Urlaub von der Wirklichkeit

Urlaub von der Wirklichkeit

Eigentlich lebt mancher heute hauptsächlich für den Urlaub: Urlaub von der Wirklichkeit, wie er sie im Alltag erlebt.

Oberflächlich betrachtet, ergibt sich daraus unsere rauschende Spaßkultur, die nur darauf aus ist – auch den skeptischen Rest unserer eigenständigen Persönlichkeit zu industrialisieren. Dann klappt die Falle zu: Schluss, aus, basta! Kein Ausweg mehr, die Fremdbestimmtheit wird unausweichlich.

Etwas tiefer betrachtet, liegt in der Sehnsucht nach Urlaub von der Alltagswirklichkeit auch ein Weiterführendes. Lebt doch darin erstens ein Rest von Unterscheidungsvermögen zwischen völliger Fremdbestimmung und individueller Freiheit. Und zweitens steckt darin die Frage nach der eigentlichen Wirklichkeit, in der auch ich vorkomme, meine Fragen, mein Suchen, mein Herumprobieren im Leben, eben nicht nur ich als profitabel industrialisierbares und steuerbares Wesen. Urlaub: das scheint die eigentlich befriedigende Lebensweise, wo ich mit mir und der Welt in Einklang kommen kann.

Industrialisierung

Je mehr allerdings auch diese „Nebenwelt“ industrialisiert wird, mir auch dort betäubend Antworten „um die Ohren gehauen“ werden, nach denen ich gar nicht gefragt hatte – zum Fragen-Entwickeln braucht es Ruhe von den dauernden Anforderungen der Welt -, je weniger eben auch der „Urlaub“ mir meine eigene Entfaltung erlaubt, desto unbefriedigender wird er für mich auf Dauer sein. Suchte ich doch gerade etwas Anderes als das ewige Einerlei des durchrationalisierten und für industrielle Anbieter lukrativen „Wirklichkeits“-Betriebes.

Was nun?

Was nun? Die Antwort ist in vielen Fällen – wie bei Süchten übrigens ganz im Allgemeinen – die Dosissteigerung. Noch sensationeller, noch betäubender, noch aufregender, und – noch effektiver von mir selber weg führend.

Das kann unterschiedliche Formen annehmen: Flucht in virtuelle sogenannte „Wirklichkeiten“ (bis man die „wirkliche Wirklichkeit“ nur noch als eine von vielen ansieht), Drogenexzesse (die verbreitetste Droge ist Alkohol), Gewaltexzesse („die Sau rauslassen“), Amokläufe, Terror. Einziges Ziel ist die Durchsetzung meiner „Bedürfnisse“ mit Macht. Die zwingende Macht der Computer-„Spiele“ (bis ins Physiologische lässt sich hier der bewusstseinslähmende Zwang nachweisen), der durch den Körper vermittelte Zwang aller Drogen, die Sucht nach Ungebundenheit im Ausleben auch der abwegigsten Triebe: das alles ist letztlich eine Machtfrage. Dabei geht es mir darum, selber Macht zu gewinnen, aber ständig bin ich Opfer fremder Macht.

Macht gibt Krieg

Und: Macht gegen Macht gibt Krieg. Kriege von mir gegen die Welt. Und die industrialisierte, rationalisierte Macht, die heute die Welt beherrscht, wird zumindest im Äußeren erst einmal stärker sein als ich.

Gandhi besiegte die rohe Macht der englischen Herrscher durch – offen dargelegte Ohnmacht.

Suche ich nicht mit Macht den Weg zum nächsten „Urlaub“, sondern erlaube mir selbst bewusst die Einsicht in meine Ohnmacht (auch die Ohnmacht, überhaupt zu verstehen), so kann der kleinste Augenblick im Alltag, in dem ich von meinen Machtgelüsten ganz abkomme und die Welt, wie sie ist, in mich einlasse, mit meinem Interesse, meinem Verstehenwollen, meinen Fragen umfasse, zum wirksamen „Urlaub“ vom Alltag werden.

Wohlgemerkt: Interesse, Fragen, Verstehenwollen – nicht unbedingt Sympathie und Zustimmung. Die Welt ist nicht so, wie ich sie mir wünsche. Das weiß ich ja eigentlich. Aber ich versuche nur allzu oft, sie mit meiner schwachen Kraft meinen persönlichen Wünschen an zu passen. Dabei verliere ich schnell alles Verständnis für die Welt. Und da ich auch ein Teil dieser Welt bin, verliere ich auch das Verständnis für mich selbst, oder besser: baue ich Hürden auf für das Verständnis meiner selbst. Und dann laufe ich eben weiter im Hamsterrad, egal ob ich das Alltag oder Urlaub zu nennen veranlasst werde.

Nachbemerkung

Nachbemerkung: Eine besondere Abteilung der Machtsüchtigen sind die sogenannten „Mächtigen“ der Welt. Die sind eben auch nicht anders als ich – Zeitgenossen. Sie brauchen, um sich in ihrer Position zu halten (und sich darin zu gefallen), natürlich immer wieder Rechtfertigungen. Wenn sie sich dann also versammeln, um über die „wichtigen Angelegenheiten der Welt“ zu verhandeln (oder über das, was sie mangels Einsicht in ihre eigene Getriebenheit für wichtig halten müssen), ja, dann müssen sie das auch so inszenieren, dass eine möglichst große Menge Menschen sie für die „Guten“, die „eigentlich Wichtigen“ halten kann.

Dass im Schatten solcher Ereignisse weitgehende Entrechtungsmassnahmen durch die sogenannten „demokratischen Institutionen“ geleitet werden, merkt ja dann keiner. Umso besser. Und später, wenn die Folgen dann doch bemerkt werden, gehören sie sowieso zum „normalen“ Zwang des Alltags.

Was an dem ganzen Vorgang das eigentlich Wichtige ist, dass nämlich ALLE Seiten letztlich Getriebene sind, das geht dabei unter.

Von wem eigentlich getrieben? – „Den Teufel spürt das Völkchen nie, und wenn er sie beim Kragen hätte“ (Goethe).

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