Plädoyer für den Menschen – gegen die Missachtung

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Warum muss man ihn eigentlich verteidigen, für ihn „plädieren“, den Menschen? Kann er das nicht selber? Aber ja doch, tut er ja gerade, denn ich bin auch Mensch, oder? Und andere Verteidiger als Menschen sind ja nicht zur Hand ….

Missachtung

Aber wogegen überhaupt? Wer greift ihn an? Nun, das ist eine schwere Frage, denn die Missachtung des Menschen ist groß in der Welt, aber die Missachtenden sind alle eines: Menschen. Und dann ist das mit der Verteidigung auch so eine Sache, denn nach gängigem Verständnis hätte der Verteidiger als seine Gegner eben Menschen. Und deren Missachtung des Menschen müsste man dann, wenn man ihr nicht beipflichten kann und will – was ja ein Verteidiger natürlich weder kann noch darf – eben erst einmal als ungerechtfertigt ansehen und dadurch diese Menschen in ihrer Ansicht erst einmal – und jetzt wird es schwierig – missachten.

Kurzum: die Missachtung des Menschen, des realen, der ich bin, von dem ich ganz sicher weiß wie jeder andere Mensch auch, ist eine Art selbsterfüllende Vorgabe: hat sie ein Mensch, diese Missachtung, so ist jeder, der gegen sie streitet, und damit ihre Existenz im anderen nicht gelten lassen will, erst einmal gezwungen, sie auch zu haben. Oder?

Erlebte Wirklichkeit

Worauf das hinweist, ist aber eigentlich eine ganz einfache Sache. Jeder von uns erlebt sich in sich, geistig-seelisch, von außen unmessbar und nur für den sich selber erlebenden real. Sehr real allerdings, denn man braucht nicht einmal äußere Sinne, um von der eigenen Realität überzeugt zu sein. Sie ist für jeden wachen Menschen einfach gegeben in unserer heutigen Welt.

Wohl brauchen wir die Sinne, aber nur mittelbar. Denn ohne Sinneswahrnehmung sind wir in der Regel nicht wach, und wissen daher auch nicht von uns selber, der wir ja allen diesen Wahrnehmungen gegenüberstehen und sie doch nicht sind. Könnten wir wach sein ohne Sinneswahrnehmungen – und es gibt Menschen, die sagen, dass sie das können – so wüssten wir auch dann von unserer eigenen Existenz, und hätten darin dann den praktischen Beweis, dass wir selber, die geistig-seelischen Menschen, von der Sinneswelt unabhängige, sagen wir einmal „übersinnliche“ oder „geistige“ Wesen sind.

Weil wir solche Wesen eben nur sind, aber nicht wahrnehmen, vor allem dieses geistige Sein im Anderen nicht wahrnehmen können, missachten wir es. Denn für wirklich halten wir immer nur, was wir auch wahrnehmen können, was uns gewissermaßen „gegenübersteht“. Denn das können wir uns dann von Anderen bestätigen lassen, und erst dann gilt es uns als „wirklich“.

Selbst-Missachtung

Warum eigentlich? Genau, weil wir selber mit der Missachtung des Menschen bei uns selber anfangen. Selbst, was wir als ganz unumstößlich vorhanden erleben, uns selber nämlich, und unser Denken, achten wir nicht.

Womit der Quell der sich selbst erfüllenden Vorgabe der Missachtung des Menschen ausfindig gemacht wäre: er liegt in der Selbst-Missachtung des Einzelnen. Allerdings, um hier einem Missverständnis gleich zuvor zu kommen: es geht um die Missachtung oder wieder zu erlangende Achtung des unmittelbaren, geistig-seelischen Selbst-Erlebens des Menschen, nicht um die Missachtung oder Achtung gegenüber irgendwelchen inhaltlichen, auf die erlebte Welt bezogenen Meinungen, Gefühlen, Erkenntnissen oder „Wollungen“. Das sind nämlich alles beschreibbare Gegenstände einer inneren geistig-seelischen Umwelt. Die sieht man in der Regel als genauso unwirklich, “bloß subjektiv“ an wie sich selber. Aber wenn man erst einmal die Wirklichkeit der eigenen geistig-seelischen Existenz anerkennt, also überhaupt etwas Un-Sinnliches, Übersinnliches als wirklich anerkennt, stellen sich in Bezug auf die genannten innerseelischen „Begleiter“ auch andere Fragen.

Diagnose

Jedenfalls können wir festhalten: die allgemein zu beklagende Missachtung des Menschen in der Welt hat einen Ausgangspunkt in uns selber, in unserer Missachtung für unser ohne Zweifel reales Selbst-Erleben. Wer sich selber nicht achtet, hat es schwer, das Menschsein des Anderen zu achten. Allerdings gibt es da viele Regeln, Gewohnheiten und Haltungen, die uns im verflossenen Leben zugewachsen sind, und die uns dann auch dazu bringen können, es mit der Missachtung nicht zu übertreiben. Wie die einfache Beobachtung des Lebens ergibt, verlieren diese Regeln aber rasant an Kraft.

Denn freilich, freie Achtung für einander wächst nur in Menschen, die sich selber genauso achten wie den Anderen. Man kann das auch so ausdrücken: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“. Auch diese Formulierung gibt ja nur dann einen Sinn, wenn man mit der Selbst-Liebe nicht die Liebe zur Erfüllung der eigenen Wünsche, zum eigenen Rechthaben oder zur Macht über Andere meint, sondern wirklich zu sich selbst, diesem elementaren Ich-Erlebnis, unabhängig von allen geistig-seelischen „Begleitern“.

Heilmittel

Dann kennen wir aber – wie überhaupt in der Heilkunde überall – mit der Diagnose das Heilmittel. Nehmen wir uns selber ernst in unserer geistig-seelischen Existenz! Wachen wir auf dafür, dass auch unsere inneren „Begleiter“ Tatsachen sind, Wirklichkeiten, mit denen zu rechnen ist! Wie viele Dinge in der Welt hat es zuerst als Gedanken, als Wünsche gegeben, die nun aber Welt-Tatsachen sind!? Nur leider, wie oft haben wir oder die anderen Urheber solcher Gedanken, Gefühle oder Willensimpulse nicht gewusst, was sie auslösen, wenn das Innere durch Taten erst zu Lebens-Tatsachen wird! Und dann stehen wir staunend, manchmal auch schaudernd vor den Ergebnissen.

Wie gut wäre es, wenn wir über das Verhältnis zwischen der geistig-seelischen Welt, als deren Teil wir selber in uns leben, und der äußeren Sinneswelt mehr wüssten als bisher? Diejenige Wissenschaft, die nur auf das Äußere geht, kann das niemals klären; sie kann nur eines, was sie ja auch ganz ausdrücklich will: den inneren, sich selbst erlebenden, „bloß subjektiven“ Menschen missachten.

Und da solche Dinge wie Moral, Achtung, Gefühl und Ähnliches eben alles keine äußeren Gegenstände sind und bloß im „subjektiven“ Menschen vorkommen, gelten diese Dinge solcher Wissenschaft nichts. Sie soll ja „wertfrei“ sein. Damit schließt sie aber den unmittelbar wahren, lebenden Menschen aus.

Leider merkt sie dabei gar nicht, dass sie sich selber auch für unwirklich erklärt: ihre Gedanken über die Welt, ihre theoretischen Gedankengebäude, die den inneren Menschen zu etwas Unwirklichem erklären, sind ja bloß eines, nämlich: Gedanken, also subjektiv. Und ihre subjektiven Gedanken sind dann eben so, dass sie den real sich selbst erlebenden Menschen missachten müssen.

Geisteswissenschaft

Was uns fehlt, ist daher eine erneuerte Wissenschaft, eine Wissenschaft vom Menschen aus, und damit eine Geistes-Wissenschaft vom realen Geist, der in jedem Menschen lebt, denn der erlebende Mensch ist geistig. Solche Wissenschaft kann man auch Anthroposophie nennen; sie erkennt dann selbstverständlich an, was Welt-Wissenschaft über ihren Gegenstand zu sagen hat, geht aber darüber hinaus und schließt auch die reale Grundlage der Welt-Wissenschaft mit ein: den realen, geistigen Menschen. Und dann kommt es auch zu einem Ende mit der Missachtung des Menschen.

Und wir kennen damit auch den „Retter“, der alle Verteidigung, jedes Plädoyer für den Menschen dann unnötig macht: den Menschen selber, der sich in freiem Entschluss zu sich selbst und dem Geist bekennt, dem er entstammt und in dem er lebt.

Tut er das nicht, so wird die Missachtung bleiben, und voraussichtlich wachsen. Denn ohne den Menschen ist kein Leben in der Erkenntnis; nur er kann dieses Leben geben. Ohne ihn wird alle Erkenntnis nur eine abstrakte, absterbende, tote sein. Und wie alles, was erst im Geiste ist, wird sie dann auch Welten-Wirklichkeit – also den Tod in die Welt bringen. Sehen wir das nicht täglich, wo scheinbar „wertfreie“ Wissenschaft und Technik den Menschen missachtet, ihm seinen inneren Wert raubt und seine Welt zerstört?

© Stefan Carl em Huisken 2021

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