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DIE LAHNUNG – Mitteilungen für individuelle Entwicklung und Lebenskunde

Seit dem Jahr 2020 gebe ich DIE LAHNUNG – Mitteilungen für individuelle Entwicklung und Lebenskunde heraus. Dieses Mitteilungsblatt war ursprünglich für einen kleinen Kreis von Menschen gedacht, die mit der anthroposophischen Geisteswissenschaft und mit mir persönlich auf die eine oder andere Weise verbunden sind. Das Projekt fand Anklang, und es schreiben inzwischen auch unterschiedliche Menschen Beiträge darin. Geplant sind derzeit drei Ausgaben pro Jahr. Bei Interesse kann man sich bei mir melden; nach Absprache ist dann eine Aufnahme in den Kreis der Empfänger (und/oder Autoren) dieser Mitteilungen möglich.

Zur Deckung der Kosten für dieses Projekt sind finanzielle Beiträge erwünscht (Vorschlag 6 € pro Ausgabe); finanzielle Unterstützung ermöglicht ja ganz allgemein die Fortführung und möglicherweise Erweiterung meiner Arbeit. Siehe => Unterstützung.

Auf dieser Seite können die Inhaltsverzeichnisse der bisher erschienenen Ausgaben eingesehen und heruntergeladen werden. Soweit noch vorhanden, können auf Anfrage auch Exemplare der bisherigen Ausgaben bezogen werden.

Hier die Inhaltsverzeichnisse:

Ausgabe 1 – Februar 2020

Ausgabe 2 – Mai 2020

Ausgabe 3 – Oktober 2020

Ausgabe 4 – Januar 2021

Ausgabe 5 – Mai 2021

Ausgabe 6 – September 2021

Ausgabe 7 – Januar 2022




Wahnsinn und Denken – Der Kampf geht weiter

Buch Wahnsinn und Denken der Kampf um den Menschen

„Wahnsinn und Denken – Der Kampf um den Menschen“ ist ja der Titel meines neuen Buches, das ab sofort lieferbar ist. Manch einer mag ja glauben, dass dieser Kampf demnächst mit dem Ende der Corona-Pandemie entschieden wäre – weit gefehlt. Er fängt gerade erst an, und entschieden ist gar nichts, schon gar nicht mit irgendwelchen einlullenden Nachrichten über „Lockerungen“, „Erleichterungen“ oder Ähnliches.

Bisher ist nämlich das eigentliche Thema, um das die Auseinandersetzung geht, noch gar nicht richtig im Bewusstsein angekommen. Es ist auch zu befürchten, dass es noch eine Weile dauert, bis bemerkt wird, dass alles Bisherige, und auch die kommenden Angriffe auf die Menschlichkeit, die unter Stichworten wie „Klimaschutz“, „weltweite Solidarität mit den Schwachen“, oder vielleicht auch „Endkampf gegen den bösen russischen Totalitarismus“ oder dergleichen vonstatten gehen werden, solange nur zu weiteren Zerstörungen an Mensch und Erde führen können, wie die grundsätzlichen Denkfehler, die die eigentliche, schon lange grassierende „Pandemie“ ausmachen, nicht erkannt und entschlossen angegangen werden.

Dass es zukünftig vielleicht ein paar wenige Menschen mehr geben kann, die die wirkliche Bedeutung dieser schweren Entscheidungszeit ahnen, dazu möchte dieses Buch beitragen. Es ist alles Andere als eine spektakuläre Räuberpistole, die man sich bequem abends im Bett reinziehen kann, um sich dann wohlinformiert und guten Gewissens einem ruhigen Schlaf zuzuwenden. Das Buch ist auch eine wirkliche Forderung an den Leser, eine Forderung allerdings, die derjenige, der sich darauf einlässt, möglicherweise für seine eigene Entwicklung und der Entwicklung seiner Möglichkeiten, zum allgemeinen Wohl beizutragen, außerordentlich schätzen wird.

Bestellt werden kann es => hier.

Oder im Buchhandel: Stefan Carl em Huisken: Wahnsinn und Denken – Der Kampf um den Menschen. 116 Seiten, Hardcover, Fadenheftung. Verlag Ch. Möllmann. 15 €. ISBN 978-3-89979-335-2.




Plädoyer für den Menschen – gegen die Missachtung

Warum muss man ihn eigentlich verteidigen, für ihn „plädieren“, den Menschen? Kann er das nicht selber? Aber ja doch, tut er ja gerade, denn ich bin auch Mensch, oder? Und andere Verteidiger als Menschen sind ja nicht zur Hand ….

Missachtung

Aber wogegen überhaupt? Wer greift ihn an? Nun, das ist eine schwere Frage, denn die Missachtung des Menschen ist groß in der Welt, aber die Missachtenden sind alle eines: Menschen. Und dann ist das mit der Verteidigung auch so eine Sache, denn nach gängigem Verständnis hätte der Verteidiger als seine Gegner eben Menschen. Und deren Missachtung des Menschen müsste man dann, wenn man ihr nicht beipflichten kann und will – was ja ein Verteidiger natürlich weder kann noch darf – eben erst einmal als ungerechtfertigt ansehen und dadurch diese Menschen in ihrer Ansicht erst einmal – und jetzt wird es schwierig – missachten.

Kurzum: die Missachtung des Menschen, des realen, der ich bin, von dem ich ganz sicher weiß wie jeder andere Mensch auch, ist eine Art selbsterfüllende Vorgabe: hat sie ein Mensch, diese Missachtung, so ist jeder, der gegen sie streitet, und damit ihre Existenz im anderen nicht gelten lassen will, erst einmal gezwungen, sie auch zu haben. Oder?

Erlebte Wirklichkeit

Worauf das hinweist, ist aber eigentlich eine ganz einfache Sache. Jeder von uns erlebt sich in sich, geistig-seelisch, von außen unmessbar und nur für den sich selber erlebenden real. Sehr real allerdings, denn man braucht nicht einmal äußere Sinne, um von der eigenen Realität überzeugt zu sein. Sie ist für jeden wachen Menschen einfach gegeben in unserer heutigen Welt.

Wohl brauchen wir die Sinne, aber nur mittelbar. Denn ohne Sinneswahrnehmung sind wir in der Regel nicht wach, und wissen daher auch nicht von uns selber, der wir ja allen diesen Wahrnehmungen gegenüberstehen und sie doch nicht sind. Könnten wir wach sein ohne Sinneswahrnehmungen – und es gibt Menschen, die sagen, dass sie das können – so wüssten wir auch dann von unserer eigenen Existenz, und hätten darin dann den praktischen Beweis, dass wir selber, die geistig-seelischen Menschen, von der Sinneswelt unabhängige, sagen wir einmal „übersinnliche“ oder „geistige“ Wesen sind.

Weil wir solche Wesen eben nur sind, aber nicht wahrnehmen, vor allem dieses geistige Sein im Anderen nicht wahrnehmen können, missachten wir es. Denn für wirklich halten wir immer nur, was wir auch wahrnehmen können, was uns gewissermaßen „gegenübersteht“. Denn das können wir uns dann von Anderen bestätigen lassen, und erst dann gilt es uns als „wirklich“.

Selbst-Missachtung

Warum eigentlich? Genau, weil wir selber mit der Missachtung des Menschen bei uns selber anfangen. Selbst, was wir als ganz unumstößlich vorhanden erleben, uns selber nämlich, und unser Denken, achten wir nicht.

Womit der Quell der sich selbst erfüllenden Vorgabe der Missachtung des Menschen ausfindig gemacht wäre: er liegt in der Selbst-Missachtung des Einzelnen. Allerdings, um hier einem Missverständnis gleich zuvor zu kommen: es geht um die Missachtung oder wieder zu erlangende Achtung des unmittelbaren, geistig-seelischen Selbst-Erlebens des Menschen, nicht um die Missachtung oder Achtung gegenüber irgendwelchen inhaltlichen, auf die erlebte Welt bezogenen Meinungen, Gefühlen, Erkenntnissen oder „Wollungen“. Das sind nämlich alles beschreibbare Gegenstände einer inneren geistig-seelischen Umwelt. Die sieht man in der Regel als genauso unwirklich, “bloß subjektiv“ an wie sich selber. Aber wenn man erst einmal die Wirklichkeit der eigenen geistig-seelischen Existenz anerkennt, also überhaupt etwas Un-Sinnliches, Übersinnliches als wirklich anerkennt, stellen sich in Bezug auf die genannten innerseelischen „Begleiter“ auch andere Fragen.

Diagnose

Jedenfalls können wir festhalten: die allgemein zu beklagende Missachtung des Menschen in der Welt hat einen Ausgangspunkt in uns selber, in unserer Missachtung für unser ohne Zweifel reales Selbst-Erleben. Wer sich selber nicht achtet, hat es schwer, das Menschsein des Anderen zu achten. Allerdings gibt es da viele Regeln, Gewohnheiten und Haltungen, die uns im verflossenen Leben zugewachsen sind, und die uns dann auch dazu bringen können, es mit der Missachtung nicht zu übertreiben. Wie die einfache Beobachtung des Lebens ergibt, verlieren diese Regeln aber rasant an Kraft.

Denn freilich, freie Achtung für einander wächst nur in Menschen, die sich selber genauso achten wie den Anderen. Man kann das auch so ausdrücken: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“. Auch diese Formulierung gibt ja nur dann einen Sinn, wenn man mit der Selbst-Liebe nicht die Liebe zur Erfüllung der eigenen Wünsche, zum eigenen Rechthaben oder zur Macht über Andere meint, sondern wirklich zu sich selbst, diesem elementaren Ich-Erlebnis, unabhängig von allen geistig-seelischen „Begleitern“.

Heilmittel

Dann kennen wir aber – wie überhaupt in der Heilkunde überall – mit der Diagnose das Heilmittel. Nehmen wir uns selber ernst in unserer geistig-seelischen Existenz! Wachen wir auf dafür, dass auch unsere inneren „Begleiter“ Tatsachen sind, Wirklichkeiten, mit denen zu rechnen ist! Wie viele Dinge in der Welt hat es zuerst als Gedanken, als Wünsche gegeben, die nun aber Welt-Tatsachen sind!? Nur leider, wie oft haben wir oder die anderen Urheber solcher Gedanken, Gefühle oder Willensimpulse nicht gewusst, was sie auslösen, wenn das Innere durch Taten erst zu Lebens-Tatsachen wird! Und dann stehen wir staunend, manchmal auch schaudernd vor den Ergebnissen.

Wie gut wäre es, wenn wir über das Verhältnis zwischen der geistig-seelischen Welt, als deren Teil wir selber in uns leben, und der äußeren Sinneswelt mehr wüssten als bisher? Diejenige Wissenschaft, die nur auf das Äußere geht, kann das niemals klären; sie kann nur eines, was sie ja auch ganz ausdrücklich will: den inneren, sich selbst erlebenden, „bloß subjektiven“ Menschen missachten.

Und da solche Dinge wie Moral, Achtung, Gefühl und Ähnliches eben alles keine äußeren Gegenstände sind und bloß im „subjektiven“ Menschen vorkommen, gelten diese Dinge solcher Wissenschaft nichts. Sie soll ja „wertfrei“ sein. Damit schließt sie aber den unmittelbar wahren, lebenden Menschen aus.

Leider merkt sie dabei gar nicht, dass sie sich selber auch für unwirklich erklärt: ihre Gedanken über die Welt, ihre theoretischen Gedankengebäude, die den inneren Menschen zu etwas Unwirklichem erklären, sind ja bloß eines, nämlich: Gedanken, also subjektiv. Und ihre subjektiven Gedanken sind dann eben so, dass sie den real sich selbst erlebenden Menschen missachten müssen.

Geisteswissenschaft

Was uns fehlt, ist daher eine erneuerte Wissenschaft, eine Wissenschaft vom Menschen aus, und damit eine Geistes-Wissenschaft vom realen Geist, der in jedem Menschen lebt, denn der erlebende Mensch ist geistig. Solche Wissenschaft kann man auch Anthroposophie nennen; sie erkennt dann selbstverständlich an, was Welt-Wissenschaft über ihren Gegenstand zu sagen hat, geht aber darüber hinaus und schließt auch die reale Grundlage der Welt-Wissenschaft mit ein: den realen, geistigen Menschen. Und dann kommt es auch zu einem Ende mit der Missachtung des Menschen.

Und wir kennen damit auch den „Retter“, der alle Verteidigung, jedes Plädoyer für den Menschen dann unnötig macht: den Menschen selber, der sich in freiem Entschluss zu sich selbst und dem Geist bekennt, dem er entstammt und in dem er lebt.

Tut er das nicht, so wird die Missachtung bleiben, und voraussichtlich wachsen. Denn ohne den Menschen ist kein Leben in der Erkenntnis; nur er kann dieses Leben geben. Ohne ihn wird alle Erkenntnis nur eine abstrakte, absterbende, tote sein. Und wie alles, was erst im Geiste ist, wird sie dann auch Welten-Wirklichkeit – also den Tod in die Welt bringen. Sehen wir das nicht täglich, wo scheinbar „wertfreie“ Wissenschaft und Technik den Menschen missachtet, ihm seinen inneren Wert raubt und seine Welt zerstört?

© Stefan Carl em Huisken 2021




Das Erscheinen des Christus im Ätherischen und die Erkenntnisaufgabe des Menschen durch Anthroposophie

Vorbemerkung

Einmal mehr scheint es erforderlich, auf den besonderen Charakter von Texten aufmerksam zu machen, die nicht einfach äußere Tatsachen nachbildend beschreiben wollen, sondern demgegenüber die (auch die äußeren Tatsachen) umfassende Wirksamkeit des lebendigen Geistes im Menschen zur Geltung bringen wollen, indem sie auf das in sich selbst schaffende Denken als grundlegende Tatsache jeder wahrhaften Erkenntnis hinweisen.

Solche Texte sollen also Hinweise sein auf dasjenige, was erkannt werden soll. Die Erkenntnis bleibt dadurch frei und in die Verantwortung des einzelnen Lesers gelegt. Nicht anders darf heutzutage der Versuch gemacht werden, Wahrheit zur Geltung zu bringen. Priester und Gläubige, also steuernde, auch manipulierende – weil wissende – Eliten und von ihnen abhängige „Gemeinden“ gibt es heutzutage genug, in sogenannter „Wissenschaft“ ebenso wie in Parteien, Konfessionen, Ideologien überall auf der Welt. Weitere davon sind ebenso unnötig, wie die Überwindung der bestehenden not-wendig.

Anthroposophie, anthroposophische Geisteswissenschaft geht vom Menschen aus – von jedem Einzelnen also, der sie will – und braucht deswegen keine „esoterischen Eliten“.

Als ein solcher Hinweis auf erkennbare Wahrheit ist auch dieser Text intendiert. Er ist vorläufiger Abschluss und auch Zusammenfassung einer Reihe von Artikeln, auf die im Folgenden wo erforderlich hingewiesen wird. Ihre Kenntnis ist daher in gewisser Weise vorausgesetzt; sie sind alle über meine Website www.emhuisken.de/uebersicht-beitraege-geisteswissenschaft/ verfügbar.

Ausgangspunkt Mensch

Ausgangspunkt anthroposophischer Geisteswissenschaft ist der Mensch, wie er als irdisches Wesen sich selbst erkennen kann. Dieser Mensch ist zunächst im heutigen alltäglichen Leben vereinzelt, von allen anderen getrennt, denn er ist umgeben von einer nur ihm erscheinenden Welt („niemand kann durch die Augen eines Anderen sehen“), mit der er in einer nur für ihn individuell möglichen Weise umgeht. Niemand anders kann dies genauso wie dieser eine Mensch, denn nur dieser eine Mensch hat dabei seinen eigenen individuellen Entwicklungsgang zugrunde liegen, in diesen oder jenen Erlebnissen, Erkenntnissen und Strebensrichtungen.

Genau in dieser Tatsache, die ja jeder einigermaßen denkwillige Mensch leicht einsehen kann, und die die Menschen in maximal möglicher Art von einander trennt, besteht aber auch ihre größte Einigkeit: ausnahmslos jeder Mensch ist als irdisches Wesen in genau dieser Situation. Sieht man diese Gemeinsamkeit und Gleichheit aller Menschen ein, dass nämlich jeder Mensch in seiner Weltsicht – seiner „Welt-Anschauung“ – etwas hat, was nur für ihn gilt, und das universelle, alle Menschen umfassende Element daher zunächst nicht in der Welt, auch nicht in der Welt der Vorstellungen und Theorien über den Menschen, seine Seele, seinen Geist zu finden ist, sondern als lebendige, in jedem Augenblick sich erneuernde Tatsache seines individuellen Umganges mit seiner Welt-Anschauung im sich selbst beobachtenden Denken, – sieht man dies als ausnahmslos allen Menschen eigene Wahrheit ein, so ist damit ein Anfang gemacht zur Überwindung des in unserer Zeit ausufernden Streites der Weltanschauungen.

Damit ist aber auch ein Schritt getan zum Ersetzen des Glaubens an eine irgendwie gewordene Weltanschauung durch ein wahres Wissen von Tatsachen; der erkennende Mensch tritt dadurch im Ansatz wiederum – nun bewusst – ein in den Ausgangspunkt der Erkenntnis.

Die Grundsituation ebenso wie die Folgen für ein wahres Erkennen, die sich aus diesem menschlich-realen Ausgangspunkt ergeben, sind ja bereits ausführlicher ausgeleuchtet worden; hier mag daher der Hinweis darauf genügen.1

Erkenntnis-Aufgabe unserer Zeit

Rudolf Steiner spricht von ferner Zukunft, wenn er sagt:

Das wird eine Zeit sein, in welcher die Menschen in weit höherem Grade als heute eine gemeinsame Weisheit haben werden, sozusagen in gemeinsame Weisheit eingetaucht sein werden. Es wird beginnen etwas davon, daß man empfinden wird, daß das Ureigenste des Menschen zu gleicher Zeit das Allgemeingültigste ist. Das, was man im heutigen Sinne als individuelles Gut des Menschen auffaßt, ist noch nicht ein individuelles Gut auf einer hohen Stufe. Heute ist mit der Individualität, mit der Persönlichkeit des Menschen noch im hohen Grade verknüpft, daß die Menschen sich streiten, daß die Menschen verschiedene Meinungen haben und behaupten: Wenn man nicht verschiedener Meinung sein dürfte, würde man ja kein selbständiger Mensch sein. Gerade weil sie selbständige Menschen sein wollen, müssen sie zu verschiedenen Meinungen kommen. Aber das ist ein untergeordneter Standpunkt der Anschauung. Am friedlichsten und harmonischsten werden die Menschen sein, wenn der einzelne Mensch am individuellsten sein wird. Solange … gibt es Meinungen, die voneinander verschieden sind. Diese Meinungen sind noch nicht im wahren Innersten des Menschen empfunden.

Heute gibt es nur einige Vorläufer für die im wahren Innern empfundenen Dinge. Das sind die mathematischen und geometrischen Wahrheiten. Über die kann man nicht abstimmen. Wenn eine Million Menschen Ihnen sagen würde, daß 2 x 2 = 5 ist, und Sie sehen es selbst im eigenen Innern ein, daß es 4 ist, so wissen Sie es, und Sie wissen auch, daß die anderen im Irrtum sein müssen – geradeso, wie wenn jemand behauptete, daß die drei Winkel eines Dreiecks nicht zusammen 180 Grad betragen.

Das ist Manas-Kultur, wenn immer mehr empfunden werden die Quellen der Wahrheit in dem stark gewordenen Individuellen, Persönlichen des Menschen und wenn zu gleicher Zeit das, was empfunden wird als höhere Wahrheit, auch von Mensch zu Mensch übereinstimmt wie die mathematischen Wahrheiten. In diesen stimmen die Menschen heute schon überein, weil das die trivialsten Wahrheiten sind. In bezug auf die anderen Wahrheiten streiten sich die Menschen, nicht weil es über dieselbe Sache zwei verschiedene richtige Meinungen geben kann, sondern weil die Menschen noch nicht so weit gekommen sind, das alles zu erkennen und niederzukämpfen, was an persönlicher Sympathie oder Antipathie sie trennt. Würde bei den einfachen mathematischen Wahrheiten noch die eigene Meinung in Betracht kommen, so würden viele Hausfrauen vielleicht dafür stimmen, daß 2 x 2 = 5 ist und nicht 4. Für den, der tiefer in die Natur der Dinge hineinsieht, ist es eben unmöglich, über die höhere Natur der Dinge zu streiten, es gibt nur die Möglichkeit, sich dazu hinaufzuentwickeln. Dann trifft die Wahrheit, die in der einen Seele gefunden ist, genau zusammen mit der Wahrheit in der anderen Seele; dann streitet man nicht mehr. Und das ist die Gewähr des wahren Friedens und der wahren Brüderlichkeit, weil es nur eine Wahrheit gibt, und diese Wahrheit hat wirklich etwas zu tun mit der geistigen Sonne. Denken Sie einmal, wie die einzelnen Pflanzen ordentlich wachsen; jede Pflanze wächst der Sonne zu, und es ist nur eine einzige Sonne.“2

Die Grundlagen dafür zu legen, indem wir in der völligen Vereinzelung aufmerksam werden auf den allen Menschen gleichen Quell des sich selbst als lebendige Tatsache erkennenden Denkens im Umgang mit der Welt, das ist die Aufgabe unserer Zeit. Sie bereitet vor, was einst in der Zukunft als allen Menschen eigene Wahrheits-Erkenntnis in immer weiteren Kreisen das Leben prägen kann.

Wollen wir eine solche Wahrheits-Wissenschaft erreichen, tun wir gut daran, zunächst die Wege dazu durch unser tätiges Denken zu ergründen. Diese Wege beginnen immer dort, wo wir auf die erste uns als Menschen zugängliche rein geistige Tatsache aufmerksam werden: die Tatsache des individuellen, durch unser Denken von uns selbst gestaltbaren Umgangs mit unserer immer von derjenigen aller anderen Menschen verschiedenen konkreten Welt. Diese Tatsache ist nur duch das Denken selbst fassbar, und darum rein geistig.

Individuelles Selbst-Bewusstsein

Ein so sich darlebendes individuelles Bewusstsein des Menschen von sich selbst ist keineswegs dem Menschen vom Anbeginn gegeben. Es erfordert die qualvoll erlittene Einsicht in die Unvollkommenheit der jedem Menschen in seiner Vereinzelung gegebenen Mittel. Diese Mittel können den Menschen nicht zu einer Überwindung derjenigen Probleme führen, die eben durch die Vereinzelung – und ihre Nutzung durch kundige Eliten für ihre eigenen Zwecke! – entstehen.

Wo nämlich der Mensch dem leidvollen Erleben seiner eigenen Erkenntnis-Ohnmacht (der Wahrheit gegenüber) zu entfliehen versucht, indem er alte (Glaubens-)Bindungen durch neue, vermeintlich selbst gewählte ersetzt, macht er sich selber zum Spielball derjenigen, die solche Selbst-Aufgabe als Grundlage ihrer selbstsüchtigen Macht schätzen. Macht lebt auch vom Glauben der (scheinbar) Ohnmächtigen.

Die Einsicht, dass auch die äußere Macht sich nur solange ungehindert entfalten kann, wie die einzelnen zunächst scheinbar „Ohnmächtigen“ ihr auch innerlich glauben, muss auf lange Sicht den Bestand der äußeren Macht zersetzen. Ist man genötigt, in der äußeren Wirksamkeit einen Kompromiß zu schließen, so muß man sich dessen bewußt werden und nicht in leichtfertiger Weise darüber hinwegreden. Man muß sich ruhig sagen: Der Gewalt muß selbstverständlich gewi­chen werden. Aber man muß nicht bei sich selber in der Erkenntnis Kompromisse schließen. Man muß nicht glauben, daß das richtig ist, was man tut unter dem Einfluß der Gewalt.3

Das individuelle Selbst-Bewusstsein in der Selbst-Erkenntnis zu pflegen als Vollzug der Aufgabe unserer Zeit, gegenüber allen Widerständen und Hindernissen, die uns die äußere Gewalt immer wieder aufzuzwingen sucht, legt also den Grund für die von Rudolf Steiner angedeutete Zukunfts-Kultur der Wahrheit.

Die Sprache der Ohnmacht

Bedingung dafür ist und bleibt die Einsicht des einzelnen irdischen Menschen in seine ganz grundsätzliche Ohnmacht, im Rahmen seiner persönlichen Welt-Anschauung wirkliche Wahrheit zu erkennen. Erst die Not, in die durch diese Tatsache Mensch und Welt ganz allgemein versetzt sind, kann im Einzelnen ein Aufwachen für sich selbst als Gleicher unter Gleichen im Rahmen der Menschheit als ganzer erwirken.4

Der Mangel an Macht bei den meisten Menschen, der Wirklichkeit die eigenen Wünsche aufzuzwingen, steht einer ungeheuren Konzentration der Macht in den Händen Weniger gegenüber, die sie derzeit vor allem dazu nutzen, Welt und Menschen ihren eigenen, persönlichen Wünschen und Auffassungen zu unterwerfen. Aber – wie gezeigt – Macht basiert auch auf Glauben. Und die Abkehr von diesem Glauben weckt die Kraft im Menschen, in sich selber die Wahrheit immer energischer anzustreben.

Die Macht Einzelner durch die Macht der Masse bekämpfen zu wollen, ist ein Unterfangen, das der zwangsweisen Ent-Individualisierung durch die Gewalt gewisser Eliten die freiwillige Unterwerfung der Masse unter einen allgemeinen Primat der unbeschränkten Geltung äußerer Macht unterwirft. Provokant ausgedruckt, ist das eine Art Selbst-Aufgabe: „Danke, deinen mächtigen Zwang zur Vermassung brauchen wir nicht. Das können wir freiwillig besser.“ Denn jede Masse, die als Macht auftreten will, muss sich dabei einem für jedes ihrer Glieder gleichen Ziel unterwerfen – also einer Ideologie zum Beispiel oder dem Glauben daran, das „Gute“, das den eigenen Interessen diene, werde sich schon finden, wenn nur erst die andere, die „böse“ Macht zerstört sei.

Es ist aber durch die Selbst-Ermächtigung des Individuums zur Einsicht in erste universell für alle Menschen geltende Lebens-Tatsachen bereits die Axt gelegt an jede Realisierung äußerer Macht im herkömmlichen Sinne. Auch die jetzt scheinbar „Mächtigen“ sind Menschen, auch für sie gilt die heutzutage prinzipielle Ohnmacht des irdischen Individuums. Ihre Macht ist bloß geliehen von denjenigen Einflüssen oder Wesen, denen sie dienen.

Diese Wesen leben in der Regel nicht begrenzt in einem einzelnen Menschen, sondern benutzen nur ihre Anhänger, die sich im Geiste ihnen anschließen. Für sie zählt ein Mensch nur so viel, wie er ihnen nützt. Man kann sie als Geistwesen ansehen, die den gläubigen Menschen steuern.5 Sie verlieren ihre Macht dort, wo der Mensch aufhört zu glauben, und sich den Tatsachen des Lebens in Wahrheit zuwendet. Sie wirken ungehindert nur dort, wo sie unerkannt bleiben. Verführer und Lügner können nur im Verborgenen ihre Ziele erreichen. Werden sie erkannt, müssen sie ihren Einfluss verlieren.

Die Einsicht in die weitreichende, grundsätzliche Ohnmacht jedes Einzelnen – auch des Anderen, scheinbar „Mächtigen“ – ermöglicht den Blick auf den Keim der Wahrheit in jedem Menschen, auch des Verführtesten. Verstehen wir also diese Sprache der Ohnmacht recht: jede Machtausübung – einzeln, in der Gruppe, in der entindividualisierten Masse – verletzt die Freiheit des sich entfaltenden Individuums, bei mir oder beim Anderen, das ist aufs Ganze gesehen einerlei (wenn auch für den Einzelnen manchmal unerträglich). Soll aber Freiheit in die Zukunft hinein erst allumfassend werden (wohlgemerkt: Freiheit, nicht egoistische Unabhängigkeit von allen Einschränkungen beim Erfüllen irdischer Wünsche), muss sie gewollt und gepflegt werden.

Neue Einsicht

Die Einsicht(smöglichkeit) in diese Ohnmacht ist neu, und sie folgt auf das vollständige Ohnmächtig-Werden aller Naturerkenntnis durch das heute fast unumschränkt herrschende materialistische Dogma des: „Nur die materielle Außenwelt ist wirklich. Leider haben wir darüber kein Wissen, nur Theorien.“

Dass solche Art von Wissenschaft mehr Probleme hervorruft als sie löst – insbesondere kann sie die selbstgeschaffenen Probleme nicht lösen (sic!) – ist spätestens seit dem Aufkommen der Atomkraft offensichtlich. In unserer Zeit treibt besonders der Versuch, das Denken gänzlich der äußeren Welt zu übereignen durch die Auslagerung aller wesentlichen gesellschaftlichen Entscheidungen auf Computermodelle vielfältig giftige Blüten. Es bleibt aber der monumentale Satz von Lewis Mumford in seinem umfangreichen Werk „Mythos der Maschine“ unumschränkt gültig: „Kein mechanisches System (also auch kein Computer als System der Mechanisierung des Denkens, Anm. EH) kennt die Bedeutung von Bedeutung“6

In unsere Zeit übersetzt ist damit auf die Tatsache verwiesen, dass die allen Menschen gleiche Grundsituation der Vereinzelung und Erkenntnisohnmacht – die ja die allen Menschen gleiche Grundwahrheit ist – selbstverständlich von keinem Computer bemerkt werden kann. Wo sich aber der Mensch nicht zur Selbst-Erkenntnis aufschwingt, ermächtigt er das Welt-Maschinenwesen zum Herrscher über die Menschen, der dann aber bar jeder moralischen Einsicht ausschließlich nach den Gesetzen der außermenschlichen Welt – eben maschinell – regiert.

Was ist der Grund dafür, dass wir Menschen uns vom bloßen Erleiden der Ohnmacht zur Selbst-Erkenntnis aufschwingen können, mit allen Folgen für das Welterkennen, wie sie bereits in vorangehenden Artikeln beschrieben wurden?7 Diese Selbst-Erkenntnis gibt uns den Schlüssel zur Freiheit, zur Selbst-Befreiung von den Zwängen altüberkommener, geglaubter Weltanschauungsinhalte, Glaubenssätze und Ideologien.

Erst dadurch kann der Mensch lernen, sich auf sich selbst zu stellen.

Die Einsicht in die Bedeutung des Denkens als geistige Tatsache, die sich ihrer selbst im Menschen bewusst wird, ist von Rudolf Steiner am Ende des 19. Jahrhunderts in Gedankenform fürmuliert worden (vgl. seine Bücher „Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung“, Wahrheit und Wissenschaft“ und „Die Philosophie der Freiheit“) und Anfang des 20. Jahrhunderts durch die weitreichende Veröffentlichung ehemals geheimgehaltener geistiger Tatsachen der äußeren Entwicklung der Menschheit einverleibt worden. Seitdem können wir davon wissen, damit umgehen und uns daran selber weiterentwickeln.

Dass wir erst dadurch als heutige Menschen wieder in die Lage kommen, uns selbst, den heutigen Menschen und seine Situation überhaupt – einschließlich aller Irrtümer und Zerstörungen – als notwendiges Glied einer sinnvollen Entwicklung zu erkennen, ist ja in den bisherigen Darstellungen vielfach aufgewiesen worden.8 Was also ist dann das Auftreten Rudolf Steiners im Rahmen dieses Entwicklungsprozesses?

Anthroposophische Bewegung

Die anthroposophische Geisteswissenschaft als menschheitsgeschichtliche Tatsache trat zu Beginn des 20. Jahrhunderts ins öffentliche Bewusstsein Mitteleuropas (und der Welt). Die in Gedankenform gefasste Grundlegung aus dem letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts (vgl. vorigen Abschnitt) war zuvor nahezu unbemerkt und unverstanden einfach unberücksichtigt geblieben.

Erst mit dem Anknüpfen an altüberkommene esoterische Überlieferungen gewann Aufmerksamkeit, was Rudolf Steiner zu sagen hatte. Wenn man das äußere Wachstum der anthroposophischen Bewegung ins Auge fasst, kann es scheinen, als ob dabei das Erlangen von Anerkennung durch die hergebrachten Gesellschaftsformationen von Vielen als wichtigstes Zeichen eines Gelingens dieser geisteswissenschaftlichen Bewegung angesehen wurde. Die Denkweise der Macht, die äußere Anerkennung als Grundlage braucht (da sie keine Wahrheit in sich trägt), wurde offenbar auch auf die Anthroposophie angewendet – man wollte mitspielen im Kampf um die Lenkung der Menschheit.

Rudolf Steiner hat diese Haltung vielfach und jederzeit wieder auf das Schärfste abgelehnt und jede Bestrebung, durch die anthroposophische Geisteswissenschaft sich zahm in den Kanon hergebrachter Theorien über Welt und Mensch einreihen sollte, unmißverständlich als zerstörerisch und der Anthroposophie entgegengesetzt gekennzeichnet.9 Das liegt ja auch auf der Hand, ist doch jeder Gedanke an äußere Machtausübung der unbedingten Wahrheitsverpflichtung der Geisteswissenschaft abträglich.

Rudolf Steiner wollte nur durch die Wahrheit wirken, die Wahrheit im Sinne des Maßstabes, in dem sich das Denken in der Selbstbeobachtung selbst erschafft, oder – anders ausgedrückt – im Sinne des Maßstabes, der sich aus der Betrachtung der Evolution von Mensch und Welt als Selbsterschaffungsprozess des göttlichen Urgrundes in der Selbsterkenntnis ergibt.10

Dieser eigentliche Kern der Anthroposophie ist unabhängig von äußeren Machtfaktoren, zielt er doch eigentlich darauf, die diese äußere Macht steuernden geistigen Wesenheiten kennenzulernen und in ihrem Chor selbstbewusst mitzuwirken. Dieser Kern ist vielfach verraten worden, zu Rudolf Steiners Lebenszeit ebenso wie danach, bis heute. Er ist dennoch unzerstörbar, als eine Tatsache der Menschenentwicklung, die ein für alle Mal Bestandteil der Menschheit geworden ist.

Manchmal bekommt man den Eindruck, als ob gerade in Zeiten, in denen der Druck von Außen immer stärker wird, gleichzeitig – oft im Verborgenen und nur bei wenigen Menschen – die Besinnung auf das Wesentliche immer umfassender wird, ganz im Sinne der oben skizzierten „Sprache der Ohnmacht“.

Wozu Geisteswissenschaft?

Wenn nun die anthroposophische Geisteswissenschaft nicht einfach eine Bewegung wie viele andere ist (auch und schon gar nicht die endgültige, alles klärende ultimative Wahrheitslehre!) – was ist sie dann? Welche Bedeutung hat diese Geisteswissenschaft im Rahmen des Ganzen von Mensch und Welt?

Dies zu klären, hat – wie Rudolf Steiner selber immer wieder und häufig genug betonte – allein diese Geisteswissenschaft selbst die Möglichkeit in unserer Zeit. Nur sie selber entspringt dem universellen Wahrheitskriterium, das ins Bewusstsein zu bringen sie immer wieder zu ihrem Ziel gemacht hat.11 Das entspricht der Einsicht, dass eben nur das Denken selbst die Möglichkeit hat, seine eigene Bedeutung zu erkennen.

Wenn also die Denkwege des sich selbst erkennenden denkenden Menschen sich in den Entwicklungswegen der Menschheit wiederfinden können, so erkennen sie sich selber dadurch als wahr.

Zeichnen wir diese Entwicklungswege noch einmal nach:

Aus dem schaffenden – grundlos schaffenden, d.i. liebenden – Göttlich-Geistigen entsteht die geistdurchglühte Welt, in ihr der Mensch als dasjenige Wesen, das dem Gotte zum Bilde werden soll, und darum dessen liebende Schöpferkraft als Möglichkeit in sich schließt. Das Menschenwesen entwickelt seine Kräfte zunächst unter der Leitung der göttlichen Weisheit. Soll es aber eigenschöpferisch werden, also lieben lernen, so muss es frei werden und dafür zunächst alle vorgefasste Weisheit verlieren; sie würde – bliebe sie dem Menschen erhalten – die Voraussetzung wirklicher Liebe, nämlich seine Freiheit schmälern. Der irdische Mensch hat heute alle überkommene Weisheit verloren; aus der Sehnsucht nach dem Verlorenen heraus kann er zunächst nur spekulieren und experimentieren.

Damit nun nicht die äußere Erdenwelt gänzlich verloren gehe – sie ist ja nötig, damit der Mensch in seiner Ohnmacht darin sich selber finden kann – tritt das zentrale göttliche Wesen ins irdische Dasein und erleidet den irdischen Tod. Wie der Mensch, wenn er durch den Tod geht, eins wird mit demjenigen, was er im Leben als sein „Außen” ansah, mit den Urgründen der irdischen Welt also, eint sich im irdischen Gottestod das göttliche Wesen mit dem Wesen der Erde, dem irdischen Sein, demjenigen also, was – vom göttlichen Gesichtspunkt aus – das „Außen“ ist. Seit diesem Zeitpunkt des Mysteriums von Golgatha ist das Göttliche als Christusprinzip im Irdischen auffindbar.

Der Mensch, der die göttliche Weisheit verloren hat, sich also in einer gott- und geistlosen Welt erlebt, kann dieses Christus-Ereignis aber nur verstehen, wenn er Wege findet, sich die göttliche Weisheit aus sich selbst wiederum zu erringen. Das ist Intention der Anthroposophie, der „Weisheit vom Menschen“, derjenigen Weisheit also, die vom Menschen ausgeht.

Das Menschheits-Ereignis verstehen

Indem nun das göttliche Wesen sich mit dem irdischen Sein verbunden hat – wo ist es dann dort zu finden? Ganz sicher nicht in der gott- und geistlosen Erscheinungswelt, die den einzelnen individuellen Menschen heutzutage als seine „Welt-Anschauung“ umgibt. Das allumfassende göttliche Wesen kann nur dort erscheinen, wo ein Allumfassendes, Universelles waltet: im individuellen, ohnmächtigen Menschen also, der sich selbst erkennt.

Dies ist durch die Zeit in vielfältigster Weise von den Menschen angestrebt worden seit dem Eintreten des Mysteriums von Golgatha: sich selbst erkennen, den Christus in sich finden. Dieses Streben ist aber seit langer Zeit, bis heute, geprägt von alten, überkommenen Verhaltensweisen des Menschen.

Die enthusiasmierten, von Resten alter Weisheit noch nicht gänzlich freien Urchristen, die Askese mittelalterlicher Mönche ebenso wie die mystische Versenkung einzelner Weiser waren eines nicht: getragen von einem gänzlich selbst errungenen Urverständnis des Zentralereignisses der Menschheitsentwicklung, des Mysteriums von Golgatha. All diese Menschen hatten auf andere Weise – aus empfundener Nachfolge Christi, aus durch Kultus und Versenkung vermittelter innerer Schau oder auch durch den Glauben an die Gültigkeit der Lehren, die die Priester verbreiteten zur Rechtfertigung ihres eigenen Daseins als Elemente der „Kirche Gottes“ – ein Verhältnis zu dem gefunden, was für sie „der Christus“ war.

Ein wirkliches Verständnis für das Christus-Ereignis kann erst derjenige gewinnen, dem alle Reste alter Traditionen nichts mehr bedeuten, über den all diese Einflüsse keine Macht mehr haben, und der daher nur noch aus sich selbst heraus Leben in die geist- und gottlosen Vorgänge der Welt bringen kann. Das ist der Mensch unserer Zeit.

Rudolf Steiners Leben

Wie in einem einzelnen Menschen konzentriert erscheint im Leben Rudolf Steiners, was den Menschen fehlt, um sich zur Selbstbeobachtung im Denken aufzuschwingen. In alle Lebensgebiete hinein wirkte das, was durch Rudolf Steiners irdisches Wirken den Weg fand in das Leben der Menschen. In schier unglaublicher Weise wirkte die Person Rudolf Steiner inspirierend und weckend auf diejenigen, die zeitweise oder auch länger in seinem Lebensumfeld sein konnten.

Diese direkte Art des Wirkens, im irdischen Dasein, wurde darum auch von selbst den nächsten Freunden und Mitarbeitern Steiners als das Eigentliche der Anthroposophie gesehen, als dasjenige, worauf es ankam. Im direkten Mitleben des irdischen Wirkens schwand vielleicht bei Manchem der Gedanke an die Frage, welches Verhältnis dieses irdische Wirken zum geistig fassbaren Entwicklungsgang der Menschheit haben könnte.

Wenn Rudolf Steiner immer wieder beteuerte, nur durch die anthroposophische Geisteswissenschaft, niemals durch irgendein „Glauben“ könne wirklich verstanden werden, wovon er spreche, und insbesondere dasjenige, was er als das Mysterium von Golgatha benannte, sei nur durch diese Geisteswissenschaft zu verstehen, dann folgten seine Zuhörer seinen Gedankengängen und – glaubten ihnen. Wie sollte es angesichts einer solchen Persönlichkeit wie Rudolf Steiner auch anders sein?

Oft genug wies Rudolf Steiner darauf hin, dass selbständige anthroposophische Forschungen nötig seien, und stellte alles, was auf diesem Gebiet, meist durch einige wenige Menschen seiner nächsten Umgebung geschah, als Vorbild vor seine Zuhörer hin.

Eine ungeheure Fülle von Anregungen ging von ihm aus, die zu verarbeiten seine Umgebung bis weit über ihre Möglichkeiten forderte. Wer kann es den Menschen verdenken, dass sie nicht wirklich daran dachten, was geschehen solle, wenn dieser schier unerschöpfliche Quell versiegt?

Der Übergang

Dies Versäumnis zeigte seine Folgen unmittelbar nach dem Tode Rudolf Steiners. Was er durch sein unermüdliches Wirken zusammengehalten hatte, zerbrach schnell, wenn es auch einige Zeit brauchte, bis dies Zerbrechen ins Bewusstsein der Beteiligten trat. Und ebenso schnell, wie die Streitigkeiten zwischen vorher einmütig zusammenarbeitenden Menschen eskalierten, wurde aus der anthroposophischen Bewegung etwas, was Rudolf Steiner niemals wollte: eine Institution, in der die Leitenden glaubten – jeder für sich, oftmals untereinander streitende Fraktionen bildend – für die Gesamtheit entscheiden zu müssen.

Wie in der Vergangenheit in der katholischen Kirche entstand in der geisteswissenschaftlichen Bewegung schnell eine Art „Kastensystem“ aus „einfachen“ und „besseren“ Anthroposophen, die nur durch eines zusammengehalten wurden: den gemeinsamen Glauben an die Mission der Anthroposophie innerhalb der Menschheitsentwicklung.

Was aber war eigentlich geschehen? Derjenige Mensch, der das grundlegende Erkenntnisproblem seiner Zeit einer Lösung zuführte in seinen frühen Werken (vgl. oben, Abschnitt „Neue Einsicht“) und niemals aufhörte zu beteuern, dass alles, was er später gesagt oder geschrieben hatte, von dem dort, ganz zu Anfang formulierten Gesichtspunkt zu erschließen sei; derjenige Mensch, der jahrhunderte-, ja jahrtausendelang geheim gehaltenes Mysterienwissen rückhaltlos veröffentlichte, weil jede Geheimhaltung die nunmehr notwendige Freiheit des Menschen beeinträchtigt – dieser Mensch war aus dem irdischen Dasein in diejenige Welt übergegangen, die er selber als seine geistige „Außenwelt“ beschrieben hatte.

Was er als Keime für ein Verständnis des Mysteriums von Golgatha aussäte in seinen Schriften und Vorträgen, war nun auf dem Wege, Gemeingut der Menschheit zu werden.

Dass es in der Folge immer wieder Menschen gab, die die Aussaat-Tätigkeit Rudolf Steiners meinten nachmachen zu müssen, zeigt nur, wie wenig verstanden wurde, was er tat.

Liebe und Freiheit

Etwas Neues war dem Menschheitsbewusstsein übergeben worden: die Möglichkeit, nicht nur äußerlich von dem Mysterium von Golgatha zu wissen, sondern es in allen Einzelheiten aus eigener Kraft zu verstehen. Allerdings war diese Möglichkeit eine solche, die allen überkommenen Denkgewohnheiten der Menschen widersprach. Verstehen kann bei einem solchen Ereignis nämlich nicht bedeuten, alle Einzelheiten zu wissen, als Erkenntnisinhalte aufzuspeichern und ansonsten dabei der gleiche Mensch zu bleiben wie vorher. Verstehen erfordert hier ein inneres Mitgehen mit dem Gang der Menschheitsgeschichte, damit verbunden dem übenden Nachvollziehen der dafür erforderlichen Denkbewegungen aus derjenigen Kraft heraus, die erst aus der vollständigen Geistverlassenheit der Mensch sich selber erringen kann.12

Ein lebendiger irdischer Mensch, dem wir folgen können, wird immer diejenigen mitreißen, die dies wollen; er kann sich selber noch so viel dagegen wehren. Rudolf Steiner hat dies leidvoll erfahren müssen.

Ein wirklich selbsterrungenes Verständnis für das, was Rudolf Steiner als das unserer Zeit so Nötige bezeichnete, das Verständnis für das Mysterium von Golgatha also, es konnte erst verbreitet auftreten, als die irdische Person, die dieses Verständnis zu wecken angetreten war, nicht mehr auf dem physischen Plan wirken konnte. Erst dann war für jeden, der dies wollte, wirklich vollständige Freiheit gegeben – sie hat ja als Voraussetzung die ohnmächtige Vereinzelung in der geistverlassenen Welt.

Der Vortragende Rudolf Steiner, der ursprünglich nicht wollte, dass das gesprochene Wort festgehalten würde, musste es der Unvollkommenheit seiner Zuhörer zugeben, dass die Mitschriften doch geschahen und dann auch veröffentlicht wurden. Diese Vorträge waren ja immer an ein bestimmtes Auditorium, niemals an die allgemeine Öffentlichkeit gerichtet. Was von Anfang an für die Öffentlichkeit bestimmt war – die Schriften Rudolf Steiners also – sie sind nun dasjenige, durch das wir mit seinem Wirken in unmittelbare Berührung kommen können. Sie sind aber zugleich derjenige Teil seines Wirkens, der am meisten Nichtbeachtung und Ablehnung gefunden hat.

Man erlebt die Texte als zu „schwer“, zu „unverständlich“, zu „kompakt“, manchmal auch „zu schwülstig und unnötig kompliziert“ – nun, das sollten sie wohl sein, denn sie sind aus demjenigen Geist heraus geschrieben, der für jeden Menschen, die „Öffentlichkeit“ also, zu einem Erüben des geistigen Grundereignisses des Menschen führen sollten: der liebenden Zuwendung zum Menschen in seiner Entwicklung. Bereits in der Vorbemerkung wurde ja auf den besonderen Charakter solcher Texte hingewiesen.

Liebe setzt Freiheit voraus; ist sie durch irgendetwas vorbestimmt, so wird sie zum „Haben-Wollen“ oder „Etwas-erreichen-wollen“. Liebe zum sich entwickelnden Menschen – im einzelnen, individuellen Menschen ebenso wie in der Menschheitsentwickelung als Ganzer – will nur diesen Menschen fördern, so, wie er sich selber entwickelt. Diese Liebe kann ebenso ausgehen von jedem Einzelnen wie vom Menschheitsgott, dem menschgewordenen Gott im Christus, durch jeden Einzelnen.

Christus im Ätherischen

Wenn Rudolf Steiner vom Erscheinen des Christus im Ätherischen spricht, so spricht er davon, dass dasjenige göttliche Wesen, das einst durch den Gang durch den Menschentod sich mit der Erde vereinigte, nunmehr im Lebendigen erscheint, in den Lebensprozessen, die im Menschen durch innere Bemühung in inneren Bewegungsbildern aufsteigen können. Die Bedingung dafür ist das Aufschwingen zur Selbstbeobachtung im Denken in der Weise, wie es hier und in vorangegangenen Darstellungen umschrieben wurde.

Die Erscheinung des Christus im Ätherischen ist also identisch mit dem denkenden Verstehen-Lernen gegenüber dem Mysterium von Golgatha. Wird uns beim Denken über die Menschheitsentwicklung, und darin über das Mysterium von Golgatha, die Zeit zum Raum, lernen wir, dies in uns selbst als Bewegungsbild der eigenen Entwicklung denkend zu durchlaufen, so erleben wir den Gang des Christus durch den Tod als den verstehenden Gang des in der Zeit lebenden sich entwickelnden Denkens durch den selbstgewollten Tod unseres gewordenen Weltwissens.

Rudolf Steiner sprach immer wieder davon, dass in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Erscheinung des Christus in der ätherischen Welt anheben sollte. Er meinte damit sicherlich keine visionären Gestalt-Erscheinungen, Licht-Offenbarungen oder dergleichen. Er wird wohl von der Erscheinung der geistigen Wirklichkeit des Christus, die im Entwicklungsgang des sich selbst beobachtenden Denkens besteht, gesprochen haben.

Rudolf Steiner kann insofern als eine Art „Gesandter“, „Vorbereiter“, „Verkündiger“ oder auch „Auslöser“ dieses Christus-Ereignisses des 20. Jahrhunderts angesehen werden.

Er starb in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, am 30. März 1925. Seitdem wirkt er in der geistigen Welt, in derjenigen Welt, in der wir alle als Geistwesen leben. Durch ihn sind wir in der Lage, uns zu demjenigen inneren Erleben aufzuschwingen, in dem die Erscheinung des Christus im Ätherischen ins sich selbst verstehende Bewusstsein treten kann.

© Stefan Carl em Huisken 2021


1 Vgl. z.B. „Den Anderen nach-denken hilft“, vor allem aber „Vom Sterben in den Geist

2 Rudolf Steiner: Das Johannes-Evangelium. GA 103. – Dornach, 1995. S. 174f. Der darin enthaltene Ausdruck „Manas-Kultur“ deutet auf eine zukünftige menschheitliche Entwicklungsepoche hin, in der das alle Menschen einigende Geistige prägend werden soll.

3 Rudolf Steiner: Geisteswissenschaftliche Behandlung sozialer und pädagogischer Fragen, GA 192.Dornach 1964, S. 354

4 Im Zusammenhang mit der proletarischen Bewegung seiner Zeit wies Rudolf Steiner immer wieder darauf hin, dass das Berechtigte dieser Bewegung gerade darin zu finden ist, dass der Proletarier im Vergleich zu anderen, Besitzenden oder sozial Protegierten eben ein Mensch ist, der im irdischen Leben nichts als sich selbst hat, um damit sein Leben zu fristen, und daher gezwungen ist, sich ganz auf sich selbst zu stellen. Vgl. z.B. Rudolf Steiner: Neugestaltung des sozialen Organismus. GA 330. – Dornach, 1983, in fast jedem in dem Buch enthaltenen Vortrag.

5 vgl. z.B. meinen Artikel „Dämonisierte Zone Corona“ unter https://emhuisken.de/daemonisierte-zone/. Der Text kann dort als .pdf-Datei heruntergeladen werden.

6 Lewis Mumford: Mythos der Maschine. Frankfurt, 1978, S. 108

7 vgl. diverse Artikel auf meiner Website, u.a. „Den Anderen nach-denken hilft“, „Der Spiegel des Individuellen – Den Anderen nach-denken II“, „Aufwachen für das Kommende“, „Vom Sterben in den Geist“, „Der individuelle Mensch als Ausdruck und Bedingung einer geistigen Welt“, „Vom Einswerden mit der geistigen Welt“. Eine Übersicht über alle Artikel mit geisteswissenschaftlichen Inhalten findet sich hier: https://emhuisken.de/uebersicht-beitraege-geisteswissenschaft/

8 vgl. Anmerkungen 5 und 7

9 Es gibt dazu derartig viele Aussagen Rudolf Steiners in seinen Vorträgen, als dass ein einzelnes Aufzählen an dieser Stelle überhaupt sinnvoll scheinen könnte. Vgl. vor allem die Vorträge aus dem Jahr 1923.

10 Vgl. Der individuelle Mensch als Ausdruck und Bedingung einer geistigen Welt, auch in: Die Lahnung, Mitteilungen für individuelle Entwicklung und Lebenskunde, Nr. 4, 2021, S. 12 ff

11 Vgl. Anmerkung 10

12 Vgl. Anmerkung 10




Der Spiegel des Individuellen – Den Anderen nach-denken II

In => diesem Artikel wies ich darauf hin, dass Verständnis von Mensch zu Mensch nicht bedeuten muss, Gedanken, Haltungen und andere „Weggefährten“ eines anderen Menschen zu übernehmen. Das Entscheidende geschieht vielmehr im Nach-Gehen oder Nach-Denken seiner Entwicklungswege. Von einem anderen Gesichtspunkt aus möchte ich darauf hier noch einmal eingehen.

Wodurch lebt mein „Ich“?

Leben ist Veränderung, niemals Stillstand. Ein erreichter Zustand kann also niemals ein wirklich „lebendiger“ sein, denn er ist Zustand, also keine Bewegung, keine Veränderung. Jeder irgendwann erreichte Zustand ist also gleichsam „tot“, und sein Erschaffen beinhaltet auch den Sterbeprozess, der diesen Zustand als Endprodukt schließlich hervorbringt.

Nun ist mein „Ich“ aber gerade dasjenige in mir, was durch jede Veränderung, jede Entwicklung erst hindurchgeht, diese also erlebt, erst zu Leben macht. Ohne das erlebende Ich würden nämlich die jeweils vorübergehenden, vom Ich durchlaufenen Zustände nicht meinem Leben zugehörig anzusehen sein, kein sich entwickelndes Ganzes ergeben, sondern zunächst vielleicht verbunden mit anderen Lebensprozessen erscheinen, in Bezug auf mich aber „tot“ bleiben, eben Zustände, die ich beobachte, die aber nicht mit meinem Leben verbunden sind.

Dadurch, dass ich erlebend diese Zustände durchlaufe, verbinde ich sie mit mir, mit meinem Leben. Durch jede neue Verbindung, die ich so schaffe, verändere ich aber mich selber. Denn mein Leben wird reicher an „Weggefährten“, die ich mit ihm verbunden habe, und jeder neue „Gefährte“ schafft für mich neue Möglichkeiten.

Was Ich als sich entwickelndes Individuum jeweils werde, und welche Erlebens-Möglichkeiten mir dadurch zuwachsen, ergibt sich also aus meinen eigenen Taten und Impulsen. Mein Ich lebt durch sich selbst. Zwar ist es zunächst als ein durch fremden Einfluss Gewordenes entstanden (die Weltentwicklung hat mich auf geheimnisvolle Weise hervorgebracht). Je mehr ich mich aber auf das Gewordene verlasse, desto mehr stütze ich mich auf Totes, erlebe auch nichts Neues; und je mehr ich eigene Initiative hervorbringe und mit meinem Leben verbinde, desto mehr lebe ich durch mich selbst.

Leben ist Sterben

Mit jedem Schritt, den ich durch mein Leben gehe, produziere ich neue, gewordene Zustände, die ich als Ergebnisse hinter mir lasse. Jede Situation, die ich durchlebe, wird notwendig zu einer vergangenen. Wie das Wort „vergangen“schon sagt: die lebendige Situation vergeht.

Vergehen ist Sterben, Verlust des Lebens also. Jedes Leben produziert aber Vergehendes, ein solches Vergehendes, mit dem das Leben sich verbunden hat und damit auch nach und nach vergeht. Paradox zunächst, aber doch in gewissem Sinne wahr: Das Leben verzehrt sich selber, bringt den Tod hervor, einfach weil es Leben ist.

Allerdings: ist dieses Leben dasjenige des Ich, so lebt es durch sich selbst, und – stirbt fortwährend durch sich selbst ab. Ein tiefes Geheimnis unserer Zeit ist damit angesprochen. Viele Bestandteile unserer individuellen „Lebenswelten“ – also der jeweiligen individuellen Welt, in der das Ich sein Leben fristet – sind heute von Sterbeprozessen betroffen: das Sterben von Tier- und Pflanzenarten, der Verlust der Lebenskraft des Menschen (wir als Zeitgenossen werden immer kränker), ja, der Verlust der Lebenskraft des Gesamtorganismus „Erde“ sind unübersehbar. Das Absterben der Erde als Ganzer ist Gegenstand vielfältiger Theorien und Prophezeihungen geworden. Woher soll neues Leben kommen?

Schlafen und Wachen

In jedem Menschenleben gibt es einen „kleinen Bruder“ des Todes: den Schlaf. Ebenso wie der Schlaf unser Bewusstsein auslöscht bis zum nächsten Erwachen, stellen wir uns den Tod vor: als Auslöschen unseres Bewusstseins, aber so, dass dem Tod eben kein Aufwachen folgt, sondern dass das Auslöschen endgültig sei. Darum fürchten wir uns vor dem Tod, lieben ihn nicht, sondern versuchen, ihn von uns fern zu halten. Denn wir selber sind Leben, wollen leben.

Das bisher Geschilderte vorausgesetzt, können wir aber wissen, dass wir selber in genau dem Bereich leben, in dem wir im Schlaf – und im Tod – gänzlich versinken. Unser eigenes Erleben beobachten wir nicht; wir nehmen nur das Gewordene, also schon abgestorbene wahr. Wir selber sind also nicht von dieser wahrgenommenen Welt, die uns umgibt. Wir leben dort, wohin Schlaf und Tod uns führen wollen.

Das hat durchgreifende Bedeutung für das menschliche Zusammenleben. Der Andere ist – wie im =>vorigen Artikel gezeigt – in der selben Situation wie ich. Auch der Andere lebt also in der Welt, in die der Tod führt. Hören wir also einem Anderen wirklich zu, versuchen, seine (Denk-)Wege mit zu gehen, so erfordert das, dass wir gleichsam in ihn „hineinschlafen“, uns selber so lange aufgeben, wie wir den Anderen mit-leben wollen. Die Furcht vor dem endgültigen Selbstverlust, also dem eigenen Tod klingt immer mit, wenn wir uns ganz auf einen Anderen einzulassen versuchen. Nur zu verständlich, dass wir immer wieder zu uns selber zurück wollen, unser Eigenes ihm entgegen halten, und dabei sehr oft überhören, auf welche Wege er uns mitnehmen könnte, was aus seinen Wegen zu uns spricht. Wir sind also gleichsam – unbewußt – ständig im „Krieg“.

Das ist eine sehr antisoziale Seite, die aber jeder Mensch heute in sich trägt. Kein Wunder, dass es zwischen den Menschen so viel Mißgunst, Ablehnung und Streit gibt. Nur, wo der Andere mir nützt – also meiner inneren und äußeren Welt aus Sinnesdingen, Gedanken, Gefühlen, Willensimpulsen, einschließlich der gewordenen Vorstellung meiner selbst, die ich meistens „Ich“ zu nennen pflege –, nur da ist er für mich erträglich, denn nur da ist für mich Sicherheit. Ansonsten ist der Andere mein Feind, denn ließe ich mich auf ihn ein, auf sein wirkliches Leben, so könnte er mich auslöschen.

Kein Wunder auch, dass wir der Erde gegenüber, der Natur insgesamt, mit allen Tieren, Pflanzen darin, so sehr geneigt sind, nur das Tote, Feststellbare gelten zu lassen. Das ist nämlich die Erscheinung der Welt, die uns gegenüber steht, in der für jeden Menschen individuellen Konfiguration, die er eben erleben kann. Was diese Welt werden läßt, ihr Leben ist, stammt aus demselben Reich, in dem ich selber lebe. In diese Welt des Lebens komme ich nur im Schlaf oder – im Tod. Und dann weiß ich nichts mehr davon. Davor habe ich Furcht, und bleibe deswegen im Erklären der Welt lieber bei der Erscheinung: der toten, sicheren, festen Erscheinung

Sich selber fremd

Schauen wir uns das an: das „Ich“ lebt in einem Bereich, den es zunächst selber nicht wahrnehmen kann, der ihm unbewusst ist. Es ist dieser Bereich der Unbewusstheit, in den wir in jedem Schlaf versinken und – jedenfalls nehmen wir das an – auch im Tod. Aber auch das Leben und Werden der Welt findet in diesem Bereich statt: wir können nicht mit-erlebend erkennen, wie das Leben entsteht, können es jedenfalls nicht in feste Vorstellungen fassen, auf die wir uns stützen können. Kein Wunder: die feste Vorstellung ist ein Gewordenes, Vergangenes, also: Totes, darum kann sie das Leben nicht fassen.

Auch unsere Vorstellung von uns selber ist letztlich immer eine gewordene, also tote. Nur, dass wir – genügende Wachheit und Aufmerksamkeit vorausgesetzt – diese Vorstellung ständig verändern und immer wieder an die neue Situation anpassen können, das Gewordene also immer wieder neu, in jedem Augenblick überwinden können, unsere Selbst-Vorstellung also immer wieder neu aus unserem Leben hervorbringen können. Das „Ich“ lebt in seinem eigenen Tun (s.o.). Und da wir die Veränderung selber vornehmen, durchleben wir ihr Entstehen und wissen, darum, wie sie zustande kommt.

Beginnen wir zu erkennen, wie wir auf diesem Wege unser eigenes Sterben produzieren, in immer neuen gewordenen Vorstellungen von uns selber, können wir erkennen, wie wir selber ein Ausdruck sind des wohl stärksten Gegensatzes, den wir kennen, des Gegensatzes von Tod und Leben nämlich. Das „Ich“ ist Leben, das sich durch sich selbst produziert als Totes, als Vorstellung von sich selbst, als Person in der Wahrnehmungswelt, die sich in dieser Welt selbst erscheint, in der so vieles auftritt, aber niemals das Leben selbst. Die Oberfläche all der schaffenden Wesen der Welt, die wir um uns her erleben, ist immer nur eine todgeweihte. Das Leben wirkt woanders. Von mir wahrnehmen kann ich zunächst auch nur diese Oberfläche, das Gewordene.

So ist auch das, was uns aus dieser Welt in Bezug auf unser eigenes Leben entgegen kommt, eben dasjenige, was uns dem Tode näher bringt. Unser Schicksal nämlich, dasjenige, was als Bestandteil unserer individuellen Umwelt in Form der „Weggefährten“ nach und nach uns beigeordnet wird, von uns mehr oder weniger ergriffen und mit unserem Leben verbunden. Auch darin leben wir selber. All das, was mir da zukommt, gehört zu mir, meinem Ich, meiner Individualität. Es kommt so wie mir niemandem anders zu, allenfalls diejenigen Teile davon, die zum Beispiel als Zeiten-, Völker- oder Menschheitsschicksal angesehen werden können.

Auch in den Figuren, durch die mein äußeres Schicksal mich leitet, lebe ich also selber auf. Denn sie gehören zu mir, meiner Entwicklung, meinem Leben.

Spiegel des Individuellen

All das Geschilderte, das Leben und Sterben aus der Welt heraus in die geistige, lebendige Welt hinein, findet nun nicht nur in mir statt, sondern in jedem Menschen. Ich kann ja an jedem Menschen erleben, dass er in der selben Situation wie ich ist: aus einem unwahrgenommenen Ich heraus eine Welt erlebend und miterschaffend, die ihm gegenüber steht. Nirgendwo in dieser Welt kann er sich selber als Lebendigen wahrnehmen, nur immer dasjenige von sich, was geworden ist.

Doch, er kann das individuelle Leben wahrnehmen, an einer Stelle: im anderen Menschen, dem Spiegel des Individuellen. Den Anderen nach-denken – nicht seine „Weggefährten“ zu übernehmen, sondern sein Leben ein Stück mit zu gehen! – ist ein Weg, sich selber zu begegnen. Nur steht uns da die Furcht im Wege, die uns sofort überkommt, wenn wir unser eigenes Selbst-Bewusstsein hingeben sollen, um den anderen zu er-leben. Ja, es ist wahr: wir er-leben den anderen, schenken ihm Leben durch diese Tat. Wir geben ihm – und uns selber! – den Tod, wenn wir uns nur auf uns selbst zurückziehen, auf unserem und seinem Sicheren, Festen, schon fertig Gewordenen beharren.

Ganz unbewusst, im Reich des eigenen Er-Lebens, in das wir durch den Erdentod erst ganz hineinkommen werden, tun wir dies immerwährend. In jedem auch noch so kurzen Zuhören lebt es, dieses In-den-Anderen-Hineinschlafen und Zu-sich-selber-Aufwachen. Wir könnten sonst niemals wirklich verstehen, was ein anderer sagt oder uns bedeutet, könnten höchstens dasjenige, was er für unsere eigene gewordene, irdische Persönlichkeit ist, mit Sympathie oder Antipathie begleiten. Nur die uns selber betreffende Nützlichkeit des Anderen als Weltgegenstand wäre dann noch für uns von Bedeutung. Wer auch nur ein Kleines über diese Auffassung vom Anderen hinauskommt, ist schon ein Stück weit mit ihm mit gegangen, hat ihn ohne es zu merken, nach-gedacht und mit sich selbst verbunden. Nur fehlt dann das Bewusstsein davon, was geschehen ist.

Man könnte an dieser Stelle viele empirische Befunde anführen, die diese Darstellung untermauern: die gesamte Nachahmung kleiner Kinder fällt in diesen Bereich, bis hin zu Messungen, die zeigen, dass der Sprachorganismus eines intensiv Zuhörenden (auch schon von Neugeborenen!) zeitgleich die Bewegungstendenzen des Sprechenden nachbildet. Zeit-gleich, nicht eine Winzigkeit später. Der Zuhörende lebt also unbewusst mit dem Sprechenden mit, erlebt ihn nach, lebt für die Zeit des Zuhörens im selben geistigen Raum wie der Sprechende, lebt dessen Intentionen mit, wird zum Spiegel des Sprechers. Und spricht dieser aus einem Erleben der Wege des Zuhörers heraus, dann kann dieser das Sprechen wie aus sich selbst heraus erleben, als wie von ihm selber gesagt. Dann hat der Sprecher es geschafft, im äußeren Sprechen innerlich wachend so in den Zuhörer „hinein zu schlafen“, dass er wie aus diesem selber sprechen kann.

Im Anderen auferstehen

Der Sprecher, der von außen zu mir spricht, sein Sprechen aber wie aus mir selber erklingen läßt, hat etwas geschafft, was jedem Menschen zunächst durch die Furcht verbaut ist. Er ist in mich hinein eingeschlafen, und doch dabei wach geblieben. Mehr noch: er hat dann sein eigenes Leben so mit mir verbunden in der (geistigen) Welt, in der wir beide leben, das es meines geworden ist, und meines seins!.

Darum ist und bleibt er aber doch er selber, denn er steht mir ja gegenüber und spricht zu mir. Er ist gleichsam in seine Erscheinung hinein gestorben, ist geworden, was er mir im Außen nun ist, und ist gleichzeitig in mir selber zu neuem Leben gekommen. Aber ich habe dasselbe getan, ihm mein Leben geschenkt, mein Mit-Erleben, indem ich es gewagt habe, mich den Wegen, die er mich führt, gänzlich zu überlassen. Wir tun beide das gleiche, aber doch anders: ich schlafe für mich selber im Irdischen, nehme mich nicht wahr, gebe mich dem äußeren Sprechen des Anderen hin, und lasse ihn in mir auferstehen, indem ich ihn nach-denke; der Sprecher schläft im Innern für sich selber, läßt mich in sich wirken, das heißt aber mich, den Lebendigen, um mich in seinem Sprechen im Außen auferstehen zu lassen.

So kann menschliches Zusammen-Leben neue Gemeinschaft wirken: im Wechsel zwischen dem In-den-Anderen Hineinschlafen und dem Für-mich-selber-Aufwachen, je nach Rolle, die jeder gerade im Äußeren spielt. So wacht jeder im anderen auf und dadurch für sich selbst, wird so bewusst zum Spiegel des Individuellen.

Auf dieser Grundlage kann aber niemals wirklicher Streit entstehen, nur Verständnis für das fremde Wollen, das durch die ganz anderen „Weggefährten“ des Anderen notwendig als ein Fremdes erscheinen muss. So kann das „Den-Anderen-Nachdenken“ helfen, eine neue Gemeinschaft entstehen zu lassen, in der wirkliche Freiheit möglich wird.

© Stefan Carl em Huisken 2020




Den Anderen nach-denken hilft

Wie finden wir den Weg zum Anderen, gerade auch zu dem, der uns wie ein Feind gegenüber steht? Nur wenn uns das gelingt, kann der Krieg zwischen den Menschen, das Einander-Vernichten-Wollen zu einem Ende kommen. Ein Versuch.

Denkwege

Wer denkt, geht dabei Wege – von einem Gedanken zum anderen, um Gedanken herum, auf sie zu, je nachdem. Was er dabei durchmacht, sind Veränderungen seiner selbst, durch Willensimpulse, Zu- und Abneigungen, Unklarheiten, kurz: Qualitäten, die er selber mit den Gedanken verbindet.

Die Gedankeninhalte bleiben zunächst gleich, egal, was der einzelne dabei erlebt. So wie ein Baum, an dem ich vorübergehe, ein mathematisches Problem, das mich reizt, es zu lösen, oder ein Gefühl, das mich befällt, oder ein Ziel, das ich anstrebe, sich ja zunächst nicht ändert durch meine Art, mich dazu zu stellen. Aber all dies wird zu einer Art „Weggefährten“, indem sich mein Umgang damitändert. Und mein Umgang mit all diesen „Weggefährten“ prägt mein Erleben auf dem Weg, ist das, was mich auf dem Weg verändert.

„Mein Weg“ ist also nur äußerlich – gewissermaßen – durch die (Denk-)Welt beschrieben, die ich dabei durchlaufe. Innerlich ist damit auf die Veränderungen gedeutet, die ich selber dabei durchmache: meine Entwicklung also.

Ich und Welt

Der „äußerliche“ Weg ist also zu beschreiben als die innere oder äußere Weltgegend, die ich durchlaufe; der „innerliche“ Weg findet an mir selber statt, dem Gehenden, Erlebenden. Während ich einen Weg gehe, bin ich tätig (gehen) und aufnehmend. Auf die Inhalte dieses Tuns und Aufnehmens, auf die „Weggefährten“ also, richtet sich zunächst meine Aufmerksamkeit: auf meine Taten und Wahrnehmungen. Was ich in der Regel nicht mit meiner Aufmerksamkeit umfasse – auch zunächst gar nicht umfassen kann – bin ich selber, der Tätige, Wahrnehmende, einschließlich der Veränderungen, die ich durchlaufe.

Es ist und bleibt eben so: was ich wahrnehmen will, muss schon da sein. Bezogen auf meine eben durchlebte Veränderung heißt das: wenn ich sie wahrnehme, ist sie schon eine gewesene, vergangene, schon „Weggefährte“, und gerade jetzt findet wieder etwas Neues mit mir statt. Das kann ich dann gleich wahrnehmen, in Zukunft, dann, wenn es schon – ist.

Es besteht also ein grundlegender Unterschied zwischen mir und der Welt. Ich tue, lebe, wese. Sobald ich sagen kann: ich bin, rede ich schon von etwas Gewordenem, nicht mehr Tätigen, nicht mehr aus sich selber lebenden. Dann bin ich mir Welt geworden.

Der Andere

Innerhalb dieser vielen unterschiedlichen inneren und äußeren „Weggefährten“ gibt es aber eine Art Ausnahmeerscheinung: den anderen Menschen. Bei ihm kann ich nämlich wissen: es geht ihm im Prinzip genauso wie mir. Auch er lebt mit seinen „Weggefährten“, verändert sich durch die Begegnungen, und kann seine eigene Veränderung erst kennen, wenn sie schon geschehen ist. Er ist also im Grundsatz dasselbe wie ich, nur ein bisschen anders, vor allem durch die anderen „Weggefährten“, und von mir eben als „außen“ erlebt, und nicht von „innen“. Aber auch das ist ja gleich: ihm geht es mit mir genauso wie mir mit ihm.

Dennoch haben wir ein untrügliches Wissen: der Andere, das ist ein Mensch, einer, der ebenso wie ich „ich“ zu sich selber sagt (in welcher Sprache denn auch immer, das tut hier nichts zur Sache). Und das können wir beide jeder erstmal nur zu uns selber sagen, zu dem Tätigen, Wesenden, Erlebenden also, und dann auch zu dem, was sich aus diesem Tun, Wesen, Erleben in der Vorstellung von uns selber als neuer da-seiender „Weggefährte“ ergibt.

Fremdeln

Es ist ja ein Grundphänomen unserer Zeit, dass wir einander – und uns selber – so fremd sind. Wir haben nur immer das im Bewusstsein, was schon ist, also einen bestimmten Zustand schon erreicht hat, in dem es uns gegenübertreten kann. Das gilt für uns selber genauso wie für den anderen Menschen.

Uns selber gegenüber haben wir aber einen entscheidenden Vorteil: dadurch, dass wir die Veränderungen durchlaufen haben, die der Weg bis hierhin provozierte, haben wir uns mit diesen Veränderungen, mit dem darin waltenden Leben verbunden, denn es ist ja unser eigenes. Es waren unsere eigenen Wahrnehmungen, Taten, Willensimpulse, Gefühle, die uns veränderten.

Dadurch werden wir zwar einerseits, wenn wir die gewordene Vorstellung von uns selber betrachten, uns selber etwas fremd (jedenfalls dann, wenn wir uns nicht derartig in uns selber verlieben, dass wir uns sofort durch unsere Gefühle, Willensimpulse und dergleichen wieder innigst mit dieser Vorstellung von uns selber verbinden, also uns eigentlich gar nicht um die Vorstellung von uns selber kümmern, sondern nur um das Schaffen eines Verhältnisses dazu). Andererseits wissen wir aber durch das, was wir durchlebt haben, wie es zu diesem Zustand unserer Selbst gekommen ist; da sind wir uns selber nah.

Das ist bei dem Anderen nicht gegeben. Dieses „Wie“ kennt er nur selber, ebenso wie ich es bei mir selber weiß. Dies ist der Grund für jeden Streit, der zwischen Menschen entstehen kann. Sehe ich nur die Äußerung, die Tat des Anderen, und weiß nicht, wie er dazu gekommen ist, so zu handeln, sich zu äußern, kann die Fremdheit nicht weichen. Ich kann mich – also den lebenden, tätigen, wesenden in mir – nicht mit dem anderen verbinden. Wir bleiben einander gegenüber, und können bestenfalls Kompromisse miteinander machen, schlimmstenfalls, wenn unsere „Weggefährten“ zu unterschiedlich sind, uns streiten, bekämpfen, bis hin zu dem Wunsch, den Anderen vernichten zu wollen, da er uns stört auf unseren Wegen.

Den Anderen nach-denken

Der einzige Weg, einander wirklich zu verstehen, wäre es also, wenn wir in der Begegnung uns weniger für die „Weggefährten“ des anderen – seine gewordenen Haltungen, Standpunkte, Meinungen also – interessierten als für seine Art, zu leben, zu denken, zu wollen. Denn nur in dem aktuell Werdenden, in der Art zu sprechen, (Denk-)Wege zu gehen, zeigt sich, wie der Andere wirklich im Leben ist. Das andere sind eben nur die „Weggefährten“, und welche diesem oder jenem Menschen auf seinem Weg begegnen und zu eigen werden, bestimmt er nicht immer nur selber. Aber so leben, tun, sprechen wie dieser eine, individuelle Mensch, kann eben nur dieser eine individuelle Mensch selber.

Gehen wir seine Wege mit, so gut es geht, so durchleben wir mindestens ansatzweise dasjenige, was er selber auch durchlebt. Wir gehen also seinen Weg ein Stück weit mit. Und dann können wir den Vorteil nutzen, den wir haben, wenn wir selber Wege gehen: wir können wissen, wie das gegangen ist. Wir denken ihn sozusagen nach. Nicht nur seinen Weg – das wären die „Gefährten“ – sondern wirklich ihn selbst.

Dasjenige, was der Kern des Anderen ist, sein lebendiger Kern, sein Leben, wird ein wenig zum Teil unserer selbst. Wir nehmen ihn sozusagen auf in uns selber. Dann erst lernen wir ihn wirklich verstehen. Dazu gehört aber das wirkliche Mitgehen, das Zuhören, in den Anderen „Hineinkriechen-Wollen“. Und natürlich, jeder kann sich so verhalten, dass eben dies „Hineinkriechen“ schwer wird. Aber auch dadurch verrät er etwas … und stellt uns damit besonders anspruchsvolle Aufgaben.

Wer bin ich?

Aber hoppla: wenn ich das zu viel mache, werde ich ja nach und nach der andere. Und wo bleibe ich, ich selber? Genau dieses „Hoppla“ ist der Grund, warum wir das so wenig tun: den anderen nach-denken. Wir fürchten, uns selber zu verlieren, und wenden uns schnell vom Anderen ab zu uns selber, um uns unserer selbst wieder zu versichern.

Man kann das vergleichen mit Schlafen und Wachen. Wach bin ich dann, wenn ich eine Welt mir gegenüber habe, von der ich mich innerlich abstoßen kann, die ich als etwas erlebe, was ich nicht selber bin. Wenn ich schlafe, versinkt diese Welt der Wachheit, des Gegenübers in die Unbewusstheit. Wachsein und bei mir selber sein gehören also zusammen, ebenso wie Schlafen und – beim Anderen sein.

Nun kann ich aber wissen, dass doch diese Wachwelt, in der ich mir auch meiner selbst bewusst werden kann, die ich geradezu brauche, um mir meiner selbst bewusst zu werden, eben meine individuelle ist. Niemand kann sie zunächst erleben so wie ich. Und innerhalb dieser individuellen Welt kommt eben der Andere vor. Er lebt also sowieso schon in mir – nur unerkannt, noch fremd.

Durch ihn habe ich aber eine unermessliche Chance: Wege zu mir selber zu finden. Denn bei dem anderen Menschen weiß ich eines: ihm geht es im Prinzip wie mir. Bei einem Löwen, einem Gewitter, einer Ringelblume kann ich das zunächst nicht wissen. Die sagen nämlich alle nicht „ich“ zu sich selber. Will ich aber finden, wie es zu meinem Schicksal gekommen ist – wie also meine „Weggefährten“ dazu gekommen sind, mir über den Weg zu laufen – reichen die gewordenen Tatsachen nicht. Ich muss ihre Lebenswege kennen lernen. Und genau das kann ich am Anderen lernen: Lebenswege nach zu gehen – an jedem Anderen, gerade auch an denjenigen, die mir nicht so einfach gefallen wollen. Denn ich habe mit jedeem Menschen etwas gemeinsam: den Kern des „Ich“.

Dann finde ich den Weg zu mir selber, dem wirklich Lebenden, durch den Anderen. Jeder ist mir dann eine Chance, zu mir selber zu finden, gerade dadurch, dass ich mich auf ihn einlasse, die Furcht überwinde, mich selber zu verlieren. Denn ich verliere mich, meine Lebendigkeit, mein Leben also, gerade dadurch, dass ich nur auf meinem schon Gewordenen, meiner Vorstellung von mir, meinem „Weggefährten“ beharre, und den Lebendigen in mir darum nicht zu Geltung kommen lasse.

© Stefan Carl em Huisken 2020




Dämonisierte Zone „Corona“

Die Situation, in die die menschliche Gesellschaft derzeit geraten ist, scheint aussichtslos. Gespalten wie nie ziehen die Parteien übereinander her und bekriegen sich, ohne jede Aussicht auf Verständigung. Jede Seite betont die Schuld der anderen an dieser Situation. Immer ist es die andere Seite, die jede Einigung torpediert, indem sie nicht tut, was man ihr als Vorbedingung jeder Einigung vorschreiben möchte. Das ist die eigentlich gefährliche Seuche, eine „dämonisierte Zone“.

Corona-Gläubige und Corona-Leugner

Die Bezeichnungen, die die Opponenten einander geben, sprechen für sich. Die eine Seite („Gläubige“) weiß natürlich, dass sie recht hat und im Besitz der Wahrheit ist. Daher kann jeder, der dies nicht akzeptieren will, nur ein „Leugner“ sein, jemand, der Tatsachen einfach abstreitet. Und deswegen ist der Vorwurf, „gläubig“ zu sein, ein völlig infamer Angriff – man weiß doch um die Tatsachen. Und die andere Seite weiß eben die Wahrheit auch: dass sich nämlich bei aufrechtem Wahrheitsstreben alles anders darstellt als die andere Seite behauptet, und diese deswegen nur aus „Gläubigen“ bestehen kann. Notabene: Jede Seite befindet sich aus eigener Sicht im Besitz der Wahrheit, die aber der Wahrheit der anderen Seite entgegengesetzt ist.

Die inhaltlichen Argumente, mit denen da übereinander her gezogen wird, können an dieser Stelle beiseite gelassen werden. Wo es zwei Wahrheiten gibt, die sich unversöhnlich gegenüberstehen, nützt eine dritte wenig bis nichts. Einzig die Frage nach der Grundlage der „Wahrheiten“ beider Seiten kann vielleicht helfen, das beiden Seiten Gemeinsame ausfindig zu machen.

Was ist Wahrheit?

Als Wahrheit kann eigentlich nur dasjenige bezeichnet werden, was für jeden Menschen gleichermaßen bei entsprechender Bemühung als Tatsache erkennbar ist. Alles andere sind nur Teilwahrheiten, subjektives Für-wahr-Halten (also Glauben) und damit Grundlagen für einen handfesten Streit.

Nun ist seit Immanuel Kants „Kritik der reinen Vernunft“ die Auffassung zur (fast) alleinherrschenden Lehre geworden, dass die wahre Wirklichkeit (bei Kant das „Ding an sich“) unerkennbar ist für den Menschen. Will man also etwas erkennen, bleibt nur die Möglichkeit, sich etwas über dieses „Ding an sich“ zu denken und dieses durch Beispiele, Belege, Experimente etc. möglichst plausibel zu machen. Wirkliches Wissen entsteht dadurch aber nicht. Es bleibt letztlich nur eines: an das Erdachte, an die so erläuterte Theorie also, zu glauben.

Das menschliche Erkennen unserer Zeit aus dieser Kalamität hinauszuführen, war Intention Rudolf Steiners. Ich habe Aspekte davon in diversen Beiträgen auf meiner Website und anderswo versucht zu verdeutlichen, unter anderem in „Wahrheit, Glaube, Weltanschauung – Wo ist Wirklichkeit?“ und „Was Not tut – Wohin führt die „Krise“?“. Die eingehenden, grundlegenden Darstellungen dazu finden sich bei Rudolf Steiner in seinen Schriften „Wahrheit und Wissenschaft“ und „Die Philosophie der Freiheit“. Darauf kann ich hier nur hinweisen.

Ohne Denken keine Wahrheit

Der Ansatz zur Suche nach der Wahrheit gelingt nur an der Stelle, die für alle Erkenntnis unverzichtbar ist: dem eigenen Denken. Ohne Klarheit darüber, wie das eigene Denken vonstatten geht und wie es in kontrollierte, bewußte Bahnen gebracht werden kann, ist ein Urteil über die Ergebnisse dieses Denkens nicht möglich.

Ganz ungeachtet der Frage, ob wir alles andere erkennen können oder nicht, steht eines für das Denken außer Frage: da wir es selber tun müssen, um es überhaupt untersuchen zu können („Denken über das Denken“), liegt es grundsätzlich in unserer Macht, es so zu lenken, wie wir es wollen. Wir können es, sonst könnten wir es gar nicht bemerken.

Gleichzeitig hat das „Denken über das Denken“ aber auch den Vorzug, dass dafür nichts anderes nötig ist, als das Denken selbst. Alle Voraussetzungen, die wir machen können, sind letztlich – erdacht. Und damit sind diese Voraussetzungen dann offensichtlich von uns selber so gewollt, ebenso wie die dadurch aufgerichteten Schranken für das Erkennen. Oder wir verzichten darauf, solche Voraussetzungen zu machen und versuchen energisch, das Denken nur aus sich selbst zu verstehen.

Das Problem kann an dieser Stelle nicht eingehend bearbeitet werden – allein die Identifizierung des Problems hilft aber im Gang der Darstellung an dieser Stelle weiter.

Wissen und Glauben

Man kann nämlich fragen, inwieweit die heute sich so unversöhnlich gegenüber stehenden Parteien der „Gläubigen“ und „Leugner“ im Irrtum sind, wenn sie davon ausgehen, selber die Wahrheit besser zu kennen als die andere Seite. Beide Seiten behaupten, auf der Grundlage gängiger wissenschaftlicher Modelle und Methoden der Wahrheitssuche zu arbeiten, und beide werfen jeweils der anderen Seite vor, dies nicht oder nicht ausreichend zu tun. Es ist offensichtlich: keiner hat tatsachlich Wahrheit.

Es ist ja kein Wunder, dass eine Einigung so kaum möglich erscheint. Die „Wahrheiten“ beider Seiten unterscheiden sich zu sehr, als dass auf der Ebene der jeweils für wahr gehaltenen Inhalte eine Annäherung möglich wäre. Das Problem liegt darin, wie die beiden Seiten denken, das heißt also auch, wer die einzelnen Akteure des Streites sind und wie sie urteilen. Das eigentliche Problem ist also weniger eines der Inhalte, als eines der Personen und ihrer Denkwege in Bezug auf die Wahrheit.

Person und Verhalten

Nun gehört es ja zu jedem einigermaßen eskalierten Streit, dass die Streitenden auch über die Person des jeweils anderen genauer Bescheid zu wissen vermeinen als der andere selbst. Das sorgt dann dafür, dass der Streit weiter eskaliert, denn es geht auch hier weiter um Inhalte. Jedenfalls macht man die unterstellte Persönlichkeitsstruktur des jeweils anderen zu einem solchen bestreitbaren Inhalt. Allein die Bezeichnungen, die für einander gewählt werden, machen dies deutlich.

Es kann aber niemand wirklich wissen, was auf welche Art und Weise Grundlage der Persönlichkeit des anderen ist. Wir haben als möglichen gemeinsamen Ausgangspunkt nur das dem jeweils anderen gezeigte Verhalten. Das läßt sich beschreiben, und Konsequenzen daraus lassen sich ableiten, auch immer so, dass dabei Interpretationen über mögliche Absichten vermieden werden können (vgl. dazu Dieter Brüll: Der Anthroposophische Sozialimpuls. – Schaffhausen, 1984).

„Bewußtseinslöcher“

Verweigert eine Seite das Gespräch, gibt also auch auf Fragen keine oder für die andere Seite unzureichende Auskunft über Gründe und Anlässe ihres Verhaltens, so sorgt sie dafür, dass auf der anderen Seite „Bewußtseinslöcher“ entstehen, Bereiche also, für die es nur Fragen gibt, aber keine Antworten. Solche „Bewußtseinslöcher“ sind dann Anlaß für Spekulationen, da ja die andere Seite sich das Verhalten nicht anders erklären kann. Und das eigene Verhalten dieser anderen Seite wird sich dann natürlich auch an diesen eigenen Spekulationen orientieren und dadurch dazu neigen, die Tatsachen entsprechend zu deuten.

„Bewußtseinslöcher“ zu schaffen ist daher eines der besten Mittel, Konflikte zu eskalieren, da hierdurch davon abgelenkt wird, die jeweils andere Seite wirklich zu verstehen. Es ist dies also ein Täuschungsmanöver, das den anderen in die Unsicherheit stößt und die eigenen Intentionen verschleiert. Dadurch wird eine Zone geschaffen, die keine der Konfliktparteien beherrscht, die aus dem Bewußtsein entschwindet. Wer darauf aus ist, Konflikte zu eskalieren, kann kein besseres Mittel verwenden. Genau dies kann dann wieder als Vorwurf verwendet werden und Anlaß sein, darüber zu spekulieren, warum jemand an der Eskalation des Konfliktes interessiert sein könnte. Die Sache gewinnt so mit ziemlicher Sicherheit „Fahrt“.

Gleichzeitig ist der Vorwurf an die andere Seite, auf diese Weise eskalierend zu agieren, der letztlich „ultimative“ Vorwurf, um den anderen zum endgültig „Bösen“ zu erklären. Wer „Bewußtseinslöcher“ schafft, will den Konflikt, interessiert sich gar nicht für meine Intentionen und Bemühungen und will mich nur beherrschen! So kann man dann den Vorwurf formulieren. Aber: ist der Wille des anderen ein wirklich von ihm selber ausgehender bewußter, freier Wille? Weiß ich wirklich, was den anderen bewegt? Oder ist das nur meine Spekulation?

Interesse

Das kann ich nicht wissen, solange ich ihn nicht mit wirklichem Interesse danach frage, welche Beweggründe der „Gegner“ hat, und sein Antwortverhalten genau und unvoreingenommen beobachte. Das würde aber einschließen, dass ich meine eigenen Meinungen und Ansichten nicht von vornherein als seinen überlegen ansehe. Denn wirkliches Interesse setzt voraus, dass ich zunächst ohne Vorurteile versuche zu verstehen, was der andere mir sagt. Ich muß also mindestens als möglich ansehen, dass die Aussagen des anderen mich überzeugen.

Wirkliches Interesse scheinen mir heutzutage beide einander bekämpfende Seiten nicht für einander zu entwickeln. Jeder beurteilt das Verhalten des anderen nach seinen eigenen Gesichtspunkten. Und die scheinen sehr verschieden, so verschieden wie die möglichen Haltungen zum Geschehen.

Handelt der eine danach, was er eben denjenigen Wissenschaftlern glaubt, zu denen er – aus welchen Gründen auch immer – Vertrauen hat, und interessiert sich dabei eigentlich gar nicht besonders für die wissenschaftlichen Grundlagen von deren Aussagen, sondern für Handlungsanleitungen, so kann der andere von moralischen Gesichtspunkten ausgehen, die er für alle Wissenschaft als notwendig ansieht, und die er eben im Verhalten der anderen Seite verletzt sieht. Kurzum: der Streit ist sofort wieder auf der inhaltlichen Ebene, der Frage nach der „Wahrheit“ heutiger „Wissenschaft“, die redlicherweise – wie gezeigt wurde – niemals die wirkliche Wahrheit für sich beanspruchen kann.

Der Täuscher

Naturlich kann derjenige, der sich von seinen Vertrauens-Wissenschaftlern leiten läßt, getäuscht werden. Die Folge wird dann sein, dass diejenigen, die die Täuschung darin vermeinen zu erkennen, sofort dagegen halten und beginnen, dem jeweils anderen bewußte Täuschung zu unterstellen – aus welchen Gründen denn auch immer. Und schon ist der Konflikt losgetreten.

Was dabei aber vergessen wird: Beide Seiten denken über die ihnen erscheinenden Tatsachen. Sie denken nur unterschiedlich. Aber da sich beide Seiten nicht bewußt machen, dass ihr eigenes Denken es ist, was ihre Welt- und Menschenauffassung bestimmt, und daher der andere in genau derselben Situation ist, streiten sie sich über Inhalte und versuchen nicht, die Denkwege des jeweils anderen soweit mit zu gehen, dass sie einander verstehen lernen können.

Die eigentliche Täuschung liegt darum nicht im Inhaltlichen, da also, wo vielleicht eine Seite sich von irgendwelchen als wissenschaftlich deklarierten Meinungen verleiten und täuschen läßt und die andere ihre Wahrheits-Moral absolut setzt, sondern vielmehr in der Tatsache, dass beide Seiten sich nicht darüber im Klaren sind, dass es hier offenbar einen dritten Akteur gibt, der die Szenerie beherrscht.

Der dritte Akteur

Dieser dritte Akteur ist auch schwierig zu erkennen, und für Menschen, die „Denken“, „Bewußtsein“ und „Wollen“ eigentlich nur in Bezug auf Menschen für relevant halten, eigentlich unerkennbar – das ist seine Stärke, durch die er überall, wo er auftritt, sofort Zwietracht hervorruft und so dafür sorgen kann, dass niemand ihn bemerkt: man ist zu sehr mit sich selber beschäftigt.

Wer aber zumindest einmal versuchsweise die heute ja „herrschende Lehre“ vom Menschen als einer gewissen Menge strukturierter organischer Masse, die aus mehr zufälligen oder abstrakt-naturgesetzlichen Gründen in sich die Illusion einer selbständigen Wesenheit hervorruft, beiseite legen kann, kommt hier entscheidende Schritte weiter. Es liegt ja auch auf der Hand: die gerade charakterisierte Auffassung vom Menschen ist mittels Denken entstanden und setzt dieses voraus. Alles Begreifen setzt das Denken voraus. Das bedeutet aber auch, dass der denkende Mensch zunächst ein Denkwesen ist, und alle weiteren Aussagen auch über sich selbst nur auf dieser Grundlage treffen kann.

Damit ist aber der äußere Leib des Menschen nicht die Voraussetzung seiner Existenz schlechthin, sondern nur die Voraussetzung seiner Existenz in der sinnlich wahrgenommenen Welt und damit selber eine Wahrnehmung, über die man sich nur mittels den Denkens Erkenntnisse verschaffen kann. Der Mensch ist also Denkwesen, oder – um es für den üblichen Sprachgebrauch handlicher zu sagen – ein Geistwesen, das durch einen Leib in der Sinneswelt lebt. Damit werden aber auch Geistwesen denkbar, die keinen äußeren Leib haben, nicht sinnlich faßbar sind, und dem Menschen daher nur in seinem Inneren, im Denken, Fühlen und Wollen begegnen können.

Solche Geistwesen, die nur durch die Seelentätigkeiten des Menschen in die Menschen-Welt hineinwirken können, nannten die Griechen „Dämon“. Man kann die Konfliktzone, die von einem solchen Wesen regiert wird, darum „dämonisierte Zone“ nennen, ein Ausdruck, den der anthroposophische Konfliktforscher und Konfliktberater Friedrich Glasl prägte. Einen treffenderen Ausdrück sehe ich für das aktuell weltbeherrschende Konfliktfeld nicht (vgl. Friedrich Glasl: Konfliktmanagement. Bern; Stuttgart: 2002, darin v.a. Kap. 2.2, 8.4 und 10.5). Der Konflikt ist völlig entgleist, und keine der Konfliktparteien kann ihn noch aus sich selbst beherrschen.

Weltherrscher

Wer bis hierher hat folgen können, wird leicht einsehen, dass dieser dritte Akteur – der im Übrigen nur durch das Denken auffindbar ist – in beiden Parteien der Menschen wirkt, die sich derzeitig „bekriegen“ („Wir sind im Krieg“, sagte Macron zu Beginn der sogenannten Corona-Krise), und dadurch derzeit die Welt beherrscht. Er verleitet die eine Seite, meist repräsentiert durch dei staatlichen Regierungen, sich von Wissenschaftlern leiten zu lassen, die möglicherweise selber gar nicht wissen, inwieweit sie von irgendwelchen anderen Interessen beeinflußt sind, und inwieweit sie in ihrer Art, Wissenschaft zu betreiben, die keine Wahrheit liefert, von den Einflüsterungen des dritten Akteurs geprägt sind.

Wer Wissenschaft als Mittel ansieht, die Welt möglichst weitgehend den eigenen Interessen nutzbar zu machen, wird nichts Anrüchiges daran finden, deren Ergebnisse einfach zu nutzen und nicht weiter zu fragen. Er lebt gewissermaßen instinktiv eine Art Egoismus aus, ohne Verständnis dafür, wie zerstörerisch das wirken kann. Dabei wird er allerdings nicht darauf aufmerksam, wie der „Täuscher“ schon in der ausschließlichen Orientierung auf die Wissenschafts-Inhalte und im Unberücksichtigt-Lassen der Rolle des Denkens wirkt.

Wer andere Inhalte in den Vordergrund stellt, gemäß seiner Auffassung von Wissenschaft, die seinem eher moralgeprägten Welt- und Menschenbild besser entspricht, der wird das Verhalten des anderen als unverzeihlich ansehen, als unmoralisch und schädlich. Aber er stellt damit seine Weltsicht über die des anderen, gebärdet sich ebenso als Egoist.

Glaubt der eine an den Nutzen von Wissenschaft zum Umgang mit der Welt und sieht darin ihren Zweck erschöpft, stellt der andere seinen Glauben an die Notwendigkeit und Gültigkeit bestimmter moralischer Systeme in den Vordergrund, die er für unverzichtbar hält. Beide scheinen in der Welt unversöhnlich. Beide vergessen jedoch die Tatsachen gleichermaßen: beide sind doch vorhanden, also unbestreitbar tatsächlich vorhandene Menschen. Und diese tatsächlich vorhandenen Menschen müssen Wege finden, miteinander auszukommen, ohne den jeweils anderen zum „Unmenschen“ zu erklären. Das kann nur gelingen, wenn die Rolle des Denkens beim Entstehen jeder Weltanschauung berücksichtigt wird. Im Denken liegt das Verbindende (vgl. Rudolf Steiner: Die Philosophie der Freiheit. – Dornach, 1973, S. 165 f).

Wahrheit wächst nur gemeinsam

Was not tut, wenn man die derzeitige Situation einer Heilung zuführen will, ist also weder besondere Handfertigkeit im Nutzen von wissenschaftlichen Ergebnissen noch die Einigung auf ein irgendwie übergeordnetes Moralsystem. Notwendig ist vielmehr die Abkehr vom Glauben an Weltanschauungen – eigene und fremde – und die gemeinsame Bemühung, die Tatsachen hinzunehmen und zu verstehen. Und diese Tatsachen sind eben

  • die Notwendigkeit des „Denkens über das Denken“, um die Bedeutung des Gedachten beurteilen zu können
  • die Existenz eines nicht sinnlich wahrnehmbaren „dritten Akteurs“,der vor allem durch die Täuschung wirkt, und dem Menschen die Wahrheit verschleiert, auch und vor allem die Wahrheit des Denkens und damit seiner selbst
  • nützlichkeitsorientierter ebenso wie die moralorientierter Hochmut und Egoismus, die beide nur entstehen, weil das Wirken des Täuschers nicht gesehen wird
  • jeder individuelle Mensch, der unabhängig von seiner Weltsicht, Verführtheit oder Selbständigkeit doch immer Mensch ist und bleibt und als solcher Tatsache ist.

Erkenntnis der Wahrheit kann also nur entstehen, wenn gemeinsam, ausgehend von der für jeden gleichen Situation beim „Denken über das Denken“ daran gearbeitet wird. Da wird vor allem die Wirksamkeit des „dritten Akteurs“, des „Täuschers“ einer ausführlichen Betrachtung unterzogen werden müssen, denn er ist es, der die Menschheit in die Entzweiung treibt, der das Prinzip von „teile und herrsche“ zur Geltung bringt. Er ist sozusagen der „gemeinsame Feind“ der Parteien, der aber selber auch nur überwunden werden kann, indem man ihn nicht zum neuen, vielleicht sogar gemeinsamen „Gegner“ macht, sondern die von ihm beherrschte „dämonisierte Zone“ mit Bewußtsein durchdringt, und ihn nach und nach verstehen lernt.

Eine Art Fazit

Gewiß, man kann sagen, das sei alles bloß erdacht. Ist es ja auch, und gerade deswegen ist es eine Wirklichkeit. Wer fest dabei verharrt, dass es „Akteure“ nur als Wesen aus Fleisch und Blut geben könne, der wird in dem Hinweis auf den „dritten Akteur“ wenig finden können. Selbst wenn man noch zugeben kann, dass so ein Wesen ja von den Menschen subjektiv konstruiert werden kann, um sich die Welt zu erklären und dabei nicht nur tote Naturgesetze aufzustellen, wird man allerdings der Sache nicht gerecht.

Wer Menschen täuschen kann über ihre eigenen Möglichkeiten und Unmöglichkeiten, der Wahrheit nahe zu kommen, wer dies gekonnt nutzt, um die Menschen in Parteien zu zerspalten, so dass sie dabei den Spalter übersehen, und wer den Menschen gerade dadurch die Möglichkeit rauben will, eine Zukunft zu erbauen, die sie selber wollen können, der ist mehr als nur eine Ansammlung toter Gesetzmäßigkeiten.

Und er lenkt den Menschen gerade von dem ab, was ihm am nowendigsten ist: von dem Blick auf die eigene Geistnatur und die damit gegebene Möglichkeit, als Geistwesen unter Geistwesen leben zu lernen. Das ist, was ich all denjenigen zurufen möchte, die weiterhin darauf aus sind, einander zu bekriegen und vor allem die eigene Weltsicht über die des jeweils anderen zu stellen.

Alle Krisen der neueren Zeit lassen sich darauf zurückführen, dass die Menschen nicht bereit sind, aus ihrem unmittelbar-naiven irdischen Erleben bewußt und durch selbst kontrollierte eigene Bemühung im Denken zu einer Erweiterung ihrer Lebens- und Erkenntnismöglichkeiten aufzusteigen. Wer sich nicht bereit macht, für die eigene Zukunft als Geistwesen (das endet ja nicht mit dem Ablegen des Leibes) sich auch einzusetzen, wird diese Zukunft vermutlich nicht haben können; sie entsteht ja nur aus dem bewußten und gewollten Zusammenwirken der tatsächlichen, denkenden Menschen.




Wahrheit, Glaube, Weltanschauung – Wo ist Wirklichkeit?

Die „wahre Wirklichkeit“ kennen wir nicht mehr. Wir können darüber nur spekulieren und Wahrscheinlichkeiten bestimmen. Wie finden wir wieder Wahrheit? Eine Frage, die uns gerade jetzt unter den Nägeln brennen sollte.

Welt-Anschauung

Die Dinge gehen heute ineinander über. Wir nehmen etwas wahr, indem wir es ergreifen mit den uns zur Verfügung stehenden äußeren (sinnlichen) und inneren (seelischen) Mitteln. Was wir wahrnehmen, ist notwendig und unabänderlich für jeden Menschen einzigartig, und immer verschieden vom Wahrnehmungsbereich jedes anderen Menschen. Es kann eben niemand genau die inneren und äußeren Wahrnehmungen eines anderen Menschen haben.

Außerdem hat jeder seine eigene Art, das Wahrgenommene anzuschauen. Die ist ebenso individuell, denn sie ist aufgrund des individuellen Werdeganges anhand der vergangenen, sich ständig ändernden Wahrnehmungen geworden, hat sich daran herangebildet. Da schon der ganze Kreis der aktuellen Wahrnehmungen in jedem Augenblick individuell und mit dem keines anderen Menschen völlig übereinstimmend ist, gilt dies natürlich erst recht für die Folgen der vergangenen Wahrnehmungen, unsere Weltanschauung nämlich, die daran im Laufe der Zeit heranreift. „Weltanschauung“ ist hier ganz wörtlich gemeint als die Art, die Welt anzuschauen, als der Beitrag des Einzelnen also zum Aufbau eines gegliederten Ganzen auf der Grundlage der inneren und äußeren Wahrnehmungen.

Da nun dasjenige selbst, was uns zu den Wahrnehmungen verhilft, sie erst ermöglicht, für uns nicht unmittelbar und vollständig zum Kreise der Wahrnehmungen gehört – wir nehmen ja an einem Vogel zum Beispiel nicht unmittelbar wahr, was dieses Tier auf welche Art und Weise so konfiguriert hat, wie es uns jetzt in der Wahrnehmung entgegentritt, und wie unsere eigene (Sinnes-)Organisation daran mitwirkt – sind wir zur Erklärung darauf angewiesen, von uns selbst aus durch unser Denken den Wahrnehmungen einen Zusammenhang beizulegen. Dies tun wir aus unserer mehr oder weniger entwickelten Welt-Anschauung heraus. Ob dieser Zusammenhang gänzlich neu von uns selbst erdacht ist, oder anders, zum Beispiel durch Nachdenken von mitgeteilten Gedanken anderer in uns vorhanden ist, spielt zunächst keine Rolle. Ich muss immer die die Erklärung selber durch mein Denken mit den Wahrnehmungen verbinden.

Wahrscheinlichkeit

Nun stellt sich hier ein Problem: ob nämlich der von mir den Wahrnehmungen beigelegte Zusammenhang den Tatsachen entspricht, kann ich zu keinem Zeitpunkt zweifelsfrei feststellen. Die Tatsachen (oder sind es Wesen?), die den Wahrnehmungen zugrunde liegen, nehme ich ja nicht unmittelbar vollständig wahr, habe also keinen Maßstab, die Tatsachentreue meiner Erklärungen zweifelsfrei zu überprüfen. So bleibt zunächst alles im Bereich von mehr oder weniger großer Wahrscheinlichkeit. Wie das Wort schon sagt: es scheint alles mehr oder weniger wahr. Es ist aber keine Wahrheit.

Wahrhaftige wissenschaftliche Tätigkeit der heutigen Zeit wird immer damit rechnen, dass sie über die eigentlichen Tatsachen der Wahrnehmungswelt in der Regel nur Wahrscheinlichkeiten feststellen kann. Diese Feststellung selbst allerdings – dass wir in der Regel über den Zusammenhang der Welterscheinungen nur Wahrscheinlichkeiten konstatieren können – ist eine Ausnahme-Tatsache. Denn sie kann sich jeder Mensch gleichermaßen selber aufgrund der vorangegangenen Betrachtungen klarmachen. Ihre Wirklichkeit braucht zu ihrer Bestätigung nichts außer sich selbst. Wir werden darauf zurückkommen.

Bei allen anderen Dingen haben wir zunächst nur Wahrscheinlichkeiten. Da wir aber im Alltag mit den Dingen der Welt umgehen wollen und müssen, glauben wir einfach daran, dass die aus unserer Welt-Anschauung entstandene Erklärung der wirklichen Wahrheit schon genügend nahekommt. Für den Alltag reicht dies in den meisten auch Fällen aus. Die eigentlich den Wahrnehmungen zugrundeliegenden (uns ja noch unbekannten) Tatsachen und Wesen geraten dabei in Vergessenheit, und der Glaube, in dem von uns Erlebten und Angeschauten die ganze Wirklichkeit zu haben, wird immer mächtiger. Es bleibt aber ja dabei: diese Wirklichkeit ist eine geglaubte, keine tatsächliche. Mit solchem Glauben leben wir also in etwas, was nicht wahr ist, in einer Lüge also, einer Lebenslüge.

Darin liegt aber der Grund für unsere Angreifbarkeit, für Verunsicherung, Streit und Machtstreben. Wer nicht sicher weiß, gerät sofort in Gefahr, aus seiner Bahn geworfen zu werden, wenn ihm etwas begegnet, was seiner geglaubten Welt-Anschauung widerspricht. Darauf kann man nun unterschiedlich reagieren. Wer ernsthaft nach der ganzen Wahrheit sucht, wird in jeder Infragestellung seines eigenen Weltbildes (des jeweils aktuellen Ergebnisses seiner gewordenen Welt-Anschauung) eine Gelegenheit sehen, sich weiter zu entwickeln und der wirklichen Wahrheit näher zu kommen. Nicht jeder hat allerdings die innere Kraft dazu, seine eigene Weltanschauung dauernd in Frage zu stellen, mit allen Konsequenzen, die sich daran knüpfen. Sind doch in die Bildung der eigenen Weltanschauung auch die eigenen Taten – einschließlich eventueller Irrtümer – mit eingeflossen. Die möglichen Alternativen zu einer solchen unvoreingenommenen Auseinandersetzung mit dem verunsichernden Neuen sind aber wenige: im Wesentlichen sind es Unterordnung unter das Neue, Fremde oder der Kampf dagegen.

Das Neue – „Corona“

Und genau das erleben wir zur Zeit: uns begegnet ein Neues, Unerwartetes unter dem Namen der „Corona“ (hier sind alle Aspekte gemeint, einschließlich der davon angeregten Handlungen der Menschen). Die Handhabung der Sache durch die öffentlichen Stellen einschließlich der Medien ist so, dass eine offene Auseinandersetzung unmöglich gemacht wird. Von der offiziell favorisierten abweichende wissenschaftliche Auffassungen („Welt-Anschauungen“) bleiben weitestgehend unberücksichtigt, so dass – auf dieser Ebene betrachtet – wirklich nur Gehorchen oder Kampf bleibt. Die Verweigerung jeder offenen Auseinandersetzung zwingt förmlich dazu und öffnet einen Raum für alle möglichen Dämonisierungen.

Und schon hat uns die Wahrnehmungswelt ein weiteres Mal getäuscht. Nicht nur, dass wir eine solche Situation, wie wir sie erleben, nicht erwartet hätten, sie uns also gleichsam „überrollt“ hat und wir Mühe haben, sie unserer Weltanschauung einzuverleiben; was uns hier erscheint will uns auch dazu bringen so oder so Stellung zu beziehen, zur Partei zu werden also. Denn alle Seiten berufen sich in ihren Darlegungen auf die Autorität der „Wissenschaft“ – aber immer bestimmte Ergebnisse oder Verfahrensweisen, die man entsprechend der eigenen Auffassung von dieser „Wissenschaft“ und ihren Aufgaben geltend macht. Die einzige Aussage, die im hier dargelegten Gedankengang eine sichere genannt werden kann – dass nämlich alle aus dem heutigen gewöhnlichen Bewußtsein hervorgehenden Welt-Anschauungen nur Wahrscheinlichkeiten geben – wird dabei unberücksichtigt gelassen.

Lässt man sich auf diese letzte Aussage wirklich ein, so erscheinen die Fraktionen, die sich der Sache gegenüber – der „Corona“ also – bilden, nur als Ergebnisse einer einzigen Tendenz: die Menschen zu spalten, in möglichst viele verschiedene Parteien. Das lenkt davon ab, was als Tatsache eigentlich offensichtlich ist, dass nämlich alle Parteien gleichermaßen die Wahrheit nicht kennen, nur Wahrscheinlichkeiten, und in der Folge ganz generell die Bereitschaft gering ist, in systematischer und ernsthafter Zusammenarbeit die Quelle für die „wahre Wirklichkeit“ zu suchen.

Das wäre ja die Frage nach dem Ausgangspunkt jener ersten, für alle Menschen gültigen Feststellung über die Endlichkeit und Unvollständigkeit jeder individuellen Welt-Anschauung. Wie kommt man eigentlich darauf? Wenn diese Einsicht für jeden Menschen gleichermaßen möglich ist, liegt doch gerade darin ein universelles Element, in dem der Keim gesucht werden könnte zu einer neuen, für jeden Menschen gleichermaßen zugänglichen Wahrheit jenseits der ansonsten unvermeidlichen Unterschiede in den Welt-Anschauungen und Welt-Bildern.

Jedes im Alltag vielleicht unvermeidliche Partei-Ergreifen lenkt ab von der Konzentration auf diesen, das Ganze in den Blick nehmenden Gesichtspunkt, von dem aus alle Menschen einerseits als (im Alltag) unfreie, gezwungene Darsteller im Rahmen einer weltweiten Inszenierung von Vereinzelung und Spaltung erscheinen können, andererseits jeder Einzelne zugleich zum Träger eines universellen Versöhnungsimpulses werden kann. Dafür braucht es aber ein Erwachen.

Erwachen

Dieses Erwachen bezieht sich auf den Kern jeder individuellen Weltanschauung, das menschliche Individuum selbst, das ICH. Durch dieses ICH und seine Tätigkeit erst wird aus den ungeordneten Wahrnehmungen eine Welt-Anschauung. Gewiss, wir machen uns allerlei Vorstellungen davon, was dieses unser ICH sei, allerdings: jede Vorstellung davon, wenn sie mir ins Bewußtsein dringt, ist bereits eine (innere) Wahrnehmung, ein „Etwas“, und trägt ihren Entwicklungsgrund nicht als wahrnehmbaren Anteil in sich. Den Aufbau einer solchen Vorstellung durchleben wir zwar, wissen also um unsere Beteiligung. Das ist aber unsere Betätigung, das eigene Tun, von dem wir erst das Ergebnis – die ICH-Vorstellung – als innere Wahrnehmung ins Bewußtsein bekommen. Derjenige, der dann diese Vorstellung denkend ergreift, ist bereits ein anderer als ihr Hervorbringer. Denn er ist Betrachter eines Gewordenen, nicht dessen schaffender Hervorbringer..

Insofern müssen wir also einsehen, dass wir als Denker, als Wahrnehmer für uns selber nicht wahrnehmbar sind. Für unsere Wahrnehmung sind wir sozusagen ein NICHTS. Was wir als Vorstellung hervorbringen, können wir erst im Nachhinein anhand des Ergebnisses erkennen, das Hervorbringen selbst erleben wir, durchleben wir im eigenen Tun, ohne es zunächst wahrnehmen zu können.

So kann uns das Erwachen für die eigene Unfähigkeit, die wirkliche Wahrheit als Ganze zu erkennen, zu einem Erwachen für ein Zweites führen: dass es nämlich außer der uns gegebenen Welt äußerer (sinnlicher) und innerer (seelischer) Wahrnehmungen eine zweite Welt fortwährenden lebendigen Hervorbringens gibt, deren ständig mitwirkendes Glied wir selber in unserem ICH sind. In dieser zweiten, zunächst nur wie im Negativ aufscheinenden Welt der schaffenden Ursachen sind wir vereint mit allen ebenfalls schaffenden Ur-Sachen und -Wesen der gegebenen Wahrnehmungswelt.

Schaffende Ur-Sachen

Diese Welt der schaffenden Ursachen ist nicht darauf angewiesen, dass jedes dort vorkommende Wesen auch einen eigenen, abgrenzbaren (sinnlichen oder seelischen!) „Leib“ in der Wahrnehmungswelt hat, durch den es wirken kann. Was in der Wahrnehmung auftaucht als abgrenzbarer „Erscheinungs-Leib“, kann durch Zusammenfließen verschiedener Ur-Sachen entstehen, die ansonsten, für sich genommen, unwahrnehmbar wären.

Ein Beispiel: Damit für einen Betrachter die Wahrnehmung eines Regenbogens entsteht, müssen vielerlei Einflüsse zusammenwirken: das scheinende Sonnenlicht (das für uns ja immer nur dann wahrnehmbar wird, wenn es auf etwas auftrifft, von dem es reflektiert wird), das Vorhandensein von Wassertropfen in der Luft, und vor allem ein besonderes räumliches Verhältnis von Lichtquelle, Wassertropfen und Betrachter zueinander – um nur einige wichtige Einflüsse zu nennen. Welche Ursachen, welche schaffenden Wesen haben all diese Verhältnisse so zusammengeführt dass im Betrachter die Wahrnehmung des Regenbogens entsteht? Selbst schwer ergründbare Fragen des individuellen Schicksalsverlaufes des Betrachters können hier eine Rolle spielen, seine eigenen, wirkenden Willensimpulse und ihre Quellen ebenso wie prinzipiell naturgesetzlich erklärbare Tatsachen der Sinnenwelt. Ein ganzes Kompendium zunächst unwahrnehmbarer Einflüsse bringt also im konkreten Leben die zusammenhängende, abgrenzbare Erscheinung – den „Leib“ – eines Regenbogens für einen Betrachter zustande.

Der Versuch, dies alles durch Berechnungen und Überlegungen im Sinne der Bestimmung von Wahrscheinlichkeiten zu einem glaubwürdigen Welt-Bild zusammen zu fügen, wäre heillos zum Scheitern verurteilt.

Das Wissen aber davon, dass die einzelne Wahrnehmung aus einer Welt der schaffenden Ursachen hervorgeht, deren erlebender Teil jeder Mensch durch sein ICH ist, kann uns den Weg weisen zu der Frage, wie uns diese Welt schaffender Ur-Sachen selbst ins Bewußtsein treten kann. Dann wären wir nicht mehr auf Spekulationen und Wahrscheinlichkeiten angewiesen, sondern könnten erkennend in der Wahrheit leben. Derjenigen Wahrheit im Übrigen, die durch ihren allen Menschen eigenen universellen Quell prinzipiell jedem Menschen offensteht, und aus der darum heilender Einfluss auf die ansonsten leicht in Widerstreit geratenden Welt-Anschauungen hervorgehen kann.

Auf diese „wahre Wirklichkeit“ oder „wirkliche Wahrheit“ weist Rudolf Steiner hin, wenn er vom „Denken“, der „Intuition“ oder der „geistigen Welt“ spricht.

Geistige Welt

In der geistigen Welt leben wir alle also ununterbrochen, durch unser Denken, unser Wollen, aber wir sind uns dessen nur in Ausnahmefällen bewußt. Sie erkennend zu betreten ist, was der heutigen Menschheit fehlt, um die immer schärfer aufflammenden Gegensätze zwischen den Menschen mit ihren je eigenen Welt-Anschauungen kontrollieren und heilen zu lernen.

Dieses Betreten der geistigen Welt kann – wenn es wirklich heilsam wirken soll – in der heutigen Zeit nur so vonstatten gehen, dass alle damit verbundenen Tatsachen und Vorgänge offen zutage treten und für jeden Menschen im Grundsatz nachvollziehbar sind. Es kann also nur auf dem Wege einer wirklichen Geisteswissenschaft geschehen. Diese Wissenschaft gibt es seit dem Wirken Rudolf Steiners, sie ist veröffentlicht und damit für jeden Menschen zugänglich, der dies will.

Begegnung mit dem Teufel

Wir tun gut daran, nicht zu vergessen, dass wir zum Erwachen für die geistige Welt geführt werden durch das beherrschende Auftreten des Zerstörerischen, Spaltenden, Zersplitternden. Insofern ist unser Erwachen auch „von des Teufels Gnaden“*. Dafür ist er uns gesandt. Ihn nur zu „beseitigen“ – kann man überhaupt zerstören, wessen Wesen die Zerstörung selbst ist, kann die Zerstörung also durch uns sich selbst vernichten, oder wäre dies nur ein „Vergessen“, ein Aus-dem-Bewusstsein-schaffen? – ihn also wegschaffen zu wollen, wäre keine Heilung. Dieser „Teufel“ muß überwunden werden, erlöst von dem Zwang zur Vernichtung. Dazu müssen wir ihn kennenlernen, ihm furchtlos entgegentreten, mit ihm umgehen lernen.

Dieser „Teufel“ kann so zu dem ersten rein geistigen Wesen werden, das in unserem Bewußtsein Gestalt annimmt. Die Wirkungen, die er durch die Menschen in die Welt setzt, können uns dadurch nach und nach erklärlich und handhabbar werden.

Das Erwachen führt uns daher zu ernsten Aufgaben. Wie wir darin bestehen, wird entscheidend sein dafür, ob aus der aktuellen Zersplitterung der Menschheit ein neuer, heilender Impuls hervorgehen kann.


Fürchte einzig des Dämons Lächeln,
Des Verfälschers tröstliche Glätte,
Des Lügners einleuchtende Wahrheiten,
Des Mörders Lebensklugheit,
Des Verräters daseinsbezwingende List,
Des Verleumders exakte Wissenschaft.

Fürchte nur des Dämons
Uralt unerkannte Gottähnlichkeit,
Die strahlende Maske,
Vielen tödlich.

Und fürchte ihn nicht!
Blick ihm ruhig ins trauernde Antlitz:
Von kalten Blitzen entzündet,
Gefurcht von Verachtung der Feigen,
Von Haß zerstört gegen
Einen ihm schweigenden Gott –
Blick ihm ruhig ins versteinerte Aug,
Immer steht er neben Dir.

Nicht schenkte ein Gott Dir sein Blut,
Daß in Furcht du erstarrst,
Leuchte dem Dämon zu späterer Erlösung,
Da er trug auch Dich,
Als Du ihm ähnlich warst.
Nun hilf ihm.

(Helmut Siegfried Unbehoven)


* Das Wort „Teufel“ hat den gleichen Ursprung wie der „Zweifel“, der alles in (mindestens) zwei zerfallen läßt.

© (außer abschließendes Gedicht) Stefan Carl em Huisken 2020




Kurze Worte zur „Wissenschaftlichkeit“

Sich selbst vergessen

Jeder Begriff, den sich welcher Mensch auch immer von „Wissenschaftlichkeit“ machen kann, entstammt seinem eigenen Denken. Das ist eine Tatsache, der wohl niemand entgehen kann. Diese Tatsache sorgt aber auch dafür, dass es sehr viele unterschiedliche Begriffe davon geben kann.

Wer nun meint, er müsse „DEN RICHTIGEN“ Begriff von Wissenschaftlichkeit finden, und ohne den sei alle Bemühung um Wissenschaft sowieso zwecklos, der übersieht eines: er hat sich einen neuen, der „Wissenschaftlichkeit“ übergeordneten Begriff gemacht, an dem er seines und das erkennende Tun der anderen messen will, nämlich den des (ausschließlich) „Richtigen“.

Es ist einfach unentrinnbar: unsere Begriffe formen wir uns selber durch unser Denken. Darin sind wir alle gleich, wir Menschen. Und auch, wer immer wieder meint, wir täten das nicht selber, formt sich diese Meinung – pardon – selber.

Wer also „Wissenschaftlichkeit“ begreifen will, muss immer mit sich selber rechnen, mit der eigenen Art und Weise zu denken. Ohne das ist das Ergebnis immer bodenlos.

… und wiederfinden?

Das schafft zugegebenermaßen ein Dilemma: denn die Art, wie wir denken, können wir nicht unmittelbar beobachten, wie schon Rudolf Steiner Ende des 19. Jahrhunderts ausführlich darlegte (Wahrheit und Wissenschaft, Philosophie der Freiheit). Dennoch haben wir mit der oben genannten Feststellung etwas gewonnen: einen Maßstab nämlich für die Wahrheit unseres Erkenntnisstrebens.

Und der ist in jedem Einzelnen von uns vorhanden. Die Tatsache, dass wir uns selber im Tun nicht unmittelbar beobachten können, läßt sich ja nur auf eine Art erklären: ich selbst als Denkender befinde mich offenbar in einer anderen Sphäre als alles, was ich als Gedankeninhalte und Begriffe mir vor das innere Auge führen kann. Dadurch kommt es ja gerade, dass unser Denken – daran gewöhnt, alles „Wirkliche“ außerhalb seiner selbst zu suchen – so große Schwierigkeiten hat, sich selbst zu finden.

Aber es ist doch ganz einfach: keine noch so ausgebuffte Wissenschaft, die mich selber nicht einbezieht, hat jemals mich, mein ICH-Erleben, mein Denken finden können. Und dennoch entstammt sie ausnahmslos dieser Quelle (ebenso natürlich jedem anderen denkenden Menschen). Und damit haben wir den universellen Quell aller Erkenntnis – wenn zunächst auch nur im Negativ – gefunden: er liegt im Menschen.

Anthroposophie

Aber es gibt eine Art der Wissenschaft, die genau diesen Quell zum Ausgangspunkt nimmt, jedenfalls in dem Namen, der ihr im Laufe der Zeit auch gegeben wurde: Anthroposophie – Weisheit vom Menschen (aus).

Rudolf Steiner wurde nicht müde, immer wieder darauf hin zu weisen., dass eine Erkenntnis der Wirklichkeit nur möglich ist, wenn sie den Menschen (also konkret: mich, dich, jeden Einzelnen, in seinem Selbst-Erleben) mit einbezieht.

Wer also davon redet, Anthroposophie solle „wissenschaftlich“ sein, kann nur zu einem irgendwie sinnvollen Ergebnis kommen, wenn er im hier genannten Sinne anthroposophisch zu Werke geht.

Das ist einfach eine Sache, die hier nur in einer bestimmten Wiese beschrieben wird, die aber für jeden Menschen, der darauf aufmerksam werden will, unmittelbar beobachtet werden kann und daher keines Beweises bedarf. Einziges Kriterium ist, ob ein Mensch wirklichkeitsgemäß denken WILL oder nicht. Wer nicht will, der hat schon, sagt man ja.

Also lassen wir weitere Auseinandersetzungen über dieses Thema auf sich beruhen ….




Vorträge

sind eigentlich eine Sonderform des Gespräches: äußerlich findet man den Vortragenden sprechend und eine große Anzahl scheinbar passiver Zuhörer.
Aber innerlich betrachtet ist es oftmals umgekehrt: wer wirklich vorträgt (und nicht bloss Gelerntes memoriert, referiert oder gar vom Konzept abliest) kennt die Inspiration durch engagierte Zuhörer. Manches kann gar nicht gesagt werden ohne die inneren Potenziale der Zuhörer. Innerlich gesehen ist der beste Sprecher derjenige, der sich zum Sprachrohr der Selbst-Bewußtwerdung für diejenigen machen kann, die vor ihm als Zuhörer sitzen.
Darum ringe ich in jedem Vortrag aufs Neue, und nur so möchte ich vortragen.

In der Vergangenheit habe ich in vielerlei Zusammenhängen Vorträge gehalten, unter anderem:

  • Pädagogische Initiativen und Fortbildungen (Schulgründung, Kindergarten, schulinterne Fortbildungen)
  • Biologisch-dynamischer Landbau (Bauerntreffen, Hoffeste etc.)
  • Oberstufenprojekte an Schulen (Medien und ihre Wirkungen)
  • Geisteswissenschaftliche Kurse

Themen und Inhalte haben sich immer aus den Erfordernissen der konkreten Situation ergeben; zum Teil durch direkte Anfrage der Veranstalter, zum Teil im Rahmen von Vortragsreihen, die ich in eigener Verantwortung gestaltet habe.

Eine Themenliste vergangener öffentlicher Vorträge gibt es => hier.

Außerdem halte ich im Rahmen geisteswissenschaftlicher Arbeitsgruppen seit ca. 10 Jahren regelmäßig Vorträge.