{"id":2305,"date":"2020-10-31T23:13:13","date_gmt":"2020-10-31T22:13:13","guid":{"rendered":"https:\/\/emhuisken.de\/wordpress\/?p=2305"},"modified":"2021-01-22T20:50:50","modified_gmt":"2021-01-22T19:50:50","slug":"der-spiegel-des-individuellen-den-anderen-nach-denken-ii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/emhuisken.de\/wordpress\/2020\/10\/der-spiegel-des-individuellen-den-anderen-nach-denken-ii\/","title":{"rendered":"Der Spiegel des Individuellen &#8211; Den Anderen nach-denken II"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"https:\/\/emhuisken.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2305?print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/emhuisken.de\/wordpress\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/print.png\" alt=\"image_print\" title=\"Print Content\" \/><span class=\"pdfprnt-button-title pdfprnt-button-print-title\">F\u00fcr l\u00e4ngere Texte empfehle ich vorherigen Ausdruck<\/span><\/a><\/div>\n<p><em>In <a href=\"https:\/\/emhuisken.de\/wordpress\/2020\/10\/den-anderen-nach-denken-hilft\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">=&gt; diesem<\/a> Artikel wies ich darauf hin, dass Verst\u00e4ndnis von Mensch zu Mensch<\/em> <em>nicht bedeuten muss, Gedanken, Haltungen und andere  \u201eWeggef\u00e4hrten\u201c eines anderen Menschen zu \u00fcbernehmen. Das Entscheidende geschieht vielmehr im Nach-Gehen oder Nach-Denken seiner Entwicklungswege. Von einem anderen Gesichtspunkt aus m\u00f6chte ich darauf hier noch einmal eingehen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><em> <\/em>Wodurch lebt mein \u201eIch\u201c?<\/h4>\n\n\n\n<p>Leben ist Ver\u00e4nderung, niemals Stillstand. Ein erreichter Zustand kann also niemals ein wirklich \u201elebendiger\u201c sein, denn er ist Zustand, also keine Bewegung, keine Ver\u00e4nderung. Jeder irgendwann erreichte Zustand ist also gleichsam \u201etot\u201c, und sein Erschaffen beinhaltet auch den Sterbeprozess, der diesen Zustand als Endprodukt schlie\u00dflich hervorbringt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun ist mein \u201eIch\u201c aber gerade dasjenige in mir, was durch jede Ver\u00e4nderung, jede Entwicklung erst hindurchgeht, diese also <em>erlebt<\/em>, erst zu Leben macht. Ohne das erlebende Ich w\u00fcrden n\u00e4mlich die jeweils vor\u00fcbergehenden, vom Ich durchlaufenen Zust\u00e4nde nicht meinem Leben zugeh\u00f6rig anzusehen sein, kein sich entwickelndes Ganzes ergeben, sondern zun\u00e4chst vielleicht verbunden mit anderen Lebensprozessen erscheinen, in Bezug auf mich aber \u201etot\u201c bleiben, eben Zust\u00e4nde, die ich beobachte,  die aber nicht mit meinem Leben verbunden sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Dadurch, dass ich erlebend diese Zust\u00e4nde durchlaufe, verbinde ich sie mit mir, mit meinem Leben. Durch jede neue Verbindung, die ich so schaffe, ver\u00e4ndere ich aber mich selber. Denn mein Leben wird reicher an \u201eWeggef\u00e4hrten\u201c, die ich mit ihm verbunden habe, und jeder neue \u201eGef\u00e4hrte\u201c schafft f\u00fcr mich neue M\u00f6glichkeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Was Ich als sich entwickelndes Individuum jeweils werde, und welche Erlebens-M\u00f6glichkeiten mir dadurch zuwachsen, ergibt sich also aus meinen eigenen Taten und Impulsen. Mein Ich lebt durch sich selbst. Zwar ist es zun\u00e4chst als ein durch fremden Einfluss Gewordenes entstanden (die Weltentwicklung hat mich auf geheimnisvolle Weise hervorgebracht). Je mehr ich mich aber auf das Gewordene verlasse, desto mehr st\u00fctze ich mich auf Totes, erlebe auch nichts Neues; und je mehr ich eigene Initiative hervorbringe und mit meinem Leben verbinde, desto mehr lebe ich durch mich selbst. <\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Leben ist Sterben<\/h4>\n\n\n\n<p>Mit jedem Schritt, den ich durch mein Leben gehe, produziere ich neue, gewordene Zust\u00e4nde, die ich als Ergebnisse hinter mir lasse. Jede Situation, die ich durchlebe, wird notwendig zu einer vergangenen. Wie das Wort \u201evergangen\u201cschon sagt: die lebendige Situation vergeht.<\/p>\n\n\n\n<p>Vergehen ist Sterben, Verlust des Lebens also. Jedes Leben produziert aber Vergehendes, ein solches Vergehendes, mit dem das Leben sich verbunden hat und damit auch nach und nach vergeht. Paradox zun\u00e4chst, aber doch in gewissem Sinne wahr: Das Leben verzehrt sich selber, bringt den Tod hervor, einfach weil es Leben ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Allerdings: ist dieses Leben dasjenige des <em>Ich<\/em>, so lebt es durch sich selbst, und \u2013 stirbt fortw\u00e4hrend durch sich selbst ab. Ein tiefes Geheimnis unserer Zeit ist damit angesprochen. Viele Bestandteile unserer individuellen \u201eLebenswelten\u201c \u2013 also der jeweiligen individuellen Welt, in der das Ich sein Leben fristet \u2013 sind heute von Sterbeprozessen betroffen: das Sterben von Tier- und Pflanzenarten, der Verlust der Lebenskraft des Menschen (wir als Zeitgenossen werden immer kr\u00e4nker), ja, der Verlust der Lebenskraft des Gesamtorganismus \u201eErde\u201c sind un\u00fcbersehbar. Das Absterben der Erde als Ganzer ist Gegenstand vielf\u00e4ltiger Theorien und Prophezeihungen geworden. Woher soll neues Leben kommen?<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Schlafen und Wachen<\/h4>\n\n\n\n<p>In jedem Menschenleben gibt es einen \u201ekleinen Bruder\u201c des Todes: den Schlaf. Ebenso wie der Schlaf unser Bewusstsein ausl\u00f6scht bis zum n\u00e4chsten Erwachen, stellen wir uns den Tod vor: als Ausl\u00f6schen unseres Bewusstseins, aber so, dass dem Tod eben <em>kein<\/em> Aufwachen folgt, sondern dass das Ausl\u00f6schen endg\u00fcltig sei. Darum f\u00fcrchten wir uns vor dem Tod, lieben ihn nicht, sondern versuchen, ihn von uns fern zu halten. Denn wir selber sind Leben, wollen leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Das bisher Geschilderte vorausgesetzt, k\u00f6nnen wir aber wissen, dass wir selber in genau dem Bereich leben, in dem wir im Schlaf \u2013 und im Tod \u2013 g\u00e4nzlich versinken. Unser eigenes Erleben beobachten wir nicht; wir nehmen nur das Gewordene, also schon abgestorbene wahr. Wir selber sind also nicht von dieser wahrgenommenen Welt, die uns umgibt. Wir <em>leben<\/em> dort, wohin Schlaf und Tod uns f\u00fchren wollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das hat durchgreifende Bedeutung f\u00fcr das menschliche Zusammenleben. Der Andere ist \u2013 wie im <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/emhuisken.de\/wordpress\/2020\/10\/den-anderen-nach-denken-hilft\/\" target=\"_blank\">=&gt;vorigen Artikel<\/a> gezeigt \u2013 in der selben Situation wie ich. Auch der Andere lebt also in der Welt, in die der Tod f\u00fchrt. H\u00f6ren wir also einem Anderen wirklich zu, versuchen, seine (Denk-)Wege mit zu gehen, so erfordert das, dass wir gleichsam in ihn \u201ehineinschlafen\u201c, uns selber so lange aufgeben, wie wir den Anderen mit-leben wollen. Die Furcht vor dem endg\u00fcltigen Selbstverlust, also dem eigenen Tod klingt immer mit, wenn wir uns ganz auf einen Anderen einzulassen versuchen. Nur zu verst\u00e4ndlich, dass wir immer wieder zu uns selber zur\u00fcck wollen, unser Eigenes ihm entgegen halten, und dabei sehr oft \u00fcberh\u00f6ren, auf welche Wege er uns mitnehmen k\u00f6nnte, was aus seinen Wegen zu uns spricht. Wir sind also gleichsam \u2013 unbewu\u00dft \u2013 st\u00e4ndig im \u201eKrieg\u201c. <\/p>\n\n\n\n<p>Das ist eine sehr antisoziale Seite, die aber jeder Mensch heute in sich tr\u00e4gt. Kein Wunder, dass es zwischen den Menschen so viel Mi\u00dfgunst, Ablehnung und Streit gibt. Nur, wo der Andere mir n\u00fctzt \u2013 also meiner inneren und \u00e4u\u00dferen Welt aus Sinnesdingen, Gedanken, Gef\u00fchlen, Willensimpulsen, einschlie\u00dflich der gewordenen Vorstellung meiner selbst, die ich meistens \u201eIch\u201c zu nennen pflege \u2013, nur da ist er f\u00fcr mich ertr\u00e4glich, denn nur da ist f\u00fcr mich Sicherheit. Ansonsten ist der Andere mein Feind, denn lie\u00dfe ich mich auf ihn ein, auf sein wirkliches Leben, so k\u00f6nnte er mich ausl\u00f6schen.<\/p>\n\n\n\n<p>Kein Wunder auch, dass wir der Erde gegen\u00fcber, der Natur insgesamt, mit allen Tieren, Pflanzen darin, so sehr geneigt sind, nur das Tote, Feststellbare gelten zu lassen. Das ist n\u00e4mlich die <em>Erscheinung<\/em> der Welt, die uns gegen\u00fcber steht, in der f\u00fcr jeden Menschen individuellen Konfiguration, die er eben erleben kann. Was diese Welt <em>werden <\/em>l\u00e4\u00dft, <em>ihr Leben ist, <\/em>stammt aus demselben Reich, in dem ich selber lebe. In diese Welt des Lebens komme ich nur im Schlaf oder \u2013 im Tod. Und dann wei\u00df ich nichts mehr davon. Davor habe ich Furcht, und bleibe deswegen im Erkl\u00e4ren der Welt lieber bei der Erscheinung: der <em>toten, sicheren, festen <\/em>Erscheinung<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Sich selber fremd<\/h4>\n\n\n\n<p>Schauen wir uns das an: das \u201eIch\u201c lebt in einem Bereich, den es zun\u00e4chst selber nicht wahrnehmen kann, der ihm unbewusst ist. Es ist dieser Bereich der Unbewusstheit, in den wir in jedem Schlaf versinken und \u2013 jedenfalls nehmen wir das an \u2013 auch im Tod. Aber auch das Leben und Werden der Welt findet in diesem Bereich statt: wir k\u00f6nnen nicht mit-erlebend erkennen, wie das Leben entsteht, k\u00f6nnen es jedenfalls nicht in feste Vorstellungen fassen, auf die wir uns st\u00fctzen k\u00f6nnen. Kein Wunder: die feste Vorstellung ist ein Gewordenes, Vergangenes, also: Totes, darum kann sie das <em>Leben<\/em> nicht fassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch unsere Vorstellung von uns selber ist letztlich immer eine gewordene, also tote. Nur, dass wir \u2013 gen\u00fcgende Wachheit und Aufmerksamkeit vorausgesetzt \u2013 diese Vorstellung st\u00e4ndig ver\u00e4ndern und immer wieder an die neue Situation anpassen k\u00f6nnen, das Gewordene also immer wieder neu, in jedem Augenblick \u00fcberwinden k\u00f6nnen, unsere Selbst-Vorstellung also immer wieder neu aus unserem Leben hervorbringen k\u00f6nnen. Das \u201eIch\u201c lebt in seinem eigenen Tun (s.o.). Und da wir die Ver\u00e4nderung selber vornehmen, durchleben wir ihr Entstehen und wissen, darum, wie sie zustande kommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Beginnen wir zu erkennen, wie wir auf diesem Wege unser eigenes Sterben produzieren, in immer neuen gewordenen Vorstellungen von uns selber, k\u00f6nnen wir erkennen, wie wir selber ein Ausdruck sind des wohl st\u00e4rksten Gegensatzes, den wir kennen, des Gegensatzes von Tod und Leben n\u00e4mlich. Das \u201eIch\u201c ist Leben, das sich durch sich selbst produziert als Totes, als Vorstellung von sich selbst, als Person in der Wahrnehmungswelt, die sich in dieser Welt selbst erscheint, in der so vieles auftritt, aber <em>niemals das Leben selbst<\/em>. Die Oberfl\u00e4che all der schaffenden Wesen der Welt, die wir um uns her erleben, ist immer nur eine todgeweihte. Das Leben wirkt woanders. Von mir <em>wahrnehmen <\/em>kann ich zun\u00e4chst auch nur diese Oberfl\u00e4che, das Gewordene.<\/p>\n\n\n\n<p>So ist auch das, was uns aus dieser Welt in Bezug auf unser eigenes Leben entgegen kommt, eben dasjenige, was uns dem Tode n\u00e4her bringt. Unser Schicksal n\u00e4mlich, dasjenige, was als Bestandteil unserer individuellen Umwelt in Form der \u201eWeggef\u00e4hrten\u201c nach und nach uns beigeordnet wird, von uns mehr oder weniger ergriffen und mit unserem Leben verbunden. Auch darin leben wir selber. All das, was mir da zukommt, geh\u00f6rt zu mir, meinem Ich, meiner Individualit\u00e4t. Es kommt so wie mir niemandem anders zu, allenfalls diejenigen Teile davon, die zum Beispiel als Zeiten-, V\u00f6lker- oder Menschheitsschicksal angesehen werden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch in den Figuren, durch die mein \u00e4u\u00dferes Schicksal mich leitet, lebe ich also selber auf. Denn sie geh\u00f6ren zu mir, meiner Entwicklung, meinem Leben.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Spiegel des Individuellen<\/h4>\n\n\n\n<p>All das Geschilderte, das Leben und Sterben aus der Welt heraus in die <em>geistige, lebendige<\/em> Welt hinein, findet nun nicht nur in mir statt, sondern in jedem Menschen. Ich kann ja an jedem Menschen erleben, dass er in der selben Situation wie ich ist: aus einem unwahrgenommenen Ich heraus eine Welt erlebend und miterschaffend, die ihm gegen\u00fcber steht. Nirgendwo in dieser Welt kann er sich selber <em>als Lebendigen <\/em>wahrnehmen, nur immer dasjenige von sich, was geworden ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch, er kann das individuelle Leben wahrnehmen, an einer Stelle: im anderen Menschen, dem Spiegel des Individuellen. Den Anderen nach-denken \u2013 nicht seine \u201eWeggef\u00e4hrten\u201c zu \u00fcbernehmen, sondern sein <em>Leben<\/em> ein St\u00fcck mit zu gehen! \u2013 ist ein Weg, sich selber zu begegnen. Nur steht uns da die Furcht im Wege, die uns sofort \u00fcberkommt, wenn wir unser eigenes Selbst-Bewusstsein hingeben sollen, um den anderen zu er-leben. Ja, es ist wahr: wir er-leben den anderen, schenken ihm Leben durch diese Tat. Wir geben ihm \u2013 <em>und uns selber! \u2013<\/em> den Tod, wenn wir uns nur auf uns selbst zur\u00fcckziehen, auf unserem und seinem Sicheren, Festen, schon fertig Gewordenen beharren.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz unbewusst, im Reich des eigenen Er-Lebens, in das wir durch den Erdentod erst ganz hineinkommen werden, tun wir dies immerw\u00e4hrend. In jedem auch noch so kurzen Zuh\u00f6ren lebt es, dieses In-den-Anderen-Hineinschlafen und Zu-sich-selber-Aufwachen. Wir k\u00f6nnten sonst niemals wirklich verstehen, was ein anderer sagt oder uns bedeutet, k\u00f6nnten h\u00f6chstens dasjenige, was er f\u00fcr unsere eigene gewordene, irdische Pers\u00f6nlichkeit ist, mit Sympathie oder Antipathie begleiten. Nur die uns selber betreffende N\u00fctzlichkeit des Anderen als Weltgegenstand w\u00e4re dann noch f\u00fcr uns von Bedeutung. Wer auch nur ein Kleines \u00fcber diese Auffassung vom Anderen hinauskommt, ist schon ein St\u00fcck weit mit ihm mit gegangen, hat ihn ohne es zu merken, nach-gedacht und mit sich selbst verbunden. Nur fehlt dann das Bewusstsein davon, was geschehen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Man k\u00f6nnte an dieser Stelle viele empirische Befunde anf\u00fchren, die diese Darstellung untermauern: die gesamte Nachahmung kleiner Kinder f\u00e4llt in diesen Bereich, bis hin zu Messungen, die zeigen, dass der Sprachorganismus eines intensiv Zuh\u00f6renden (auch schon von Neugeborenen!) <em>zeitgleich<\/em> die Bewegungstendenzen des Sprechenden nachbildet. Zeit-<em>gleich<\/em>, nicht eine Winzigkeit sp\u00e4ter. Der Zuh\u00f6rende <em>lebt also unbewusst mit dem Sprechenden mit, erlebt ihn nach<\/em>, lebt f\u00fcr die Zeit des Zuh\u00f6rens im selben geistigen Raum wie der Sprechende, lebt dessen Intentionen mit, wird zum Spiegel des Sprechers. Und spricht dieser aus einem Erleben der Wege des Zuh\u00f6rers heraus, dann kann dieser das Sprechen wie aus sich selbst heraus erleben, als wie von ihm selber gesagt. Dann hat der Sprecher es geschafft, im \u00e4u\u00dferen Sprechen innerlich wachend so in den Zuh\u00f6rer \u201ehinein zu schlafen\u201c, dass er wie aus diesem selber sprechen kann.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Im Anderen auferstehen<\/h4>\n\n\n\n<p>Der Sprecher, der von au\u00dfen zu mir spricht, sein Sprechen aber wie aus mir selber erklingen l\u00e4\u00dft, hat etwas geschafft, was jedem Menschen zun\u00e4chst durch die Furcht verbaut ist. Er ist in mich hinein eingeschlafen, und doch dabei wach geblieben. Mehr noch: er hat dann sein eigenes Leben so mit mir verbunden in der (geistigen) Welt, in der wir beide leben, das es <em>meines<\/em> geworden ist, <em>und meines seins!.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Darum ist und bleibt er aber doch er selber, denn er steht mir ja gegen\u00fcber und spricht zu mir. Er ist gleichsam in seine Erscheinung hinein gestorben, ist geworden, was er mir im Au\u00dfen nun ist, und ist gleichzeitig in mir selber zu neuem Leben gekommen. Aber ich habe dasselbe getan, ihm mein Leben geschenkt, mein Mit-Erleben, indem ich es gewagt habe, mich den Wegen, die er mich f\u00fchrt, g\u00e4nzlich zu \u00fcberlassen. Wir tun beide das gleiche, aber doch anders: ich schlafe  f\u00fcr mich selber im Irdischen, nehme mich nicht wahr, gebe mich dem \u00e4u\u00dferen Sprechen des Anderen hin, und lasse ihn in mir auferstehen, indem ich ihn nach-denke; der Sprecher schl\u00e4ft im Innern f\u00fcr sich selber, l\u00e4\u00dft mich in sich wirken, das hei\u00dft aber <em>mich, den Lebendigen<\/em>, um mich in seinem Sprechen im Au\u00dfen auferstehen zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>So kann menschliches Zusammen-Leben neue Gemeinschaft wirken: im Wechsel zwischen dem In-den-Anderen Hineinschlafen und dem F\u00fcr-mich-selber-Aufwachen, je nach Rolle, die jeder gerade im \u00c4u\u00dferen spielt. So wacht jeder im anderen auf und dadurch f\u00fcr sich selbst, wird so bewusst zum <em>Spiegel des Individuellen<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf <em>dieser <\/em>Grundlage kann aber niemals wirklicher Streit entstehen, nur Verst\u00e4ndnis f\u00fcr das fremde Wollen, das durch die ganz anderen \u201eWeggef\u00e4hrten\u201c des Anderen notwendig als ein Fremdes erscheinen muss. <em>So <\/em>kann das \u201eDen-Anderen-Nachdenken\u201c helfen, eine neue Gemeinschaft entstehen zu lassen, in der wirkliche Freiheit m\u00f6glich wird.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00a9 Stefan Carl em Huisken 2020<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie finde ich den Spiegel meiner selbst in der Welt, den Spiegel des Individuellen? 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