wort so aufgefasst wird, wird die Sache konkret, lebendig und einigermaßen wirklich.
Wer versucht, sich einen Begriff eines alltäglichen Gegenstandes wie z.B. einer „Tasse“ zu bilden, hat ja vielerlei Wege: rein denkerisch, auf Zwecke orientiert, mit abstrakten Einordnungen in Begriffsbeziehungen. Oder am Empfinden orientiert, durch Sehen (sehend betasten – das tun die Augen nämlich beim Erfassen einer Form). Oder ganz konkret, durch Greifen, ganz äußerlich, mit den Händen. Auch das bildet einen Begriff.
Klar, wer es eilig hat, dem reicht eine ihm sympathische Erscheinung des Gegenstandes verbunden mit der möglichst optimalen Zweckerfüllung völlig aus. Aber wo Interesse eingreift, bildet sich aus dem vielfältigen „Begreifen“ ein ganz anderer Gegenstand im Innern, einer, der auch ohne aktuelle äußere Wahrnehmung Formen hat (die nämlich ertastet wurden), Farben hat (die in ihrer seelischen Wirkung erfahren wurden), Bedeutung hat, indem er zum Beispiel in dieser oder jener Lebenssituation eine Rolle gespielt hat (auch weil er mit Interesse wahrgenommen wurde) und so weiter. Alles also, was im individuellen, konkreten Erleben eine Rolle gespielt hat, fließt in den lebendigen, individuellen Begriff auch des einfachsten Gegenstandes ein.
Gewiss, man kann hier fragen: was hat das dann mit Kunst zu tun? Kunst kommt von Können, und Begreifen ist doch gerade etwas, was nicht produktiv sein sollte, sondern gerade das Gegebene – begreifen. Ach ja? Und das soll keine Kunst sein, lebendige, lebenswirkliche, gesättigte Begriffe zu bilden, die nicht bloß in einem abgehobenen, verstaubten, festgefahrenen Oberstübchen entstehen und darin dann langsam vermodern, abstrakt wie sie sind, „abgezogen“ von der Wirklichkeit?
Das ist es ja gerade, was so oft fehlt: ein Begriff einer Sache, der von seelischem Feuer durchglüht, von Interesse für den Gegenstand (materiell oder immateriell) getragen, durchlebt und erfahren ist, so dass er auch für die robuste Wirklichkeit taugt. Solche Begriffe entstehen eben nicht durch „abstrahieren“, d.h. durch Vermeiden jeder Wirklichkeit, die ja immer den wirklichen, konkreten, erlebenden Menschen einbeziehen muss. Wer sich einredet, er könne denken, ohne selbst dabei zu sein, bemüht sich intensiv um seine eigene Selbst-Abschaffung. Man mache sich nur klar: die Vorstellung, der Mensch sei durch äußere Untersuchung seiner Erscheinung in der Welt vollständig erkennbar, ist wie viele andere Meinungen über die Welt und den Menschen eine Schöpfung – ja, des denkenden Menschen. Allerdings dann eine, die denselben von allem wirklichen Einfluss auf sein Leben weitestgehend ausschließen will. So etwas ist sicher nichts für Künstler.
Die haben es nämlich mit dem Können zu tun, und wollen daher, wenn sie ihrem Namen gerecht werden möchten, selber schaffen, bewusst dabei sein. Zwischen dem Tun und dem Anschauen eine Ausgewogenheit finden. Schiller nannte das den „ästhetischen Zustand“, den das Kind im Spiel und der Erwachsene in der Kunst finden kann.
Im Anschauen findet der denkende Mensch das Gegebene. In seiner Fantasie erspinnt er sich innere Welten, die mit dem Gegebenen nichts oder nur wenig zu tun haben müssen. Kann er aber die schaffende Fantasie veranlassen, das Gegebene so in Erscheinung zu bringen, dass dadurch zugleich der Ausfluss seiner Fantasie sich zeigt, schafft er Kunst.
Nun, das kann man ohne Zweifel auch mit dem Begriff tun: ihn nämlich mit seelischem Erleben aller Art derart sättigen, dass dabei die Bedeutung des begriffenen Gegenstandes weder kalt konstatierened, gleichsam vom göttlichen Standpunkt aus verkündet wird, noch das eigene innere Wunschleben des Begreifers dem Gegenstand übergestülpt wird und es seine äußeren allgemeingültigen Existenz zu berauben versucht. So entsteht keine nüchtern-definierende Aussage, sondern ein innerer Gegenstand, der eigenes Leben entfalten kann – ein lebendiger Begriff eben.
So gesehen, ist es eine Kunst, allgemein-menschlich gültige Begriffe zu bilden, die zugleich lebensvoll, also konkret-individuell sind. Wer sich selbst aus solchem Erkenntnisschaffen selbst hinauskatapultiert, muss sich dann auch nicht wundern, welche Furchtbarkeiten entstehen. Sie werden dann nämlich von denjenigen gestaltet, die sich dieses innere Niemandsland zu Nutze machen. Dass das dann nicht unbedingt Künstler sind, sondern eher Nutzer, die Begriffsgebilde mehr geschäftsmäßig als Herrschaftsinstrumente auffassen (und zu gebrauchen wissen!), sorgt dafür, dass der Denkverweigerer, der nicht selber begreifen will, auch nicht auf „dumme Gedanken“ gebracht wird.

Wenn die Katze aus dem Haus ist, tanzen die Mäuse. Oder?

© Stefan Carl em Huisken 2016

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