Europa braucht etwas Anderes

Das technokratische Wissenschafts-Dogma

Fast überall herrscht es, kaum widersprochen: das Dogma von der universellen Alleingültigkeit der heutigen Form materialistischer Wissenschaft und der aus ihr abgeleiteten Technik als Problemlöser. Dogma nenne ich diese Ansicht, weil sie umfassende Alleingültigkeit für sich in Anspruch nimmt, Glaube also fordert, und jede abweichende Ansicht daher auszurotten versucht.

Beherrschender Aspekt dieser Sichtweise ist die daraus abgeleitete Auffassung, dass das rein materiell-biologische Dasein unbedingten Vorrang vor allem anderen hat; denn alles andere ist ja materialistisch nicht messbar, nicht in dieser Wissenschaft erfassbar – allenfalls noch durch umfangreiche Statistiken zu Wahrscheinlichkeiten zu verdichten – und daher eigentlich gar nicht wirklich. Der Mensch ist dann mehr oder weniger eine Art „wirtschaftender Automat“1, der eben auf der Erde herumgeht, und dort durch seine wirtschaftliche Tätigkeit die Grundlagen für seine Existenz schafft. Das Wirtschaftliche, da für den materiell fassbaren Leib am wichtigsten, ist darum für den Menschen das Vorrangige.

Zwei Varianten – China und die USA

Von dieser Ansicht gibt es zwei in unserer Zeit sehr gegensätzlich scheinende Varianten: die westlich, vor allem amerikanisch geprägte, und die östliche, die sich in einer Extremform zur Zeit in China zeigt. Geht die westliche Form davon aus, dass das Optimum an Erfolg für den Menschen herauskommt, wenn jeder Einzelne möglichst ungehemmt über einen Teil der Erde verfügen kann, den man als „Privatbesitz“ bezeichnet, und das Zusammenleben der Menschen sich auf diese Art und Weise nach den Gesichtspunkten des „freien Spiels der Kräfte“ mehr zufällig ergibt, geht die östliche Variante den anderen Weg, der das Wirtschaften stramm Top-Down aufgrund vorab festgelegter ideologischer Kriterien für den Bedarf der einzelnen Menschen regelt, und daher menschliche Freiheit nur insofern zum Tragen kommen kann, als sie die vorrangige Wirtschaftsorganisation nicht stört.

Wie verderblich beide Varianten sind, kann man leicht einsehen: man schätzt die Zahl der Todesopfer der chinesischen Kulturrevolution, die letztlich ja die Grundlage schuf für die heutige Situation auf ca. 20 Millionen Menschen ein; andere Schätzungen, die die Wirkungen auf umliegende asiatische Staaten und die Verbrechen von deren Regimes einbeziehen, kommen auf 70 Millionen. Das amerikanische Wirtschaftsmodell hat durch die Betonung der Freiheit des wirtschaftenden Menschen die Tendenz hervorgebracht, immer mehr und mehr produzieren zu wollen und damit begrenzte natürliche und menschliche Ressourcen zu verbrauchen, was wiederum die Konkurrenz zwischen Menschen und Staaten auf der Erde immer mehr verschärft, so dass dieses System eigentlich ohne ständige Kriege gar nicht bestehen kann. Die Millionen Menschen, die durch diese Kriege getötet wurden, sind schwerer zählbar, aber sie werden wohl mindestens das Maß der chinesischen Kulturrevolution erreichen.

Am heutigen Zustand unserer Welt kann man also sehen, wohin eine solche einseitige Sicht auf den Menschen führt. Wo nur das Biologisch-Materielle zählt, haben moralische oder auch einfach das Seelisch-Geistige des Menschen berücksichtigende Ansichten keine Bedeutung. Der „Glaube“ an die Materie macht alle Wissenschaft nach und nach zwangsläufig vollkommen a-moralisch. Und diese Weltanschauung, die uns durch ihre Wissenschaft und Technologie in die Krisen der heutigen Zeit gebracht hat, soll die Probleme jetzt auch lösen? Aber andere Lösungswege kennt sie ja nicht.

Streit um die Weltherrschaft

Die beiden Systeme – so will ich sie einmal nennen – streiten sich nun schon seit Aufkommen der materialistischen Wissenschaft um die Weltherrschaft. Vorbereitet hat sich das seit dem 15. Jahrhundert, so richtig Fahrt aufgenommen hat es seit dem 18. Jahrhundert.

In England kam der Ökonom Adam Smith auf den Gedanken, das der wirtschaftende Mensch gerade dann, wenn er seine egoistischen Eigeninteressen verfolgt, am meisten für die Gesamtheit leistet; die „unsichtbare Hand“ des Marktgeschehens regele das, ganz unabhängig vom Menschen. Die westliche Form materialistischer Weltgestaltung ging aus solchen Gedanken hervor; sie ist vor allem von England, später Amerika als den mächtigsten Akteuren propagiert worden.

Karl Marx legte den Schwerpunkt auf die durch die ökonomischen Verhältnisse geschaffenen Ungleichheiten der Menschen, woraus sich mit der Zeit das Konzept des Klassenkampfes und der „Diktatur des Proletariates“ ergab, das immer größere zentral verwaltete Volkswirtschaften ergab. Die wirtschaftlich mächtigste Variante davon gibt es heute in China, getragen von einem religiös anmutenden Glauben an die ideologische Führung, entstanden in der chinesischen „Kulturrevolution“ unter der Führung Mao-Tse-Tungs..

In unserer Zeit ist die Kriegführung nach und nach auf andere Methoden als ausschließlich den „heißen“ Krieg mit Waffen verfallen. Die Konkurrenz zwischen den USA und China um den Einfluss in der Welt liegt ja auf der Hand; derzeit hat dabei offenbar China „die Nase vorn“. Die sogenannten „Lockdowns“ sind eine Sache, die gleich zu Beginn der derzeitigen „Pandemie“ von China aus propagiert wurden. Zu keinem Zeitpunkt wäre man in China allerdings darauf gekommen, gleich ganze Länder mit Lockdowns zu überziehen; das war dort immer eine spektakulär propagierte lokale Massnahme in China. Die Welt hat das System verallgemeinert übernommen.

So hat man es nun erreicht, dass die Staaten der Welt sich von Lockdown zu Lockdown hangeln und dabei ihre Wirtschaft, den gesellschaftlichen Zusammenhalt und ihre gesamte Lebensform zerstören. Mit dem Effekt, dass alle Länder geschwächt werden, nur China nicht – das hat mit diesen Dingen längst aufgehört, oder bietet hin und wieder eine gut durchkalkulierte, in jeder Hinsicht verkraftbare Propagandaaktion, mit Abriegelungen, riesigen Desinfektionsspritzen und derlei mehr. Heutzutage führt man eben Informations- oder besser Propaganda-Kriege.2

Europa zwischen den Blöcken

Wir hier in Mitteleuropa sind bisher ja vor allem unter dem Einfluß der westlichen, Egoismus-orientierten Modelle regiert worden. Nun kommt Europa durch die ausgedehnte Propaganda von Seiten Chinas in die Lage, mittels des harten Lockdown-Regimes deren Gesellschaftssystem zu kopieren, das mit den eigenen Lebensbedürfnissen aber nichts zu tun hat. In China mit seiner ganz anderen Geschichte, auch gewachsenen Mentalität der Menschen, mag so ein System, wenn es zusätzlich immer nur lokal angewandt wird, funktionieren. Je weiter man nach Westen kommt, desto schlechter funktionieren die Lockdowns. Nur, wo man China in der Unerbittlichkeit, auch des gewaltsamen Zwanges noch übertrifft, in Neuseeland und Australien zum Beispiel, kann man mit einem solchen Modell leben. Das sind im Übrigen auch Inselstaaten, die sich problemlos nach außen abriegeln lassen.

Dass Lockdowns nicht funktionieren in Europa, hat unterschiedliche Gründe. Zum einen wohl ganz praktische: ein ausgemachtes Transitland wie Deutschland zu Beispiel, von den unterschiedlichsten anderen Staaten umgeben, mit langen, für alle „normalen“ Lebensgewohnheiten notwendig offenen Grenzen und im Übrigen vom Export lebend, kann solche Abriegelung gar nicht realisieren. Also wirkt sie dann auch nicht.

Aber es gibt auch noch ganz andere Gründe: beide Ideologieen, die des Westens und die des Ostens, passen nicht zu den Menschen, die hier leben. Weder der ausgeprägte, auf den Eigennutz zentrierte Egoismus als herrschendes Gesellschaftsprinzip wie in Amerika, noch die erzwungene und engmaschig überwachte Unterordnung unter ein von oben herab verordnetes sogenanntes „Wohl des Ganzen“ wie in China können die Menschen bei uns auf die Dauer zufriedenstellen. Zu stark ist immer auch die andere, die Gegenfraktion. Und so ergehen sich die Menschen in dauernden Streitereien, so dass sie keine Kraft finden können, etwas Eigenes den beiden übermächtigen Einflüssen entgegen zu stellen.

Einerseits versucht man, in der derzeitigen „Pandemie“ zugunsten der besseren Regierbarkeit das Unterdrückungs- und Überwachungssystem Chinas zu kopieren, andererseits aber wird gerade dies dann vor allem von mit Europa verflochtenen Großkonzernen des Westens genutzt, um ins Irreale steigende Profite zu erwirtschaften. Ja, man findet in der kleinen Gruppe von Superreichen sogar, dass die Gelegenheit zu tiefgreifenden Umgestaltungen der Wirtschaft zum eigenen Nutzen jetzt gerade besonders günstig ist. So wirken bei uns beide einträchtig zusammen: Das Unterdrückungssystem Chinas zerstört durch die Lockdowns unseren gesellschaftlichen Zusammenhang, und unter diesem Deckmantel setzt man von der anderen Seite zum ultimativen wirtschaftlichen Ausrauben an. Von freiem europäischem Geist keine Spur.

Man sieht, was letztlich auf derselben Basis – der materialistischen Weltanschauung im Bunde mit dem technokratischen Wissenschaftsdogma – an ganz verschiedenen Orten der Erde, im Westen und im Osten, ganz unterschiedliche Gesellschaften begründet, wirkt für Europa gerade zusammen, und umfassend zerstörend.

Und was dann?

Schon nach dem sogenannten „ersten Weltkrieg“ wies Rudolf Steiner darauf hin, dass in Europa und davon ausgehend dann in der ganzen Welt etwas Anderes geschehen müsse3. Die Gesellschaftsverfassung seiner Zeit zeigte bereits, was wir heute bis ins Extrem getrieben vorfinden: wirtschaftliche Macht, die die Staatsstrukturen unter ihre Kontrolle bringt, und auf diesem Wege das von Staat gänzlich kontrollierte Geistesleben (Wissenschaft, Bildung, Kultur) ebenfalls seinen Wünschen unterordnen kann. Was Not tut – so wurde er nicht müde zu betonen – sei eine völlige Trennung dieser Bereiche des Wirtschaftlichen, des Geistig-Kulturellen und des Rechtlich-Staatlichen, anzufangen mit einer Befreiung des Geisteslebens aus den Zwängen des Staates. Dann könnten Deutschland und Europa ihren eigenen Beitrag zur positiven Entwicklung der Welt leisten: die richtige Mitte zu finden zwischen dem übermächtigen Zwang der Ideologie (China) und der Orientierung am individuellen Egoismus (Amerika) als eigenen Weg.

In China herrscht durch die allumfassende Ideologie ein völlig einseitiges Geistesleben; in den USA (und Großbritannien, ansonsten überall in Europa infiltriert) ein alles beherrschendes, vom wirtschaftlichen Egoismus geprägtes Wirtschaftsleben. Was aber den Menschen in seinem Zentrum betrifft, im sozialen Leben der Gesellschaft, das also, was wir auch „Staat“ zu nennen pflegen, ist nur noch Instrument – entweder für die Ideologie, oder für die Interessen von Wirtschaftsmächten.

Es wäre gut, wenn sich im Herzen Europas, dort, wo sich in der Schweiz einst eine erste Art Basisdemokratie gründete, und wo aus Deutschland eine ungeheuer wirksame Kulturblüte das Leben der Welt veränderte und bereicherte, möglichst bald und möglichst kräftig ein eigener Weg zum Regeln des menschlichen Zusammenlebens finden ließe. Rudolf Steiners Überlegungen vom Anfang des 20. Jahrhunderts haben an Aktualität nichts eingebüßt, im Gegenteil. Die Probleme, die er damals sah und zum Anlass seiner Ausführungen machte, sind bis heute in immer wieder gesteigerter Form als Zertrümmerer von Kultur, Kunst, Bildung, Wissenschaft, ja, als allgemeiner Zerstörer jeder geistigen Entwicklung überhaupt zutage getreten. Aber es sind eben immer noch dieselben Tendenzen, und sie brauchen daher immer noch Lösungsansätze, wie sie Rudolf Steiner schilderte.

© Stefan Carl em Huisken 2021

1Vgl. Rudolf Steiner: „Die Brücke zwischen der Weltgeistigkeit und dem Physischen des Menschen“, GA 202, Dornach, 1993. S. 116 ff

2Eine sehr ausführliche und äußerst umfangreich belegte Stellungnahme zur Rolle Chinas in der Pandemie von einer Gruppe renommierter US-Anwälte gibt es hier in deutscher Übersetzung https://www.wodarg.com/app/download/9041427014/Der%20globale%20Lockdownbetrug%20der%20CCP.pdf?t=1610370568. Das englische Original mit allen Quellenangaben hier: https://ccpgloballockdownfraud.medium.com/the-chinese-communist-partys-global-lockdown-fraud-88e1a7286c2b

3Vgl. zum Beispiel Rudolf Steiner: Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft. Erstausgabe 1919, diverse Auflagen Dornach, Rudolf Steiner Verlag