erstellt von Stefan Carl Em Huisken | 8. November 2024
Stefan ist leider am 30.10.2024 von uns geschieden. Damit enden viele seiner Projekte unerwartet. Andere könnten in geänderter Weise zu neuem Leben kommen, wenn sich dafür die richtigen Leute zusammenfinden wollen.
erstellt von Stefan Carl Em Huisken | 8. November 2024
Foto: Annele Rewerts
Sie finden hier Informationen über meine Projekte sowie Ergebnisse meiner Arbeit zum Lesen, Hören, Denken. Meine Bücher und CDs können Sie ebenfalls hier bestellen, oder meine Arbeit anderweitig unterstützen. Gerne höre ich von Ihnen – durch Kommentare zu den Beiträgen, über das Kontaktformular oder direkt per Email.
Für Interessenten gibt es auch einen Kanal auf Telegram: t.me/emhuisken, der manchmal zusätzlich kleinere aktuelle Nachrichten bringt.
Mit besten Grüßen Stefan Carl em Huisken
Projekt „Schottisch-Friesische Freiheit“ endet
erstellt von Stefan Carl Em Huisken | 8. November 2024
Im Jahre 2020, unter extremen Ausnahmebedingungen, entstand, mit viel Enthusiasmus und Herzblut gestaltet, das erste Konzert des Projektes „Schottisch-friesische Freiheit“, das dann zur Vorlage wurde für das 2022 gestartete Projekt mit gleichem Namen. Mit dabei war auch das Duo „jank frison“. Mit viel Einsatz von allen Seiten, mit sehr viel unentbehrlicher Unterstützung vor Ort durch Aktivisten an den Veranstaltungsorten fanden einige außergewöhnliche Konzerte statt. Wir sind dankbar für diese Gelegenheiten, unsere Musik zu präsentieren, und für die Aufmerksamkeit, die Zustimmung und den Applaus, die wir dafür empfangen durften. Allen sei darum nochmals unser herzlicher Dank gesagt!
Aber wie es so ist im Leben: die Prioritäten verschieben sich im Leben der Einzelnen, je mehr Mitstreiter, desto mehr Verschiebungen gibt es. Und was gut begann, soll dann auch gut zu Ende gebracht werden: es wird keine weiteren Konzerte in der bisherigen Form mehr geben. Das Projekt als solches endet also mit dieser Nachricht. Die beteiligten Personen und Gruppen haben derzeit ganz andere Arbeitsschwerpunkte, die sie mit Beschlag belegen, und aktuell liegen uns auch keine Anfragen von Veranstaltern vor.
Das bedeutet nicht, dass es keine neuen Kooperationen zwischen den bisher beteiligten Musikern mehr geben soll – das kann sich von Fall zu Fall, und wenn Bedarf danach vorhanden ist, immer wieder ergeben. Aber das Projekt „Schottisch-Friesische Freiheit“, mit Webpräsenz, und „laufendem Betrieb“, gibt es vorerst nicht mehr.
Wer weiter auf dem Laufenden bleiben will, kann hier oder unter www.moorland-pipes-and-drums.de immer wieder Neues erfahren; in der Seitenleiste können Sie sich sich für mein Rundschreiben zu allen Themen anmelden, und erfahren dann auch automatisch, wenn sich auf dem Gebiet solcher musikalischer Projekte mit Beteiligung von mir bzw. dem Duo jank frison etwas ergibt.
Bleiben Sie der Musik verbunden, und wenn Sie wollen, besuchen Sie die Konzerte der einzelnen Gruppen – wir freuen uns auf Sie!
Mit herzlichem Gruß
Stefan Carl em Huisken
Em Huisken Trio
erstellt von Stefan Carl Em Huisken | 8. November 2024
Nach vielen Konzerten, die ich solo an den verschiedensten Orten bestritten habe, wuchs der Wunsch, außer dem Duo jank frison noch andere Möglichkeiten musikalischer Zusammenarbeit zu erproben. Eine Möglichkeit ergab sich zunächst in der fallweisen Zusammenarbeit mit einer musikalischen Freundschaft aus lang zurückliegenden Jugendzeiten, mit Regina Elling. Daraus wurden einige Auftritte bei der Stadtmusik Borken (wo wir uns nach Jahrzehnten wieder begegnet waren) und im Notenschlüssel in Leverkusen. Schon allein wegen der Entfernungen (Duisburg – Norden) bleibt so etwas aber ein Ausnahmefall.
Und dann fanden sich zwei „alte Bekannte“, die mitmachen wollten: Veronika Peters (Akkordeon) und Christiane Höschen (Gesang). Zwei Konzerte haben schon stattgefunden – mit gutem Anklang beim Publikum. Das Ergebnis ist, dass wir damit jetzt weitermachen wollen, unter dem Namen „Em Huisken Trio“. Die nächste Veranstaltung wird unser => Advent-Konzert im Dezember sein.
Es wird immer eine Mischung aus eigenen und (meistens bearbeiteten) traditionellen Liedern geben, oftmals auch zum Teil mitsingtauglich, wofür das Textblätter bereitliegen werden. Wir möchten keine Beschallungstechnik verwenden, warum die Größe der Konzerte begrenzt ist. Das ermöglicht aber ein ganz anderen Verhältnis zwischen uns und unserem Publikum.
Aspekte des geisteswissenschaftlichen Erkenntnisweges
erstellt von Stefan Carl Em Huisken | 8. November 2024
Was ist der „geisteswissenschaftliche Erkenntnisweg“?
Wer über Erkenntnis sprechen will, tut gut daran, sich vorab darüber zu verständigen, was ihm Erkenntnis sein soll. Was sind die Bedingungen dieses Geschehens? Wer agiert hier, mit welchem Ziel? Kann er das überhaupt leisten, was er da anstrebt?
Nun, wer etwas erkennen will, kennt dieses Etwas ja noch nicht. Es ist von ihm getrennt, nicht mit ihm verbunden, eben ein „Etwas“, das im Bewusstsein des Erkenners durch seine Tätigkeit erst erschaffen wird, als Er-kanntes. Wer es erkennt, nimmt es in sich auf, macht es zum Bestandteil des eigenen, bewussten Seins, aber immer so, dass es ihm ein selbständiges, aus eigenen Bedingungen heraus Existierendes bleibt. Sonst müsste es ja auch nicht erkannt werden, wenn es keine eigenen, für sich gültigen Existenzbedingungen hätte.
Nehmen wir das zunächst so hin. Warum ist aber dann ein Weg mit der Erkenntnis verbunden? Ist denn Erkenntnis nicht einfach nur ein Zusammenordnen von Wahrnehmung des Etwas und dem dazu gehörigen Begriff? Aber: was ich schon kenne, weil ich den dazugehörigen Begriff schon habe, das brauche ich nicht mehr zu er-kennen. Ich habe es nämlich schon erkannt. Was ich aber zu tun habe, um ein wahrgenommenes Unerkanntes in ein Erkanntes im Bewusstsein zu transformieren, das ist eben das Gehen eines (geistigen, inneren) Weges. Und alles, was ich selber tätig vollführe, verändert mich selbst, meine Wahrnehmungen und Gedanken, die sich in mein Wesen als ein Erlebtes – ja, Durchlebtes – eingraben, mit ihm verbinden, es bereichern und entwickeln helfen. Ich – mit dem Neu-Erkannten im Bewusstsein – bin ein anderer als vor diesem Vorgang; nicht nur der Inhalt meines Bewusstseins hat sich geändert, sondern auch mein Bewusstsein, also ich. Das ist gemeint mit dem Wort: Erkenntnisweg.
Was ist dann aber der geisteswissenschaftliche Erkenntnisweg? Was wir kennen aus der Naturwissenschaft, das ist die Wahrnehmung eines Gegebenen in der Sinneswelt und die Erklärung dieses Gegebenen entweder durch spontane weitere Wahrnehmungen oder durch kontrolliert im Experiment erzeugte Wahrnehmungen, die mir zur Erklärung des ersten Wahrgenommenen dienen sollen. Ich handele also immer auf einem Felde, wo ich Sinneswahrnehmungen als Tatsachen vorliegen habe, die dann zur Überprüfung und gegebenenfalls zur Korrektur meiner Erklärung herangezogen werden können. Das macht eben gerade das Wissenschaftliche aus, dass Tatsachen vorliegen, anhand derer das zur Erklärung von mir Gedachte überprüft werden kann.
Nun aber: Geisteswissenschaft? Der Geist ist doch gerade ein Nicht-Etwas, Nicht-Wahrnehmbares für unsere gegebenen Sinne. Und Geist ist eben dasjenige, was den Inhalten der Sinneswahrnehmung als Erkenner und Wahrnehmer gegenübersteht, also ich. Wie kann derjenige, der nun gerade als Geist-Anteil im Erkenntnisvorgang agiert und dabei für seinen Weg (siehe oben) immer ein gegebenes, unerkanntes Wahrgenommenes braucht, sich selbst erkennen als derjenige, der diesen Weg durchlebt? Er ist doch gerade der Wahrnehmer und Durchleber, und wenn er sich selber ins Bewusstsein treten will, kann er dies zunächst nur gleichsam als eine Art „Hohlform“, die sich selbst nur in den rückblickend betrachteten Wirkungen ihres Tuns als Vorstellung ihres vormaligen Seins anschauen kann. Dabei durchlebt sie aber den durchlaufenen Weg wiederum, nur mit einem anderen Inhalt (jetzt dem inneren Bild des rückblickend betrachteten Erkenntnisvorganges), und kann dabei – wenn alles genügend geübt ist und nach Wunsch gelingt – zum Erlebnis der Identität von Inhalt und Form der Erkenntnis gelangen. Eben dieses Erlebnis ist dann der Orientierungspunkt, von dem aus der gegangene Weg überprüft werden kann.
Hier tritt das Denken als Tätigkeit, betrachtet im inneren Bild der Wirkungen seines Tuns, selber in die innere Beobachtung. Damit ist bereits eine erste geisteswissenschaftliche Erkenntnis errungen, zugleich mit einer geistigen Schau; denn was hier Beobachtungsgegenstand ist, ist unabhängig von äußeren Sinnes-Beobachtungen, existiert nur geistig im Bewusstsein und von dessen Gnaden, genauer: durch meine seelische Anstrengung, die ich dafür von der Leitung durch das äußere Sinnesleben loszureißen habe, und insofern dies Losreißen gelingt. Und – das sei auch gesagt – nur, solange die Anstrengung aufrecht erhalten wird. Nur solange man es hervorbringt, kann das Erlebnis im Geiste existieren.
Damit ist ein Anfangspunkt des geisteswissenschaftlichen Erkenntnisweges markiert. Insofern Seele und Geist Tatsachen sind, die keine spezifische äußere Sinneswahrnehmung zu ihrer Existenz benötigen, nur eben das Vorhandensein einer „Sinneswelt“ allgemein, wenn sie ihrer selbst bewusst werden wollen als gerade eben Nicht-Sinnliches, sind Seele und Geist im Menschen Vorbedingung jeder Erkenntnis. Erkenntnis kann insofern nur vom Menschen ausgehen und als Geisterkenntnis und Geisteswissenschaft ohne den erkennenden Menschen gar nicht existieren. Geisteswissenschaft ist insofern unvermeidlich zugleich Wissenschaft – oder „Weisheit“ – vom Menschen, und Bedingung seiner selbstbewussten geistigen Existenz1. Der erkennende Mensch existiert also im Bewusstsein gar nicht, solange er seine Nicht-Existenz als Bewusstseins-Inhalt sich nicht bewusst macht. Sonst redet er über irgendwie ihm zugekommene abstrakte (also von der Wirklichkeit abgezogene) Denkinhalte, die er mit sich selber nicht in Identität erlebt, und daher erst wieder – erkennen muss. Hier liegt viel Tiefes verborgen.
Bis hierher sind wir gekommen vermeintlich ohne Rudolf Steiner, den Urheber der gegenwärtigen Geisteswissenschaft. Vermeintlich: denn in der Geistesgeschichte der Menschheit (und damit auch meiner, mehr oder weniger unbewusst) hat es Rudolf Steiner ja zweifellos gegeben, und er ist in der Öffentlichkeit aufgetreten als Autor von Büchern, als Vortragsredner, Künstler und in vielfältigen anderen Funktionen seines zeitgenössischen Geisteslebens. Nachdem wir bereits feststellen konnten, dass die geistige Existenz des Menschen nur insofern von dem Vorhandensein einer sinnlich-materiell aufgefassten Außenwelt abhängig ist, als er diese braucht, um sich seiner selbst als Geistiges, also gerade übersinnliches Wesen bewusst zu werden, und sich dadurch bewusst auf sich selbst stellen zu können; nachdem also daraus hervorgeht, dass geistige Existenz auch unabhängig von einer gegebenen Außenwelt möglich ist, besteht kein Anlass mehr, die geistige Existenz dessen, was Rudolf Steiner denkend und übersinnlich schauend erkannt hat, auf das äußerlich Wahrnehmbare zu beschränken. Rudolf Steiners Welt-Anschauung und ihre Begründung sind geistig also vorhanden und können wirken, ohne dass dazu zwingend eine äußere Begegnung mit ihren Wirkungen erforderlich ist; solche Wirkungen können auch geistig-seelisch sein. Wer oder was also ist es, der oder das uns zu solchen Gedanken über Erkenntnis veranlasst, wie wir sie zuvor angestellt haben und weiter anstellen wollen?2
Nicht umsonst heißt es im ersten der sogenannten „Anthroposophischen Leitsätze“, die mit dem Untertitel „Der Erkenntnisweg der Anthroposophie“ veröffentlicht wurden:
„Anthroposophie ist ein Erkenntnisweg, der das Geistige im Menschenwesen zum Geistigen im Weltenall führen möchte. Sie tritt im Menschen als Herzens- und Gefühlsbedürfnis auf. Sie muss ihre Rechtfertigung dadurch finden, dass sie diesem Bedürfnisse Befriedigung gewähren kann.“3
Ich lese darin: Anthroposophie ist also keinesfalls bloss eine Sammlung von Inhalten, die man zur Kenntnis nehmen kann wie eine Blume, einen Stein oder einen Mückenschwarm, sondern sie ist zugleich der Weg zur Erlangung solcher Inhalte selbst, indem sie den Menschen, der sie bemerkt, innerlich veranlasst, sich ihr in der Welt – ihrer weltlichen Erscheinung also – zuzuwenden.
Tut der Mensch das, findet er dort, in der Welt, die Schriften Rudolf Steiners, die Drucke der Mitschriften seiner Vorträge und vieles mehr. In der Auseinandersetzung damit kann man sehr schnell an die Grenzen der eigenen Auffassungsmöglichkeiten kommen, und dies in zweierlei Weise.
Einerseits kann man Mitteilung von einer Vielzahl durch Rudolf Steiner erkannter Inhalte erlangen, denen gegenüber man die eigene Unfähigkeit, sie unmittelbar wahrzunehmen, konstatieren muss. Dem einzelnen Inhalt gegenüber scheint man also zum Glauben gezwungen, wenn man diesen Inhalt nicht rundweg für Phantasterei halten will. Dieser Zwang zum Glauben existiert aber nicht. Nimmt man nämlich diese Inhalte zunächst als unbestätigt hin und folgt dann weiter den Darstellungen Rudolf Steiners, so kann man finden, dass diese so gestaltet sind, dass das Eine das Andere stützt und trägt. Dieses Stützen und Tragen ergibt sich aber nur aus den Darstellungen Rudolf Steiners selbst, und zwar dann, wenn man diese unvoreingenommen nachzuvollziehen sucht. Durch solches Nachvollziehen – das sagt Rudolf Steiner selber oft genug – begibt man sich also bereits auf den Erkenntnisweg, indem man in der eigenen nachdenkenden Tätigkeit sich nach und nach in den diese Darstellungen schaffenden und gestaltenden Geist Rudolf Steiners hineinarbeitet, diesen in sich aufnimmt und so nach und nach sich zu Bewusstsein bringen kann in der Selbstbeobachtung (siehe oben). Nach einiger Übung wird man es im Umgang mit Rudolf Steiners Schilderungen zunächst ahnend hier und da zum oben genannten Erlebnis der Identität von Inhalt und Form bringen können, das einem dann zum Garant für die Wahrheit des Erkannten werden kann. Es muss also – das ist nochmals zu betonen – nichts geglaubt werden; Rudolf Steiner weist auch immer wieder darauf hin, dass alles unbefangen überprüft werden soll, nichts geglaubt.
Eine besondere, notwendige Rolle spielt dabei die oftmals als „schwierig“ erlebte Stilisierung der Sprache Rudolf Steiners; gerade sie bewirkt aber die konkrete Wegleitung der Erkenntnis. Diese Stilisierung ist also als notwendig von Steiner bewusst so gestaltet, und oft genug in ihrer Bedeutung von Rudolf Steiner selber beschrieben worden (siehe dazu auch den folgenden Abschnitt).
Andererseits kann man sich direkt Rudolf Steiners Darstellungen der für das Auffinden der Wahrheit notwendigen Erkenntnisweise und ihrer Bedingungen4 zuwenden, und diese dann nachzuvollziehen suchen, sich sozusagen direkt Rudolf Steiners Denkweg im Betrachten des eigenen Vollzuges als Leser zum Beobachtungsgegenstand zu machen. Wer diesen Weg gehen will, findet sich ohne weitere Umschweife mit der eigenen Erkenntnisohnmacht konfrontiert: Leser dieser Schriften sind entweder genötigt, daran immer wieder aus dem Verfolgen der von Rudolf Steiner dargebotenen Gedankengänge unmittelbar zur Beobachtung des eigenen denkenden Nachvollzuges dieser Gedankengänge aufzusteigen, oder er kann diese Gedankengänge nur missverstehen – oder einfach gar nicht verstehen: „Das hat man eben nicht mitgemacht, die «Philosophie der Freiheit» anders zu lesen, als andere Bücher gelesen werden. Und das ist es, worauf es ankommt, und das ist es, worauf jetzt in aller Schärfe hingewiesen werden muss, weil sonst einfach die Entwickelung der Anthroposophischen Gesellschaft ganz und gar zurückbleibt hinter der Entwickelung der Anthroposophie. Dann muss die Anthroposophie auf dem Umwege durch die Anthroposophische Gesellschaft von der Welt ja gänzlich missverstanden werden, und dann kann nichts anderes herauskommen als Konflikt über Konflikt!“5
Konflikte innerhalb und im Zusammenhang mit der anthroposophischen Gesellschaft sind ja auch unmittelbar vielfältig entstanden, nachdem Rudolf Steiner am 30. März 1925 verstorben war; sie sind ein Zeichen dafür, dass es mit diesem „anders lesen“ offenbar selbst bei langjährigen Anthroposophen nicht nach Wunsch gelaufen war.
Wer also insbesondere Rudolf Steiners „philosophische“ Werke (für die anderen Schriften gilt dies – teilweise modifiziert – ebenfalls) ohne die kritische Infragestellung des eigenen, mitgebrachten Vorverständnisses und damit ohne die Beobachtung des eigenen lesenden Erkenntnisweges versucht aufzunehmen, muss sie missverstehen. Das ist ja auch vielfältig geschehen und geschieht weiter, und dies ist dafür verantwortlich, dass Anthroposophie in weitestem Umfang nicht als ein geisteswissenschaftlicher Erkenntnisweg, sondern als eine Art esoterisches Glaubenssystem oder eine sektiererische Bestrebung wahrgenommen wird.
Sich unmittelbar mit der eigenen Erkenntnisohnmacht zu konfrontieren und dadurch, mittels erheblicher intellektueller Anstrengung, zum Erlebnis unmittelbarer Wahrheit durchzustossen, erfordert einigen in gewissem Sinne „kämpferischen“ Erkenntniswillen, und vor allem Mut und Durchhaltekraft.
Mysterium des Geistes, Mysterium des ICH
Wie sich aus dem Vorstehenden ergibt, stützen und ergänzen sich die beiden Ausgangspunkte, von denen aus der Interessent sich in den Weg der Anthroposophie hineinbegeben kann. Die Konfrontation mit den eigenen, mitgebrachten Lese- und Erkenntnismethoden ist immer in gewissem Sinne nötig; sie ist ein notwendiges Kennzeichen jedes ernsthaften Studiums der Anthroposophie.
Sie führt aber im einen Fall, durch den (vorläufigen, bewussten) Verzicht auf die Bestätigung der Wahrheit des Dargestellten, durch die Bereitschaft also, zunächst die eigentliche, im Gesamtbilde des Aufgenommenen verborgen („okkult“, „geheim“) bleibende Wahrheit erst erkennen zu wollen, wenn man sich dazu reif gemacht hat, zum Erlebnis nämlich der Anthroposophie als einer in der individuellen Sinneswelt sich auslebenden Schicksalsmacht, deren Ursprung und Ziel letztlich im Menschen denken zu lernen Aufgabe des Lernenden, des „Geheimschülers“ wird. Der Weg führt also zunächst vom Nachdenken der Darstellungen Rudolf Steiners zu inneren Bildern, in deren denkendem Nachbilden der Mensch nach und nach zum Erleben der Wahrheit des Geistes geführt wird. Im Denken dieser geistigen Welt tritt der Mensch schließlich innerlich vor das Mysterium Gottes.
Im anderen, zweiten Fall ist die unmittelbare Begegnung mit dem Ich im eigenen Tun der Ausgangspunkt, von dem aus dann das Leben in all seinen Einzelheiten zum Rätsel wird und den Denker veranlasst, geleitet durch diese Selbstbegegnung im Denken sich nach und nach in die Entwicklungsbedingungen der Weltereignisse hineinzudenken, bis er endlich sich selbst im Weltgeschehen erleben lernt. Das eigene Denken, das sich im Ich darlebt, wird so zum Mysterium: „Im Denken steht der Mensch im Elemente des Ursprungs der Welt, hinter dem etwas anderes zu suchen als sich – den Denker – selbst, für den Menschen keine Veranlassung besteht.“6 Mit diesen Worten fasste Karl Ballmer, ein herausragender Schüler Rudolf Steiners, die Essenz der Anthroposophie in einen Satz, der einem selber zum Mysterium werden kann.
Ausgangspunkt Ich-Mensch
Man ersieht aus dem Dargestellten, dass für die Erlangung wahrer Geist-Erkenntnis, die sich ja orientieren muss an dem Erlebnis der Identität von Inhalt und Form im Erkennen der Anthroposophie, indem dabei der eigene Erkenntnisprozess im Umgang mit Rudolf Steiners Schriften als Ausdruck des „Erkenntnisweges Anthroposophie“ zu seinem eigenen Erkenntnisinhalt wird – dass also der Mensch zur Erlangung von Geist-Erkenntnis eine strenge Kontrolle über sein eigenes Tun erlangen muss, im Denken wie im Handeln. Ich erkenne in einem von mir nachvollzogenen Denkweg nicht dasjenige, was vom mich dabei leitenden Denker ausgeht, wenn ich nicht gleichzeitig meine gewordenen Denk- und Lebensgewohnheiten, die sich über die in Frage stehende Wahrnehmung hermachen wollen, als solche erkenne und aus dem Prozess eliminieren oder bewusst als hilfreiche Stütze in ihn integrieren kann. Das ist ja gerade die Forderung der Wissenschaftlichkeit, die vom Wissenschaftler fordert, dass er seinen eigenen Einfluss auf das Erkennen im Bewusstsein hat und dafür sorgt, dass dieser Einfluss das Geschehen weder verzerrt noch zu vorbestimmten Ergebnissen lenkt.
In der Naturwissenschaft geschieht dies im Aufbau von Experimenten, die alle nicht zur Sache gehörenden Einflüsse ausschalten sollen; nur leider folgt die heutige Wissenschaft einem nicht bewusst gehandhabten Dogma: dass eben nur das äußerlich sinnlich Wahrnehmbare zähle, nicht aber ein unwägbares Geistiges. Indem diese Weltanschauung selber ein solches „Unwägbares“ ist, schließt sie sich selbst durch dieses Dogma absichtlich von der Betrachtung aus, und kann daher umso ungestörter im Verborgenen wüten und Erkenntnisprozesse und -ergebnisse verzerren oder verhindern. Geisteswissenschaft vermeidet dieses Dogma, und kann so zur einer Grundlage wirklicher Wissenschaft werden.
Es ist zwischen den beiden Arten des anthroposophischen Erkenntnisweges lediglich der Unterschied, an welcher Stelle im Ganzen des Menschenwesens die Selbsterziehung ansetzt: beim eigenen Denken in seiner Verwahrlosung (was man nicht beachtet, geht seiner eigenen Wege, siehe oben) oder bei der eigenen äußeren Lebensführung in der Auseinandersetzung mit dem Lebensschicksal (auch hier gilt: was man nicht bewusst beachtet, verwahrlost). Für das Erste gibt Rudolf Steiner Beispiele und innere Beobachtungsobjekte in seinen Schriften, für das Zweite gibt es detaillierte Anweisungen in diversen Büchern, zentral in dem Werk „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?“7 Gleich bleibt, dass es dabei immer um selbstgewollte und energisch vorangetriebene Selbsterziehung geht.
Der innere Gegensatz: Elfenbeinturm und seichtes Geschwätz
Dass es sich beim Betreten des geisteswissenschaftlichen Erkenntnisweges nicht um einen Nachmittagsspaziergang, sondern schneller als man denkt um ein Ringen um (inneres) Leben und Sterben handelt, liegt nicht allein in der Tatsache begründet, dass man zu vielen liebgewordenen Denk- und Lebensgewohnheiten – bei sich selber und bei Anderen – bald in einen Gegensatz gerät. Der Erkenntnisweg hat nämlich, wie schon gesagt, zwei sehr unterschiedliche Ansatzpunkte, die einander zunächst auszuschließen scheinen, bis in ein gegenseitiges Aburteilen, ja Einander-Bekämpfen von doch eigentlich nach dem selben – der Geisteswissenschaft nämlich – strebenden Menschen.
Der Grund dafür ist, dass dem Menschen die anthroposophische Geisteswissenschaft aus zwei einander polar gegenüber stehenden Quellen entgegentritt: der innere Frage und dem als Antwort erlebten Weltereignis der Anthroposophie Rudolf Steiners. Dass beide demselben Geist entstammen, darauf wurde schon hingewiesen. Wer sich nun auf die Suche nach der geisteswissenschaftlichen Wahrheit macht, wird gemäß den Bedingungen seiner individuellen irdischen Persönlichkeit an der einen oder der anderen Seite ansetzen – eben der Frage oder der Antwort –, was mit der Gefahr verbunden ist, den Sucher, der den jeweils anderen polaren Ansatzpunkt bevorzugt, in seinem Bemühen zu verkennen. Ich will versuchen, diese Gefahr hier wenigstens ansatzweise zu erläutern.
Ich gehe dafür aus von einer Aussage Rudolf Steiners in seinem Buche „Theosophie. Einführung in übersinnliche Welterkenntnis und Menschenbestimmung“8, die sich unmittelbar auf die Art bezieht, wie der Leser mit dem Buch umgeht:
„Wie man Bücher in unserem Zeitalter zu lesen pflegt, kann dieses nicht gelesen werden. In einer gewissen Beziehung wird von dem Leser jede Seite, ja manchen Satz erarbeitet werden müssen. Das ist mit Bewusstsein angestrebt worden. Denn nur so kann das Buch dem Leser werden, was es ihm werden soll. Wer es bloss durchliest, wird es gar nicht gelesen haben. Seine Wahrheiten müssen erlebt werden. Geisteswissenschaft hat nur in diesem Sinne einen Wert.“9
Wer diesen Absatz genau liest, wird ja sofort mit einer Unmöglichkeit konfrontiert. Da steht: was du, Leser, gerade tust, nämlich dieses Buch zu lesen, das kannst du gar nicht, es sei denn du siehst dich als die große Ausnahme an, als Leser nämlich, der nicht so liest, „wie man Bücher in unserem Zeitalter zu lesen pflegt“. Da stellt sich doch die Frage: bin ich denn eine solche Ausnahme, und falls ja, woran kann ich das erkennen? Und: warum schreibt Rudolf Steiner dieses Buch so, dass man es „normalerweise“ gar nicht lesen kann?
Nun sind bei einem geisteswissenschaftlich „infizierten“ Menschen, einem also, der sich von solch einem Satz eher anregen lässt, der Sache auf den Grund zu gehen und nicht – wie es ohne diese „Infektion“ leicht geschieht – das Buch als ein Unsinnsprodukt beiseite legt; bei einem standhaften Anthroposophie-Sucher sind nun also zwei ganz verschiedene Reaktionen möglich10:
Man kann seinen eigenen Leseprozess denkend zu untersuchen beginnen, mit der Absicht, zu entdecken, was denn mit dem „wie man Bücher in unserem Zeitalter zu lesen pflegt“ und dem „in einer gewissen Beziehung … erarbeitetwerden müssen“ genau gemeint ist, von dem Rudolf Steiner da spricht11, und darüberhinaus dieses „Erarbeiten“ dann auch nach Kräften zu erüben; man will doch schließlich dieses Buch Rudolf Steiners genau lesen und so verstehen, was Rudolf Steiner da mitteilt an übersinnlichen Tatsachen.
Man kann diese Passage aber auch als eine Art „Warnung“ vor konventionellen, eigeübten Missverständnissen zur Kenntnis nehmen und sich klarmachen, dass alles, was man dem Buch mit den Möglichkeiten, die man hat, glaubt entnehmen zu können, zunächst nur als etwas Vorläufiges, Unsicheres aufgenommen werden kann, dessen Wahrheit oder Unwahrheit sich erst im Laufe der Zeit erweisen kann, nach wiederholtem Lesen, wenn man beginnt, für sich in den aufgenommenen Schilderungen so zu leben, wie man eben auch im Umgang mit dem eigenen Schicksal leben muss, das man ja auch oftmals erst Jahrzehnte nach einem Ereignis richtig verstehen und für sich fruchtbar machen kann. Hier findet dann das „Erarbeiten“ im Lebens- und Schicksalsgang statt, in den inneren Veränderungen, die man durch die Aufnahme der Darstellungen in den eigenen Lebensgang durchzumachen hat.
Der erste der Ansätze geht unmittelbar auf die wache, bewusst denkende Untersuchung des eigenen Tuns im Umgang mit dem gegebenen Textobjekt aus – er vertieft die Frage, die der Leser dem Text entgegenbringt. Was will ich da eigentlich herauslesen? Steht das dort überhaupt so? Findet mein „Herzens- und Gefühlsbedürfnis“, das mich doch zu meiner Zuwendung zu diesem anthroposophischen Buch veranlasst, in dem, was ich da herauslese, seine Rechtfertigung? Lese ich da überhaupt das Richtige heraus? Auf was werde ich aufmerksam, wenn ich mich in solche Fragen vertiefe? Man wird so unmittelbar in eine Beobachtung der eigenen Denkprozesse beim Lesen versetzt, wenn man die nötige Unvoreingenommenheit und Selbstkritik mitbringt.
Wer so vorgeht, wird bei genügend denkerischer Konsequenz die Sätze, in die er sich so vertieft, mit einer gewissen Endgültigkeit und vor allem Sicherheit verstehen lernen; er beobachtet sich im Denken ja selbst und weiß darum, wie er zu seinen Einsichten kommt. Wer aber gab ihm dieses innere Urteilsvermögen, zu entscheiden, was da wirklich steht und was nicht? Und, wenn er diese Macht in seinem Schicksal findet, wie kann er dann darin frei werden?
Die zweite angedeutete Möglichkeit bleibt bei den inneren Bildern stehen, die durch den zunächst naiven Durchgang durch die Schilderungen von Rudolf Steiner im Leser entstehen können. Je mehr sich ein solcher Leser in diese Bilder einlebt, desto mehr wird er auch damit umzugehen lernen und sich selber dabei verändern, vielleicht auch darüber sprechen. Realisiert er aber weiterhin die „Warnung“ Rudolf Steiners, so wird er seine Einsichten nicht als Wahrheiten ansehen, solange er nicht aus diesem Umgang zu der Frage nach deren Wahrheit – nach ihrem Entstehen also – vorstösst und so darauf verwiesen wird, sich selber und seine Tätigkeit konkret in der inneren Bildwelt aufzusuchen. Wer oder was bin ich, im Rahmen der Erd- und Menschenentwicklung innerhalb der gewonnen inneren Bilderwelt betrachtet, und welche Aufgabe kommt mir daraus zu? Die Wahrheitsfrage wird so zu einer Schicksalsmacht des Anthroposophie-Suchers, der er sich dann nicht mehr verweigern kann. Und diese Macht verweist ihn immer wieder auf sich selber: du Mensch bist selbst die Antwort auf deine Frage, so spricht das Schicksal. Also gib dir deine Antwort selber.
Betrachtet ein solcher Anthroposophie-Sucher nun den Sätze und Vorstellungen zergliedernden („zerpflückenden“) Denker, so wird er in ihm leicht einen weltabgewandten Elfenbeinturmbewohner sehen können, der vor lauter Beschäftigung mit sich selbst und seinen Erkenntnisproblemen den Blick auf die großen Menschheitsprobleme verliert, und in seiner Sophisterei über Worte und Wendungen sich als den eigentlichen, „richtigen“ Anthroposophen inszeniert, der glaubt, nur auf seinem Wege sei wahre Erkenntnis zu erlangen, denn die brauche zunächst keine Antworten, sondern erst einmal nur Fragen.
Und umgekehrt kann bei dem gründlichen Leseanalytiker das Bild entstehen, der „Zyklenfresser“12, der durch so viele Darstellungen in Schriften und gedruckten Vorträgen Rudolf Steiners hindurchgegangen ist, könne ja gar nichts verstanden haben in seiner Oberflächlichkeit, und würde so zum seichten Schwätzer, der die Anthroposophie vor der Welt verrate. Ohne erst die Frage gänzlich klar zu haben, die sich in dem von Rudolf Steiner genannten Herzens- und Gefühlsbedürfnis ausspricht, also im suchenden Menschen, sei ja jede Antwort bodenlos.
Anthroposophie ist ein Erkenntnisweg …
Wenn „Anthroposophie … ein Erkenntnisweg [ist], der das Geistige im Menschenwesen zu Geistigen im Weltenall führen möchte“13, wie können dann solche Irrtümer übereinander vermieden oder besser: geheilt werden? Es ist ja wahr: wer einfach die Bilder der geistigen Welt, die Steiner schildert, in sich aufnimmt und mit ihnen lebt, ist immer in Versuchung, sie ohne das letztgültige Erlebnis der Identität von Inhalt und Form im Einzelfall doch auch „ein bisschen“ wahr zu finden, und das heißt hier: die Gestalt der eigenen Seele doch auch schon als der Wahrheit „ein bisschen“ würdig anzusehen. Und das ergibt dann eben Menschen, die sich selber schon ziemlich weise finden, weil sie so beeindruckend – Phrasen dreschen können. Genauso wahr ist es aber, dass eben diese Phrasendrescher doch auch Vieles schon gefunden haben können, es aber vielleicht selber entwerten, weil sie sich nicht auf dasjenige beschränken können, was ihnen wirklich schon zu eigen ist – also in einer Lebenslüge über sich selber leben.
Und wahr ist es auch, dass Manche, die jahrzehntelang den in der Selbstbeobachtung denkenden Umgang mit Rudolf Steiners Wort erübt haben, daran auch immer wieder das Erlebnis der Identität von Inhalt und Form erreichen konnten und können, aus dem Blick verlieren, dass zu der Form (ihnen selbst also) eben auch Vieles gehört, was in diesen Übungen nicht bewusst lebt, und die dann zu der Überzeugung kommen, sie selber, die „wahren Denker“, seien eben eine Art „Auserlesener“, die der Menschheit voran zu schreiten haben. Aber zu dem Schicksal, das diese Menschen an ihren Platz gestellt hat, gehört eben die ganze Welt, alles schon Gewordene, und das muss mitgenommen werden in die Zukunft.
Nun, „Anthroposophie ist ein Erkenntnisweg, der das Geistige im Menschenwesen zum Geistigen im Weltenall führen möchte“14. Man lese an dieser Stelle genau: der „Führer“ sitzt an zwei Stellen, nämlich „im Menschenwesen“ und „im Weltenall“. Beide eben beschriebenen „Irrenden“ haben auch recht. Wer mit vielen Texten Rudolf Steiners mit innerer Beteiligung umgegangen ist, hat sich damit „ein bisschen erwürdigt“ – nur muss er sich selber fragen, worüber er denn lange genug gesonnen hat, so dass er darüber sprechen kann, weil es ganz mit ihm selber verwachsen ist. Über alles Andere kann er nur Phrasen dreschen – oder schweigen. Beides zu unterscheiden, obliegt ihm selber, der Führung „im Menschenwesen“. Und wer lange Jahre sein Denken an Rudolf Steiners Wort erzogen hat, der wird sicher ein Urteil haben können darüber, ob eben dieses Wort erkannt oder verkannt wird. Nur wende er diese seine so erworbene Fähigkeit auch auf die Entzifferung der Sprache des Schicksals an, die ihm durch die Weltereignisse und all die anderen Menschen, denen er begegnet (und begegnet ist), sprechen und ihn „im Weltenall“ führen will.
So wird Anthroposophie dann ein Erkenntnisweg, und nicht zwei. Wo der eine beginnt, hat der andere sein Ziel und umgekehrt. Wo die unterschiedlichen Anthroposophie-Sucher dies erkennen und verwirklichen können, tritt Anthroposophie in Wahrheit erst auf: als der einzige Weg, die Entwicklung von Mensch und Kosmos in unserer Zeit in Wahrheit voran zu bringen.
Dem Geist entgegen reifen
Worauf es also für denjenigen, der den geisteswissenschaftlichen Erkenntnisweg beschreiten will, in jedem Fall ankommt, ist eine Grundeinsicht in den tatsächlichen Grad der Reife, den er selber für den Umgang mit der Geisteswissenschaft Rudolf Steiners schon erlangt hat. Geisteswissenschaft rechnet mit dem sich entwickelnden menschlichen Individuum, anders als das gängige Wissen unserer Zeit, das ja ganz offen den erkennenden Menschen unberücksichtigt lässt. Die entscheidende Frage ist also nicht, ob man schon genügend viel weiß oder kann, um anthroposophische Geisteswissenschaft zu „beherrschen“, sondern vielmehr, ob man sich selber schon genügend bereit gemacht hat, um dasjenige recht zu verstehen, wovon diese Geisteswissenschaft spricht. Ebensowenig ist es entscheidend, auf welchem konkreten Wege, von welchem Ausgangspunkt aus man trachtet, sich selber für das rechte Erkennen geeignet zu machen. Dies kann aus der Selbstbeobachtung im Denken ebenso hervorgehen wie in der mühsamen Selbstgestaltung im Lebensschicksal. Im Ziele werden sich alle individuellen Wege treffen. Gemeinsam sind all diesen Wegen, soweit es um Geisteswissenschaft geht, vier charakteristische Eigenschaften des suchenden Menschen, die ihm Leitlinie sein können in seiner Suche15:
Die richtige Unterscheidung von Wahrheit und Schein (Habe ich das in den Text hineingelesen oder steht es da wirklich? Habe ich diese Darstellung Rudolf Steiners schon ganz mit meinem Leben verbunden, oder ist sie mir noch äußerlich?)
Die richtige Schätzung beider. Dabei muss immer bedacht werden: wir hätten ja gar keine Möglichkeit, uns unserer selbst als Geistwesen bewusst zu werden und uns auf den Erkenntnisweg zu begeben, wenn wir nicht zunächst im Irrtum, in einer bloßen Scheinwelt lebten und dies dann bemerkten. Entwicklung, Leben entsteht nur aus Polaritäten. Meine Scheinwelt ist also nötig, um meiner eigenen, bewussten wahrhaftigen Existenz willen!
Die richtige Führung des eigenen Lebens so, dass dadurch größere Selbständigkeit und Bewusstheit, und damit Wahrhaftigkeit gefördert wird; dies betrifft das innere Leben im Denken ebenso wie das äußere Leben im Umgang mit dem Schicksal.
Die Liebe zu Freiheit und Wahrhaftigkeit – und zur uns damit zukommenden Verantwortung.
Wer dies beachtet, wird dem Geist im eigenen Leben ebenso entgegen reifen können wie der geistgemäßen Umgestaltung eben dieses Lebens in der Seele, in der Menschheit, im Kosmos.
1Daher der Name Anthroposophie – Weisheit vom Menschen aus
2Darüber hinaus sei darauf hingewiesen, dass Rudolf Steiner gerade die hier auch aufgeworfenen, teilweise uralt ungelösten Erkenntnisprobleme in seinen frühen Schriften ausführlich bearbeitet und damit einer Lösung zugeführt hat, insbesondere in seinen Büchern „Grundlinien einer Erkenntnistheorie der goetheschen Weltanschauung“, „Wahrheit und Wissenschaft“ und „Die Philosophie der Freiheit“.
3Rudolf Steiner: Anthroposophische Leitsätze. Der Erkenntnisweg der Anthroposophie. GA 26. – Dornach, 1989, S. 14
4die sich vorwiegend in seinen sogenannten „philosophischen“ Schriften finden.
5Rudolf Steiner: Anthroposophische Gemeinschaftsbildung. GA 257. – Dornach, 1989. S. 58
6Karl Ballmer: Zur Einführung. Rudolf-Steiner-Blätter. Nummer 1. – Hamburg, Juli 1928. S. 1
7Rudolf Steiner: Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?. GA 10. – Dornach, 1961
10Von der sowieso nicht angemessenen Möglichkeit, die Stelle einfach zu überlesen und darum auch nicht weiter zu beachten, sehe ich hier einmal ab.
11Eine profunde Analyse von Möglichkeiten der „Fehl-Lesung“ dieser Stelle findet sich z.B. bei Rüdiger Blankertz: RUDOLF STEINER, die Weltereignisse – und unsereins. Die <ungeheure Pflicht> der Anthroposophen in der Pandemie des verwahrlosten Denkens. – Ossingen, S. 59ff. Rüdiger Blankertz zeigt sich in diesem Buch als konsequenter Vertreter der hier gerade angedeuteten Vorgehensweise; sein Buch ist in dieser Hinsicht sehr empfehlenswert.
12Als „Zyklen“ werden gewöhnlich auch die teilweise umfangreichen Vortragsreihen Rudolf Steiners bezeichnet.
15vgl. dazu Rudolf Steiner: Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? – Dornach, 1961. Kapitel „Über einige Wirkungen der Einweihung“, S. 115 ff, besonders S. 145 f
Denkerische Grundlagen für meine Darstellungen zur Situation der Gegenwart und der Bedeutung der Anthroposophie habe ich veröffentlicht in meinem Buch „Wahnsinn und Denken. Der Kampf um den Menschen“, das Sie hier oder im Buchhandel bestellen können.
Was tönt die Erde? – zum Jahreswechsel 2023/2024
erstellt von Stefan Carl Em Huisken | 8. November 2024
Was tönt die Erde?
Was tönt die Erde, singt sie, spricht sie, durch mich, durch jedes Wesen, das sie trägt an ihrem Leib?
Was zeigt die Farbe, die aus jedem Bild, das ich aus meinem Leben in den Weltenraum zu strahlen habe, springt?
Wer gibt den Sinn, der dies Geschehen aus sich dem armen Menschenherzen zu seinem Wohlgestalten schenkte?
Es sind die Drei, die in der Vier, der neuen Eins zur neuen Zwei – der Fünf und Sechs und Sieben – im ewig gleichen Wechsel sich erzeugen um einstens wieder, wie im Bild, im Ton und Wesen die Erde ihrem neuen Ziel zu geben: Gottvater, Sohn, und Geist – in dir.
Wo tönt sie so, die Erde? In mir ist sie, im Geist der Welt, dort, wo ICH lebe und im ewig gleichen Wechsel mich selber trage zwischen Sein und Geist.
Nunmehr im zwölften Jahr stellt sich bei mir zum Jahreswechsel jeweils ein Gedicht ein, das ich dann der Öffentlichkeit übergebe. Weitere Gedichte zum Jahreswechsel der verschiedenen Vorjahren finden Sie unter dem Stichwort Jahreswechsel.
Mensch und Kosmos aus der Sicht der Geisteswissenschaft
erstellt von Stefan Carl Em Huisken | 8. November 2024
Vorbemerkung:
Für alle Darstellungen aus der Geisteswissenschaft ist zu bedenken, dass die Art der Begriffsbildung eine andere ist als gewohnt. Während wir im Alltag, vor allem bezogen auf äußere Gegenstände vor allem feststehende, definierende Begriffe, manchmal sogar nur Namen im Sinne „angehefteter Etiketten“ verwenden – so, wie es eben der damit erfassten Werkwelt im Raum entspricht, wo alle Gegenstände nebeneinander, getrennt voneinander erfasst werden müssen – gelten im Geiste ganz andere Gesetze.
Allein schon, wenn wir bestimmte Verhältnisse durch Anwendung von Naturgesetzen beschreiben wollen, tritt dieses „Andere“ ansatzweise auf: es gelten fast in allen Fällen mehrere, unterschiedliche Naturgesetze gleichzeitig, im Zusammenwirken und einander beeinflussend. Im Geistigen durchdringt sich also alles, hat keine definierbaren Grenzen gegenüber allem anderen und wirkt ineinander, gleichzeitig, am gleichen Ort. Wenn ein Einfluss sich ändert, ändern sich alle anderen auch entsprechend. Das Eine kann in das Andere übergehen und umgekehrt.
Um dieses Ineinanderwirken zu beschreiben und zu verstehen, benötigt man daher bewegliche Begriffe, die sich dem Objekt anpassen und wandeln können. Ich nenne diese Art der Begriffsbildung hier einmal „metamorphosierend“, im Sinne der Metamorphose1 als Entwicklungsübergang des Einen in das Andere. Nur solche Begriffe können auch Verhältnisse begreifen, die erst noch entstehen sollen, noch unbekannt sind, also zukünftig. Sie beschreiben dann gleichsam ein Ziel als Entwicklungsprozess, und bilden sich fort, indem die Zeit vorschreitet und die Ausgangspunkte des Begreifens verändert.
Ein solcher Vorgang des Begreifens ist weniger eine Frage der Aufnahme und Verarbeitung von Inhalten als vielmehr ein persönlicher Entwicklungsvorgang des Begreifenden: er muss seine Tätigkeit den Vorgängen anpassen, die im Bereich der begriffenen Inhalte vonstatten gehen; es handelt sich also vorrangig um ein Erüben von Fähigkeiten. Insofern ist auch das Lesen von Texten oder das Anhören von Vorträgen aus der Geisteswissenschaft etwas Anderes als Üblich: im Mitgehen mit dem Gedankengang erübt der Leser oder Zuhörer gleichsam im Ansatz den Weg zur Erkenntnis der Inhalte2
Man sollte das bei allen Darstellungen dieser Art berücksichtigen.
Zustand und Prozess
Unsere heutige Lebensverfassung ist so geworden, dass wir vor allem und oft ganz einseitig nur den jeweils aktuellen Welt-Zustand ins Auge fassen, und dabei aus dem Blick verlieren, was diesem Zustand vorausgegangen ist, und vor allem, auf welchen Wegen sich das Heutige aus dem Vorigen entwickelt hat. Wir sind im Alltag meist so in das gerade Gegenwärtige verstrickt, dass gar nicht dazu kommen, den Werdeprozess der Gegenwart zu berücksichtigen. Ohne diesen Prozess im Bewusstsein zu haben, können wir aber gar nicht beurteilen, welche Rolle die gegenwärtige Situation sozusagen als „Schnappschuss“ im Gesamten spielt.
Dieser uns mindestens teilweise unbewusst bleibende Teil der Gegenwart ist aber immer mit dem aktuell vorhandenen Zustand gegeben – als dessen Unbewusstes, das aber vorhanden ist und wirkt. Wir bewahren es in unserer Erinnerung, wenn auch nicht immer fehlerfrei und unverzerrt.
Bewusstes und Unbewusstes
Insofern kann man auch sagen, dass zu uns, zu unserem Unterbewussten der gesamte Werdeprozess der gegenwärtigen Welt-Situation gehört, sozusagen vom Weltenanfang an; denn wir selber, unsere eigene Existenz, beinhaltet ja auch einen Werdeprozess, einschliesslich des gesamt-menschheitlichen – nur eben gänzlich unbewusst. Was uns hat werden lassen, als wirkende Macht in einem Lebensvorgang, kristallisiert sich gleichsam in eine Situation, die in sich nicht lebt, aber Teil eines Lebensprozesses ist. Indem wir dies bemerken, beginnen wir das zunächst uns unbewusste Leben – unserer selbst, der Welt, der Menschheit – zunächst erahnend in unser Inneres aufzunehmen. Wir selbst als Teil der Gesamt-Situation, jeder einzelne als sein persönliches eigenes Erlebniszentrum, nehmen so im Geiste das erstorbene Werk – die aktuelle Situation – in unser eigenes (geistiges) Wesen auf und beleben es im Innern neu, suchen zumindest Wege, das zu tun. So können wir lernen, die Gesamtsituation besser zu verstehen3.
Werden und Schaffen
Was also bisher einfach aus seinem eigenen Wesensantrieb geschehen und uns als solches geworden ist, erwirken wir im Bewusstsein neu und machen es zu unserem Eigenen. In der Regel nehmen wir ja an, dass dasjenige, was in unserem Eigenwesen – bewusst oder unbewusst – vorhanden ist, etwas von allem anderen Getrenntes sei. Das ist erklärlich, haben wir unsere Begriffe doch fast ausschliesslich an den Gegenständen der Aussenwelt gebildet, in der dort, wo ein Gegenstand ist, kein zweiter sein kann – das ist im Raume so. Aber dieses wache Gegenstandsbewusstsein ist eben nur ein Teil unseres Wesens, wie wir gesehen haben: der gesamte Bereich des Unterbewussten gehört ebenso zu uns, und dort ist keineswegs ausgemacht, dass jedes Einzelne nur neben dem Anderen bestehen kann. Die Dinge können schon bei abstrakten Naturgesetzen ineinandergreifen: in jedem Naturgegenstand gelten unzählige Naturgesetze gleichzeitig, gemeinsam, durchdringen sich und wirken zusammen. Naturgesetze sind geistige Tatsachen. Sobald sie im Geiste erfasst werden in ihrem Ineinanderwirken, strukturiert sich das vorher nur festgestellte, irgendwie vor sich gehende Werden zu einem sinnvollen geistigen Ganzen.
Dabei kann festgestellt werden, dass mein eigenes Bewusstsein, meine Denktätigkeit, mit den wirkenden Naturgesetzen zusammenarbeitet, ebenfalls als geistige Tatsache. Mein Verstehen ist das Ergebnis. Damit ist wiederum darauf gedeutet, dass im Geiste eben nicht eines neben dem anderen ist, damit also auch nicht mein geistiges Inneres (Denken) getrennt vom geistigen Inneren der Welt, der Natur – Ich und Welt wirken ungetrennt ineinander, mein Geist und der Weltengeist sind von einer Art, ich bin gleichsam wie ein Naturgesetz oder ein Lebensweg ein Tropfen aus dem Ozean der gesamten Weltengeistigkeit. Damit ist meine Bewusstseinsarbeit, die die lebendigen Prozesse des Ineinanderwirkens im Geiste erfasst, ein Beitrag zur Neubelebung der gewordenen, gleichsam kristallisierten Situation, in der ich lebe.
Ein erster Blick
So ist das Tor geöffnet zu einem geistigen Blick auf den Zusammenhang von Mensch und Kosmos. Ich, als irdische Person, erkenne mich als Bestandteil des Weltenlebens, aus dessen Verständnis sich aber erst die Grundlage ergibt, meine eigene Bedeutung im Ganzen und damit auch die Bedeutung des mich umgebenden Kosmos für mich zu erkennen und zu beurteilen. Mein denkender Beitrag zum Ganzen belebt das Gewordene; jedes Denken ist auch Tat (wie auch jede Tat Denken beinhaltet) und verändert damit die Situation, bewegt sie, entwickelt sie weiter. Was ich will, aus eigenem Entschluss (also nicht getrieben von diesem oder jenem), ist so als Wille schon dem Ganzen einverleibt. Äußere Tatsache wird aus dem Willen erst, wenn die Kräfte der Welt dazukommen, im Bewusstsein damit verbunden werden.
In der Regel nehmen wir ja an, wir könnten selber in der Welt etwas bewusst ganz alleine bewirken. Das ist aber ein Irrtum. Von einem in unserem Inneren auftauchenden Wollen haben wir bewusst ja nur unsere Vorstellung davon – wie oft irren wir uns in uns selber und bewirken ganz anderes, als wir selber meinten? Die Kräfte, die daraus ein Weltereignis machen sind uns ganz unbewusst. Wir haben darüber nur angelernte Theorien: ist nicht die einfachste Handbewegung – recht betrachtet – ein Mysterium? Es kommt also darauf an, unsere Willenskraft, die sich im Leben zeigen soll, so auszurichten, dass dabei Weltenkräfte bewusst mitwirken können.
Wir müssen an dieser Stelle ein paar einfache Klärungen vornehmen; im Menschen wie im gesamten Kosmos lassen sich ja mehrere unterschiedliche Existenzebenen beschreiben:
a) Das sinnlich Erfahrbare, was uns als gegebene, fertige Aussenwelt in jedem einzelnen Augenblick gegenübertritt im Raum. Ich nenne dies einmal „physische Welt“.
b) Dasjenige geistige Kraftwesen, das die Bewegungen und Veränderungen der sinnlichen Gegenstände bewirkt (im eigenen Leib, der auch etwas Physisch-Sinnliches ist, wie auch in der sonstigen Welt), in mehr oder weniger gesetzmäßiger aber (fast immer) unberechenbarer, eben lebendiger Art und Weise. Ich nenne dies das „Ätherische“, im Einklang mit vielen in unserer Lebenswelt irgendwie bedeutsamen geistigen Lehren. Das wesentliche Element dieses Kraftwesens ist die Zeit. Ein Sonderfall in diesem Bereich sind Gesetzmäßigkeiten, die in sich unveränderlich und berechenbar sind und so gleichsam ätherisch erscheinen aber eigentlich physisch (feststehend, abgrenzbar) sind: mechanische, physikalische etc. tote Gesetzmäßigkeiten des Maschinellen. Unsere heutige offizielle Wissenschaft ist weitgehend auf diesen physisch-gesetzmäßigen Bereich beschränkt.
c) Dasjenige geistige Wesen, das ein inneres Erleben vom Physischen und Ätherischen hat, und durch Kräfte der Anziehung und Abstoßung in den ineinanderwirklenden Lebensprozessen Richtungen und Wirkungsweisen bestimmt. Ein solcher allgemeiner Begriff ist hier hilfreich, denn er ist sowohl auf den Menschen als auch auf den Kosmos anwendbar. Der Mensch bewegt Gedanken, Gefühle, Willensimpulse in die Welt hinein aufgrund der Antriebe, die sich ihm aus Sympathie und Antipathie ergeben. Ebenso bewegen sich die Gestirne (und auch unsere Erde, wir selber) im Zusammenhang von Anziehungs- und Abstoßungskräften (Magnetismus, sogenannte „Schwerkraft“, dann aber auch die „Leichtekraft“, die Pflanzen und Menschen aufrichtet – wie und warum eigentlich?). Die Gestirne dabei als tote Materie anzusehen, ist dasselbe, wie den Menschen als einen Materieklumpen mit elektrisch verursachter Illusion einer Seele anzusehen – der Mensch selber ist aber Geistwesen4. Auch die Gestirne und ihre Gruppierungen und Bewegungen sind in diesem Sinne wesenhaft! Diese Welt der das Leben aus dem Inneren heraus steuernden Kräfte kann man daher auch die astrale nennen – also die Sternenwelt.
d) Und dann gibt es uns selber als Geistwesen, die eben in einem physischen, einem ätherischen und einem astralen Leib leben. Wir verstehen einander oft ebenso wenig, wie wir die in den Sternen, in den anderen Weltbereichen (Pflanze, Tier, Mineral) lebenden Wesen verstehen.
Ein Bild von Mensch und Kosmos
Damit ist der erste Blick getan auf unser eigenes geistiges Dasein ebenso wie auf das Wesenhafte im Kosmos. Jeder von uns erlebt seinen eigenen, individuellen Kosmos – das ist unvermeidlich, denn jeder hat seinen eigenen, einzigartigen Schauplatz in sich selber als seinem „Weltenzentrum“. Die sinnliche Wahrnehmung kann nicht anders als unterschiedlich sein zwischen den Menschen – niemand hat dieselben Sinneswahrnehmungen wie ich, kann „durch meine Augen schauen“ – das ist das Gesetz des physischen Welt, in der eben dort, wo ein Leib ist, kein zweiter sein kann, damit aber auch die Menschen unweigerlich – in dieser Hinsicht – immer allein und voneinander getrennt sind. Je weiter wir aufsteigen ins Ätherische (Lebensgesetzliche) und Astrale (Antriebsmäßige, im Sinne von Sympathie/Anziehung und Antipathie/Abstoßung), desto mehr haben wir Gemeinsamkeiten, wirken wir ineinander.
Die Grundsituation, ein Ich in einem Leib (physisch, ätherisch, astral) in einer gegebenen Werkwelt zu sein, ist für alle Menschen gleich, universell. Da, wo wir also gänzlich voneinander getrennt sind, im Ich, sind wir daher zugleich in der allergrößten Einheit. Mit solchen Gedanken betreten wir zugleich im Bewusstsein die Welt der Geistwesen, die sich in ihrem Wirken im Leben und in der Materie ausprägen.
Was die Welt uns zukommen lässt, kann so nach und nach wie in einem Bild zu einem Verständnis gebracht werden. Im Mittelalter (und in dessen Traditionen, die bis in die heutige Zeit wirken) hat man so den Begriff des Schicksals (und damit auch der Gottesstrafe) aufgefasst: als wesenhafte Antwort der Weltenwesen auf unsere Taten. Wir können dies nicht mehr gleichermaßen. Uns würde das auch unfrei machen, denn wir erleben zunächst diese Weltenwesen nicht unmittelbar, und müssten dann also den Erklärungen der Gottesgelehrten einfach glauben. Für uns ist es darum nötig, zu verstehen und uns selber ein lebendiges Bild davon zu machen. Das wird aber nur dann ein wahres Bild werden, wenn wir das voll bewusst tun können: in Ansehung unserer Sinneserlebnisse, im beobachtenden Durchleben der darin sich ausprägenden Kräftewirkungen, und im denkenden Verstehen der die Kräfte steuernden Antriebe – also wahr ist es nur dann, wenn es ganz aus dem Ich kommt, aus dem Geiste, und so die Seelen-, Lebens- und physischen Kräfte frei bewusst gestaltend gebraucht.
Lebenswege erfühlen
Dann wird auch unser Gefühl ein anderes: nicht mehr unbewusste Emotion (also durch Welt-, Körper- und erlebte Seelenprozesse „fremd“-gesteuert), sondern bewusst gestaltendes, wie tastendes Hinauswirken in die Welt aus dem Zentrum des Ich heraus. Das Gefühl wird dann zu einem immer objektiver sich entwickelnden Erkenntnisinstrument. Es zeichnet die Lebenswege erkennend nach, die mir aus meinem Kosmos heraus mein Schicksal mitteilen. Solange ich dies Schicksal nicht bewusst miterleben kann, bleibe ich unfrei; erst wo ich es mir objektiv gegenüberstellen kann, verstehen kann – also in inneren Bildern, Zeitgestalten, „Tönen“ gleichsam seine Sprache vernehme – werde ich frei zu einem selbstbewussten Umgang damit. Ich trete dann gleichsam in ein Ringen mit dem Kosmos ein, werde zum Atlas, der den Kosmos auf seinen Schultern trägt.
Einschub: Atlas, der Träger des Himmelsgewölbes Vereinfachend gesagt, ist Atlas in der griechischen Mythologie ein Nachfahre des Kronos, des Geistes der notwendigen, gleichmäßigen Entwicklung in der Zeit, der im Titanenkampf gegen die neuen, selbständig gewordenen Götter des Zeus auf des Kronos Seite stand. Nach dem Sieg des Zeus und seiner Scharen wurde Atlas für seine Treue zur notwendigen, damit also unfreien Entwicklung (Kronos) damit bestraft, dass er das Himmelsgewölbe zu tragen hatte, um nun für alle Zeiten eine Wiederholung eines solchen Götterkampfes zu verhindern. Der Mensch, der eine solche Aufgabe bewusst ergreift – den Kosmos also mit sich selber eins werden zu lassen, ihn somit in sich selber zu tragen und sich selber damit gleichzeitig dem Kosmos bewusst verstehend hin zu geben – wird gleichsam zu einem „modernen Atlas“. Den Titanenkampf schildern fast alle Mythologien in der einen oder anderen Art; er kommt auch in der germanischen Mythologie vor, dort als Krieg zwischen Wanen und Asen – also den alten und den neuen Göttern.
Freiheit und Liebe
Ich selber fühle dann die Welt und gestalte sie mitwirkend um; sie wirkt aus sich in Notwendigkeiten, wie der ganze Kosmos. Erst durch das Mitwirken des sich selber befreienden Ich kommt etwas Neues in den Kosmos hinein: die Freiheit, und mit ihr die wahre Liebe, die ohne Freiheit nur getriebenes Habenwollen bleibt. Die Liebe ist also die kosmische Aufgabe des Menschen: sie in Freiheit – durch Bewusstsein – zu entwickeln. Je mehr wir uns frei wollend, aus eigenem Antrieb studierend der Welt, dem Kosmos zuwenden, und den Menschen (also uns selber) als sinnvolles und notwendiges (die Not wendendes!) Glied dieses Kosmos begreifen lernen, desto mehr können wir unsere Aufgabe erfüllen.
Alle Angst um unser kleines irdisches Persönchen wird uns nach und nach fader Abglanz von kleingeistigem irdischem Egoismus. Unser wahres Menschenwesen liegt in unserer kosmischen Aufgabe und ist unzerstörbar und ewig – wenn wir uns denn aufschwingen, und es wirklich so wollen.
2Dass gerade und nur diese beiden Situationen – die persönliche Begegnung in einem Vortrag oder das Lesen eines Textes – die Freiheit wahren können, habe ich an anderer Stelle bereits ausgeführt: vgl. Stefan Carl em Huisken: Menschenbegegnung, geschriebenes Wort, Ton- und Bildaufzeichnungen. – In: DIE LAHNUNG – Mitteilungen für individuelle Entwicklung und Lebenskunde, Nr. 10, S. 26ff oder im Internet Kurzlink https://ogy.de/xdu1.
3Ein ganz simples Beispiel, das wohl jeder kennt: man hat irgendwo einen Gegenstand abgelegt, den man nun nicht mehr wiederfinden kann, weil man sich den Ablageort nicht genau genug eingeprägt hat. Man kann ihn aber wiederfinden, indem man den Weg bis zum Ablegen innerlich zurückverfolgt: was habe ich getan, nachdem (oder bevor) ich den Gegenstand ablegte?
4vgl. Stefan Carl em Huisken: „Geistwesen Mensch“, in: DIE LAHNUNG – Mitteilungen für individuelle Entwicklung und Lebenskunde Nr. 10, S. 4ff, im Internet Kurzlink https://ogy.de/8dz2
Denkerische Grundlagen für meine Darstellungen zur Situation der Gegenwart und der Bedeutung der Anthroposophie habe ich veröffentlicht in meinem Buch „Wahnsinn und Denken. Der Kampf um den Menschen“, das Sie hier oder im Buchhandel bestellen können.
Zur Begriffsbildung in der Geisteswissenschaft
erstellt von Stefan Carl Em Huisken | 8. November 2024
Für alle Darstellungen aus der Geisteswissenschaft ist zu bedenken, dass die Art der Begriffsbildung eine andere ist als gewohnt. Während wir im Alltag, vor allem bezogen auf äußere Gegenstände vor allem feststehende, definierende Begriffe, manchmal sogar nur Namen im Sinne „angehefteter Etiketten“ verwenden – so, wie es eben der damit erfassten Werkwelt im Raum entspricht, wo alle Gegenstände nebeneinander, getrennt voneinander erfasst werden müssen – gelten im Geiste ganz andere Gesetze.
Allein schon, wenn wir bestimmte Verhältnisse durch Anwendung von Naturgesetzen beschreiben wollen, tritt dieses „Andere“ ansatzweise auf: es gelten fast in allen Fällen mehrere, unterschiedliche Naturgesetze gleichzeitig, im Zusammenwirken und einander beeinflussend. Im Geistigen durchdringt sich also alles, hat keine definierbaren Grenzen gegenüber allem anderen und wirkt ineinander, gleichzeitig, am gleichen Ort. Wenn ein Einfluss sich ändert, ändern sich alle anderen auch entsprechend. Das Eine kann in das Andere übergehen und umgekehrt.
Um dieses Ineinanderwirken zu beschreiben und zu verstehen, benötigt man daher bewegliche Begriffe, die sich dem Objekt anpassen und wandeln können. Ich nenne diese Art der Begriffsbildung hier einmal „metamorphosierend“, im Sinne der Metamorphose1 als Entwicklungsübergang des Einen in das Andere. Nur solche Begriffe können auch Verhältnisse begreifen, die erst noch entstehen sollen, noch unbekannt sind, also zukünftig. Sie beschreiben dann gleichsam ein Ziel als Entwicklungsprozess, und bilden sich fort, indem die Zeit vorschreitet und die Ausgangspunkte des Begreifens verändert.
Ein solcher Vorgang des Begreifens ist weniger eine Frage der Aufnahme und Verarbeitung von Inhalten als vielmehr ein persönlicher Entwicklungsvorgang des Begreifenden: er muss seine Tätigkeit den Vorgängen anpassen, die im Bereich der begriffenen Inhalte vonstatten gehen; es handelt sich also vorrangig um ein Erüben von Fähigkeiten. Insofern ist auch das Lesen von Texten oder das Anhören von Vorträgen aus der Geisteswissenschaft etwas Anderes als Üblich: im Mitgehen mit dem Gedankengang erübt der Leser oder Zuhörer gleichsam im Ansatz den Weg zur Erkenntnis der Inhalte2.
Damit ist das Nachverfolgen geisteswissenschaftlicher Darstellungen bereits ein erster Schritt des Einübens einer neuen Erkenntnismethodik, deren Erlernen (als geisteswissenschaftlicher „Erkenntnisweg“) weitreichende Anforderungen an den Menschen stellt, damit aber ebenso weitreichende Wirkungen zeitigen kann. Es liegt auf der Hand, dass in einer kurzen hinweisenden Bemerkung wie dieser nur ein erster Hinweis gegeben ist. In allen wirklich geisteswissenschaftlichen Darstellungen werden notwendigerweise immer neue Aspekte dieses Geschehens zur Sprache kommen. Dieser Lernvorgang kann insofern niemals als wirklich abgeschlossen angesehen werden; dies weniger als Drohung, mehr als eine Art Verheißung erleben zu können, gehört auch zu den Dingen, die der Mensch im Umgang damit sich aneignen kann.
Man sollte das bei allen Darstellungen dieser Art berücksichtigen.
2Dass gerade und nur diese beiden Situationen – die persönliche Begegnung in einem Vortrag oder das Lesen eines Textes – die Freiheit wahren können, habe ich an anderer Stelle bereits ausgeführt: vgl. Stefan Carl em Huisken: Menschenbegegnung, geschriebenes Wort, Ton- und Bildaufzeichnungen. – In: DIE LAHNUNG – Mitteilungen für individuelle Entwicklung und Lebenskunde, Nr. 10, S. 26ff oder im Internet Kurzlink https://ogy.de/xdu1.
Denkerische Grundlagen für meine Darstellungen zur Situation der Gegenwart und der Bedeutung der Anthroposophie habe ich veröffentlicht in meinem Buch „Wahnsinn und Denken. Der Kampf um den Menschen“, das Sie hier oder im Buchhandel bestellen können.
Geisteswissenschaft und Hellsichtigkeit
erstellt von Stefan Carl Em Huisken | 8. November 2024
Die Wahrheitsfrage – Dilemma unserer Zeit
Was im Folgenden dargestellt wird, ist ein weiterer Versuch, Denkwege, die unserer Zeit nötig aber ungewohnt sind, so darzubieten, dass für den unvoreingenommenen Leser ein genauer Nachvollzug möglich ist und er dadurch beim Lesen eine kleine Übung im ungewohnten Denken absolvieren kann. Daher scheint es sinnvoll, eingangs auf diese Intention aufmerksam zu machen, aus der dann auch die Bitte hervorgeht, der Darstellung zunächst einfach denkend zu folgen und Einwände – welcher Art auch immer – bis zum Schluss zurückzustellen. Ein solches Vorgehen wird dazu beitragen, dass der Nachvollzug der gemeinten Denkwege ungehindert vonstatten gehen kann, und so ein wahres Bild der geistigen Grundlagen unserer Erkenntnis entstehen kann, in dem Methode und Inhalt sich vollkommen entsprechen, ja Eines werden.
Wie entsteht Erkenntnis?
Wenn wir über einen Gegenstand – sinnlich oder geistig – etwas wissen wollen und nicht nur meinen, dann ist es erforderlich, dass wir uns genaue Rechenschaft geben können über die Methode, die wir anwenden, um zu den Wahrnehmungen, die wir von diesen Gegebenheiten haben, einen angemessenen Begriff hinzu zu fügen.
Dass eventuell auch die vorliegenden Wahrnehmungen falsch oder verfälscht sein können, spielt dabei keine Rolle – denn bei der Beurteilung der Richtigkeit der Wahrnehmungen taucht dasselbe Problem wieder auf: wie können wir zutreffend beurteilen? Einen Maßstab zur Beurteilung unseres eigenen Erkenntnisprozesses können uns nur eigene Beobachtungen verschaffen, die für uns selber unbezweifelbar vorliegende Tatsachen darstellen, und zu deren Beurteilung wir nichts heranziehen müssen, was außerhalb der eigenen Beobachtung liegt. Dann überschauen wir das Ganze der Erkenntnis und können feststellen, ob alles zueinander stimmt.
Genau so müssen wir daher auch mit unseren vornehmsten Erkenntnisinstrument, dem Denken, verfahren.
Kontrolle des Denkens
Eine solche Beschäftigung des Denkens mit sich selbst widerstrebt uns zunächst, vielleicht weil wir unterschwellig ahnen, wie unkontrolliert es im Alltag bei uns verläuft. Da reihen wir nicht bewusst Schritt an Schritt, sondern springen von Eingebung zu Eingebung: „… da fällt mir ein …“ – woher denn eigentlich? Bewusst einen Gedanken an einen anderen anzuschließen, ist uns ungewohnt, und manchmal Schwerstarbeit. Aber ohne diese Arbeit bleibt jedes Urteil, das wir abgeben, letztlich bodenlos, bloße Meinung.
Und so lebt unsere Zeit in der (für unsere Bequemlichkeit förderlichen) Auffassung, dass es Wahrheit eben nicht gibt, sondern nur Meinungen. Und die Welt und das Leben werden dann eben von denen beherrscht, die ihre Meinung zum Beispiel durch Manipulation oder Gewalt am besten geltend machen können. Wie aber, wenn diese Meinung, es gäbe keine Wahrheit, falsch wäre?
Um zur Wahrheit in dieser Sache zu kommen, bleibt also nur der anstrengende Weg des Selber-Denkens, keinen „Einfällen“ („Invasionen“) zu folgen, sondern eines aus dem anderen Schritt für Schritt zu entwickeln, oft gerade gegen meine Vorlieben und Wünsche ( … die Bequemlichkeit zum Beispiel).
Wissenschaft
Genau das ist aber Wissenschaft: beim Beurteilen und Erklären einer Tatsache methodisch so vorzugehen, dass keine unbeobachteten Einflüsse das Urteil unbemerkt beeinflussen können, und dadurch dann auch nicht unbemerkt persönliche Sympathie oder Antipathie oder sonstige, in der Person des Wissenschaftlers liegende Eigenschaften das Ergebnis verfälschen. Das kann man gegenüber der Natur und ihren Gegenständen ebenso anwenden wie im Umgang mit geistigen Beobachtungen, ganz zuerst vor allem dem eigenen denkenden Beurteilen gegenüber. Gegenüber der Natur kommt dies im Aufbau von Experimenten zum Tragen; im Geiste ist der Experimentator sein eigener Versuchsaufbau.
Das Denken ist eine innere, nicht durch äußere Sinne gegebene Tatsache, also geistig, übersinnlich, ebenso wie jedes Gefühl, jeder Willensimpuls oder letztlich auch ich selbst1 so, wie ich mich erlebe2. Gehe ich geistigen Gegenständen gegenüber wissenschaftlich im obigen Sinne vor, so betreibe ich ganz wörtlich Geisteswissenschaft.
Form und Inhalt
Dabei ist es unbedeutend, welchen konkreten geistigen Inhalt ich untersuche; was zählt, ist die Methode, die nichts Unbeobachtetes als Einflussgröße im Prozess duldet. Das wissenschaftliche Vorgehen ist also die Bildung einer Erklärungsform für einen Inhalt, und diese Erklärungsform kann ich dann als gültig ansehen, wenn in ihre Bildung nichts einfließt als der beobachtete Gegenstand und meine vollbewusste Tätigkeit.
So etwas ist nicht einfach: man versuche einmal, zum Beispiel die Entstehung eines Bleistiftes sich innerlich zu erklären so, dass nichts herangezogen wird, was nicht unmittelbar mit dem vorher Vorhandenen so zusammenhängt, dass mir dabei der Zusammenhang völlig klar ist. Abgesehen davon, dass es uns sehr schwer wird, ohne Abschweifung mehr als einige Sekunden bei der Sache zu bleiben, werden wir sofort innerlich von „Einfällen“ überflutet, die sich jetzt aus angelernten, aber meist ins Unbewusste gesunkenen Zusammenhängen ergeben. Wir werden also sofort wieder durch eine Inhaltsfülle von der kontrollierten Erkenntnismethode abgelenkt.
Über die Wahrheit einer geistigen Tatsache ist aber ein Urteil nur auf dem Wege der inneren Kontrolle des Denkens und Beurteilens möglich; den äußeren Weltgegenständen gegenüber kann jeder Irrtum, jeder Methodenverlust durch genaue Beobachtung dieses gegebenen Inhaltes selbst korrigiert werden. Das hat zu unserer Gewohnheit geführt, uns beim Denken von den Inhalten leiten zu lassen, den äußeren (Sinnes-)Inhalten ebenso wie den inneren (Wunsch- und Vorlieben-)Inhalten.
Geistige Wahrnehmung
Üben wir aber kontrollierte Erkenntnismethodik systematisch an nicht-sinnlichen Inhalten (wie zum Beispiel der Beobachtung des Denkens), so erlernen wir dabei die bewusste Gestaltung von zeitlichen inneren (Erkenntnis-)Prozessen, bei denen wir immer sagen können, was wie woraus hervorgeht – also das Gestalten von inneren Tätigkeitsformen, die wir den Inhalten entgegentragen. Diese Tätigkeit ist gewissermaßen eine freie, die aber dann immer sagen kann, wie das zustande kommt, was sie hervorbringt. Solche Übung nennt man auch Meditation; in diesem Falle aber eine, die sich nicht in die reine Wahrnehmung zurückfallen lässt, sondern gerade die eigene Aktivität steigert, konzentriert, um sich eine Erklärung des (selbstgestalteten) Untersuchungsgegenstandes zu schaffen.
Diese Untersuchungsgegenstände sind dann völlig selbstbewusst erarbeitete Inhalte, die nur so lange existieren, wie sie auch hervorgebracht werden. Sie sind keine aneinandergereihten Worte, sondern mühsam erarbeitete innere Bilder des Untersuchten und seiner Zusammenhänge. Es geht also gerade darum, die Sache selbst sich durch unsere Tätigkeit aussprechen zu lassen, nicht aus ihr irgendwelche abstrakten, allgemeinen Regeln aufzustellen, die man dann immer gleich reproduzieren und auf andere vermeintlich gleich geartete Inhalte anwenden kann, oder auch bestimmten Nutzen aus der Sache zu ziehen.
Man beginnt dadurch nach und nach in solchen inneren Bildern zu denken, und nicht mehr in abstrakten Gesetzen oder „aus dem Bauch“ gefühlt durch irgendwie sich assoziativ angliedernde andere Inhalte. So entwickelt man ein neues (geistiges) Sinnesorgan für geistige Wahrnehmungen. Bei einiger Übung fallen einem dann solche Bilder – Imaginationen – auch bei anderen Gegenständen zu, die man noch nicht selber in der geschilderten Weise genau kontrolliert untersucht hat. Der Unterschied zu beliebigen Traumbildern ist aber, dass solche Bilder den Weg zu ihrer Entstehung stets einschließen, und daher ihre Gültigkeit immer durch den Menschenverstand überprüft werden kann.
Gesunder Menschenverstand
Das mir wie jedem gesunden Menschen gegebene, bisher aber noch ungenannte Kriterium der Beurteilung ist der sogenannte „gesunde Menschenverstand“, der nämlich durchaus beurteilen kann, ob ein Schritt wirklich bewusst aus dem vorigen hergeleitet werden kann, jedenfalls dann, wenn er sich nicht auf vorgefasste Urteile, sondern nur auf sich selbst stützt. Er ist es auch, der es ermöglicht, durch einen Anderen vorgebrachte Berichte von Tatsachen zu beurteilen, auch wenn man selber keine Wahrnehmung davon hat, egal, ob es um sinnliche oder übersinnliche Tatsachen handelt.
Der bewusst imaginative Hellseher kann daher von jedem Menschen bezüglich seiner Zuverlässigkeit beurteilt werden. Kann er nämlich nachvollziehbar angeben, wie er zu seinen Erkenntnissen kommt, also zu den erzählten Inhalten auch die lebendigen Bildbegriffe und ihren Bildeprozess liefern, so bleibt er nichts schuldig.
Anders ist es bei Menschen, die über nicht-sinnliche Wahrnehmungen ohne vorhergehenden Aufbau einer wissenschaftlichen Erkenntnismethode für den Geist verfügen. Sie erzählen dann von ihren Wahrnehmungen, verwenden aber Begriffe dafür, die sie am Umgang mit sinnlichen Inhalten erlernt haben. Begriffe sind eben innerliche Formen, die sich mit Inhalten der Wahrnehmung verbinden, ihnen auch entsprechen müssen, damit sie „passen“, nicht einfach Worte, die den Inhalten angeheftet werden. Und die Anwendung unpassender Begriffe gaukelt dem Empfänger solcher Mitteilungen dann vor, er könne das lebendige Wesen der geistigen Wahrnehmungen mit seinen im Alltag erworbenen Begriffen fassen, was dann dazu führen kann, dass Wahrnehmungen durch die Begriffsweise verzerrt, unterdrückt oder auch hinzuhalluziniert werden. Das ist genauso wie bei schlecht oder fehlerhaft ausgebildeten Körpersinnen den Sinnestatsachen gegenüber.
Es gibt sicher auch Menschen mit angeborener Hellsichtigkeit, die sich dann mühsam die richtigen Begriffe zu ihren Wahrnehmungen bilden konnten. Das ist aber ganz sicher eine Minderheit. Es erfordert ja das Losreißen der Erkenntnismethode von den Inhalten; und gerade solche Hellsichtigen werden von inneren Bildinhalten geradezu überflutet. Da kostet es dann noch mehr Kraft als für einen „Normalmenschen“, um Kontrolle über das eigene Denken im Bilden von imaginativen Begriffen zu bekommen; nur sehr wenige können das.
Die heutige Situation
Warum ist das heute so? Wir leben in einer Zeit, in der die Wahrnehmungsinhalte ihre Begriffe nicht mehr unmittelbar „mitliefern“ – wir müssen sie uns selber erarbeiten. Dadurch sind wir aber auch frei geworden vom „geistigen Zwang“ durch diese mitgegebenen Begriffe und Notwendigkeiten. Dies ist die Grundlage für alle Irrtums- und Zerstörungsmöglichkeiten, über die der Mensch heutzutage verfügt. Darum hat er sich auch anhand seiner Sinneswahrnehmungen allerlei Theorien zurechtgedacht, die dann stimmen oder auch nicht, also nur als Meinungen gelten können und damit dem Machtkampf um die „richtige Meinung“ ausgeliefert sind.
Zu früheren Zeiten lebten die Menschen geführt durch gezielt ausgewählte und dafür geschulte Personen, die noch die Fähigkeit hatten, die wahren, lebendigen Bildbegriffe zu den Wahrnehmungen zu empfangen: Mysterienpriester, Gottkönige und ähnliche Persönlichkeiten. An dieses Geführtwerden hat sich die Menschheit gewöhnt; das äußere Führungssystem übernahmen die Kirchen, sich jetzt auf die durch sie gepflegte Tradition der überlieferten Offenbarung berufend, und später der Staat, ein gleichsam „göttliches Gesetz“ repräsentierend, das über den Menschen steht. Heute sind die Inhaber dieses Führungssystems noch ganz andere Gruppen.
Die Geist-Wahrnehmung starb ab, beschränkte sich auf immer kleinere Gruppen, und mangels passender Begriffe wurde sie in unserer Zeit immer chaotischer; die „Inhaber“ der Herrschaftstraditionen wissen das und achten darauf, dass möglichst keine wahre, neue Geisterkenntnis aufkommt.
Sie ist aber da, als Möglichkeit in unserem „gesunden Menschenverstand“ und der daraus folgernden kontrollieren Selbsterziehung zum geistgemäßen Denken, das dann aus der Selbstbeobachtung die Wahrheit oder Unwahrheit einer Aussage beurteilen kann.
In früheren Zeiten unterschied man zwischen der Geist-Wahrnehmung, die lange Zeit noch Allgemeingut war, und der Einweihung, die das angemessene Begreifen dazu lieferte, in langer, kontrollierter Erziehung in den Mysterienschulen errungen. Die Eingeweihten wiederum führten die Gemeinschaft, und die Wahrheit ihres Tuns konnte jeder geistig wahrnehmen; sie stand ihnen sozusagen geistig „an die Stirn geschrieben“. Man wusste einfach: der ist Eingeweihter, dem kannst du trauen.
Heute haben wir dieses unwillkürliche Urteilsvermögen nicht mehr; dafür sind wir frei geworden. Darum aber ist alle Hellsichtigkeit ohne geistgemäße Denkschulung heute hochriskant. Sie kann zu allem Möglichen führen: Psychosen, Massenwahn in allerlei Sekten, Manipulation großer Menschenmassen und so weiter.
Rudolf Steiner sagte sinngemäß: heutzutage darf es Geistwahrnehmung ohne Einweihung (die die richtigen Begriffe liefert!) nicht mehr geben. Sonst ist die Gefahr groß, in die geistigen Fänge unguter Mächte zu geraten, die gerade davon leben, dass sie geheim bleiben, den meisten Menschen unbewusst, und die die Menschen so versklaven, indem sie ihnen insgeheim, im Unbewussten (also auch geistig-übersinnlich!) falsche Begriffe einflüstern3.
Geisteswissenschaft – so wie sie hier vertreten wird – ist also die Methode der Gewinnung wahrer Erkenntnisse aus übersinnlicher Wahrnehmung. Sie stützt sich selber, indem sie ihre Methode als etwas Übersinnlich-Geistiges ansieht, das sie selber untersuchen und verstehen kann. Die Übung der Methode führt zur Entstehung eines geistigen Organes; die Anlage dazu hat jeder Mensch, daher kann sie aus den vorhandenen Anfängen systematisch erübt werden. Solche Übung kann also zu Hellsichtigkeit führen, muss es aber nicht. Unabhängig davon können durch die Beherrschung der Methode aber Mitteilungen von Hellsichtigen auf ihre Wahrheit hin beurteilt werden.
Hellsichtigkeit ohne Geisteswissenschaft birgt viele Risiken in sich: seelische Erkrankungen, Halluzinationen, Fehlbeurteilungen der Wahrnehmungen (manchmal sogar der sinnlichen!) bis hin zum völligen Wahnsinn. Diese Risiken können durch systematische geisteswissenschaftliche Schulung überwunden, mindestens aber beherrscht werden. Trotzdem können natürlich einzelne Aussagen von nicht geschulten Hellsichtigen immer auch Wahres enthalten, ebenso wie sich auch der geisteswissenschaftlich Geschulte irren kann – wie jeder Mensch.
1Vgl. dazu auch em Huisken, Stefan Carl: Geistwesen Mensch. – In: DIE LAHNUNG 10, S. 4ff, oder im Netz =>hier.
2Das Ich ist eine geistige Tatsache, die nur ich erlebe. Da sie für jeden anderen auf seine Weise aber auch gültig ist, ist die Tatsache des Ich individuell und allgemein zugleich.
3Jeder Guru, der verlangt, man solle sich erst ihm anvertrauen, bevor man dann später erst lernt zu verstehen, was mit einem selber geschehen ist, gehört in diese Kategorie – er missachtet nämlich die Freiheit des Individuums, die es gerade erfordert, erst zu verstehen, und sich dann bewusst und frei für das Erleben zu entscheiden.
Denkerische Grundlagen für meine Darstellungen zur Situation der Gegenwart und der Bedeutung der Anthroposophie habe ich veröffentlicht in meinem Buch „Wahnsinn und Denken. Der Kampf um den Menschen“, das Sie hier oder im Buchhandel bestellen können.
Mitteilungen DIE LAHNUNG als Abonnement
erstellt von Stefan Carl Em Huisken | 8. November 2024
Im Jahre 2020 begann ich mit der Herausgabe eines Mitteilungsblattes für einen ausgewählten, mir bekannten Kreis von Personen, unter dem Titel =>„DIE LAHNUNG – Mitteilungen für individuelle Entwicklung und Lebenskunde“. Gedacht war zunächst an eine Art Korrespondenz zwischen den Lesern. Geworden ist daraus eine Art Zeitschrift, in der vorwiegend von mir, aber auch von einigen wenigen anderen Autoren immer wieder Beiträge zum übergeordneten Thema „Individuelle Entwicklung und Lebenskunde“ erscheinen.
War der Versand zunächst unabhängig von finanziellen Beiträgen der Leser, so stellte sich nun nach drei Jahren heraus, dass sich dieses Verfahren – so schön die freie Handhabung auch ist – nicht weiter beibehalten lässt. Damit wird aber der Bezug der Hefte auch frei von allen bisherigen Einschränkungen persönlicher Bekanntschaft oder Vermittlung. Die Hefte können also frei abonniert werden.
Es werden zunächst wie bisher drei Ausgaben pro Jahr erscheinen – um den Jahreswechsel herum, zu Pfingsten und zu Michaeli. Der Umfang der Hefte im Format A5 wird in der Regel mindestens ca. 30 Seiten sein, meistens mehr. Die Abonnementsgebühr beträgt 21 € pro Jahr; wer die Heft gerne erhalten möchte, diesen finanziellen Beitrag aber nicht leisten kann oder will, kann sich an mich wenden, um vielleicht eine individuelle Lösung zu finden. Eine digitale Version gibt es nicht.
Die Mitteilungen sind für Menschen bestimmt, die sich für die Geisteswissenschaft Rudolf Steiners (Anthroposophie) interessieren und auch die Lektüre manchmal schwieriger Texte nicht scheuen. Aus der Verantwortung für die angemessene Mitteilung geistiger Tatsachen ergibt sich die Notwendigkeit, die Worte sehr genau zu setzen, und damit der Neigung unserer Zeit zur möglichst „einfachen“, „schlichten“ Erklärungen die Anforderung engegenzuhalten, den uns ja gegebenen gesunden Menschenverstand auch zu betätigen und möglichst intensiv zu trainieren. Ganz sicher geht es NICHT darum, irgendwelche Spezialkenntnisse welcher Wissenschaft auch immer voraus zu setzen. Die Inhaltsverzeichnisse der bisher erschienenen Hefte kann man auf der oben verlinkten Seite über die Zeitschrift herunterladen.
Wer vorab genauer wissen möchte, was hier unter „Geisteswissenschaft“ verstanden wird, sei auf den Einführungsartikel =>„Geisteswissenschaft“ auf dieser Website hingewiesen. Manche der geisteswissenschaftlichen Darlegungen aus den Mitteilungen finden sich im Übrigen ebenfalls auf dieser Website.
Von der Rettung der Welt
erstellt von Stefan Carl Em Huisken | 8. November 2024
Heilsam ist nur, wenn im Spiegel der Menschenseele sich bildet die ganze Gemeinschaft; und in der Gemeinschaft lebet der Einzelseele Kraft.
Dies ist das Motto der Sozialethik Rudolf Steiner1
Von der Rettung der Welt und der Dreigliederung des sozialen Organismus
„Die Welt“ als das Ganze der mir gegenüberstehenden Gegebenheiten ist eine in sich in unterschiedlichen Regionen oder „Welten“ gegliederte, wie ich in Heft 11 von „DIE LAHNUNG – Mitteilungen für individuelle Entwicklung und Lebenskunde“ aufzuzeigen versuchte2. Sie erscheint der Betrachtung durch den heutigen Menschen als fertiges, feststehendes Werk, das dem Walten von Lebensprozessen entsprossen ist; diese wiederum sind Ausdruck eines zielgerichteten Wollens (nicht unbedingt bewusst oder gar selbstbewusst) – ich schrieb damals auch von Intentionen als geistige Tatsachen, die gleichsam Offenbarung dieses Wollens sind; schließlich findet sich das Wesen allen Geschehens in einer geistigen Region, in der es keinerlei Differenzierung räumlicher oder zeitlicher Art gibt, in der aber doch alles zugleich als Möglichkeit angelegt ist. Dieser letzteren Region gehört auch das Ich des Menschen an, insofern es diese „Welten-Anschauung“ in sich realisiert und so zum Träger der Selbst-Bewusstwerdung des betrachteten Welt-Ganzen wird.
Der Mensch ist also in diesem Sinne einerseits letztes „Werk“ in einer aufeinanderfolgenden Reihe von sich entwickelnden Gegebenheiten, und demgegenüber zugleich das erste Werk, das seinen eigenen Ursprung in sich hervorzubringen in der Lage ist, zunächst in einer abstrakt anmutenden geistig-denkerischen Innenschau auf sein eigenes Erleben der Welt. Damit ist aber in ihm im Prinzip – das heißt in der Form des Selbstbewusstseins – zugleich der Ursprung des Ganzen gegeben.
Dieser Ursprung ist im noch undifferenzierten Sein nicht in der Lage, sich seiner selbst bewusst zu werden. Dazu muss er sich offenbaren – was das Auftreten einer ersten Trennung von Wahrnehmungsinhalt (den eigentlichen Offenbarungsinhalten) und wahrnehmendem Wesen (als Offenbarung des Wollens, dass nämlich Wahrnehmung sein möge) einschließt. Offenbarung ist also unmöglich ohne Wirksamkeit in dem Sinne, dass sie als Voraussetzung und Folge gleichermaßen ihre eigene Entgegennahme einschließt. Die Offenbarung läuft in die Intention zur Schaffung eines wahrnehmenden Wesens ein, welche wiederum in Ihrer Wirkung ein solches Wesen hervorbringt – als Werk.
Rudolf Steiner schildert drei Formen des Seins: des wesenhaften, noch undifferenzierten, unentwickelten (Steiner nennt es auch „involvierten“) Seins; des sich offenbarenden, also sich entwickelnden („evolvierenden“) Lebens; und schließlich der dadurch bewirkten gestalteten Form. Diese Dreiheit nennt er die drei Logoi, oder auch die Dreifaltigkeit aus Vater, Sohn oder Wort, und Heiligem Geist3.
Erst im Menschen, als letztem Werk dieses Evolutionsprozesses, tritt ein gänzlich vom Vater unabhängiges Wesen auf, das also notwendig die Trinität der drei Logoi als unmittelbar Gegebenes verlieren musste; nur durch diese Unabhängigkeit kann der Mensch ein vollgültiges, selbständiges Spiegelbild des Urgrundes sein: der Mensch als Gottes Bild.
Es ist sprechend, wie Steiner als erste Schöpfung der Allmacht das Chaos bezeichnet, das „Tohuwabohu“ des alten Testamentes also. Erst im zweiten Schritt, im eigentlichen Evolutionsprozess, wird alles nach Maß und Zahl geordnet („All-Weisheit“), um schließlich im dritten Schritt, in der „All-Liebe“ vom Prinzip der Sympathie (Anziehung) und Antipathie (Abstoßung) durchdrungen zu werden4.
Wir, als Gesamtheit der Menschen, sind nun als Gewordene jeder einzelne Bild des Urgrundes. Was im Vater noch als Chaos, als Ungeordnetes doch aber Eines war, ist im Menschen nun in der Mannigfaltigkeit, im chaotischen Durcheinanderwirken der Einzelmenschen anfällig für den Zerfall, die Zerstörung, ist dem Tode verfallen. Die menschliche Gesellschaft ist insofern ja auch Bild der Zerstörung des einheitlichen Ganzen, denn was Mensch ist, tritt in der Vielheit auf. Erst wenn der einzelne Mensch in die Lage kommt, sich selber als einen gültigen Ausdruck der geistigen Urform „Mensch“ zu verstehen, die doch in jedem einzelnen Exemplar den Vatergott spiegelt, und darin den Aufruf erkennen kann, die ihm geschenkte All-Liebe zur Erlösung der Welt zu verwenden, kommt neues Leben in das ansonsten ersterbende Werk hinein.
Um diesen Schritt gehen zu können, braucht der Mensch allerdings – und genau in diesem Punkte – Anleitung und Hilfe. Diese wurde ihm zuteil, als der Vatergott sich im Sohn – dem Weltenwort – verhüllte, und sich so seinem Spiegelbilde – dem Menschgeist – offenbarte im Christus5. Geht der Mensch also erkennend, das heißt, dem Gegebenen Begriffe entgegentragend, mit dem Christusereignis um, so kann er dadurch den Sinn seines eigenen Daseins erfahren. Damit macht er sich zum Offenbarer des in ihm selbst gespiegelten ersten Logos, des Vaters, und stellt sein Tun (zum Beispiel im Begriffe-Bilden) dadurch in den Dienst der zweiten Logos, des Christus, der erst geordnet Leben und Entwicklung dem Chaos hinzufügt.
Aus diesem inneren Entwicklungsschritt kann darum eine Ordnung des äußeren Chaos im Zusammenwirken der Menschen hervorgehen. Diese Ordnung muss dann so sein, dass sie ein Spiegelbild dessen gibt, was der Mensch im Blick auf sein eigenes gewordenes Sein im Geiste als sich selber erkennen kann. Dieser Blick fällt letztlich auf das Bild der drei Logoi, wie sie sich im heutigen Menschen als Werk darleben, aber so, dass es den Charakter des Selbstbewusstseins bekommt. Der Mensch tritt also hier als darum Ringender auf, sich selbst als Evolution des Göttlichen zu erleben.
Was Rudolf Steiner als „Dreigliederung des sozialen Organismus“ beschrieb, die notwendig in das Leben der Menschen unserer Zeit hineinkommen müsse, ist also kein irgendwie ausgedachtes System zur Erlangung eines möglichst glücklichen Lebens für alle, sondern ein auf ernster Selbsterkenntnis des Einzelnen fußender Schritt hin zur Erlösung aller Wesen, aller Welt. Rudolf Steiner beschreibt diese Situation auch so: „Das Wort verhüllt sich im Geist und offenbart sich dem Vater“6. Wie sich der Vatergott im Christus verhüllte um sich dem ins Werk gefallenen (Menschen-)Geist zu offenbaren, so verhüllt sich nun der Christus-Sohn – das Wort – im Geist, also im Menschen, um sich dem Vater zu offenbaren. Das ist die wahre Bedeutung des paulinischen Wortes: „Nicht ich, der Christus in mir“!
Wer also aus der Erkenntnis der im eigenen Wesen sich realisierenden Trinität heraus sein Leben bewusst zur Offenbarung des Christus macht, der sich im egoistischen, an der Sinnenwelt hängenden Einzel-Ich verhüllt, wird zum wahren Mitarbeiter der Schöpfung im Werk Gottes. Ganz konkret bedeutet dies, seinen inneren lebendigen Geist-Anblick der Trinität zum Ausgangspunkt seines Handelns zu machen, sein eigenes Geistesleben also zu befreien von den Egoismen und Gewohnheiten der eigenen gewordenen Person, und so zu einem lebendigen, konkreten menschlichen Quell einer wirklich frei errungenen „Dreigliederung des sozialen Organismus“ zu werden. Die von Rudolf Steiner immer wieder als unverzichtbarer Anfang einer sozialen Umgestaltung geforderte „Schaffung eines freien Geisteslebens“ wird auf diese Weise konkret und kann sofort, von jedem Einzelnen in Angriff genommen werden.
Selbsterkenntnis wird so zur Christuserkenntnis, von der aus die All-Liebe des Menschen in die werdende Menschheit einströmen kann; nur die Erkenntnis ermöglicht die richtige Unterscheidung. Der Einzelne, der im Anderen wie in sich selbst den verhüllten Christus erkennt, kommt zu einer anderen Auffassung vom Recht im sozialen Leben, als sie allen denkbaren Utopien eignet; dort ist Recht immer nur möglich als verabredetes, dann aber über jedem Einzelnen stehendes, festes Regelwerk, das der Gewalt zu seiner Durchsetzung bedarf. Der durchchristete Mensch bedarf keiner Gewalt, um dem anderen – Christusträger wie er selber – menschenwürdig zu begegnen.
Gewiss wird ein solcher Zustand der menschlichen Gesellschaft, der letztlich alles geschriebene Recht überflüssig macht, noch lange auf sich warten lassen7. Entstehen kann er aber dennoch nur, wenn die Wenigen, die heute schon aus christlicher Selbsterkenntnis im sozialen Miteinander zu leben versuchen, nicht nachlassen in ihrem Streben, und vor allem die Erkenntnisgrundlagen für ein wirklich lebendiges „demokratisches“ Miteinander immer mehr Verbreitung finden. Dreigliederung entsteht im sozialen Organismus nicht durch Anwendung irgendwelcher Systeme, sondern durch ernste Arbeit jedes Einzelnen an sich selbst. Darin liegt die „Gleichheit“, die die Menschen im Rechtsleben erfahren können.
Und schließlich, wenn der christlich erkennende Mensch sich dem allen Menschen eigenen Welten-Erden-Wesen zuwendet, so wird ihm das jedem Wesen angemessene Teilen dessen, was allen gemeinsam aus der Schöpfung des Vaters zukommt, eine Selbstverständlichkeit sein. In gemeinsamer Arbeit im Weltenlaufe all die Dinge, die aus dem ursprünglich göttlichen Leben ebenso wie der Mensch selbst in die Werkwelt gefallen und so dem Wirken des „widerrechtlich Fürsten der Welt“ anheimgefallen sind, in den eigenen Geist aufzunehmen durch eine geistgemäße Wissenschaft, und sie so schon in der Erkenntnis einer ersten Erlösung zuzuführen, wird die gemeinsame Richtschnur wirklich „brüderlichen“ Handelns der Menschen werden. Nur, was ich wirklich kenne und um seiner selbst willen achte, kann ich in meinem Handeln angemessen würdigen; das gilt für Menschen ebenso wie für Tiere, Pflanzen, Steine, die Elemente ebenso wie alle geistigen Wesen, die den Erscheinungen der Werkwelt zugrundeliegen.
Genau wie bei der „Schaffung eines freien Geisteslebens“ kommt es also im Rechts- und Wirtschaftsleben auf den Einzelnen an, auf seinen Erkenntnismut, sein Erkenntnisschaffen. Weil die Menschen nicht erkennen, was in jedem Einzelnen veranlagt ist als Richtschnur eines wirklich menschenwürdigen Umganges miteinander, bleibt das Chaos bestehen und geht nicht über in ein geordnetes Miteinander. Jeder Einzelne, der aus Erkenntnis zu handeln versucht, ändert das Ganze. Nur so kann die Welt gerettet werden aus der Erstarrung in zerstörerischen Machtkämpfen, die aus triebhaften, dumpfen oder ideologisch-maschinenhaftem Egoismus entstehen müssen. Leitschnur kann dabei der Blick auf die drei Logoi in ihrer Realisierung im selbsterkennenden Menschen werden.
3vgl. Steiner, Rudolf: Bewusstsein – Leben – Form. Grundprinzipien der geisteswissenschaftlichen Kosmologie. GA 89. – Dornach, 2015. S. 237. .pdf im Internet: https://odysseetheater.org/GA/Buecher/GA_089.pdf
7Ebenso wie umgekehrt der Hereinbruch der römisch-juristischen Denkweise ins Germanische z.B. bei den Friesen erst spät dazu führte, dass lebendig gefühltes und in der Gemeinschaft praktiziertes Recht überhaupt aufgeschrieben wurde.
Denkerische Grundlagen für meine Darstellungen zur Situation der Gegenwart und der Bedeutung der Anthroposophie habe ich veröffentlicht in meinem Buch „Wahnsinn und Denken. Der Kampf um den Menschen“, das Sie hier oder im Buchhandel bestellen können.