{"id":2531,"date":"2020-12-13T13:20:41","date_gmt":"2020-12-13T12:20:41","guid":{"rendered":"https:\/\/emhuisken.de\/wordpress\/?p=2531"},"modified":"2021-01-22T20:49:39","modified_gmt":"2021-01-22T19:49:39","slug":"vom-sterben-in-den-geist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/emhuisken.de\/wordpress\/2020\/12\/vom-sterben-in-den-geist\/","title":{"rendered":"Vom Sterben in den Geist"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"https:\/\/emhuisken.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2531?print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/emhuisken.de\/wordpress\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/print.png\" alt=\"image_print\" title=\"Print Content\" \/><span class=\"pdfprnt-button-title pdfprnt-button-print-title\">F\u00fcr l\u00e4ngere Texte empfehle ich vorherigen Ausdruck<\/span><\/a><\/div>\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Das Einswerden mit der Welt im inspirierten Handeln<\/h3>\n\n\n\n<p><em>Unser Zeitalter ist beherrscht vom Geist der Furcht. Unser Dasein ist bodenlos geworden. Wir k\u00f6nnen es nicht mehr verstehen und versinken darum in Angst und Furcht vor dem Unverstandenen. Umso fester klammern wir uns an das, was wir glauben zu verstehen \u2013 unsere eigene, pers\u00f6nliche Weltanschauung also. Mit allem, was wir haben, verteidigen wir sie \u2013 ihr Verlust w\u00fcrde uns ins Bodenlose st\u00fcrzen lassen. Die Furcht davor bringt Hass hervor. Hass auf alles, was mir fremd ist, auf alles, was ich nicht verstehe. Unsere ganze Kultur beruht auf der verdr\u00e4ngten Furcht vor der Wahrheit \u2013 der Wahrheit des Todes, des Kontrollverlustes, der Endlichkeit des Irdischen. Die Wahrheit l\u00e4sst sich aber nicht endlos unterdr\u00fccken.<\/em><\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Der vereinzelte Mensch im geistleeren Raum<\/h4>\n\n\n\n<p>Jeder Mensch ist individuell, einzigartig. Was er mit seinen Sinnen wahrnimmt, was er dazu denkt, f\u00fchlt und will, kann niemand so wie er wahrnehmen, denken, f\u00fchlen. Wer kann schon durch die Augen des Anderen sehen?<\/p>\n\n\n\n<p>Was wir aber mit den Sinnen wahrnehmen, ist niemals die ganze Wahrheit des Seins. In der Sinneswahrnehmung <em>erscheint<\/em> uns das Sein. Was es aber letztendlich <em>ist<\/em>, wissen wir nicht. Wir erleben es jedenfalls nicht unmittelbar als wahr; das unmittelbare Erleben beschr\u00e4nkt sich auf die Erscheinung.<\/p>\n\n\n\n<p>Was diese Erscheinung konfiguriert, ihr zugrunde liegt, ist also letztlich etwas, was wir nur durch innere T\u00e4tigkeit herausfinden k\u00f6nnen: indem wir denken, die Wahrnehmungen durch Begriffe ordnen und zueinander in Beziehung setzen. Ohne unsere eigene T\u00e4tigkeit w\u00e4re das Ganze der Welt f\u00fcr uns heutige Menschen nur eine ungeordnete Ansammlung von Wahrnehmungen \u2013 nichts, was wir wirklich verstehen k\u00f6nnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun ist unsere eigene T\u00e4tigkeit leider auch etwas Unsicheres. Auch bei unserem Denken, F\u00fchlen und Wollen k\u00f6nnen wir zun\u00e4chst nicht wissen, ob es Wahres hervorbringt; wir k\u00f6nnen uns ja irren, es k\u00f6nnen unbemerkt Vorurteile einflie\u00dfen oder Denkfehler passieren. Ebenso wie ein gesch\u00e4digtes Sinneswerkzeug uns Wahrnehmungen verzerren kann, kann unsere eigene T\u00e4tigkeit uns t\u00e4uschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir schweben also sozusagen haltlos zwischen unverstandenen Wahrnehmungen und fehleranf\u00e4lliger Eigent\u00e4tigkeit, ohne irgendwo Aussicht auf sichere Wahrheit. Es ist selbstverst\u00e4ndlich, dass jeder Einzelne sich da seine eigene Weltanschauung baut, um sich darin in Sicherheit zu bringen. Nur sind alle diese Weltanschauungen Illusionen: sie haben keine unmittelbar erlebte Wahrheit als Grundlage, auf der aufgebaut werden k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle heutige Wissenschaft funktioniert nach diesem Prinzip: man hat Wahrnehmungen, und man baut sich zur Erkl\u00e4rung Gedankengeb\u00e4ude, sogenannte \u201eTheorien\u201c. F\u00fcr die alten Griechen waren Theorien noch <em>als <\/em><em>wahr <\/em><em>erlebte<\/em> begriffliche Welterkl\u00e4rungen, bestehend aus Gedanken, die man <em>wahrnahm<\/em>. Davon kann ja heute keine Rede mehr sein: was wir an Gedanken haben, ist aus unserer eigenen T\u00e4tigkeit erwachsen. Und die ist individuell, im Rahmen unserer individuellen Weltanschauung.<\/p>\n\n\n\n<p>Was der Grieche also noch als <em>geistige Tatsache<\/em> erlebte \u2013 den Gedanken \u2013 das bringen wir als individuell-pers\u00f6nliches Produkt hervor, indem wir uns auf Wahrnehmungen der \u00e4u\u00dferen Sinne oder im Innern der Seele beziehen. Die Wahrnehmung gibt uns aber nicht preis, was sie so konfiguriert hat, wie sie ist. Dazu m\u00fcssen wir immer <em>denken<\/em>. Und denken ist eine unsichtbare, nicht-sinnliche T\u00e4tigkeit, vielleicht begleitet von leiblichen Erscheinungen (Gehirnstr\u00f6men z.B.); aber auch die Ansicht, die Gehirnstr\u00f6me seien die <em>Ursache<\/em> der Gedanken, ist schon \u2013 erdacht, und damit geistig, nicht-sinnlich, erst einmal eine Theorie.<\/p>\n\n\n\n<p>So leben wir Heutige in einem geistleeren Raum. Den Geist, der diesen Raum konfiguriert, k\u00f6nnen wir nicht erleben, wir k\u00f6nnen dar\u00fcber zun\u00e4chst nur theoretisieren. Dadurch wird <em>Wahrheit <\/em>irreal, beliebig, f\u00e4llt der Meinung des Individuums anheim. Dadurch werden wir alle aber auch einsam, denn niemand kann unsere individuelle Welt-Anschauung wirklich ganz nachvollziehen. Wir k\u00f6nnen nur noch in Kompromissen miteinander auskommen, oder einfach einander <em>glauben<\/em>. Wahrheit wird heute also zu einer Frage des Glaubens oder des ausgehandelten Kompromisses.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit macht uns diese Situation aber auch <em>frei. <\/em>Denn es gibt f\u00fcr uns keine Wahrheit mehr, die von jedem Menschen als selbstverst\u00e4ndlich g\u00fcltig erlebt werden kann. Und diese Freiheit k\u00f6nnen wir \u2013 von der vereinzelten Situation aus \u2013 im Aushandeln von Kompromissen immer in zwei Richtungen nutzen, die beide von der Macht gepr\u00e4gt sind: wir k\u00f6nnen den Anderen zwingen, uns zu glauben, oder der Andere zwingt uns, ihm zu glauben. Das Leben wird also zu einer Machtfrage.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dieser Feststellung haben wir aber etwas Entscheidendes erreicht: wir haben eine Situation beschrieben, die bei einigerma\u00dfen ehrlichem Nachdenken jeder bei sich selber feststellen kann. Und wir k\u00f6nnen wissen, dass alle anderen in genau derselben Situation sind: vereinzelt im geistleeren Raum leben zu m\u00fcssen, und nichts zu haben als sich selbst, um damit zurecht zu kommen. <em>Diese Situation ist also etwas Allgemein-Menschliches, das unmittelbar als wahr erlebt werden kann.<\/em> Damit w\u00e4re ein Ausgangspunkt gefunden, von dem aus alles Weitere Denken \u00fcber Mensch und Welt beurteilt werden k\u00f6nnte. Man muss sich nur trauen, sich darauf einlassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass die Mehrzahl der Menschen genau diese Situation nicht wahrnimmt, sich auch wehrt dagegen, sie f\u00fcr sich selber festzustellen, ist nur zu verst\u00e4ndlich. Die Bodenlosigkeit des eigenen Seins ist schwer ertr\u00e4glich, und ruft Furcht in uns auf. <em>Aber nur durch sie sind wir als menschliche Individuen frei.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Realisieren wir diese Freiheit nicht, und behaupten sie nicht f\u00fcr uns selber, so bleibt uns kein Weg als der des Glaubens, der \u00dcber- und Unterordnung der Menschen untereinander, nach dem Ma\u00dfstab der Macht. In unserer Zeit wehren sich die Menschen gegen den Blick in den Abgrund.<\/p>\n\n\n\n<p>Was dadurch geschieht, treibt aber immer mehr in die Vereinzelung, jetzt nicht <em>innerlich<\/em> \u2013 dagegen wehren sich die Menschen ja gerade \u2013 aber nun <em>\u00e4u\u00dferlich<\/em>, durch Vorschriften, soziale Ausgrenzung, Hass und Hetze, die durch <em>\u00e4u\u00dfere <\/em>Vereinzelung (\u201eSocial Distancing\u201c \u2013 was vielleicht treffender \u201eAntisocial Isolation\u201c genannt werden sollte) die <em>innere <\/em>Vereinzelung vertiefen. Allerdings ist jetzt die <em>Freiheit<\/em> nicht dabei, da die eigenst\u00e4ndige Erkenntnis der Situation fehlt. Sie wird ersetzt durch dasjenige, was uns als virtuelle Realit\u00e4t durch die volle Wucht der mediengemachten Welt erreicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Wahrheit l\u00e4sst sich eben nur begrenzt unterdr\u00fccken, sie fordert ihr Recht ein. Wollen wir aus dieser Vereinzelung heraus finden, so kann dies nur gelingen, indem wir aus uns selber Wege gehen, die immer weiter vertiefte Zersplitterung der Einzelnen zu \u00fcberwinden. Wie gezeigt, ist die Besinnung auf die Wahrheit der inneren Situation jedes heutigen Menschen ein Ansatz dazu, sich bewusst von Gleich zu Gleich zu begegnen.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Das Ich als Entwicklungs-Zentrum<\/h4>\n\n\n\n<p>Die Einsicht in die Bodenlosigkeit des eigenen Seins im Denken, F\u00fchlen, Wollen f\u00fchrt uns zum Zweifel an aller Wahrheit dessen, was wir als eigene Welt-Anschauung in uns tragen. Nun ist Zweifel aber letztlich die Grundlage f\u00fcr das Erreichen eines <em>Wissens<\/em>; der Glaube muss dagegen jeden Zweifel ablehnen, denn er w\u00fcrde sich selber dadurch entkr\u00e4ften. Wer nicht zweifelt, wird willf\u00e4hriges Instrument dessen, an den er glaubt, also nicht frei, sondern Untertan. Zweifel an der eigenen Welt-Anschauung produziert also notwendig Zweifel an derjenigen des Anderen und hilft dadurch der Freiheit voran.<\/p>\n\n\n\n<p>Von wem aber geht dieser Zweifel aus, wenn er denn <em>wirklich<\/em> frei machen soll? Das kann nur ich selber sein, als Souver\u00e4n in meinem eigenen (Welt-Anschauungs-)Hause. Ich selber bin es letztlich auch, der anf\u00e4ngt zu unterscheiden zwischen Glaube und Wissen, zwischen Wahrheit, T\u00e4uschung, Irrtum und L\u00fcge. St\u00e4ndig bin ich aktiv in der Handhabung aller meiner inneren und \u00e4u\u00dferen Wahrnehmungen. Aber: wei\u00df ich eigentlich, wer ich bin?<\/p>\n\n\n\n<p>Schon, wenn ich mir selber eine Vorstellung \u00fcber mich selbst mache, meiner irgendwie aus der Vergangenheit entstandenen, gewordenen Selbstvorstellung also nicht einfach glaube, sondern an ihr <em>zweifele<\/em>, zerspalte ich mich in zwei. Einer ist der, der diese Vorstellung <em>hervorbringt<\/em>, der also in seiner T\u00e4tigkeit lebt und schafft und daher niemals etwas <em>sein<\/em> kann, denn das, was ist, was er betrachten kann, schafft er ja gerade. Und der andere \u201eIch\u201c ist eben der, den ich mit der Vorstellung von mir zu fassen versuche. Nur: immer, wenn ich gerade solche eine Vorstellung fertig habe und zu fassen versuche, <em>bin<\/em> ich in diesem Augenblick schon wieder ein anderer, n\u00e4mlich der, der diese Vorstellung betrachtet und nicht mehr ihr Hervorbringer. Was ich also von mir in Vorstellungen fassen kann, ist immer ein Vergangenes.<\/p>\n\n\n\n<p>Indem ich aber nun immer auf Neue meine Vorstellung von mir zu ver\u00e4ndern trachte, die jetzige Situation in sie zu integrieren versuche, bringe ich wieder den Schaffenden ins Spiel. Im Miterleben der Ver\u00e4nderungen, die ich selber hervorbringe, durchlebe ich nach und nach mein eigenes Schaffen, also: mich als Schaffenden, den, den ich eben nicht in eine feste Vorstellung fassen kann. Ihn lerne ich dabei kennen, also: mich selber, als lebendigen, t\u00e4tigen Hervorbringer.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit schaffe ich f\u00fcr mich eine neue Kategorie von Wahrnehmungen, n\u00e4mlich diejenige von Lebendigem, das immer in Entwicklung ist, niemals fest und abgeschlossen. Alle Sinneswahrnehmung, die ich sonst habe, bezieht sich immer auf einen Zustand, einen Augenblick, etwas Feststehendes, also: Totes. <em>Leben<\/em> ist darin nur zu finden in der Bewegung, die lebendige Entwicklung erst hervorbringt. Im Verfolgen meiner eigenen Selbst-Entwicklung im fortdauernden Nachf\u00fchren der Vorstellung von mir nach Ma\u00dfgabe der selbstgeschaffenen Ver\u00e4nderungen schaffe ich also mir selber ein Organ f\u00fcr das Lebendige, ja, <em>werde selber dazu<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun kann man nat\u00fcrlich sagen, dass dasselbe ja auch anhand aller anderen lebendigen Prozesse der Welt geschehen k\u00f6nnte. Warum also gerade bei mir selber und meiner Selbst-Entwicklung ansetzen? Die Antwort ist einfach: nur dort, wo ich selber wei\u00df, wie und durch wen oder was etwas zustandekommt, kann ich von wahren Tatsachen reden. Bei allem anderen bleibt es zun\u00e4chst dabei, dass alles Denken dar\u00fcber \u2013 und sei es noch so hingebungsvoll \u2013 den Charakter einer Theorie hat. Denn der schaffende Geist, der darin wirkt, ist mir noch unbekannt, ich wei\u00df nicht, wie er wirkt. Das ist bei mir selber anders. Indem ich selber Vorstellungen von mir schaffe, kenne ich deren Ursprung, denn ich bin es selbst, und ich kennen den Entstehungsprozess, denn ich habe ihn selber ausgef\u00fchrt. Zwar kann ich dar\u00fcber immer nur im Rahmen von gewordenen Vorstellungen etwas sagen, habe aber als Korrekturma\u00dfstab immer mich selber dabei.<\/p>\n\n\n\n<p>Und da ich wei\u00df, dass dasjenige, was sich als Schaffendes darin bet\u00e4tigt, das ICH, allen Menschen eigen ist, und daher alle Menschen sich auf diesen Weg der Selbst-Entwicklung des ICH begeben k\u00f6nnen, kann ich auch wissen, <em>dass jeder Mensch dieses Wahrheitskriterium gleicherma\u00dfen in sich tr\u00e4gt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Charakter des menschlichen Ich als Entwicklungs-Zentrum aller individuellen Welt-Anschauungen liegt ein Universelles, aus dem heraus die individuellen Welt-Anschauungen und die Personen, die sie in der Welt darleben, zu einander finden k\u00f6nnen, denn sie tragen es ausnahmslos <em>alle<\/em> in sich, so unterschiedlich die Inhalte ihrer Anschauungen, ihre Erscheinungswelten auch sein m\u00f6gen..<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Zeit-R\u00e4ume<\/h4>\n\n\n\n<p>Im Verfolgen meiner eigenen T\u00e4tigkeit im fortlaufenden Bilden und Umbilden einer Selbst-Vorstellung durchlebe ich einen Vorgang, in den ich bei entsprechender Besinnung und \u00dcbung jederzeit wieder eintreten kann \u2013 immer auf der Grundlage der dann erreichten Vorstellung von mir selber. Ich bilde in mir dabei die F\u00e4higkeit heran, bewegliche, sich entwickelnde Vorstellungen zu erbauen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun kann ich einen weiteren Schritt tun, indem ich diese sich entwickelnde Vorstellung <em>als solche <\/em>zum Gegenstand der Betrachtung zu machen versuche. Wohlgemerkt: nicht zum Gegenstand im Sinne des Konstatierens und Aufz\u00e4hlens von Entwicklungsstationen \u2013 das mache ich ja st\u00e4ndig, im lebendigen Prozess \u2013 sondern indem ich die Situation selber, in der dies alles geschieht als meine eigene erleben lerne. Ich \u2013 der Schaffende, Ich \u2013 der (als Vorstellung zun\u00e4chst) Hervorgebrachte, und jetzt Ich \u2013 der dies alles betrachtet.<\/p>\n\n\n\n<p>Es wird auffallen, dass das Aufschwingen zu diesem Zustand \u2013 Rudolf Steiner nennt ihn in seiner \u201ePhilosophie der Freiheit\u201c einen \u201eAusnahmezustand\u201c<a href=\"#sdfootnote1sym\"><sup>1<\/sup><\/a> \u2013 h\u00f6chste Anstrengung und Aufmerksamkeit ben\u00f6tigt. Lasse ich auch nur einen Augenblick nach im Erschaffen dieses Zustandes (als der \u201eSchaffende\u201c), so bricht er sofort in sich zusammen. Er ist also nicht etwas, was man einmal erwerben kann und dann einfach immer \u201ehat\u201c, sondern er ist nur da, wenn und solange ich das will.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Selbst-Wahrnehmung im Ausnahmezustand gibt es also nur aus eigener Anstrengung, von \u201edes ICHes Gnaden\u201c sozusagen. Erreiche ich ihn, begegne ich aber darin mir selber als Selbst-Erschaffer, und ich erarbeite mir im Weg dahin den Umgang mit beweglichen Vorstellungen, <em>lebendigen <\/em>Vorstellungen also, in denen sich Entwicklungsg\u00e4nge wie in einem inneren Tableau betrachten lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich lerne dabei innerlich Zeit-R\u00e4ume zu erschaffen, die ich aus eigenem Erleben \u00fcberschauen kann. Was fr\u00fcher ist und sp\u00e4ter, was sich wie woraus entwickelt, es wird nach und nach sichtbar vor dem inneren Auge. So entsteht ein <em>innerliches Bild<\/em> des Lebendigen. Was ich da betrachten kann, ist noch nicht das Lebendige selbst, denn es fasst nur das, was ich daran durchlebt habe. Aber es ist dies ein Bild eines v\u00f6llig Geistigen, von etwas, was es in der Sinnenwelt \u00fcberhaupt nicht gibt, wovon sie nur immer in st\u00e4ndiger Bewegung befindlicher Ausdruck ist.<\/p>\n\n\n\n<p>In immer wiederholter Bem\u00fchung kann ich mir so eine neue F\u00e4higkeit anerziehen, er\u00fcben, die Rudolf Steiner die <em>Imagination<\/em> nennt. In der Imagination wird die Zeit zum Raum, in inneren Bildern erfasst. Als Garant f\u00fcr die Wahrheit dessen, was ich in ihr erlebe, kann mir der immer wieder er\u00fcbte Ausnahmezustand dienen, denn in ihm schaue ich alles, was es zum Entstehen der Imagination braucht. Was von Au\u00dfen herandringt und den Ausnahmezustand st\u00f6rt, verzerrt auch die Imagination.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Im Schau-Platz der Seele<\/h4>\n\n\n\n<p>Im genannten Ausnahmezustand kann ich erschauen, inwieweit meine irdische Pers\u00f6nlichkeit (das schon Erreichte, das sich in meiner Selbstvorstellung niederschl\u00e4gt) mit meinem schaffenden Geist-Kern (der Hervorbringer) \u00fcbereinstimmt. Inwieweit passen also mein Bild von mir und meine schaffende, aber niemals voll bewusste <em>wahre Individualit\u00e4t<\/em> zusammen? In mir, dem Betrachter, lebt gleichzeitig der Hervorbringer der ge\u00e4nderten irdischen Pers\u00f6nlichkeit, der sich entwickelnden Selbst-Vorstellung \u2013 und damit ein Selbst-Erzieher.<\/p>\n\n\n\n<p>Indem ich meine Selbst-Entwicklung beginne zu \u00fcberschauen als Zeiten-Raum, bilde ich der Gesamt-Situation etwas Neues ein: die ersten Ans\u00e4tze wirklicher Freiheit als eine Ausdrucksart meiner geistigen Individualit\u00e4t. Und diese Individualit\u00e4t umfasst jetzt wirklich individuell, n\u00e4mlich <em>unteilbar<\/em>, Ausgangspunkt und Ziel des Menschen im geistigen Erschaffer und Betrachter, zwischen denen in st\u00e4ndiger Entwicklung die irdische Person sich bewegt. In jedem MENSCHEN dr\u00fccken sich Ursprung und Ziel des Menschenseins, der Mensch-HEIT aus<a href=\"#sdfootnote2sym\"><sup>2<\/sup><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Der immer wieder neu zu erringende Aufbau des Ausnahmezustandes ist daher ein freier Beitrag des individuellen Menschen zum Ganzen, der Mensch-HEIT. Er geht hervor aus ihm selber, wie er sich selber schaffend sich in seiner Seele erscheinen kann. Der Wille zum Leben, wie er sich so durch die irdische Person frei darlebt, kann von niemandem \u201eangeordnet\u201c werden. Er entsteht allein aus dem Menschen selber, aus Liebe zum Leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich selber, wenn ich beginne, mich eigenverantwortlich und selbst-bewusst selber zu entwickeln, <em>bin<\/em> also mein Beitrag zum Ganzen \u2013 falls und solange ich es will. Meine Seele ist der Platz, in dem und von dem aus dies geschaut werden kann. Und vergessen wir nicht eines: zu mir geh\u00f6rt <em>meine ganze Welt<\/em>, die Erscheinung der mich umgebenden Welt also, wie sie in mir auftritt, mich gepr\u00e4gt hat, mich hervorgebracht hat, und in die ich hineinwirke.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Losrei\u00dfen vom Gewordenen<\/h4>\n\n\n\n<p>In meinem Tun rei\u00dfe ich mich dann aber los von all dem, was mich hervorgebracht hat und mir in der mich umgebenden Welt wie feststehend erscheint. Ich folge nicht mehr einfach all dem, was mir als \u00e4u\u00dfere Wahrnehmung gegeben ist und durch in mir schon vorhandene Denkm\u00f6glichkeiten diese Wahrnehmungen gewohnheitsm\u00e4\u00dfig ordnet. Denn ich baue lebendige, sich entwickelnde Vorstellungen in mir auf, die ohne mein Dazutun niemals vorhanden w\u00e4ren. Diese Vorstellungen sind nur innerlich-geistig fassbar. Nur <em>aus <\/em>dem lebendigen, selber schaffenden Menschen sind Vorstellungen vom <em>Leben<\/em> erreichbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Alles, was in die mir gegebenen Erscheinungswelt vorkommt und <em>nicht <\/em>von mir selber aus mir selber bewusst erschaffen wurde, ver\u00e4ndert sich aber auch, ist also in Entwicklung. Habe ich erst an mir selber erlernt, wie lebendige Vorstellungen erschaffen und betrachtet werden k\u00f6nnen (im wiederholten Durchleben erschaffen, er-kannt, er-fahren), so w\u00e4chst in mir ein neues Organ, das in der Imagination Bilder des Lebendigen geben kann, die ich <em>aufgrund eigener Erfahrung des Wahrnehmungweges<\/em> pr\u00fcfen und in ihrer Wahrheit beurteilen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Die geistig-wahre Lebenswelt, die mich umgibt und die mir durch die Sinne (auch die inneren Sinne der Seele) ihre Erscheinung gibt, ist mir ja zum allergr\u00f6\u00dften Teil (noch) unbewusst. Ich kenne nur ihre Erscheinung. Jetzt kann ich aber lernen, meine selbstgewollte Lebens-Erfahrung zu erweitern, und die Welt der Erscheinungen immer weiter zu entr\u00e4tseln. All das, was schaffend die Erscheinungen um mich her hervorgebracht hat, es wird jetzt ins Bewusstsein aufgenommen. Ich lebe mich in die Welt hinein, und die Welt lebt immer mehr in mir, indem ich ihre Sprache zu entziffern beginne.<\/p>\n\n\n\n<p>So wirke ich daran mit, all das, was mich umgibt, durch mein Tun reicher zu machen, sein Leben mit Bewusstsein zu er-fahren. Das ist etwas ganz anderes, als die Erscheinungen der Welt her zu nehmen, um ihnen dann die Ordnung aufzuzwingen, die ich mir, die Erscheinungen kombinierend, erdacht habe. Lebens-Erfahrung ist keine theoretische Lebens-Erkl\u00e4rung. Sie ist existenzielles Verbinden mit dem Erfahrenen, und wird erkannt im Imaginieren des Lebendigen.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Ich-Vorstellung und Imagination<\/h4>\n\n\n\n<p>Durch den Ausnahmezustand, in dem ich mir selber begegne als Einheit aus meiner Selbst-Vorstellung, ihrem Erschaffer und ihrem Betrachter, lerne ich, eine Imagination meines <em>aktuellen Zustandes<\/em> aufzubauen. Sie gibt mir Orientierung und Ma\u00df. Die darin vorkommenden Erscheinungsformen meiner selbst als Erschaffer und Betrachter sind aber zun\u00e4chst gleichsam Hohlformen: ich erlebe sie in ihrer Wirkung, nicht aber als anschaubaren Weltgegenstand wie alle anderen Dinge meiner inneren und \u00e4u\u00dferen Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt aber einen Weltgegenstand \u2013 zugleich viele Weltgegenst\u00e4nde, die aber alle eines zeigen \u2013 der mich selber spiegeln kann: das ist jeder andere Mensch. Von ihm kann ich wissen, dass er in derselben Situation ist wie ich. Er mag sich mehr oder weniger seiner Lage bewusst sein als ich, aber das bedeutet im Grundsatz nichts anderes, als dass er eventuell in seinem Entwicklungsstand vergangene oder zuk\u00fcnftige Erscheinungsm\u00f6glichkeiten meiner selbst spiegelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wohl sind seine Weltinhalte andere als meine: die kenne ich aber nicht, kann ich auch nicht kennen. Durch die Augen des Anderen kann ich nicht schauen, und sein Seeleninneres bleibt mir zun\u00e4chst verschlossen. Wohl aber kann ich an ihm mit-erleben, <em>wie<\/em> er sich entwickelt. Seine Entwicklungswege, seine Denk-Wege kann ich versuchen, mit zu gehen, um ihn kennen zu lernen und in ihm einen Spiegel meiner selbst.<\/p>\n\n\n\n<p>In jedem Menschen, und sei er mir in seiner Stellung zur Welt und seiner Lebensf\u00fchrung noch so fern, kann ich doch eine Seite meiner selbst kennen lernen. <em>Denn der andere Mensch erscheint mir in meinem <\/em><em>individuellen <\/em><em>Leben.<\/em> Gerade diejenigen, die mir schwere Aufgaben stellen, zeigen mir, wo ich mir die gr\u00f6\u00dften Entwicklungsm\u00f6glichkeiten im mit-durchlebenden Verst\u00e4ndnis ihrer Individualit\u00e4t erringen kann. Nicht das Angenehme, mir schon eigene hilft mir zur Entwicklung; das macht nur bequem. Was meine ganze Kraft fordert, um es innerlich mit zu gehen, kann die Macht in mir wecken, das Fremde zu \u00fcberwinden und mir frei zu Eigen zu machen.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Zersplitterung in einem Boot<\/h4>\n\n\n\n<p>Aller Gegensatz, den es zwischen den gewordenen Auffassungen, Gewohnheiten, \u201eStandpunkten\u201c und Lebensweisen geben kann, er wird aufgehoben im verstehenden mit-denken der Wege des Anderen. Darin erst kann ich dann erkennen lernen, dass wir als Menschen <em>wirklich<\/em> \u201ein einem Boot\u201c sitzen. Alle sind wir in individueller Entwicklung, und dadurch sind wir Menschen, und als solche gleich. Daraus erst kann sich ergeben, was Recht unter Menschen ist, lebendiges Recht, das sich aus dem Mensch-Sein aller ergibt. Das heutige geschriebene, bis in Einzelheiten aus der Vergangenheit festgelegte und damit tote, ent-individualisierte Recht ist ein \u00dcberbleibsel der R\u00f6merzeit. K\u00f6nnen wir es \u00fcberwinden und neu, lebendig denken?<\/p>\n\n\n\n<p>Alle irdischen Menschen sind sich darin gleich, und doch verschieden in den inneren und \u00e4u\u00dferen Orten ihrer Fortentwicklung. Alle irdischen, und im Irdischen voneinander geschiedenen Menschen entstammen einer gemeinsamen Vergangenheit (wenn wir die auch nicht im Einzelnen bewusst erkennen), und sie gehen in eine gemeinsame Zukunft, an der jeder Einzelne gleicherma\u00dfen mitwirkt. Nur die Furcht h\u00e4lt uns davon ab, uns der Bodenlosigkeit der Vereinzelung im Irdischen zu stellen und sie <em>gerade dadurch, durch unsere Freiheit also<\/em>, weiter zu entwickeln, in eine neue Gemeinschaft hinein.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Furcht vor mir selber begegnet mir aber in jedem anderen Menschen und ruft mich an, sie zu erkennen. Wer sich der Unsicherheit, die im nach-denkenden Verstehen des Anderen liegt, nicht stellen will, wird den Anderen ablehnen. Je nach St\u00e4rke der Furcht kann Ablehnung in Hass und Streit ausarten. \u00dcberall da, wo es uns nicht gelingt, einander in unseren Entwicklungswegen mit zu erleben, wird sich also Uneinigkeit unter den Menschen ausbreiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Wo dieser Streit aber im Inneren des individuellen Menschen, durch ihn selber in seiner Seele im \u00dcberwinden der Furcht vor der Bodenlosigkeit ausgefochten wird, kann auch die Einsicht wachsen, dass wir alle auf dem selben Weg in eine gemeinsame Zukunft sind. Wo also die gewordene Welt waltet, ohne vom Menschen neu belebt zu werden, wird sie sich durch immer weitere Vereinzelung der Menschen, durch immer gr\u00f6\u00dfere Zersplitterung in streitende Parteien darleben.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn die Mensch-HEIT, also das allen gemeinsame <em>Wie<\/em> des Lebens eines jeden Menschen, sich nicht gen\u00fcgend auf sich selbst besinnt, um seine Fortentwicklung frei aus eigenem Wollen zu betreiben, wo die Welt also, und in ihr alle anderen Menschen, vom sich entwickelnden Ich versto\u00dfen und allein gelassen wird, da wird Zerst\u00f6rung wirken, die dann <em>jeden Menschen<\/em> betrifft. Mangelnde Besinnung in der Menschheit auf ihren eigenen, in jedem Individuum lebenden Kern wird also Selbst-Zerst\u00f6rung statt Selbst-Entwicklung zur Folge haben.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Exkurs: Wegleitung<\/h4>\n\n\n\n<p>Wir k\u00f6nnen uns gl\u00fccklich sch\u00e4tzen, dass es eine Wegleitung gibt bei unserer Suche nach unserem menschlichen und menschheitlichen Kern. Als ein letzter Spross alter Philosophie und gleichzeitig Erschaffer eines grundlegenden Neubeginnes ist uns Rudolf Steiner in seinem Werk, der anthroposophischen Geisteswissenschaft gegeben. Er ist f\u00fcr uns Heutige, f\u00fcr unsere Zeit der Bringer eines neuen Denkens von uns selbst und von der Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei sind viel weniger, als man das heutzutage meistens meint, seine unz\u00e4hligen Ausf\u00fchrungen \u00fcber die verschiedensten Themen entscheidend, die sich in mehreren Tausenden von Vortr\u00e4gen finden, die er Anfang des 20. Jahrhunderts gehalten hat. Viel wichtiger sind seine von Anfang an f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit bestimmten Schriften, durch deren Nachdenken wir auf den Weg zu uns selber gebracht werden k\u00f6nnen. Genau dies war seine erkl\u00e4rte Absicht, das haupts\u00e4chliche Ziel seiner Arbeit: Menschen auf den Weg zu bringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle entscheidenden Spr\u00fcnge in der Menschheitsentwicklung sind markiert durch das Auftauchen von Individualit\u00e4ten, die die Aufgaben, die das Leben ihrer Zeit der menschlichen Gesellschaft stellte, in ihrer T\u00e4tigkeit erkennbar machten und neue Wege zum Umgang mit diesen Aufgaben aufzeigen konnten. Das grunds\u00e4tzliche Erkenntnisproblem unserer Zeit \u2013 die charakterisierte Vereinzelung im geistleeren Raum \u2013 wurde durch Rudolf Steiner Zeit seines Lebens beschrieben, und Wege zu seiner L\u00f6sung (auch diejenigen, auf die dieser Text hinweist) aufgezeigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber die Furcht davor, dass der individuelle Kern des Menschen eben <em>nicht<\/em> in einer festen Vorstellung zu fassen ist, sondern dass der Mensch sich selber in einem Ringen existenzieller Art zu einem neuen Organ zur Wahrnehmung dieses Kerns aus Freiheit erst erziehen muss \u2013 diese Furcht hat immer wieder verhindert, dass die Wegleitung, die Rudolf Steiner in seinen Schriften uns bietet, angenommen und gen\u00fcgend zur Geltung gebracht wurde. Aus solcher Furcht auch sind Bestrebungen entstanden, sein Werk zu einer Weltanschauung unter vielen herabzuw\u00fcrdigen. Sie ist aber etwas Besonderes, denn sie gibt eine L\u00f6sung von durch die Zeiten gehenden philosophischen Grundproblemen (vgl. die B\u00fccher \u201eWahrheit und Wissenschaft\u201c, \u201eDie Philosophie der Freiheit\u201c und \u201eErkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung\u201c) und <em>auf dieser Grundlage<\/em> Wege zum Aufbau neuer Erkenntnism\u00f6glichkeiten<a href=\"#sdfootnote3sym\"><sup>3<\/sup><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Lebendiger Ma\u00dfstab<\/h4>\n\n\n\n<p>Dadurch, dass ich in der Begegnung mit dem Anderen mein eigenes selbst-entwickelndes Tun gleichsam von ihm aus, in einem menschheitlichen, und gemeinsamen Sinne, also im Geiste kennen lerne, indem ich mir belebte, immer in Entwicklung befindliche Bilder, Imaginationen davon aufbaue, wird die menschliche Entwicklung und damit auch meine eigene f\u00fcr mich beschreibbar, umsetzbar in Wort und Tat. Ich bekomme einen Ma\u00dfstab f\u00fcr das, worin der Andere, jeder Andere ebenso wie ich selber lebt.<\/p>\n\n\n\n<p>Handle ich aus diesem allen Menschen eigenen Geist heraus, so handle ich<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li><em>frei<\/em>, denn der Ma\u00dfstab geht aus mir selber und meinem Tun hervor und zeigt mich im Allgemein-Menschlichen<\/li><li>aus <em>Liebe<\/em>, denn es gibt keinen Grund f\u00fcr meine Taten au\u00dfer meinem Wollen<\/li><li><em>individuell<\/em>, denn in solchen Taten, die aus dem Mit-Erleben des Anderen in der Welt hervorgehen ist der Gegensatz von Ich und Welt, der mich in die Vereinzelung stellte, aufgehoben; meine Tat wird Teil der Welt, die aber als <em>meine<\/em> Welt ein Teil meiner Individualit\u00e4t ist.<\/li><li><em>Selbstlos<\/em> \u2013 aber NICHT Ich-los! \u2013 indem ich nicht an einer gewordenen Vorstellung von mir und meiner Welt h\u00e4nge, die ich behalten will, sondern im selbstgewollten Werden eine Vorstellung von mir als Werdendem darlebe.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Der darin errungene Ma\u00dfstab ist keiner, der als unver\u00e4nderliches Ideal immer wieder die Angleichung an sich selbst erzwingt, sondern ein lebendiger, der mich und letztlich alle anderen Menschen universell umfasst. Durch mein Handeln gebe ich der Welt eine \u201eVorstellung\u201c von mir (ich gebe sozusagen eine Vorstellung im Welt-Theater), die im Grundsatz die ganze Welt einschlie\u00dflich aller anderen <em>in Freiheit<\/em> aufzunehmen geeignet ist (in meiner erlebten Erscheinungswelt). Je mehr dies gelingt, kann es auch in der Welt heilend, einend wirken, und damit dem G\u00f6ttlichen \u00e4hnlicher, das einst diese Welt der Vielfalt einschlie\u00dflich meiner selbst mit all ihren Gegens\u00e4tzen als <em>seine in sich einige Tat<\/em> hervorbrachte.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir heutige Menschen leben allerdings wie \u201eauf Gottes Gehei\u00df\u201c aus dem einigen Gotteswerk hinausgeworfen, vereinzelt und damit frei \u2013 ja, man kann sagen: ,,vogelfrei\u201c. Im Aufnehmen, Miterleben und Aussprechen (auch in der Sprache der Tat) der Welt, wie ich sie erkenne, f\u00fcge ich mich diesem Ganzen der Sch\u00f6pfung erneut hinzu und werde so zum Mit-Erschaffer der Welt der Zukunft. Ich trage damit etwas Neues hinein in die Zukunft, n\u00e4mlich die <em>Freiheit <\/em>und die <em>Liebe<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Mit-Sch\u00f6pfer im Geist<\/h4>\n\n\n\n<p>Unbewusst schaffe ich ja schon immer mit an der Entwicklung der Welt der Zukunft. Mein an der bestehenden, gewordenen Welt haftendes Bewusstsein einschlie\u00dflich der Vorstellung von mir als Gewordenem, gleichsam \u201evorl\u00e4ufig fertigem\u201c Menschen muss st\u00e4ndig aufgel\u00f6st werden, damit neues Leben eintreten kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Die gewordene Sinneswelt, so wie sie mir erscheint, erkenne ich als tote Erscheinung, die erst wieder neues Leben erh\u00e4lt, indem ich sie mit-erlebend in meine Selbstentwicklung aufnehme. Aber was sich daraus ergibt, ist wiederum neues Fertiges, Totes. Ich wirke also dauernd mit an meinem Ersterben in die Welt hinein, am Schaffen von mit meiner Entwicklung verbundenen toten Erscheinungen. In jeder Hingabe an die Erscheinungen, um ihren <em>lebendigen <\/em><em>Gang<\/em> mit zu erleben, ist also auch eine Art selbstgew\u00e4hltes Sterben.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Sterben meint aber hier nicht ein \u00e4u\u00dferliches Absterben oder Vergehen meines Leibes, sondern ein Absterben des von mir ausgehenden Lebendigen in die Welt hinein, als Bestandteil <em>ihres<\/em> Lebens, das in die Zukunft f\u00fchren soll.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht ohne Grund findet sich hier das Wort vom Tode. Der geistig-seelische Bereich, in dem ich tagt\u00e4glich schaffend t\u00e4tig lebe, ist nicht zeitlich-r\u00e4umlich und damit nicht in feste Vorstellungen zu fassen. Er ist ewig wesenhaft<a href=\"#sdfootnote4sym\"><sup>4<\/sup><\/a> und damit auch Garant f\u00fcr die Ewigkeit meiner Individualit\u00e4t, jeder Individualit\u00e4t des Menschen, und existiert damit \u00fcber den Tod hinaus.<\/p>\n\n\n\n<p>Im <em>bewussten<\/em> Handeln aus mir selbst, als selbstbewusstes Geistwesen im Ausnahmezustand aus eigener Kraft hervorgebracht, handle ich nicht mehr aus dem Irdischen Sein heraus, sondern aus dem Werden. Jedes Bild, auch jede Imagination von Entwicklung, die ich mir dabei erarbeitet habe, ist immer nur Ausfluss dieses geistigen Schaffens und muss ihm daher weichen. Handle ich also ganz aus dem Geiste, so ist mein Handeln <em>inspiriert<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Rudolf Steiner schildert in den Beschreibungen des geist-erschaffenden \u00dcbungsweges des Menschen, wie die Imagination, also das Bild des Lebendigen, das aber als solches, als Bild, schon ein Totes ist, erst wieder \u00fcberwunden werden muss zugunsten einer aufnahmebereiten, wachen Leere des Bewusstseins, damit die Inspiration konkret in unsere Seele eintreten kann.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/emhuisken.de\/wordpress\/2020\/11\/aufwachen-fuer-das-kommende\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Im Denken des Denkens, in der Beobachtung des Denkens im Ausnahmezustand k\u00f6nnen wir uns wach halten in dem Augenblick, in dem wir sonst als irdische Person einschlafen w\u00fcrden<\/a>. Wo also in der Hingabe an das Mit-Erleben des Anderen, dann auch an das Mit-Erleben des Weltenlebens ansonsten unser irdisches Bewusstsein erl\u00f6schen w\u00fcrde, k\u00f6nnen wir lernen, wach zu bleiben.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Der Tod tr\u00e4gt das Leben<\/h4>\n\n\n\n<p>Das wache Selbst-Bewusstsein inspiriert in die Welt zu tragen, ist wie ein frei gewolltes, waches Sterben in die Welt und ihren sie bewegenden Geist. In diesem Sterben, der Welt Neues geben, tritt sie aber auch in den Menschen ein, der sie er-lebt, ihr so neues, geistiges Leben gibt. Der Weltengeist, von uns aufgenommen, erlebt durch uns sich selbst und kann so <em>seiner selbst bewusst werden.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Damit dies geschehen konnte, brachte der Weltengeist die Welt und die Erde mit dem Menschen zustande, dem er das Leben <em>schenkte, <\/em>und daf\u00fcr die Welt gleichsam in den Menschen hinein ersterben lassen musste. Diese Situation haben wir heute zum Ausgangspunkt: als Menschen stehen wir vor den erstorbenen Erscheinungen, kennen nicht mehr den unmittelbar lebendigen Geist, sind aus ihm \u201ehinausgeworfen\u201c. Das Leben ist aber uns geschenkt, ist unser, und wenn es in der Welt sein soll, m\u00fcssen wir es ihr wiederum schenken. Dann erst werden wir, wovon das Wort spricht, dass der Mensch dem Gotte zum Ebenbilde erschaffen wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Habe ich also aus mir selber, im irdischen Leben aus freiem Wollen ge\u00fcbt, mein Leben der geistigen Welt zu schenken, so kann ich das im Irdischen erworbene Selbst-Bewusstsein behalten, aus eigener Kraft, ohne die irdische Welt weiter daf\u00fcr zu ben\u00f6tigen. Ich bleibe mir also gleichsam im Tode selber erhalten. Dies ist der Sinn des Wortes von Angelus Silesius:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eStirb, ehe du noch stirbst, damit du nicht darfst sterben,<br>Wenn du nun sterben sollst; sonst m\u00f6chtest du verderben.\u201c<a href=\"#sdfootnote5sym\"><sup>5<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/emhuisken.de\/wordpress\/2020\/10\/der-spiegel-des-individuellen-den-anderen-nach-denken-ii\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Leben ist Eigen-T\u00e4tigkeit es Geistes<\/a>. Ohne Leben ist kein Tod \u2013 <em>und ohne Tod kein Leben!<\/em> Wir sind zuinnerst verbunden mit dem Leben, durch das wir gehen. Wir m\u00fcssen es aber der Erscheinungswelt, dem Tode also \u00fcberlassen, wenn wir uns selber und die Menschheit im Leben halten wollen. Im Sterben in den Geist des Weltenganzen, dem ich selber unteilbar, <em>individuell <\/em>angeh\u00f6re, liegt also ein Mittel, der Furcht, die unser irdisches Leben beherrscht, in <em>Freiheit <\/em>und <em>Liebe <\/em>Einhalt zu gebieten.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote1anc\">1<\/a>Vgl. Rudolf Steiner: Die Philosophie der Freiheit.\u2013 Dornach, 1973, S. 40<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote2anc\">2<\/a>Die Nachsilbe -heit geht aus einem noch im Mittelhochdeutschen vorhandenen Wort <em>heit <\/em>= \u201eArt und Weise\u201c hervor. Ursprung und Ziel des Menschen geben ihm also Bewusstsein davon, <em>wie<\/em> er im Irdischen ist.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote3anc\">3<\/a>Seine Werke sind dadurch gekennzeichnet, dass sie vom Leser die Bereitschaft fordern, sich unvoreingenommen nach-denkend auf sie einzulassen. Man kann sich aus ihnen nicht \u201eneutral informieren\u201c \u00fcber das, was Rudolf Steiner mit ihnen bewirken wollte. So wie es aus der Bodenlosigkeit unserer vereinzelten Existenz der heutigen Zeit keinen Weg gibt au\u00dfer der freien und selbstverantwortlichen Umbildung der eigenen Individualit\u00e4t im Ausnahmezustand, gibt es auch keinen Weg, Rudolf Steiner wirklich zu verstehen und zu w\u00fcrdigen, wenn man sich dem Risiko, das mit jedem selbstgewollten, freien Denken und Handeln verbunden ist, nicht stellen will.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote4anc\">4<\/a>Das Wort \u201eWesen\u201c hat urspr\u00fcnglich die Bedeutung \u201eArt zu leben\u201c. Was also \u201ewest\u201c, das dr\u00fcckt seine Art zu leben aus, ist das <em>dem Leben zugrunde Liegende<\/em>, sein Charakter, seine Art und Weise. Auch die Verwandtschaft mit dem Wort \u201eweisen\u201c zeigt etwas: es bedeutet urspr\u00fcnglich \u201emachen oder zeigen, dass etwas west\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote5anc\">5<\/a>Johannes Angelus Silesius: Cherubinischer Wandersmann oder geistreiche Sinn- und Schlussreime. \u2013 Z\u00fcrich: Manesse, 1986. IV, Nr. 77, S. 257. Es gibt eine eing\u00e4ngigere, vereinfachte Version dieses Spruches, f\u00fcr die ich aber keinen Beleg finden konnte: Wer nicht stirbt, bevor er stirbt, der verdirbt, wenn er stirbt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vom Sterben in den Geist \u2013 Das Einswerden mit der Welt im inspirierten Handeln. 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