{"id":923,"date":"2017-01-13T17:17:01","date_gmt":"2017-01-13T16:17:01","guid":{"rendered":"http:\/\/emhuisken.de\/wordpress\/wort\/?p=493"},"modified":"2020-11-23T23:14:06","modified_gmt":"2020-11-23T22:14:06","slug":"seben-seebaer-leseprobe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/emhuisken.de\/wordpress\/2017\/01\/seben-seebaer-leseprobe\/","title":{"rendered":"Seben Seeb\u00e4r &#8211; Leseprobe"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"https:\/\/emhuisken.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/923?print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/emhuisken.de\/wordpress\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/print.png\" alt=\"image_print\" title=\"Print Content\" \/><span class=\"pdfprnt-button-title pdfprnt-button-print-title\">F\u00fcr l\u00e4ngere Texte empfehle ich vorherigen Ausdruck<\/span><\/a><\/div><p class=\"western\">Und diese anderen Zeiten sollten auch bald kom\u00admen. Schneller als ge\u00addacht wuchs Seben soweit her\u00adan, dass er selber die Welt, in die er gekom\u00admen war, erfor\u00adschen konn\u00adte. Ein Fischer an Bord muss sich ja um Wind und Wetter und die Netze k\u00fcmmern, und kann darum selbstverst\u00e4nd\u00adlich einen eigenwilligen Kerl wie Seben nicht in jedem Au\u00adgenblick unter Kon\u00adtrolle ha\u00adben. Eilt Poppens Versuche, den Kleinen durch Ab\u00adsperrun\u00adgen f\u00fcr die Zeit der Fangfahrt in der Kaj\u00fcte zu halten, erwiesen sich schnell als zwecklos. Das mark\u00adersch\u00fct\u00adternde w\u00fcten\u00adde Gebr\u00fcll aus Sebens Mund war nicht lange zu ertragen, au\u00dferdem zeigte sich bald, dass man es hier mit einem au\u00dfer\u00adgew\u00f6hnlich kr\u00e4ftigen Kerl zu tun hatte, der nicht lan\u00adge fackel\u00adte, wenn ihm etwas im Wege stand. Der gewandte Kletterer \u00fcber\u00adstieg man\u00adche Absperrung in k\u00fcrzester Zeit, und etwa\u00adige Hinder\u00adnisse aus Fischern\u00adetz \u00fcberstanden das Rei\u00ad\u00dfen und R\u00fct\u00adteln der Kin\u00adderh\u00e4nde regelm\u00e4\u00ad\u00dfig nur kur\u00adze Zeit. So war es bald unver\u00admeidlich, dass Seben, den sie sp\u00e4\u00adter den Seeb\u00e4r nannten, schon in ungew\u00f6hnlich zartem Alter das Fischer\u00adboot aus\u00adf\u00fchr\u00adlich erkundete. Auf See, ver\u00adsteht sich, und bei jedem Wetter. Gerade bei Wind und Seegang war Eilt Poppen von seiner Fischerar\u00adbeit so in Anspruch genommen, dass f\u00fcr die Kinderbeaufsichtig\u00adung nicht viel Zeit und Kraft \u00fcbrig blieb. Zwar hatte sich der Fischer allerlei einfallen las\u00adsen, was auf den kleinen Fischerbooten mindestens f\u00fcr unge\u00adw\u00f6hnlich gelten musste \u2013 wer hatte denn schon eine komplette Reling mit Netz\u00adbespannung ums Deck, so etwas hindert doch blo\u00df beim Auswerfen und Ein\u00adholen der Net\u00adze? Die Hand\u00adgriffe hier und da an Deck, wozu waren die n\u00f6tig, wenn ein Fischer doch beide H\u00e4nde st\u00e4ndig f\u00fcr seine Ar\u00adbeit braucht? Au\u00dferdem erwiesen sich alle die\u00adse In\u00adstalla\u00adtionen sehr schnell als wenig tauglich: der kleine Seben turnte bald wie ein Affe im Baum an Schoten, Fallen, Gaffeln und Spieren herum, dass einem H\u00f6\u00adren und Se\u00adhen vergehen konn\u00adte. H\u00e4tte Eilt Poppen nicht der Satz des Wickwiefs in den Ohren geklun\u00adgen: \u201eDie M\u00e4chte sind dem Kleinen gewogen!\u201c, er h\u00e4tte schier verr\u00fcckt werden m\u00fcs\u00adsen. So aber gew\u00f6hnte er sich bald an die wag\u00adhalsigen Aus\u00adfl\u00fc\u00adge seines Sohnes, und bald verschwand manche hin\u00adder\u00adliche \u201eSchutzvor\u00adrich\u00adtung\u201c wieder von Deck. So sah das Fischer\u00adboot ja auch wieder schick\u00adlicher aus.<\/p>\n<p class=\"western\">Die Dorfbewohner von Endersiel beobachteten die Ent\u00adwicklung ge\u00adnauestens. In so einem Fall darf einem ja schlie\u00dflich nichts entgehen. Und was man gleich ge\u00adahnt hatte, wurde ihnen nun eine sicher fest\u00adstehende Tatsache: der Fischersohn Seben Eilts hatte einen be\u00adsonderen Pakt mit den Unsichtbaren gleich bei seiner Geburt mitgebracht. Man konnte schlie\u00df\u00adlich eins und eins zusammenz\u00e4hlen. Und wie es eben so ist mit dem Unbegreiflichen, r\u00fchrt es immer eine dumpfe Furcht in den Menschen auf, eine Furcht, die sie selber als solche oft gar nicht bemerken, die sie aber doch dazu bringt, den richtigen Abstand zum Ge\u00adschehen zu be\u00adach\u00adten. \u201eDe kann mehr as blot Brood eten!\u201c hie\u00df es schon bald in Bezug auf Seben Eilts, den sie sp\u00e4ter den Seeb\u00e4r nann\u00adten, und solche Leute sind ja nat\u00fcrlich n\u00fctzlich, wenn man ihre besonderen F\u00e4higkeiten braucht, an\u00adsons\u00adten h\u00e4lt man sie aber besser auf gen\u00fc\u00adgendem Ab\u00adstand.<\/p>\n<p class=\"western\">So kam es, dass der kleine Seben bei seinen selte\u00adnen Landaufenthalten nicht recht Spielkameraden fin\u00adden konn\u00adte \u2013 die Kinder waren immer ge\u00adrade hier und da unab\u00adk\u00f6mmlich \u2013, und auch der Fischer Eilt Poppen fand \u201evor\u00adsichtshalber\u201c an Land nur noch we\u00adnig An\u00adsprache. Tauchte er doch einmal im Dorfkrug auf, so sa\u00df er meist allein an einem Tisch, und bald brachte er selbst bei die\u00adsen Gele\u00adgenheiten Seben mit \u2013 man woll\u00adte sich ja schlie\u00dflich ir\u00adgendwie die Zeit vertreiben, wenn schon sonst keiner wirk\u00adlich mit ei\u00adnem sprach.<\/p>\n<p class=\"western\">Auf diese Weise wuchsen die beiden \u2013 der Vater und der Sohn \u2013 nach und nach zu einem unzertrenn\u00adlichen Paar zusammen, das einer nicht unfreundli\u00adchen, aber doch auf Abstand bedachten Dorfbev\u00f6lke\u00adrung sein ku\u00adrioses Leben als st\u00e4ndigen Anlass f\u00fcr Gerede, Ger\u00fcchte und dunkle Ver\u00admutungen pr\u00e4sen\u00adtierte. Der unb\u00e4ndige Freiheitssinn des kleinen Seben steckte selbst den eige\u00adnen Vater an, so dass beide bald immer weniger R\u00fcck\u00adsicht auf Schicklichkeit und \u00fcber\u00adlieferte Gewohnheit nahmen. Sie lebten einfach daher, wie es ihnen passte, manchmal fr\u00f6hlich, manchmal auch mit einem etwas bitteren Spott \u2013 was ihnen wie\u00adderum we\u00adnig neue Freunde machen konn\u00adte.<\/p>\n<p class=\"western\">Die ungew\u00f6hnliche, weil so ganz au\u00dferordentlich fr\u00fche Fischerlehre des Seben Eilts gipfelte nun in ei\u00adnem neuen H\u00f6hepunkt, der jedem, der noch Zweifel hatte, ganz end\u00adg\u00fcltig bewies, dass dieser Junge mit den M\u00e4ch\u00adten im Bunde war.<\/p>\n<p class=\"western\">Wie es ihre Gewohnheit war, waren Vater und Sohn mit dem ablau\u00adfenden Wasser zum Fang aufge\u00adbrochen. Es wa\u00adren die ersten Herbsttage, und ein kr\u00e4ftiger, et\u00adwas b\u00f6iger Nordwest versprach un\u00adsicheres Wetter. W\u00e4hrend die bei\u00adden sich dem Seegat zwischen den Eilanden n\u00e4\u00adherten, frischte der Wind auf. Der kleine Seben mochte wohl drei\u00adeinhalb Jahre sein, und er turnte sicher an Deck umher, als sei er von Natur aus mit dem Boot, der See und dem Wind verwachsen. So sinnierte jedenfalls Eilt Poppen, w\u00e4h\u00adrend er seinen Sohn auch ein wenig stolz beobachte\u00adte.<\/p>\n<p class=\"western\">Im Seegat stand ordentlich Seegang, das konnte man schon von Wei\u00adtem sehen. Es hatte zuvor ein paar Tage hef\u00adtig erst aus S\u00fcdwest, dann von Westen gebla\u00adsen, und die m\u00e4chtig rollenden Wogen von See t\u00fcrm\u00adten sich, zwischen den Inseln in die Enge getrie\u00adben, zu gischtbe\u00adkr\u00f6nten m\u00e4ch\u00adtigen Wellen. Man musste schon Acht ge\u00adben, wenn man da hindurch wollte. Aber Eilt Poppen kannte das: ein paar we\u00adnige steile Seen musste man neh\u00admen, dann war man hin\u00addurch und auf gutem Weg zu den Fischgr\u00fcnden. Er segelte das Seegat daher mit gerefftem Gro\u00dfsegel und in voller Konzen\u00adtration an. Seben stand derweil auf dem Vorschiff, die H\u00e4nde am Vorstag, und sang aus voller Brust seinen ei\u00adgenen, ganz urt\u00fcmlich-schwer\u00adm\u00fctigen Gesang, zu dem sich das ja schon ganz be\u00adsondere S\u00e4uglingsgeschrei inzwi\u00adschen entwickelt hat\u00adte. Seltsam \u2013 wenn der Junge so sang, \u00fcber\u00adkam den Vater immer ein Ruhe und Furcht\u00adlosig\u00adkeit, die ihm schon im ersten Schrei seines Soh\u00adnes wie ein Licht\u00adstrahl erschienen war.<\/p>\n<p class=\"western\">Das Boot stieg nun die erste dieser steilen Seen im Gat hinauf. H\u00e4tte Eilt Poppen achteraus geschaut, er h\u00e4tte im hinter ihm liegenden Wellen\u00adtal den aufge\u00adw\u00fchlt\u00aden Sand des Meeresbodens sehen k\u00f6nnen. Aber dazu hatte er gar keine Zeit \u2013 das Boot musste ge\u00adnau im richtigen Winkel zu See\u00adgang und Wind gehalten werden, wenn alles klar gehen sollte. Vorn stand Seben und sang aus Leibeskr\u00e4ften.<\/p>\n<p class=\"western\">Auf dem Gipfel des Wellenbergs angekommen, neig\u00adte sich der Bug, um krachend in die gischtende See zu schlagen und dem n\u00e4chsten Wellen\u00adtal entge\u00adgen zu ra\u00adsen. Der Bug des Bootes verschwand einen Augen\u00adblick hinter schlagenden Segeln und sch\u00e4u\u00admender See. Als er wieder auftauchte, um sofort dem n\u00e4chsten zu bestei\u00adgenden Wel\u00adlenberg entgegen zu ei\u00adlen, war das Vorschiff leer. Eilt Poppen konnte es nicht glauben, h\u00f6rte er doch deutlich \u2013 viel lauter und deutlicher als zuvor \u2013 den br\u00fcllenden Ge\u00adsang seines Sohnes, dessen Klang sich mit dem Rauschen und Schlagen von Wind und Wellen zu einer abenteuerli\u00adchen Symphonie ver\u00adband.<\/p>\n<p class=\"western\">Ehe Eilt \u00fcberhaupt recht zur Besinnung kommen konn\u00adte, nahm ihn die n\u00e4chste Woge in Beschlag. Wie\u00adder stieg das Boot gleichsam dem von dunklen Wolken ver\u00adhangenen Himmel entgegen, wieder hing der Bug oben auf dem Gip\u00adfel einen Augenblick in der Luft, ehe er kra\u00adchend in den hinteren Abhang der Woge fiel, um dem Wellental entge\u00adgen zu schie\u00dfen. Und wieder ver\u00adschwand auch ein guter Teil des Vor\u00adschiffes in sch\u00e4u\u00admender Gischt. Als es wieder auf\u00adtauchte, konnte Eilt Poppen mit ungl\u00e4ubi\u00adgem Stau\u00adnen beobachten, wie eine kleinere, nachfolgende Welle seinen Sohn an Bord hob und sanft vor dem Mast absetzte \u2013 einen la\u00adchenden Seben, f\u00fcr den das Ganze wohl mehr ein lus\u00adti\u00adges Spiel gewesen zu sein schien. Jedenfalls sang er jetzt umso kr\u00e4ftiger seinen Ruf der sch\u00e4umenden See entgegen, und ein auf\u00admerksamer Zuh\u00f6rer konnte fast meinen, dass Wind und See ihm jetzt antworteten.<\/p>\n<p class=\"western\">So kam es, dass auch der allerletzte Zweifel an Sebens Pakt mit den Unsichtbaren beseitigt war.<\/p>\n<p>Die ganze Geschichte finden Sie in dem Buch &#8222;Geschichten vom Weltenrand&#8220;. Bestellen Sie es <a href=\"http:\/\/shop.emhuisken.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">=&gt;hier<\/a>. Dort finden Sie auch Em Huiskens CD &#8222;G\u00fcntsied&#8220;, auf der das zur Geschichte geh\u00f6rende Lied &#8222;Seben Seeb\u00e4r&#8220; enthalten ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Leseprobe der Geschichte &#8222;Seben Seeb\u00e4r&#8220; aus Carl em Huiskens Buch &#8222;Geschichten vom Weltenrand&#8220;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[102],"tags":[236,171,213,316],"class_list":["post-923","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-literatur","tag-geschichten","tag-geschichten-vom-weltenrand","tag-leseprobe","tag-texte"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.8 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Seben Seeb\u00e4r - Leseprobe aus &quot;Geschichten vom Weltenrand&quot;<\/title>\n<meta name=\"description\" content=\"Seben Seeb\u00e4r - Leseprobe aus dem Buch &quot;Geschichten vom Weltenrand&quot; 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