{"id":313,"date":"2016-01-26T19:44:35","date_gmt":"2016-01-26T18:44:35","guid":{"rendered":"http:\/\/emhuisken.de\/wordpress\/wort\/?p=313"},"modified":"2020-11-23T23:20:27","modified_gmt":"2020-11-23T22:20:27","slug":"begriffskunst-ein-versuch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/emhuisken.de\/wordpress\/2016\/01\/begriffskunst-ein-versuch\/","title":{"rendered":"Begriffskunst &#8211; ein Versuch"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"https:\/\/emhuisken.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/313?print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/emhuisken.de\/wordpress\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/print.png\" alt=\"image_print\" title=\"Print Content\" \/><span class=\"pdfprnt-button-title pdfprnt-button-print-title\">F\u00fcr l\u00e4ngere Texte empfehle ich vorherigen Ausdruck<\/span><\/a><\/div><p>Ein seltsames Wort: Begriffskunst. Was soll es eigentlich bedeuten? Ist \u201eBegriff\u201c der Stoff, dem sich der K\u00fcnstler widmet? Oder das Ziel, dem die Kunst zustrebt? Dem sie dienen will? Oder: ist diese Kunst eine, die letztlich des Begriffes Ausfluss ist, \u201edes Begriffes Kunst\u201c: der Begriff als K\u00fcnstler sozusagen? Oder ist der Begriff gerade die Methode, oder besser Erscheinungsform, die sich die Kunst sucht, so wie die Malkunst eben durch das Malen lebt, oder die Bewegungskunst in der Bewegung, oder die Schauspielkunst im Schauspiel? Oder etwa gar \u2013 all dies und noch mehr in Einem?<br \/>\nDa geht es schon los: all diese unterschiedlichen Charakterisierungen einer (etwas ungew\u00f6hnlichen) Wortzusammenstellung stiften nichts als Verwirrung. Nicht mehr zu begreifen, oder? Gerade doch: begreifen hei\u00dft ja nicht nur \u201edurch schlicht linear-kausales Denken einen Sachverhalt unab\u00e4nderlich feststellen\u201c, sondern auch: begreifen im w\u00f6rtlichen Sinn, zum Beispiel im Greifen betasten, ber\u00fchren. Und erst dann, wenn das Wort so aufgefasst wird, wird die Sache konkret, lebendig und einigerma\u00dfen wirklich.<br \/>\nWer versucht, sich einen Begriff eines allt\u00e4glichen Gegenstandes wie z.B. einer \u201eTasse\u201c zu bilden, hat ja vielerlei Wege: rein denkerisch, auf Zwecke orientiert, mit abstrakten Einordnungen in Begriffsbeziehungen. Oder am Empfinden orientiert, durch Sehen (sehend betasten \u2013 das tun die Augen n\u00e4mlich beim Erfassen einer Form). Oder ganz konkret, durch Greifen, ganz \u00e4u\u00dferlich, mit den H\u00e4nden. Auch das bildet einen Begriff.<br \/>\nKlar, wer es eilig hat, dem reicht eine ihm sympathische Erscheinung des Gegenstandes verbunden mit der m\u00f6glichst optimalen Zweckerf\u00fcllung v\u00f6llig aus. Aber wo Interesse eingreift, bildet sich aus dem vielf\u00e4ltigen \u201eBegreifen\u201c ein ganz anderer Gegenstand im Innern, einer, der auch ohne aktuelle \u00e4u\u00dfere Wahrnehmung Formen hat (die n\u00e4mlich ertastet wurden), Farben hat (die in ihrer seelischen Wirkung erfahren wurden), Bedeutung hat, indem er zum Beispiel in dieser oder jener Lebenssituation eine Rolle gespielt hat (auch weil er mit Interesse wahrgenommen wurde) und so weiter. Alles also, was im individuellen, konkreten Erleben eine Rolle gespielt hat, flie\u00dft in den lebendigen, individuellen Begriff auch des einfachsten Gegenstandes ein.<br \/>\nGewiss, man kann hier fragen: was hat das dann mit Kunst zu tun? Kunst kommt von K\u00f6nnen, und Begreifen ist doch gerade etwas, was<i> nicht<\/i> produktiv sein sollte, sondern gerade das Gegebene \u2013 begreifen. Ach ja? Und das soll keine Kunst sein, lebendige, lebenswirkliche, ges\u00e4ttigte Begriffe zu bilden, die nicht blo\u00df in einem abgehobenen, verstaubten, festgefahrenen Oberst\u00fcbchen entstehen und darin dann langsam vermodern, abstrakt wie sie sind, \u201eabgezogen\u201c von der Wirklichkeit?<br \/>\nDas ist es ja gerade, was so oft fehlt: ein Begriff einer Sache, der von seelischem Feuer durchgl\u00fcht, von Interesse f\u00fcr den Gegenstand (materiell oder immateriell) getragen, durchlebt und erfahren ist, so dass er auch f\u00fcr die robuste Wirklichkeit taugt. <i>Solche<\/i> Begriffe entstehen eben nicht durch \u201eabstrahieren\u201c, d.h. durch Vermeiden jeder Wirklichkeit, die ja <i>immer<\/i> den wirklichen, konkreten, erlebenden Menschen einbeziehen muss. Wer sich einredet, er k\u00f6nne denken, ohne selbst dabei zu sein, bem\u00fcht sich intensiv um seine eigene Selbst-Abschaffung. Man mache sich nur klar: die Vorstellung, der Mensch sei durch \u00e4u\u00dfere Untersuchung seiner Erscheinung in der Welt vollst\u00e4ndig erkennbar, ist wie viele andere Meinungen \u00fcber die Welt und den Menschen eine Sch\u00f6pfung \u2013 ja, des <i>denkenden Menschen<\/i>. Allerdings dann eine, die denselben von allem wirklichen Einfluss auf sein Leben weitestgehend ausschlie\u00dfen will. So etwas ist sicher nichts f\u00fcr K\u00fcnstler.<br \/>\nDie haben es n\u00e4mlich mit dem K\u00f6nnen zu tun, und wollen daher, wenn sie ihrem Namen gerecht werden m\u00f6chten, selber schaffen, bewusst dabei sein. Zwischen dem Tun und dem Anschauen eine Ausgewogenheit finden. Schiller nannte das den \u201e\u00e4sthetischen Zustand\u201c, den das Kind im Spiel und der Erwachsene in der Kunst finden kann.<br \/>\nIm Anschauen findet der denkende Mensch das Gegebene. In seiner Fantasie erspinnt er sich innere Welten, die mit dem Gegebenen nichts oder nur wenig zu tun haben m\u00fcssen. Kann er aber die schaffende Fantasie veranlassen, das Gegebene so in Erscheinung zu bringen, dass dadurch zugleich der Ausfluss seiner Fantasie sich zeigt, schafft er Kunst.<br \/>\nNun, das kann man ohne Zweifel auch mit dem Begriff tun: ihn n\u00e4mlich mit seelischem Erleben aller Art derart s\u00e4ttigen, dass dabei die Bedeutung des begriffenen Gegenstandes weder kalt konstatierened, gleichsam vom g\u00f6ttlichen Standpunkt aus verk\u00fcndet wird, noch das eigene innere Wunschleben des Begreifers dem Gegenstand \u00fcbergest\u00fclpt wird und es seine \u00e4u\u00dferen allgemeing\u00fcltigen Existenz zu berauben versucht. So entsteht keine n\u00fcchtern-definierende Aussage, sondern ein innerer Gegenstand, der eigenes Leben entfalten kann \u2013 ein <i>lebendiger <\/i>Begriff eben.<br \/>\nSo gesehen, ist es eine Kunst, allgemein-menschlich g\u00fcltige Begriffe zu bilden, die <i>zugleich<\/i> lebensvoll, also konkret-individuell sind. Wer sich selbst aus solchem Erkenntnisschaffen selbst hinauskatapultiert, muss sich dann auch nicht wundern, welche Furchtbarkeiten entstehen. Sie werden dann n\u00e4mlich von denjenigen gestaltet, die sich dieses innere Niemandsland zu Nutze machen. Dass das dann nicht unbedingt K\u00fcnstler sind, sondern eher Nutzer, die Begriffsgebilde mehr gesch\u00e4ftsm\u00e4\u00dfig als Herrschaftsinstrumente auffassen (und zu gebrauchen wissen!), sorgt daf\u00fcr, dass der Denkverweigerer, der nicht selber begreifen will, auch nicht auf \u201edumme Gedanken\u201c gebracht wird.<\/p>\n<p>Wenn die Katze aus dem Haus ist, tanzen die M\u00e4use. Oder?<\/p>\n<p>\u00a9 Stefan Carl em Huisken 2016<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein seltsames Wort: Begriffskunst. Was soll es eigentlich bedeuten? Ist \u201eBegriff\u201c der Stoff, dem sich der K\u00fcnstler widmet? Oder das Ziel, dem die Kunst zustrebt? Dem sie dienen will? Oder: ist diese Kunst eine, die letztlich des Begriffes Ausfluss ist, \u201edes Begriffes Kunst\u201c: der Begriff als K\u00fcnstler sozusagen? 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