Brotheizung vs. Slow Baking?

(Zum Hintergrund: im neuesten Slow Food-Magazin findet sich ein Bericht über einen Bäcker, der mit übriggebliebenem Brot, das auch z.B. bei den Tafeln nicht mehr gebraucht werden kann, seine Öfen heizt und seinen Betrieb dadurch wirtschaftlicher führen kann. Es sind dort auch zwei Artikel pro und contra dieser Handhabung abgedruckt mit der Aufforderung, Stellung zu beziehen. Dazu möchte ich hier einen Beitrag liefern.)
Natürlich ist es eigentlich indiskutabel, Lebensmittel zu verbrennen. Ebenso ist es aber indiskutabel – finde ich – anderen ihr Geschäftsmodell vorschreiben zu wollen.
Bewußt und überlegt Brot zu verbrennen, um die eigenen Backöfen zu heizen und den eigenen Betrieb wirtschaftlicher zu führen, ist meiner Ansicht nach allemal besser, als es im Brotcontainer zu verschenken und den Profit damit anderen zu überlassen, bei denen man gar nicht weiß (und noch weniger beeinflussen kann), was sie damit bewirken. Der brotheizende Bäcker leistet mindestens eines: er hebt das zugrundeliegende Problem ins Bewußtsein und geht aus individueller Verantwortung damit um. Das ist besser als die anonyme „Verwertung“ und allemal ein Schritt in die richtige Richtung.
Sicher gibt es viele andere Wege, übriggebliebenes Brot zu verwenden. Welche davon wirklich praktikabel sind, ist aber derartig individuell verschieden, daß es meiner Ansicht nach kein allgemeingültiges Grundrezept geben kann. Der Vorschlag, auf „Slow Baking“ überzugehen, hat meiner Ansicht nach aber einen stark illusionären Anteil, ist jedenfalls nur in sehr wenigen Fällen wirklich umsetzbar.
Ich weiß wovon ich rede. Zehn Jahre lang habe ich einen Bioladen aufgebaut, stets strengste Qualitätsmaßstäbe an die Erzeugung, Verarbeitung und Distribution der verkauften Waren gelegt: Schwerpunkt Demeter, regional, möglichst direkt von Höfen oder Verarbeitern, die ich persönlich kannte und deren Arbeitsweise ich kennengelernt hatte, alles bitte genieß-bar (also keine irgendwie geartete Askese – was hätte ich auch sonst mit Slow Food zu tun?), Beachtung fairer Bedingungen für alle Mitwirkenden etc. pp. Nur: bei einer 70-Stunden-Woche hat es für die beiden mitarbeitenden Personen gerade zum Überleben gereicht, mit einem Einkommen unterhalb des Hartz-IV-Satzes. Die Tafeln wollten unser übriggebliebenes Brot nicht. Es bliebe sowieso liegen, sei zu vollwertig. Aber wir könnten es ja zu einem von ihnen vorgegebenen Termin gerne anliefern (wer soll das denn noch machen?); ob wir denn eine bestimmte Menge immer garantieren könnten? Und derartige Dinge mehr … Ich will nicht rechten, es ist doch berechtigt für eine Tafel, so zu handeln. Aber das wir das nicht leisten konnten, ist auch klar.
Ich denke, daß derzeit wirklich konsequente Lebens-Mittel-Projekte nur in größeren Ballungsraümen, mit genügend zahlungskräftiger und (vor allem!) -williger Kundschaft, möglichst mit zusätzlicher Förderung auch für die Ausübenden faire Bedingungen erwirtschaften können. Unser Laden wird inzwischen von einem Nachfolger weitergeführt (wir waren einfach ausgebrannt); er sieht die Dinge weniger streng, und – kann ganz offenbar wirtschaftlicher arbeiten. Wir müssen, glaube ich, unseren gesellschaftlichen Realitäten ins Auge sehen.
Kurz und gut: ich glaube, es steht niemandem zu, irgendwie zu missionieren. Jeder Mensch ist nach meinem Verständnis frei, seinen eigenen Weg zu gehen. Und alles, was die Dinge aus dem Dunkel des Unbewußt-immer-weiter-so-machens heraushebt, ist meiner Ansicht nach zu begrüßen. Daß es immer noch besser geht, wissen wir doch alle, ganz sicher auch der brotheizende Bäcker. Was er von dem Besseren realisieren kann und will, möchte ich ihm schon selber überlassen. Wenn er dabei Rat braucht, weiß er sicher, wo er den finden kann.
Ganz allgemein über Möglichkeiten zum Umgang mit dem Grundproblem – der Verschwendung von Lebensmitteln – nachzudenken und vielleicht mit anderen gemeinsam eigene praktische Lösungen vor Ort zu realisieren, bleibt ja jedem freien Menschen selbst überlassen. Je mehr davon wirklich getan wird, desto besser.
© Em Huisken 2013

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